Die Tüte Deutsch für drei Mark fünfzig.
Es war im August 1994 als ich auf der Rückbank eines uralten, rostfarbenen VW Passat saß und meine Nase an die Heckscheibe presste.
Um meiner Oma noch ein letztes Mal zum Abschied zu winken. Es war ein regnerischer und sehr schwüler Morgen, als ich zum vorerst letzten Mal die holprige Seitenstraße meiner Stadt entlang fuhr. Vor mir lagen etwa 2000 km in ein mir bis dahin unbekanntes Land mit einer mir völlig unbekannten Sprache. Im Gepäck für mein neues Leben hatte ich zehn Fotos, ein paar Anziehsachen und meinen blaßlila Plüschhasen. Meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz. Mein neuer Vater steuerte den Wagen.
Es waren zwei lange und abwechslungsreiche Reisetage. Genügend Zeit um zu lernen, wie ich mich vorstelle und mitteile, dass es mir gut geht.
„Guten Tag. Mein Name ist Marija. Danke, mir geht es gut!“
Nahezu stündlich stammelte ich diesen Satz vor mich hin. Aufgeregt und etwas beängstigt, denn immerhin wartete bereits eine zwölfköpfige Großfamilie auf mich. Lauter lachende Tanten und Onkels, deren Gesichter ich bislang nur von Bildern kannte. Man hat mich anfangs nämlich nicht gelassen. Das Regime damals erlaubte noch keine Auswanderungen. So geschah es, dass meine Mutter bereits ein ganzes Jahr vor mir hier war. Hier in Deutschland. Nicht einmal zu ihrer Hochzeit haben sie mir erlaubt zu kommen. Ich musste bei meiner Großmutter bleiben.
In Moskau.
„Guten Tag. Mein Name ist Marija. Danke, mir geht es gut!“
Aufgeregt war ich. Neugierig auf das schöne Leben. Auf volle Supermarktregale und idyllische Vorstadthäuschen mit gepflegten Gärten. Auf schöne Klamotten und ein Leben im Überfluß, das ich nur aus dem Fernsehen kannte.
In der Tat war ich begeistert. Bereits am Morgen des zweiten Reisetages, als ich davon aufwachte plötzlich nichts mehr zu spüren. Ein unglaubliches Gefühl. Das Auto gleitete auf der Straße wie auf Butter. Keine Schlaglöcher, kein Kies. Nicht einmal Staub. Strahlender Sonnenschein, glänzende Autos und blank polierte Autobahnschilder.
In diesem Stil verliefen auch die ersten zwei Wochen. Es gab tatsächlich ein hübsches Häuschen in der Nähe von Hannover. Mit einem wunderschönen Garten. Sehr stilvoll eingerichtet. Alle waren überaus höflich und zuvorkommend, zeigten großes Interesse und waren sehr aufmerksam. Ich wurde mit Geschenken überhäuft und bezog zum ersten Mal in meinem Leben mein eigenes Zimmer. Der blaßlila Plüschhase war schon bald Geschichte und landete in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden, lieblos ersetzt durch dunkelbraune weiche Teddybären, die jegliche Vorstellungen von Schönheit weit übertrafen. Am zweiten Tag bereits hatte ich mein erstes ausgiebiges Shopping hinter mir. Ich verprasste die ersten zwanzig Mark, die mein neuer Onkel mir ursprünglich für mein riesiges rosa Sparschwein schenkte, bei Aldi für Mars, Snickers und Bounty. 19, 95 DM nur für Süßigkeiten.
Es ging mir phantastisch.
Doch schon nach zwei Wochen galt es den ersten Schlag hinzunehmen. Den ersten Schultag. Am Abend vorher offenbarte mir meine Mutter, dass ich die Schule hier ganz normal fortsetzen würde. Vorerst keine Nachhilfe und kein Extraunterricht. Und sie würde mir künftig auch nichts mehr übersetzten. Es ist zwar hart, doch zu meinem Besten. Und sie sei sich sicher, ich würde schon sehr bald zurechtkommen. Klar war sie sich sicher. Eine studierte Germanistin. Aber was ist mit mir? Zum ersten Mal wurde mir etwas zum Verhängnis, was lange zuvor mein ganzer Stolz war. In Moskau besuchte ich eine der wenigen englischsprachigen Privatschulen, wohingegen alle meine Freunde an den russischen Staatsschulen Deutsch als Fremdsprache hatten. Das war, denke ich, die allererste Lektion in meinem Leben, dass elitäres Gehabe zu rein gar nichts führt.
Ich kam mir vor wie ein Pausenclown. Alles schlawenzelte um mich rum und beäugte mich höchst argwöhnisch. Als sei ich ein Exot. Von einem anderen Stern. Und ich verstand rein gar nichts. Doch ich lernte die zweite wichtige Lektion in meinem Leben. Genau hinzusehen. Menschen zu beobachten. Das bringt mich auch heute noch oftmals weiter als Worte. Nun, das einzige Entgegenkommen, was ich dann doch noch erfuhr,war, dass das erste Jahr Deutschunterricht bei mir auf dem Zeugnis nicht gewertet wird. In Mathe war ich jedoch einsame Spitze. Nach den ersten etwas beklemmenden und zugegebenermaßen aberwitzigen Wochen, da die zwischenmenschliche Verständigung nur mittels Händen und Füßen funktionierte, kam ich tatsächlich irgendwie zurecht. Meine Ma machte ihre Drohung wahr und sprach nach meinem ersten Schultag (bis einschließlich heute) nur noch Deutsch mit mir. Aber irgendwie schien es zu funktionieren. Ich habe sehr bald alles verstanden, was jedoch weniger erfreulich für mich war, denn ich stellte fest, dass vieles von dem, was ich beobachtet habe schlichtweg falsch war. Das war auch die erste bewusste Enttäuschung meines Lebens.
Wenn ich die Wochen zuvor minutiös beobachtet wurde, so war ich dennoch erleichtert ein mehr oder minder weiches Völkchen vorzufinden. Zwar waren die Kinder zurückhaltend, hatten aber immer ein höfliches Lächeln auf den Lippen, wenn ich mir einen abmühte ihnen irgendetwas mitzuteilen. Zu meinem Entsetzen war diese Freundlichkeit ein Farse. Und ich bin im Nachhinein froh, dass man erst verstehen und dann sich artikulieren lernt. Das gab mir die Möglichkeit hinter die Fassade zu schauen und mir eine ziemlich unvoreingenommene Meinung zu bilden, denn jeder hielt mich für blöd. Beziehungsweise der Sprache nicht mächtig. Ich war plötzlich ein Kommunistenschwein und ein armer Schlucker dazu. Ein Schmarotzer und meine Mutter ein Ostblockschlampe aus dem Katalog. Bei dieser wahllosen Aneinanderreihung von Vorurteilen war ich überrascht darüber, dass die Kids politisch scheinbar gut im Bilde waren. Kurze Zeit später erfuhr ich den Ursprung dieser „BILD“ung. Und dann fing ich an meine gesammelten Sprachkenntnisse umzusetzen und zu zeigen, dass ich weder ungebildet noch schlampig bin. Dass ich aus einer Akademikerfamilie stamme und trotz des Regimes, das ich keineswegs gutheiße, sehr wohl festverankerte Werte in mir trage. Doch ich kassierte nur noch mehr Hohn. Die wenigen Brocken Deutsch, die ich mir bis dahin autodidaktisch zueigen gemacht habe waren der Nährboden für weitere Beleidigungen und noch mehr Mobbing. Viel Schlimmes habe ich gehört,doch nichts hat mich bis heute derart geprägt wie der Satz von Marco, einem ehemaligen Mitschüler von mir. „Ach Marija, kauf dir erstmal eine Tüte Deutsch. Drei Mark Fünfzig. Hat mir auch geholfen! Dann darfst du dich mit mir unterhalten.“
Ich resignierte, bekam meine erste Depression und verspürte zum ersten Mal das Gefühl der Einsamkeit. Plötzlich war das schöne Deutschland ziemlich trist und kalt geworden. Ich zog mich zurück und beschloss mich auf niemanden einzulassen, meinen Weg zu gehen und eine bessere Deutsche zu werden als die Deutschen selbst.
Die Zeit verging und der Erfolg machte sich bemerkbar. Bald hatte ich ein zwei in Deutsch, bekam eine Gymnasialempfehlung, trennte mich von Marco und Konsorten und beschloss niemandem gegenüber mehr einzugestehen, woher ich kam. Funktionierte hervorragend, denn ich hatte nicht mal ansatzweise einen Akzent und das „j“ in meinem Namen schob ich auf die Eigenart meiner Mutter. Ich war bemüht mich bestmöglich anzupassen,bloß nicht auffällig zu werden und schön brav mit dem Strom zu schwimmen. So fand ich mich plötzlich in einer intriganten und unaufrichtigen pubertären Welt wieder. Zwar ekelte sie mich an, doch ich hatte ein paar Freundinnen und umging ihre Spielchen indem ich mich aus allem raushielt.
Zu Hause gestaltete ich mein Zimmer neu, warf alles raus, was unwichtig war. Die einzigen persönlichen Gegenstände, die ich mir behalten hatte, waren die zehn Bilder und der blaßlila Plüschhase, den ich wieder vom Dachboden holte.
Ich machte mein Abi und beschloss Hannover und Umgebung hinter mir zu lassen und bewarb mich ausschließlich im Süden Deutschlands. Ich hatte die Nase voll davon mich anzupassen und von Unehrlichkeit war ich ebenfalls genervt. Ich wollte weder Deutsche sein, noch konnte ich zurück zur Russin. Ein Grenzgänger eben.
Froh war ich darüber als einzige aus dem Jahrgang nach Bayern zu gehen. Dies bedeutete einen Neuanfang, Zum ersten Mal allein. Die Möglichkeit mich als Individuum vorzustellen mit einer Vergangenheit in Geschichtsform ohne jegliche Zeitzeugen.
Jetzt bin ich angekommen. In einem Studium, dass stets mein Traum gewesen ist mit Menschen, die mehr sehen, als die geografischen Grenzen. Freunde habe ich gefunden und eine Definition für mich. Ich werde niemals Deutsche und Russin bin ich lang nicht mehr. Eine Europäerin vielleicht.
Vor gar nicht allzu langer Zeit traf ich Marco wieder, als ich zuhause einen Besuch abstattete. Er hat seinen Hauptschulabschluß mit Hängen und Würgen geschafft und ist sich nun zu fein zum arbeiten. Die Jobangebote seien unter seinem Niveau sagte er mir.
Von welchem Niveau er sprechen würde, fragte ich ihn. Er hätte sich damals die Tüte Deutsch kaufen sollen, so wie ich. Für Drei Mark Fünfzig. Nun haben wir den Euro. Alles ist teuerer geworden. Ich befürchte ohne Job wird er sie sich nicht leisten können.






Kommentare
nicht schlecht, ich bin hier geboren, deshalb hatte ich nie eine vorstellung davon wie es sein muss in ein fremdes land zu kommen, jetzt kann ich mir wenigstens ein kleines bild davon machen;-)
31.05.2008, 19:26 von ente91hey! das finde ich ja lustig! ich bin auch eine immigrantin aus moskau und werde als einzige in meinem jahrgang in münchen studieren... deine identitätskrise kenne ich auch...
19.06.2007, 13:01 von taina_kainnur so viel dazu..
herzliche grpße
das nenne ich mal lesenswert! danke für den interessanten einblick. und weiterhin viel erfolg!
19.06.2007, 11:36 von Sventertainmentim ernst: vielleicht sind die marcos dein glueck gewesen. nicht das du dich dafuer bedanken muesstes... .
18.06.2007, 16:15 von nordzucker*applaus*
18.06.2007, 13:08 von RedSonjaguter text!!
viel glück und erfolg noch!
Sehr schön geschrieben!
18.06.2007, 12:22 von Popcorn_im_haarAuch ich konnte mich in deinem Text wiederfinden, obwohl ich 3 Jahre alt war, als wir nach Deutschland umgezogen sind und ich somit dein Problem mit der Schule nicht hatte, dafür aber genügend andere...
Größtenteils mit Lehrern, die mich nicht ans Gymnasium überweisen wollten obwohl meine Noten dafür ausgereicht haben. Ich durfte dann doch hin, musste jedoch ein Jahr wiederholen. Ich ging auf einem Gymnasium dass sich Toleranz ganz groß auf die Fahnen schreibt, in Wirklichkeit jedoch aus lauter Vorurteilen besteht. Auch ich habe versucht meinen Geburtsort zu verbergen, die Lehrer jedoch verlasen ihn zu Beginn jeden Schuljahres laut vor der Klasse... Letztendlich habe ich mein Abitur nicht gemacht, sie hätten es mich ohnehin nicht bestehen lassen. Jetzt bin ich nur froh, dass ich meine Schulzeit hinter mir habe...
Respekt!super geschrieben und die letzten beiden Abschnitte bringen einen echt zum grübeln...
17.06.2007, 21:55 von Dannienchenkenn ich aber irgendwoher so ne geschichte..=)
lG
Dani
@Dannienchen ich finde es traurig wenn man verstecken muss wo man herkommt. man kann auch einfach mal sich selbst sein, und vielleicht mögen einen manche dann nicht, aber so ist das leben. es geht im leben nicht darum jemand anderes zu sein oder es anderen zu beweisen...
18.06.2007, 02:13 von sophisticatedchickhahaha.. grossartiger Kommentar zum Schluss! :)
17.06.2007, 19:34 von Eve-LHöre ich aus den letzten Sätzen Deines Artikels einen ekelhafen Chauvinismus heraus?
17.06.2007, 18:52 von MarcoK