MaasJan 04.05.2009, 14:34 Uhr 8 9

Die Standhafte

Aus der Reihe: Klassiker neu augelegt!

Mir ging es immer gut.
Ich stand die meiste Zeit auf tiefen, wärmenden Teppichen, die jeden Schritt schluckten.
Oder zumindest auf wertvollem Holzboden.
Mein gottgleicher Körper wurde dereinst von einem filigranen Handwerksmeister aus einem einzigen Baum edelster Herkunft getrieben.
Verziert und kunstvoll verschnörkelt wurde ich, mit kostbarem Uhrwerk und goldenen Zeigern versehen.
Zeigern, die sich immer um sich selbst drehen, wie die Welt um den Sonnenkönig, der mich seiner Nichte schenkte.
Zugegeben, kein Geschenk, was ihrem Antlitz so sehr geschmeichelt hätte wie ein Collier oder eine diamantenbesetzte Brosche, aber ich schmücke nun mal keine einzelne Person, ich schmücke ganze Räume.
Nachdem sie und ihr Gatte gestürzt und geköpft wurden, bin ich als Erbschaft weiß Gott viel herumgekommen.
Wurde in Leinen gehüllt und auf Dachböden verstaut, mit Kutschen, Zügen und in letzter Zeit auch Lastwagen durch die Welt kutschiert.
Aber die meiste Zeit stand ich herum. Ich, die Standuhr. Und ich habe mehr überstanden, als wie Sie sich vorstellen können.
Ganze Kriege und Feuersbrünste, Ehekrisen und Kindergeschrei.
Ich wurde Zeuge so mancher heimlichen Liebesnacht und selbst einen Mord habe ich beobachtet.
Halt, eigentlich war ich Tatwerkzeug.
Ich hätte mich ja liebend gerne gewehrt und den armen, alten Lord geschützt
Aber: Keine Arme, keine Hilfe.
So musste ich hilflos mit ansehen, wie der Gute seine Grabbelfinger, zugegebenermaßen nicht ganz unfreiwillig, etwas zu tief von den Schultern der Magd ihre Hüften hinab unter den Rock rutschen ließ.
Sicherlich nicht ganz die feine englische Art des Lords, aber musste die Gute ihn deswegen gleich empört von sich weisen?
Von dem jungen Fräulein weggestoßen,stolperte der Lord etwas unglücklich über die Kante des Läufers, um dann ungebremst gegen mich zu kippen.
Hätte ich Arme gehabt, ich hätte den Armen nicht unter mir begraben.
Aber so geriet ich ins Wanken, ins Schwanken, ins Kippen und schließlich ins Stürzen.
Hab den Lustmolch unter mir begraben.
Gut, vielleicht war es kein Mord, aber getötet habe ich.
Nach dem tragischen Verscheiden wurde ich, binnen kürzester Zeit, in verschiedensten Salons und Wohnzimmern des Schlosses aufgestellt, bis mich der neue, junge Lord für würdig befand, die eintreffenden Gäste bei einem seiner zahlreichen Empfänge mit meinem Anblick schon im Foyer zu beglücken.
Ein glamouröses Dasein.
Dem ein abruptes Ende folgte, als der junge Lord in seiner Rolle eines Offiziers im Schützengraben ausrutschte und des Nachts in einer Pfütze ertrank.
Drei Tage vor dem Ende.
Stolpern, ausrutschen, hinfallen, stürzen.
Der Tod scheint die Familie gerne zu übertölpeln.
Alsbald wurde ich in Leinen gehüllt, verschifft, aufgestellt und im Bombenhagel schließlich in einer dunklen Ecke im Keller verstaut.
Gut versteckt, könnte man fast meinen.
Etwas zu gut vielleicht.
Als ich wieder Tageslicht erblickte, war alles um mich herum anders.
Neuartige Gegenstände buhlten nun mit mir um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden.
In einem, für meine Ansprüche geradezu lächerlichen Raum . Auf einem Plastikteppich! Welch ein Affront gegen meine Herkunft!
Das Leben gestaltete sich grausig.
Keine opulenten Empfänge mehr.
Dafür Schnittchen und Korn.
Keine heimlichen Liebschaften mehr in dunklen Räumen, dafür Pornos und Blowjobs.
Ich werde nur noch dumpf angeglotzt und aufgezogen, damit ich auch ja weiter laufe, meine Zeiger in Bewegung halte.
Ha, wenn diese stumpfen Idioten wüssten, dass ich ihnen nur ihre Vergänglichkeit vorführe.
Mit jedem Ticken, mit jedem sonoren Gong aus meinem wundervollen Klangkörper schwindet ihr erbärmliches Leben dahin.
Letztens war es wieder so weit.
Mein Besitzer entledigte sich gerade der Tinte aus seinem Füller und schaute mit hochrotem Kopf stöhnend auf den Bildschirm. Die kleine Tochter des Hauses erschien urplötzlich, durch die exotische Musik angelockt, im Türrahmen.
Was dann folgte, möchte ich niemandem ersparen.
Der Hausherr starrte mit weit aufgerissenen Augen seine Tochter an, fasste sich ans Herz und starb für meinen Geschmack etwas zu theatralisch in seinem Sessel, den langsam erschlaffenden Hahn noch in der Hand.
Um die Kleine ein wenig zu beruhigen, schlug ich zur Mitternacht. Es half nichts.
In Ermangelung an Verwandten, kam das arme Ding in ein Heim.
Ein tragisches Schicksal, den eigenen Vater beim Masturbieren..quasi getötet zu haben.
Aber kein Vergleich zu dem, was mir wiederfahren ist. Ich wurde versteigert!
Zum ersten Mal in meinem Leben wanderte ich nicht durch die Hände der Familie.
Meine neue Bleibe ist schrecklich, meiner geradezu unwürdig.
Ich stehe wieder auf einem Plastikteppich.
Ich muss meine Aufmerksamkeit wieder mit diesen schrecklichen bewegten Bildern teilen.
Nur manchmal gibt es Unterhaltung abseits der Flimmerkiste.
Gerade zum Beispiel.
Was ich da wohl sehe?
Wären Sie, geneigter Leser, mein Ziffernblatt, kämen auch Sie in den Genuss.
So aber müssen Sie wohl oder übel selbst für die Unterhaltung sorgen.
Und wenn Sie das nächste mal eine Uhr anstarren, denken sie nicht nur and die verrinnende Zeit, denken Sie auch an unser Schicksal.

9

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8 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Sehr fein.

    Nur frache ich mich, wer das Ding gegen gelesen hat.

    'Von dem jungen Fräulein weggestoßen,stolperte der Lord ist etwas
    unglücklich über die Kante des Läufers, um dann ungebremst gegen mich zu
    kippen.'

    Hö?

    'Um die Kleine ein wenig zu beruhigen Schlug ich zur Mitternacht. Es half nichts.'

    Da sind noch son paar Dinger drin. Ich wette, Misi hat das lektoriert.

    Aber der  Text ist schön rund, er gibt der Perspektive auch mehr Raum als ein äh anderer Text, füllt sie aus um der Perspektive willen und bleibt dabei schnoddrig und morbide.

    Ich finde die Hybris der Uhr gut. ^^

    Magsch.

    14.11.2012, 12:16 von quatzat
    • 1

      da er ja nicht zugegen ist: ja, er war's!

      14.11.2012, 13:02 von MaasJan
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  • 3

    Der morbidere ( frühere) Gegenentwurf zu der Badezimmerlampenstory.


    14.11.2012, 09:09 von cosmokatze
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  • 2

    ...nach wie vor immer noch so hübsch bescheuert. ^^

    19.10.2012, 13:34 von derHalbstarke
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  • 0

    your wish is my command :) Du Verrückter, das ist genial genial, Applaus! Du wirst es nicht glauben, da ist tatsächlich ein Film in meinem Kopf angesprungen, besonders interessant war daher die Stelle mit dem erschlaffenden Hahn... hast Du also sehr fein gemacht :)

    20.07.2012, 21:59 von Mrs.McH
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  • 0

    toller Text!
    Macht großen Spaß zu lesen (:

    12.05.2009, 19:36 von koksberg
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    • 0

      @UllaRulla Ohne Kommentar empfohlen!

      06.05.2009, 02:16 von HeikeT.
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] das war doch absicht.

      04.05.2009, 15:24 von misspringle

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