Christian_Flierl 30.11.-0001, 00:00 Uhr 27 0

Die sind schuld

Die alten Rebellen bekommen ordentlich auf die Mütze: Die 68er sind die angesagtesten Sündenböcke der Stunde.

Achtung, eine Idee: Die Guten, die, die gegen Atomkraft, für die Gleichberechtigung, gegen falsche Autoritäten, für die dritte Welt und gegen den BH waren, die sich so cool im Trenchcoat von Wasserwerfern haben wegpusten lassen, die in Kommunen lebten und bei denen es Jede mit Jedem trieb; dreimal nachgedacht: Genau die sind doch eigentlich an allem Schuld. An der desolaten Lage in diesem Land ebenso wie an der moralischen Verwahrlosung der Jugend. Die 68er hätten die Lust über alle Verpflichtungen gesetzt, so Matthias Matussek kürzlich in einer fiktiven Wahlkampfrede im Spiegel. Kein Wunder also, dass im Bus keiner mehr für die Oma aufsteht. Und sie nerven. Mit ihren unrealistischen Idealen und ihren ständigen Vorhaltungen, keine der auf sie folgenden Generationen könne ihnen in Sachen Engagement für die gute Sache das Wasser reichen. Dabei haben doch gerade sie nachweislich ihre eigenen Ideen verraten: Nach 7 Jahren Rot-Grüner Regierungskoalition sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden. Und in Afrika wird immer noch gehungert.

In dem, was bisher und allgemein als gut empfunden wurde die Ursache allen Übels zu vermuten scheint so verwegen, dass es eigentlich auch schlau sein muss; das muntere 68er Bashing ist in den Medien allgegenwärtig. Jeder darf mal und Peter Licht singt dazu. In „Ihr lieben 68er“ empfiehlt er den Ex-Steinewerfern, doch mal wieder einen Dia-Abend von der Revolution zu machen – aber bloß nicht anrufen, auf die alten Geschichten können wir dann doch verzichten.

Können wir? Der Autor Tobias Timm, Sohn des Schriftstellers Uwe Timm, einer der Leitfiguren der Studentenrevolte, verabschiedet in einem Essay in der September Ausgabe von NEON die 68er. Er beschreibt, wie Schröder und Fischer zum Abschied von der „Old-School-Rechten genauso wie von der unauffälligen Generation Gähn der 30- bis 50-jährigen“ noch mal auf die Mütze bekommen – weil sie das Land mit ihren Idealen so gründlich an die Wand gefahren hätten. Er fragt sich aber auch, was nun nachkommen wird - und ob das denn wirklich besser sei.

Der Philosoph Jürgen Habermas spricht im Zusammenhang mit der 68er Bewegung von nichts weniger als einer „Fundamentalliberalisierung“ der Gesellschaft. In der Erziehung, im Reden und Zusammenleben. Das Duzen, der Ungehorsam, der offene Umgang mit Sex. Das Kiffen, der Rock’n’Roll. Tobias Timm schreibt: „Wir müssen unsere Freundinnen nicht mehr heimlich ins Haus tragen, wenn wie ohne Trauschein miteinander schlafen wollen. Wie müssen uns nicht schämen, weil wir lesbisch sind oder eine alleinerziehende Mutter haben.“ Dinge also, die für uns selbstverständlich sind, damals wurden sie für uns erstritten. Aber wie das Letzte von mehreren Kindern, das eben nicht mehr darum kämpfen muss, länger wegzugehen, weil die älteren Geschwister das schon für einen erledigt haben, wissen wir vielleicht gar nicht, was wir den 68ern eigentlich zu verdanken haben.

Siehst du das auch so? Was verbindest du mit dem Begriff der 68er? Wofür bist du dankbar, oder gibt es Errungenschaften der 68er, die sich deiner Meinung nach im Nachhinein als schädlich für die Gesellschaft erwiesen haben? Begrüßt du es, dass sie nun gehen müssen und es in Zukunft vielleicht wieder konservativer zugehen wird?

27 Antworten

Kommentare

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    Ich glaube nicht das sie an irgendetwas schuld sind, schon garnicht an wirtschaftlicher Lage oder ähnlichem. Die Schuld trägt ganz allein der Staat, hätten sie sich nicht so lange auf ihrem wirtschaftsawunder ausgeruht sondern weitergedacht wärs jetzt wahrscheinlich nicht so.

    Genau so eine Bewegung wie die der 68er fehlt uns doch heute, weil keine gemeinsamen Ideale da sind für die sich jeder einsetzen würde. Die Gesellschaft ist viel zu gespalten um etwas auf die Beine zu stellen.
    Wenn man jetzt nicht anfängt n bisschen nachzudenken, wird das nie mehr was.
    lg

    05.01.2006, 17:15 von noki
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    mmh ...ich kann dazu nicht viel sagen , nur das alles für was sie gekämpft haben gut war ...un das ich es sehr schade finde das es gar keine richtige jugendbewegung mehr gibt,aber ich hab e die hoffnung das jetz wieder eine bekommen werden...wo wir eine für die "Emanzipation"einstehende Kanzlerin haben, in deren Wahlprogramm der punkt frauenpolitik praktisch nicht vorkommt.Jetzt wäre es mal wieder Zeit zu revolutioniern,jetz müsste es wieder cool sein gegen die regierung zu sein und alles in frage zu stellen?vielleicht würden dadurch noch einige mehr merken was hier so alles schief läuft

    03.01.2006, 22:55 von Caro05
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    Auch auf die Gefahr hin, etwas zu schreiben, was schonmal da war (lese mir jetzt nicht alle posts durch *g*)....

    Was mich an dem Artikel im Heft so gestört hat, dass ich mich doch tatsächlich extra hier registriert habe, war diese "Anti-Leistung"-Haltung:
    Herr von Klaeden (heisst der so?) war erst Korvettenkapitaen und hat dann Jura studiert, und das war schlecht, und umgekehrt ist jemand, der in Brockdorf im Trenchcoat steht und seine Zigarette sinnierend vorm Sonnenuntergang rauchen kann, der coolste Hund der jemals auf Gottes gruener Erde gegrast hat.

    Oh, bittesehr....

    Abgesehen davon, dass der Trenchcoat doch wahrscheinlich eher ein Bundeswehrparka gewesen sein duerfte (was dann wiederum zumindest im Wortsinn ein Trenchcoat waere, aber ich schweife ab), wenn stylish in der Gegend rumstehen und rauchen alles sein soll...
    Klar, es ist immer bewundernswert, Dinge mit einer gewissen Nonchalance hinzubekommen. Aber wenn doch mal etwas mehr gefragt ist, als stylishes rumstehen, dann ist des doch "a bisserl weng".
    Sobald ein wenig mehr an Verantwortung gefragt ist, hilft diese Haltung exakt gar nicht weiter.
    Schonmal versucht, eine Firma so zu fuehren? Verantwortung zu uebernehmen, fuer Arbeitsplaetze und diejenigen, die davon abhaengen? Natuerlich kann ich nur fuer mich selbst sprechen, aber im Zweifel halte ich mich lieber an jemanden, der weiss, was er tut, weil er es gelernt hat, als an jemanden, der seine Tage damit verbacht hat, unter den Linden Balalaika zu spielen - was natuerlich auch nett sein kann.

    Schon Aesop verpackte das weiland in die Geschichte von der Grille und der Ameise. Und der naechste Winter steht schon vor der Tuer.

    Just my two cents....


    14.09.2005, 22:27 von Provinzspiesser
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      @Provinzspiesser Und was ist nun dein Fazit?

      15.09.2005, 15:03 von petitefille
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      @petitefille *g*

      Ich zitiere meine Grossmutter:

      "Ohne Arbeit, frueh bis spaet,
      wird dir nichts geraten.
      Der Neid sieht nur das Blumenbeet,
      aber nie den Spaten."

      :-)

      16.09.2005, 21:38 von Provinzspiesser
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      @Provinzspiesser aber zu sagen, dass der spaten so gut ist wie er ist, ist doch auch keine arbeit, sondern nur ein hinvegetieren.

      reden wir jetzt aneinander vorbei?

      19.09.2005, 15:01 von petitefille
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    An der 68er Generation meine ich natürlich!

    08.09.2005, 13:15 von petitefille
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] Schuld? So ein Schwachsinn! Es gibt in der Welt immer mal wieder Hoch- und Tiefpunkte, von denen man profitieren kann oder auch nicht. Eigentlich hatten die 68er doch recht. wenn man etwas von Wirtschaft versteht, dann gibt es praktisch keine schöne Zukunft mehr. Die 68er hatten sich was vorgenommen, haben vieles, aber nicht alles durchgesetzt. Trotzdem: Heute macht doch nur niemand mehr etwas, weil es zu mühsam ist. Da gehöre ich auch zu... eigentlich. Irgendwie kann man sich an dieser Generation ein Beispiel nehmen. Finde ich jedenfalls!

      08.09.2005, 13:14 von petitefille
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    Ich bin dankbar, bei meinen Eltern aufgewachsen zu sein. Bei Eltern, die zu den 68ern gehören. Bei Eltern, die nie gesagt haben, ich könne dieses oder jenes nicht tun oder nicht werden, weil ich eine Frau bin.

    Bei Eltern, die weder die Drogenberatung noch die Polizei gerufen haben, weil ich mal gekifft habe.

    Bei Eltern, denen ich vom Kiffen genauso erzählen konnte, wie von allem anderen.

    Eltern, die mir ein tiefsitzendes Gefühl dafür vermittelt haben, dass alle Menschen gleich sind, dass Ungerechtigkeit nicht hingenommen werden muss, dass es nie falsch ist, seine Meinung zu vertreten.

    Eltern, die mir beigebracht haben, dass es keinen Grund gibt, gleichgültig zu werden.

    06.09.2005, 22:39 von sabbelwasser
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      @sabbelwasser Da kannst Du wirklich dankbar sein. Meine Eltern sind altmodisch, untolerant, kleinkariert und spießig. Und dennoch ist es mir gelungen, mich zu emanzipieren. Und dennoch liebe ich sie..seltsame Welt...

      06.09.2005, 22:47 von radio_angara
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      @radio_angara und vielleicht ist diese emanzipation eine größere leistung? wogegen rebellieren, wenn sie recht haben? wie gegen moralische unanfechtbarkeit anstänkern?

      06.09.2005, 22:51 von sabbelwasser
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      @sabbelwasser Das Schlimmste ist leider, dass jener Obrigkeitsstaat, der im Dritten Reich endete, in Ihnen nach all den Jahren immer noch drinsteckt. Dieses dekadente Land braucht jemanden, der aufräumt. So denken die manchmal. Und dieses Denken löst in mir manchmal seltsame Hassgefühle aus. Aber man ändert Menschen nicht unbedingt..diese Erfahrung mache ich seit vielen Jahren!

      06.09.2005, 23:23 von radio_angara
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    68ziger sind weltfremde Gestrige. Lasst uns mal was Neues machen!

    und ... die Jugend von heute ist die Schlimmste! sowieso. Das wusste Sokrates genau, der alte Schlawiner.

    04.09.2005, 20:11 von uschi_fisch
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    Interessantes Interview dazu bei SPIEGEL online:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,371468,00.html

    03.09.2005, 08:17 von LudwigMartin
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    Da kann ein Hengst noch so toll und stark gewesen sein, es kommt die Zeit, da hat er ausgedient.

    Eben so ist es mit der 68er Bewegung.

    Ich unterstelle, daß hier keiner wirklich in die Zeit davor zurück will. Allein schon die Befreiung der universitären Lehre ist eine großartige Leistung, für die ich wirklich dankbar bin.
    Weiter: Toleranz und Weltoffenheit als gesellschaftlicher Wert.
    Das ist das eine, und das ist anerkennenswert.

    Ich sage Danke.
    Und ich sage nochmal Danke... es reicht.

    Denn ich finde auch, daß die Woge übergeschwappt ist. Wenn Leidensdruck zur Befreiung führt: gut. Aber wenn Befreiung Selbstzweck wird, dem der gesellschaftliche Zusammenhalt untergeordnet wird, ist das ganz mies.

    Was ich den späten, alten 68ern vorwerfe, ist die Nichtanerkennung wertvoller gesellschaftlicher Institutionen, die über Jahrhunderte funktionstüchtig waren. Wenn die Maschen zu eng sind, sollte man sie weiten, nicht lösen.

    Befreiung als einziges Ideal führte zu:
    - Versagen der Kleinfamilie
    - Extrem-Individualismus
    - egoistische Ausnutzung der gesellschaftlichen Systeme
    - Versagen der Erziehungspolitik (ähm, gibts das eigentlich heute noch?)
    - Verunsicherung vieler Menschen, welche Werte denn noch tragen
    - Materialismus und Mistrauen

    Würde ja alles nicht so hart angreifen, wenn es nicht diese widerliche Selbstbeweihräucherung geben würde. Diese Mythen, mit denen auch noch Wahlkampf mit "charismatischen, authentischen" Menschen, die es in dieser Reinform allerdings eben nicht gibt.

    Und das Widerlichste ist, daß Werte von bekennenden 68ern oder anderen Linken besetzt werden und damit gleichzeitig den Anderen abgesprochen werden:
    Ich (68er) bin für Frieden - Du für Krieg.
    Ich bin für Offenheit und Toleranz- Du für Meinungs- und Kulturdiktatur.
    Ich bin für Freiheit - Du für ein gesellschaftliches Korsett.
    ...

    Die wichtigen Ziele sind längst und im Übermaß in die Gesellschaft eingeflossen und werden vom Großteil der bekennenden Konservativen mitgetragen.

    In diesem Sinne: Danke, es reicht.

    02.09.2005, 10:25 von LudwigMartin
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    Habe leider nicht aller Kommentare vor mir lesen können, falls ich jetzt DInge schreibe, die schon 1000 Mal geschrieben worden, bitte nicht böse sein.

    Ich persönlich habe noch nie verstehen können, wie es die 68er schaffen konnten, derart populär zu werden. Zwar haben Sie - unbestritten - einiges dazu beigetragen, den westdeutschen Mief zu lüften und den Finger in offene Wunden (NS-Vergangenheit) zu legen.

    Das war gut.

    Aber:
    Zeitgleich haben unsere lieben 68er komplett vor den Diktaturen mit linkem/kommunistischem Vorzeichen kapituliert. Menschenrechtsverletzungen interessieren 68er nur, wenn sie nicht von links kommen. Hunderte Erschossene an der deutsch-deutschen Grenze? Nicht so schlimm. Brutalste Unterdrückungen im gesamten Ostblock? Aber die meinten es doch gut. Zwangsarbeit, Reiseverbot, Hardcore-Militarismus im Ostblock? Nun mal nicht so kleinlich...

    Bis heute kriege ich zuviel, wenn ich die selbstgefälligen Salon-Linken in D sehe, wie sie über diese peinliche Periode ihrer eigenen Geschichte hinweggehen. Nur zur Erinnerung: Als 68 die wohlhabenden westdeutschen Studis und Intellektuellen-Kids einen auf Revolution machten, wurden in Prag Menschen, die um ihre Freiheit kämpften, brutal unterdrückt. Schon vergessen?

    Mein Fazit hieraus lautet: Wer wirklich die Freiheit liebt, kann über 68er nur den Kopf schütteln. Daher finde ich auch die derzeitige Entwicklung so schön: Die Völker, die noch vor wenigen Jahren von unseren Freiheiten nur träumen konnten, holen sich ihren Teil. Polen, Tschechen, Balten, Ostdeutsche - sie alle nehmen die Chancen wahr, die die Freiheit ihnen bietet. Da bekommen die 68er natürlich Angst, denn diese Menschen werden in der großen Masse nicht auf hohle 68er-Träumereien hereinfallen. Schließlich haben sie (oder ihre Eltern) am eigenen Leib erlebt, wohin das führt.

    Viele Grüße!

    31.08.2005, 14:22 von georg69
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      @georg69 hätten denn die "68er" die welt retten und allen menschen ihre freiheit erkämpfen (schon wieder!!!!) sollen, bevor sie sich ihrer grundidee zuwenden konnten die dinge in ihrem eigenen land zu ändern??????

      06.09.2005, 16:47 von fioliebtrio
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