Der_Misanthrop 17.03.2007, 03:23 Uhr 51 2

Die Schreibmaschine

Kurze Geschichte der Schreibmaschine auf DDRisch. oder Wie ich einmal bei Neon einen Text schrieb der keine Betroffenheit hervorrufen sollte.

Liebe Neon-Gemeinde,
ja in meiner Kindheit sagte man noch Gemeinde oder Gemeinschaft statt Community. Eigentlich wohl noch eher Kollektiv, denn ich bin ja in einem längst untergegangenen Staat aufgewachsen – der DDR..
Das allerdings wollte ich gar nicht erzählen, also noch einmal:

Liebes Neon-Kollektiv,
als ich noch ein Kind ca. im Alter von 8-10 Jahren war schrieb ich gern Geschichten. Aus den alltäglichsten Dingen erfand ich die phantastischsten Märchen und schrieb sie auf um sie, wenn ich später einmal ein berühmter Schriftsteller wäre, auf die Frage nach meinen ersten Werken stolz vorweisen zu können und ein erstauntes „Oh, schon in dem Alter ein solches Talent!“ zu hören zu bekommen. Nun schrieb ich diese Geschichten nicht wie Kinder heute, indem sie sich an einen PC setzen und über die Tastatur ihren Gedanken freien Lauf lassen. Ich benutzte auch keinen gespitzten Gänsekiel und ein Tintenfässchen um auf Pergament zu schaben. Nein, in meiner Kindheit gab es ein Gerät namens „Schreibmaschine“. Den meisten von euch sagt dieser Begriff sicherlich gar nichts mehr. Deswegen hier eine kurze Beschreibung:
Ein schwerer, klobiger Kasten mit vielen Hebeln und Rollen und einem auf stabilen Metallstäben ruhendem Buchstabenfeld. Diese Metallstäbe mussten sehr stabil sein, denn auf die nebeneinander liegenden Buchstaben musste man mit großer Wucht einhämmern um einen Hebel in Bewegung zu setzen, an dessen Spitze sich der jeweilige Buchstabe befand. Dieser Hebel sauste also mit großer Geschwindigkeit (so man fest und schnell genug gedrückt hatte) auf ein Farbband zu, welches sich auf zwei Rollen befand. Von der einen Rolle wickelte sich dieses Band stetig auf die andere Rolle. War diese dann voll – bewegte sich das Band wieder zurück auf die andere. Ein wahrhaft faszinierendes Schauspiel. Zwischen diesen beiden Rollen also war das Farbband aufgespannt, der Hebel mit dem Buchstaben raste darauf zu und presste sich eindrucksvoll und mit einem lauten Knall auf das sich direkt dahinter befindliche Papier. Der aufmerksame Leser wird schon erraten welches Ergebnis diese Prozedur hatte: schmerzende Finger und Ohrensausen. Aber das allein hätte niemals gereicht um der Schreibmaschine zum Durchbruch zu verhelfen. Es gab auch noch einen interessanten Nebeneffekt: Der Hebel mit dem Buchstaben, welcher sich durch das Farbband auf das weiße Papier drückte, hinterließ darauf eben jenen Buchstaben. Dies war eine Revolution im schreibenden Gewerbe und sorgte für einen unbeschreiblichen Siegeszug der Schreibmaschine. Nach und nach hielt sie in jedem Haushalt der etwas auf sich hielt Einzug. In den Büros herrschten Lautstärken wie sonst nur in der Presslufthammerprüferei und unter den Sekretärinnen grassierte eine seltsame Finger-Rheuma-Epidemie. Ja, die Schreibmaschine wurde so beliebt, dass man ihr sogar unterschiedliche Namen gab! Meine Eltern zum Beispiel nannten eine schicke, hochmoderne „Erika“ in wunderschönem pastellorange ihr Eigen. Ich jedoch bevorzugte die namenlose Schwarze meiner Großeltern. Dort schrieb ich einige meiner größten Werke und mein Opa pflegte mich immer stolz den „Professor“ oder „Doktor“ zu nennen. Meine Oma hingegen nannte meinen Opa immer „Du alter Dussel“!
Früher hatte ich große Angst vor meiner Oma und ich glaube mein Opa auch – aber das ist eine andere Geschichte.

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51 Antworten

Kommentare

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    ja, nu, Herr Dr. Miesenbach - durch Ihre Quantität Ihrer Beiträge transformierten Sie sich höchstselbst zu einer "Schreibmaschine".

    Und der Text macht doch betroffen: wie doch Omma Schriftstellerträume mit einem lapidarem "Dussel" davonweht.

    15.12.2009, 01:12 von TilmannKleye
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    schöne texte die du schreibst! meine ist auch schwarz. und auch von meinem Opa. an den ich mich leier kaum noch erinner. aber ich weiß, das er darauf Urteile geschrieben hat. und ich würd sie nie weggeben. dabei kann ich gar nicht darauf schreiben, dazu hab ich gar keine Kraft. das würde ewig dauern. Das tu ich aufm Laptop. der ist weiß und heißt Gretchen.


    16.10.2007, 01:27 von leMal
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    Die Tatsache, dass ich eine Schreibmaschine nicht nur dem Namen nach kenne, sondern so gar noch auf einer das Maschinenschreiben gelernt habe ohne je in der DDR gelebt zu haben, lässt für mich nur einen, harten Schluss zu:

    Ich bin alt!!
    ;))

    Schöner Text und Erika - ich glaube, so werde ich meinen Schlepptop jetzt benennen. Erika, nach dem berühmten Schriftsteller "Der Misanthrop". ;))

    19.08.2007, 17:25 von the_actress
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      @the_actress was für ein schöner kommentar!
      dankeschön!

      19.08.2007, 17:29 von Der_Misanthrop
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    Immer noch lesenswert, immer noch keine Absätze...

    ;-)))

    25.07.2007, 02:26 von Kiyan
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      @Kiyan ach k.!
      du bisch viel zu gut zu mir!!
      die nötichn absätze lassich nach wie vor wech, da s ja mein erstling war und den willich ma original mit allen macken so belassen wieer is ^^

      25.07.2007, 03:27 von Der_Misanthrop
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    sehr interessanter text... joa echt mal so ganz unergriffen kein tränchen aus dem augenwinkelzupfen... sehr schön das, man muss ja auch mal an dem leben seiner mitmenschen teilhaben können ohne direkt den persönlichen weltuntergang erzählt zu bekommen :))!! dein schreibstil gefällt mir!

    02.07.2007, 23:29 von cumuluswolke
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    echt? habich dir ma ne cd versprochen und nich geschickt???
    was wars denn??

    01.06.2007, 17:01 von Der_Misanthrop
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    natürlich... ich warte immer noch auf die CD
    *spaaaaaaß*
    Nach langen quaelenden Minuten voller Trauer und Wut hab ich se mir dann schon selbst gekauft ;)
    Wie liefen deine Prüfungen? Haste sicherlich locker hinter dich gebracht ( wenn du deinen faulen Arsch endlich mal aufgeraft hast *lol*)

    01.06.2007, 13:35 von mincky
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    mincky
    mincky mincky..
    hmm
    (ich überleg grad)
    ham wir nich früha schomma mitnanda gesprochen? schon a weng länga her - kann das ma sein?
    na wie auch imma: türlich - es wäre absolut lächerlich zu behaupten ich wäre kein egomanischer egozentriker! absolut!

    01.06.2007, 00:44 von Der_Misanthrop
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    aber laut dir müsste ich dich ja dann auch für einen egomanischen Egozentriker halten....hm,vllt is da ja was dran... who knows.... ;)

    31.05.2007, 21:20 von mincky
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    das war nur eine Feststellung ohne jegliche Kritik!

    31.05.2007, 21:15 von mincky
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