Kaddinsky 06.12.2007, 16:59 Uhr 6 5

Die Rächerin der Rücksicht

Gestatten: Mux, Katrin Mux. Meine Mission: Kampf den Tunnelblicken, der Ellenbogenmenthalität und den Rolltreppendeppen!

Berlin ist groß, bunt und laut. Hier leben gute drei Millionen Homo Sapiens, mehr oder wenig friedlich miteinander oder auch aneinander vorbei. Berlin hat seine gute Seiten. Es hat aber auch schlechte. Stete Suppenkleckse höhlen den Pott oder bringen ihn zum Überlaufen. Ich laufe über! Nein: ich schäume über, vor Wut! Meine Mission lautet: Die Lümmel an den Ohren packen und mit der Nase in die Hundehaufen ihrer Hunde zu tunken! Lektion ist Lektion!

So viel zur weinbeschwippsten Theorie.

Doch Katrin Mux ist ein stiller, freundlicher, zuvorkommender und verständnisvoller Mensch. Ich reiße mich also zusammen, nehme all meinen Mut, denke an großspurige Reden von „mehr Zivilcourage“, „wer, wenn nicht wir?“, „auf den einzelnen kommt es an!“ und „jeder soll zuerst vor der eigenen Haustür kehren“. Ich fange zaghaft mit meinen Lektionen an:

Stand ich früher noch schweigend aber innerlich brodelnd hinter Rolltreppendeppen, die sich anscheinend zu fein waren, die Bahnhofs-Hausordnung zu lesen (Hallo Ignoranz!), so räusperte ich mich fortan und sagte fester Stimme: „Entschuldigung...!“ Natürlich war dies keine Entschuldigung bei diesem ignoranten Delinquenten! Vielmehr ein Vorwurf, oder ein Vorsagen: wiederhole was ich sagte – was die meisten auch prompt taten: „Entschuldigung“ kam es zurück. „Ha!“ dachte ich mir: „wie es in den Wald reinruft, so schallt es zurück!“ So hatte ich meine freie Rolltreppe und meine Entschuldigung für die Untat gleich mit dazu. Und als Bonus eine dankbare Horde von schweigsamen Menschen, die mir hinterhertappten, vorbei an den verbannten Deppen.

Der nächste Schritt war schon ein wenig Schroffer. Die BVG lehrte einst in ihren pädagogisch absolut fragwürdigen Beispielfilmchen: „Wenn die, die in den Zug einsteigen wollen, die, die rauswollen nicht rauslassen, können die, die rauswollen, die, die reinwollen, nicht reinlassen.“ - Ist doch nicht so schwer, oder??? Oder??????

Da hält die S-Bahn und man möchte einfach nur: Aussteigen. Steht da stocksteif wie die Goldelse auf ihrem Sockel ne Frau, guckt mit starrem Blick nach unten und meint, so kommt sie schneller rein. Freundlich aber bestimmt sage ich: „HALLOO??“ und renne sie fast übern Haufen. Lektion erteilt. Katrin Mux macht ihrem Ärger Luft. Ich kann Ihnen sagen: das ist SO befreiend. Also weiter, nächste Stufe.

Warum auch immer, die Verkehrsmittel der BVG sind ein Tummelort für Deppen aller Arten. Nächste Situation: U-Bahn 5 in Richtung Hönow. Die Bahn ist voll. Alle Sitzplätze sind belegt. Ich stehe, wie viele andere auch. Die potentiellen Delinquenten im Blickfeld. Misstrauisch. Lauernd wie ein Löwe auf seine Beute. Ich habe sie doch alle längst durchschaut, ich weiß, dass ich von ihnen nichts zu erwarten brauche als Ellenbogen, Tunnelblicke, Rücksichtslosigkeit. Das Beweisstück A betritt in Form einer Oma mit Krücken (mit KRÜCKEN!) die U-Bahn. Der Zug fährt los. Die Oma steht. Und steht. Und steht. Ich koche! Sie steht direkt vor einer – pardon – Schickse, die an der Oma hochglotzt und wieder auf ihre frisch gestrichenen Monster von Fingernägeln. Ich durchbohre sie mit meinen strafenden Blicken. Glaubt hier irgendjemand, dass dieses Monster es für nötig gehalten hätte, zu reagieren? Natürlich nicht. Als die U-Bahn an der nächsten Station hält kämpfe ich mich wagemutig wie mit einer Machete durch die stehende Menge, hin zu der Oma. Leider steht diese so blöd vor der Schickse, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als einem völlig in Musik und Balzac-Coffee-Kaffe versunkenen Emo-Buben vor dem Gesicht herumzufuchteln. Der guckt mich an wie ein Auto, hält es aber nicht für nötig, seine Kopfhörer abzunehmen. Also gestikuliere ich wild und zeige auf die Oma mit den Krücken hinter mir. Da versteht er. Ohne sich zu wehren macht er der Oma seinen Platz frei. Alle umstehenden Menschen gucken demonstrativ auf den Boden und meiden meinen Blick, wofür ich sie alle am liebsten an den Ohren ziehen und in einen Haufen – pardon – Hundekacke tunken möchte.

Apropos Hundekacke: die letzte Stufe meiner Mission naht. Lange, lange – ach wie lange nur – habe ich mir gewünscht, sie zu erwischen: die rücksichtslosen, verantwortungslosen, skrupellosen Unmenschen, die ihre Hunde überall hinkacken lassen ohne sich einen Dreck um den Dreck zu scheren. „Sie gehören getunkt!“ und „An den Ohren schnappen und dann ganz schnell: Schuppdiwupp – rein in den Kot!“ und „man muss nur schnell genug sein und den Überraschungseffekt nutzen, dann schaffen sie es nicht, sich zu wehren“. Der Plan war also geschmiedet. Eines Tages, ich war gerade mit Kinderwagen, Baby und Wickelrucksack unterwegs, war es so weit: direkt vor die Eingangstür setzte einer von drei Hunden eines Punk-Pärchen bei strahlendem Sonnenschein seinen Haufen. Ich versuchte es mit dem eindringlichen Blick. Er durchbohrte zuerst den Haufen, dann die Punkerin. Zwecklos. „Jetzt schnell sein!“ raste es in meinem Kopf. Wie angewurzelt blieb ich stehen.
Dann piepste ich:
„Entschuldigung...!“
Herausfordernd sah die Punkerin mich an. „Hä?“
„Willst du das nicht wegmachen?“ *pieps*
„Haste was dabei?“
Piepsend: „Äh.... nein....“ - und schon etwas bestimmter: „Ist ja auch nicht meine Aufgabe!“
„Tja,“ sagte sie cool. Und zog von dannen.
Nein! Nein! Nein!
„Mehr Zivilcourage“, „wer, wenn nicht wir?“, „auf den einzelnen kommt es an!“
Was hatte ich versagt! Fieberhaft durchwühlte ich planlos meinen Rucksack. Da kamen mir zwei Windeln in die Finger. Ich nahm den Wagen, hechtete hinter den fünfen hinterher. Rief wieder: „Entschuldigung...!“ und drückte ihnen die Windeln mit den Worten „für die anderen beiden Hunde“ in die Hand.

5

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6 Antworten

Kommentare

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    Ausgezeichnet! Du sprichst mir aus der Seele...ich kann da nur zustimmen!!! =)

    27.12.2007, 23:20 von Leijla
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    Nur nicht aufgeben!

    06.12.2007, 20:59 von Songline
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    haha, ich sollte nicht lachen, aber ich habe so gelacht bei diesem Artikel, wunderbar. Besonders, wenn man gerade aus dem Feierabend-Chaos mit ausgefallenen Trams heimgekehrt ist.

    06.12.2007, 20:36 von Ghandi
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    schöne ansätze, um die welt besser zu machen

    06.12.2007, 17:28 von lila-hexe
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