latentneurose 12.05.2008, 21:30 Uhr 6 7

Die neue Offenheit

oder: Sind wir noch zu retten?

Ohne auf die publik gemachten Vorfälle von Datenmissbrauch der diversen Internetportale näher einzugehen, die den Focus auf die vermeintliche Gefahr der immer mehr abnehmenden Privatsphäre im Netz richten, möchte ich einfach die Frage in den Raum werfen: Wieso tun wir das? Weshalb geben wir uns die Blöße, und plaudern so freigiebig und unbedarft in öffentlichen Portalen?

Die Änderungen der AGBs im StudiVZ hat nach dem ersten großen Aufschrei der User keine Abnahme der Mitglieder verzeichnet. Im daraufhin als StasiVZ betitelten Forum wurden nun Namen geschwärzt oder verändert, Gruppen gegen die Auswertung persönlicher Daten gegründet. Das Entgegenkommen durch Verzicht auf Verwertung der Daten zu Werbe- oder Marketingzwecken stimmte die Mitgliederschaft letztendlich wieder harmonisch, und es werden weiterhin munter private Bilder hochgeladen, für jedermanns Zugriff verlinkt, die Profile von Freunden und Freundesfreunden beobachtet, und zur Rechtfertigung des freizügigen Stalkings Gruppen gegründet wie „StudiVZ ist wie Bunte lesen, nur mit Leuten, die man kennt“, oder das Pendant für den subtilen Datenschützer „ich seh das hier auch schon kritisch und so...“ . Die moderne digitale Dorfgemeinschaft scheint immer selbstverständlicher zu werden, und drängt jedoch bei vielen scheinbar das direkte Umfeld in den Hintergrund.

Erschreckende Schlagzeilen, wie die der erfolgreichen Spurensuche auf Facebook nach dem Mord an der jungen College-Studentin Meredith in Großbritannien, oder der unglaubliche Mobbingvorfall auf Myspace, bei dem die 13jährige Megan aus dem US-Bundesstaat Missouri von einer Freundin und deren Mutter in den Selbstmord getrieben wurde, werfen ein beängstigendes Licht auf die Nutzer der Onlineportale, die sich in die trügerische Parallelwelt einfügen, als wäre es die Realität.

Ein weiteres Schlagwort lautet Identitäts-Grabbing, der Zugriff auf fremde Profile um dort beliebig – sei es aus Gründen der Belustigung oder persönlichen Rachegelüsten - Daten zu ändern. Nicht außer Acht zu lassen ist auch die Möglichkeit potenzieller Arbeitgeber einen Einblick in das Privatleben des Bewerbers zu werfen. Ganz beliebter Grund zur Ablehnung eines künftigen Arbeitsverhältnisses sind Partybilder sowie Gruppen, die auf regelmäßigen Alkoholkonsum hinweisen. Das ist nichts Neues, denkt man an dieser Stelle, nur weshalb gibt es immer noch solche Vorfälle?

Für Hacker ist es ein leichtes, Profile diverser Social-Networking-Seiten zu kopieren, was derzeit hauptsächlich in den USA, die auch für die Online-Communities ein zweifelhaftes Vorbild bieten, ein Sicherheitsdefizit von privaten Daten darstellt. Neben Opfern einer Phishing-Attacke stellen diese Fakeprofile darüberhinaus ein Problem der Nutzer in Form von Reputationseinbußen durch üble Nachrede oder simples Verletzen der Privatsphäre dar.

Nette Anekdoten wie die erfolgreiche Online-Petition von StudiVZ –Usern zur Wiederaufnahme eines Produkts in die Produktpalette eines namhaften Eis-Vertriebs, sowie die übertriebene Berichtserstattung mit gewohnt eingeschränkten Wahrheitsgehalt auf RTL über Prostitution und Sex-Dates via StudiVZ beleben zudem die Diskussionsrunden um Web 2.0.

Laut dem Magazin Zeit Campus rufen mehr als 66 Millionen weltweite User täglich bei der Social-Community Facebook etwa 65 Milliarden Mal ihre Seite auf. Beteiligt in diesem Portal sind bisher 600.000 Deutsche. StudiVZ beherbergt derzeit 5 Millionen Freunde, während deren sogenannte Page-Impressions, also Zugriffe auf die Profile, bei knapp 6,3 Millarden liegt.

Der Kerngedanke des Austausches von Fotos, Aufrechterhalten von Urlaubsbekanntschaften oder Kontaktpflege mit Schulfreunden, eines Netzwerks für Studenten ist längst einem Plauderstübchen gewichen, in dem vom Analverkehr bis zum Zenitüberschreiten der letzten Party berichtet wird. Während sich die Kontakte bei StudiVZ und Facebook größtenteils auf Freundschaften, die auch in der „analogen Welt“ bestehen, beschränken, mutieren weitere Portale zu inoffiziellen Kontaktbörsen, bei denen das Kennenlernen noch den Charme des Nebenkriegsschauplatzes besitzt, denn schließlich steht hier ja ein anderer Gedanke im Vordergrund. Und der wäre?

Als Neon-User bleibt natürlich nicht aus, auch diese spezielle Gruppe von Online-Junkies mit einem kritischen Blick zu beäugen, denn nicht selten frage ich mich selbst, was den Reiz ausmacht, sich in diese Community einzufügen, und wie es eigentlich soweit kommen konnte nahezu alltäglichen Plausch zu führen, weshalb man den Zeitfresser Auszeit spielt, sich mit anderen Usern identifiziert, eine bewusste oder unbewusste Personifizierung von Profilen vornimmt, mit der man womöglich in der Realität nie in Kontakt getreten wäre, und der man lapidar mit freundschaftlichen Begrüßungsfloskeln begegnet. Aber dieser Jargon ist hier etabliert, wir erhaschen in unserem Alltag eine Dosis Aufmerksamkeit und geben sie weiter. Ein zeitnahes Polieren des Egos unter imaginären Freunden. Haben wir eigentlich alle einen Knall?

Der gemeine Neon-User – wie ich von einigen erfahren habe, und auch meine Ambition hier teilzunehmen hatte einen ähnlichen Hintergrund - hat sich hier aus einer Laune heraus angemeldet. Sei es, um einen Text zu kommentieren, Selbstverfasste online zu stellen, oder auch lediglich um berechtigt zu sein beim „unnützen Wissen“ auf eine Antwort zu tippen. Was darauf folgt ist ein schleichender Prozess, der im Laufe der Zeit eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Man beginnt über Profile zu surfen, Texte, Bilder oder Webticker zu hinterlegen, die anderer zu empfehlen, die „vom Leben gelernt“-Aussagen zu klicken, mit denen man sich identifizieren kann, weiterführende Text-Diskussionen über Privatnachrichten zu führen, User sympathisch zu finden, um daraufhin virtuelle Gespräche zu führen. Mit zunehmenden Kontakten steigt die Bereitschaft sich bei jeglicher Internetaktivität parallel in Neon einzuloggen. Oder auch einfach nur so, um kurz mal ein paar Sätze zu tippen. Und vielleicht trifft man sich sogar, wenn man in derselben Stadt lebt, deutschlandweit unterwegs ist, und eben einen User aus der anvisierten Stadt „kennt“. Ist ja auch nicht verwerflich, hab ich auch getan, und möchte die ein oder andere Bekanntschaft nicht missen, aus der sich durchaus eine Freundschaft entwickeln könnte. Aber nimmt das nicht etwas überhand, wenn man „die üblichen Verdächtigen“ zu jeder Tages- und Nachtzeit hier antreffen kann?

Neben denjenigen, die etwas zu vermarkten haben, seien es eigene Texte oder künstlerische Fotos, um ein Feedback der Community fordern, tummeln sich auch Personen, die auf alles einen spitzen Kommentar zu verteilen haben, womöglich eine Rolle spielen, oder eine Facette ihrer Persönlichkeit ausleben, die sie privat aus welchen Gründen auch immer nicht zeigen können oder möchten, viele, die einfach nur ein wenig Unterhaltung und Abwechslung während der Arbeitszeit suchen, oder einfach nur spielen wollen.

Ohne das alles verteufeln zu wollen, möchte ich nur einen kritischen Blick darauf werfen, wie rasend schnell die Tendenz steigt, einen nicht unbedeutenden Teil der privaten Kommunikation online zu führen. Und das zusätzlich zu dem Part, der ohnehin schon in E-Mails und SMS geführt wird. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich gehöre noch zu der Generation, die es als Teenager noch nicht für nötig befand ein Handy zu besitzen, man auch mal einfach vor der Haustür stand ohne vorher anzurufen, in der Nachbarschaftsfeste gefeiert wurden und man die Menschen auf der Straße freundlich grüßte.

Während im direkten Umfeld bei vielen leider die Scheuklappen zunehmen, lässt man im Web 2.0 immer mehr die Hüllen fallen. Ein Trend ist auch neue Module kompatibel für andere Portale zu gestalten. Neuerdings kann man sogar YouPorn-Videos ins Facebook-Profil einbinden. Bevorzugt die eigenen Clips? Und dem weiteren Verlauf sind keine Grenzen gesetzt, denn die Nachfrage bestimmt immer noch das Angebot.

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    schön. die obligatorische kalte dusche für uns hobby-exhibitionisten, um sich beim nächsten mal noch kurz zu denken: nein, ich hab wirklich lust, diesen mantel jetzt aufzureißen. ;)

    sehr gut recherchiert & geschrieben, chapeau.

    28.10.2008, 09:52 von sophietrauer
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    ganz großer text...! sehr genau formuliert und fleißig recherchiert, hast du mit scharfem blick die dinge seziert und dabei auch vor dir selbst bzw. der neon-community nicht halt gemacht.

    eine frage stellt sich mir allerdings: wenn 66 millionen facebook-user ihre seite täglich 65 milliarden (!) mal aufrufen - dann hieße das doch, dass jeder user seine seite fast tausendmal täglich aufruft. wie soll das gehen?? dasselbe gilt fürs studivz mit 5 millionen usern und 6,3 milliarden page-impressions... sind die zahlen bewusst manipuliert (von wem wohl? ;)), hat sich da jemand verrechnet (um die tausenderstelle) oder gibt es tatsächlich dermaßen hyperaktive internetjunkies?

    07.09.2008, 10:19 von Tschoern
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    ich gebe dir in dem punkt recht, dass es doch wirklich verrückt ist ,dass bald die gesammte kommunikation in einem virtuellen raum stattfindet. ich kauf doch nicht die katze im sack oder so...

    04.08.2008, 20:23 von rolfradolfski
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      @[Benutzer gelöscht] Freiluftyoga? ;)

      27.05.2008, 15:02 von latentneurose
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      @[Benutzer gelöscht] Die allseits bekannte Antwort auf all unsere Probleme. ;)

      12.05.2008, 22:37 von latentneurose
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      @[Benutzer gelöscht] Wie deine aussehen weiß ich ja nicht, aber ich hab da schon meine Methoden. Danke.

      12.05.2008, 22:44 von latentneurose
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