Die Mutter
Seit drei Jahren kämpft Marion Waade darum, dass der Tod ihrer Tochter aufgeklärt wird
Ein Büro in einer Hochhaussiedlung im Berliner Osten, in Lichtenberg. Es könnte die Zentrale einer kleinen Spedition sein oder etwas ähnliches, zwei Arbeitszimmer, ein Konferenzraum, eine offene Küche in der Mitte. Aber in den Akten in den Schränken sind nicht Transportpapiere und Zollerklärungen abgeheftet, sondern Schicksale. Bei Anuas e. V. hilft man Angehörigen von Menschen, die gewaltsam ums Leben gekommen sind. Marion Waade hat den Verein gegründet, ungefähr ein Jahr, nachdem ihre Tochter Susan in Athen gestorben war, und sie selbst keine Stelle fand, die ihr wirklich helfen konnte. Denn Fälle wie den ihrer Tochter gibt es oft. Und umgehen kann damit in Wahrheit niemand.
Auch die Kombination ist nicht selten: Ein Tod, der von Behörden in Deutschland oder im Ausland als Suizid behandelt wird, bei dem die Angehörigen aber der festen Überzeugung sind, das Opfer wäre ermordet worden. Mütter wie Marion Waade stehen unter dem Generalverdacht, mit dem Tod ihres Kindes ganz einfach nicht fertig zu werden und einen Schuldigen zu suchen für etwas, das sie eigentlich unterbewusst ihrem Kind vorwerfen, sich selbst oder zumindest irgendwem vorwerfen wollen, obwohl es in Wahrheit keinen Schuldigen gibt. Und es gibt sicher Fälle, wo dieser Verdacht zutrifft. Und selbst in diesen Fällen gibt es für die Betroffenen kaum mehr Hilfe, als sicher Wohlmeinende, die meinen helfen zu müssen mit Ratschlägen wie „nun komm mal drüber weg!“
Und dann gibt es noch die, die recht haben mit ihren Vorwürfen und ihrem Beharren. Für die ist die erlebte Ungerechtigkeit, wie Marion Waade sagt, „ein immer wiederkehrender Albtraum.“
Sie verdächtigt den ehemaligen Lebensgefährten ihrer Tochter, Susan zu Tode gebracht zu haben, mit Absicht oder durch einen Unfall während eines Streits, und den tatsächlichen Verlauf durch einen fingierten Selbstmord vertuscht zu haben. Dies ist die Geschichte, wie Marion Waade sie sieht.
Susan ging am 25. Juni 2007 in die Wohnung ihres Exfreundes. Sie war vor einigen Wochen ausgezogen, zunächst in eine WG mit drei anderen Frauen, ab dem 1. Juli hatte sie eine eigene Wohnung gemietet, die sie für die nächsten zwei Monate mit einer Studienkollegin teilen wollte. Sie wollte persönliche Sachen abholen, und mit dem Ex über ihre Trennung sprechen. Denn Susan hatte, so sieht es ihre Mutter, sich von dem aggressiven und brutalen Mann immer weiter entfernt. Sie hatte die Kraft gefunden, Schluss zu machen.
Wir werden in den nächsten Tagen anhand weiterer Gespräche und wenn möglich der Aussagen bei der Polizei abarbeiten müssen, was wer zu dem weiteren Verlauf der Nacht gesagt hat – dies ist wie gesagt das, von dem die Mutter überzeugt ist. Es ist unstrittig, das kann man auf jeden Fall sagen, dass es an diesem Abend einen Streit in der Wohnung gegeben hat. Susan hatte an irgendeinem Punkt wohl ein Messer in der Hand. Das muss gegen 19 Uhr gewesen sein.
Susan Waade hat an diesem Abend zweimal telefoniert. Zumindest zu einem der Gespräche gibt es eine Aussage, über die wir noch sprechen werden. Ich werde auch versuchen, die Frau, die Susan angerufen hat, zu sprechen. Es war eine Freundin von Susan, mit der sie gemeinsam Musik machte. Offenbar erzählte Susan ihr, der Mann wäre weggefahren nach Kreta, es habe einen Streit gegeben, und sie habe ihn mit einem Messer in der Hand gewarnt, sie in Ruhe zu lassen. Dabei weinte sie. Das war um 19.12 Uhr. Später am Abend wurde sie offenbar noch einmal auf dem Hausflur gesehen. Irgendwann danach starb sie.
Am Abend des 30. Juni brach die Polizei die Tür auf. Sie war alarmiert worden, weil aus der Wohnung starker Verwesungsgeruch in den Hausflur drang. Susan Waades Leiche saß in der Mitte des Raumes, um den Hals die Schlinge eines Wollschals, dass an einen Seidenschal geknüpft war, der um eine Betonleiste unterhalb der Decke gelegt war. Die Beine waren seitlich unter ihr weggestreckt, eine Haltung, von der ihre Mutter meint, dass sie zumindest darauf hindeuten könne, Susan wäre an die Stelle geschleift worden. Es gab in ihrer Nähe keinen Hocker oder sonst irgendetwas, von dem sie hätte in den Tod springen können. Wenn sie sich umgebracht hat, muss sie sich mit ihrem Gewicht in die Schlinge gelegt haben, bis sie erstickte. Für ihre Mutter ist das eine sehr unwahrscheinliche Art, sich umzubringen, ganz besonders für ihre Tochter: „Susan bedeutete ihre Musik, ihr Gesang, alles. Auf gar keinen Fall hätte sie sich ausgerechnet am Hals verletzt.“
Von ihrem Büro in Lichtenberg aus setzt Marion Waade seit drei Jahren Himmel und Hölle in Bewegung, um herauszufinden, was ihrer Tochter zugestoßen ist. Sie schreibt Anzeigen und Widersprüche, Briefe und Emails, mal juristisch und manchmal auch drängende, manchmal laute Anklageschriften an jeden, von dem sie auch nur entfernt annimmt, er könne ihr helfen. Aber die Reaktion ist fast immer die gleiche: Sobald jemand bei der deutschen Botschaft in Athen nachfragt, um zu hören, wird ihm mitgeteilt, dass die griechischen Behörden den Fall als Selbstmord eingestuft haben, ist sie wieder nur die wütende Mutter, die nicht über den Tod ihrer Tochter hinwegkommt.
Dabei stimmt es nicht einmal: Die griechischen Behörden führen den Fall seit einigen Monaten als Verbrechensfall. Allerdings als unlösbaren.
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Kommentare
Susan Waade hat den Verein gegründet, ungefähr ein Jahr, nachdem ihre Tochter Susan in Athen gestorben war...
22.07.2010, 06:19 von die_buschfrauLieber Herr Pantelouris,
da stimmt was nicht...
die Mama heisst Marion!
Gruss
@die_buschfrau Danke! Ist verbessert. Und ich hänge immer noch in der Videoformatehölle fest. Nachher stelle ich die Interviews von gestern online – habe aber bei Mario Waade den Ton verhauen … und das Bild eigentlich auch, das stört mich nur nicht so.
22.07.2010, 09:44 von michalis_pantelouris