linien_untreu 07.08.2012, 23:01 Uhr 81 29

Die Menschen.

Wohin gehen die schlaftrunkenen Penner der Friedrichstraße, wenn die wärmenden Sonnenstrahlen jeden Blick auf ihre verletzliche Armut offenbaren?


Werktags, wenn die Sonne ihre Nasenspitzen unter dem verdreckten Schlafsack hervorkitzelt. Ihre gebräunten, runzligen Stirnfalten sich zu noch tieferen Furchen formen und die Hände zitternd nach dem ersten Bier des Tages greifen.

Fremde Fabelwesen stolzieren, flanieren, hetzen an ihnen vorüber und rümpfen stumm die Nase. Sie wissen, ahnen nichts vom launischen Schicksal, welches aus Palästen Kartonburgen macht. Sie kennen nur ihren stummen Arbeitsweg von der wimmeligen Bahnstation zum nächsten Bürogebäude. Und mit dem Gurren der Tauben, dem Plätschern des Brunnens, werfen sie verstohlene Blicke zu den Bänken aus Holz und Schweiß und Tränen. Auf denen liegen sie. Die Anderen. Die Verlierer. Die Menschen, die nicht wenig an Straßenhunde erinnern.

Für wenige Momente kreuzen sich die Wege. Verschwimmen die Unterschiede und gewinnen dennoch an viel stärkerer Bedeutung. Noch eben lagen sie mir zu Füßen, saßen lallend in der eigenen Trägheit fest und schauten durch glasige Augen auf mein unbeschwertes Arbeitsleben. Um acht beginnen, um halb fünf raus. Arbeit. Eine Welt fern ab ihrer Vorstellung. Eine Welt fernab, weil es lange her ist. Die letzte Mahlzeit in frischer Kleidung, die letzte Geste von Gleichwertigkeit und Respekt. Wann war das? Wann hat man das letzte Mal über sie hinweggesehen, nicht aus Scham, sondern weil sie in der Masse untertauchten?

Wenn ich nachmittags an den frisch bestückten Bänken vorbeigehe, sehe ich in entspannte Gesichter, die sich der Abendsonne zuwenden. Auf ihre Telefone einhackend und den letzten Rest Kleingeld aus einem Strohhalm saugend, so dick wie ein rosafarbenes Abflussrohr. Und sie träumen von dem Leben fernab der Spree und sie träumen von der ganzen Welt. Und ihre Körper rekeln sich dort, wo nachts die Anderen liegen.

Die Verlierer.

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81 Antworten

Kommentare

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    verlieren kann man dort und da.....drüben und im "alltagsglanz".es ist relativ.

    und oft auch eine wahl.
    aber ich mag dein text.er regt mich an.

    17.08.2012, 08:36 von pur_pur
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    Wunderschön beschrieben! Gucken kann jeder, es wahrlich zu sehen, wagen nur die wenigsten.

    10.08.2012, 04:45 von laratamina
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    finde es nicht schlecht! gefällt mir wirklich gut! an manchen stellen dachte ich fast du "erhebst" dich über diese "verlierer" - aber vielleicht ist das zu viel Interpretation. :)

    die Idee mit den Parallelwelten ist allerdings klasse! Würde mir weiteren Text/ Ausarbeitung dazu wünschen!!

    09.08.2012, 20:12 von Che-Ernesto
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    Gefällt mir, weil es die Ironie zeigt der Parallelwelten.
    Aus welchen Gründen auch immer jeder in seiner Welt (gefangen) ist, an diesen Bänken überschneiden sie sich.
    Nachts für die Einen, tagsüber für die Anderen.

    Sicherlich ein wenig "Pauschalgesinge" aber es regt zum Nachdenken über das eigene Leben an und wie gut oder schlecht es einem wirklich geht.
    Nichts ist wirklich schwarz oder weiß, aber nur so erkennt man manchmal auch die Grautöne.

    Danke Dir!

    09.08.2012, 12:35 von Jasper
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    Freedom is just another word for nothing left to lose.  (Janis Joplin)

    09.08.2012, 11:36 von Jackie_Grey
    • 0

      Freiheit macht einsam.

      Und es war Kris Kristofferson... btw...

      09.08.2012, 11:49 von sailor
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    Es gehört nicht viel dazu, so abzustürzen... Keinen Schritt weit - und du kannst ebenfalls genau dort landen!

    09.08.2012, 10:57 von Jackie_Grey
    • 1

      In Deutschland gehört wahnsinnig viel dazu. Verlierst du den Job gibt's Hart IV, brennt deine Wohnung warst du versichert, kurz um, es gibt ein soziales Netz und tausend Anlaufstellen, um Hilfe zu bekommen. Wer in Deutschland auf der Straße lebt, hat das gewählt, kann ich nicht anders sagen.

      09.08.2012, 21:11 von Pflomp
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  • 3

    Wie ich dieses bourgeoise Liebmenschentum hasse. Allein, weil warme Gedanken nicht wärmen, wenn´s kalt ist. Das tut aber auch der Euro nicht, den man gnadenvoll in Pappbecher wirft - der wird meist bloß wundersam zu Alkohol.

    Wärme gibt´s in Unterkünften, Suppenküchen, im Obdachlosenasyl oder beim "Ich-helfe-Leuten-die-voll-am-Arsch-sind" e.V.,...
    Aber hier fehlt´s am Liebmenschen...da sind sie plötzlich alle weg. Vielleicht schreiben sie gerade nutzlose Texte...(in Unkenntnis dessen was der/die Autor/in so treibt  möglicherweise nicht persönlich zu nehmen...)...oder sitzen auf der Fensterbank mit Kakao und Keksen, gehüllt in muckelige Decken und schauen leidend auf die kalte Straße vor ihrem Fenster, wo die Straßenköter ein so unangenehmes Leben haben, dass es sogar schon die eigene Wohlbefindlichkeit stört.


    09.08.2012, 10:57 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      da sind sie plötzlich alle weg.

      Das ist genauso ein Pauschalgesinge wie an einigen anderen Stellen.
      Informier dich mal und stell fest, dass es massig Leute gibt die sich auf dem Gebiet engagieren.

      09.08.2012, 10:59 von FrauKopf
    • 1

      Pixel is wieder da...

      09.08.2012, 11:28 von sailor
    • 1

      Das ist genauso ein Pauschalgesinge wie an einigen anderen Stellen.
      Informier dich mal und stell fest, dass es massig Leute gibt die sich auf dem Gebiet engagiere
      Das sind aber auch nur die Leute, die mit Volxküchen, konkreter Hilfe vor Ort oder weiss-der-Geier was sowas wie die letzte Bastion sind, wenn das Drückerstübchen, die Hilfseinrichtung XY
      keine Mittel mehr hat oder vom solidarischen Wohlfühlmenschen in der Nachbarschaft dichtgemacht wird..

      "Massig Leute" gibt es auch nicht überall...und ´ne hohe Kopfzahl und viel guter Wille ist auch keine Infrastruktur.

      Und natürlich is das "Pauschalgesinge". Das dürfte auf die meisten Aussagen zutreffen, die so Worte wie "alle", "jeder", "immer" enthalten.

      Die "guten Leute" mit den hehren Idealen und den sauberen Lebensläufen sind trotzdem halt gerne mal weg wenn´s wirklich drauf ankommt...

      09.08.2012, 13:56 von derHerrMitDemPixel
    • 1

      Ich muss los...

      09.08.2012, 14:04 von sailor
    • 0

      ja...ich auch...

      09.08.2012, 14:08 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      Aber ich find's toll, daß wir drüber geredet haben.

      Ich denke auch, da müsste einer irgendwie auch mal was machen... Irgendwann...

      09.08.2012, 14:10 von sailor
    • 0

      sei einer :).
      is ganz einfach.

      09.08.2012, 14:18 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      Ich muss los...

      :D



      09.08.2012, 14:19 von sailor
    • 0

      muss ja auch nich.
      sonst muss man ja auch gleich wieder die welt retten.

      gibt auch schöneres was man machen kann.

      09.08.2012, 14:21 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      Pixel, erklär och mal ganz konkret, was u tust. Vielleicht bekommt er ein oer anere ja eine Inspiration. Un amit hast u eine gute Tat es Tages erleigt. :)

      09.08.2012, 18:25 von topfbluemchen
    • 0

      öffentliches "auf den zahn fühlen", wa ?
      :o)



      09.08.2012, 18:49 von derHerrMitDemPixel
    • 1

      Klar, wollte mal antesten, ob u auch im Glashaus sitzt *schepper, klirr* :-)

      09.08.2012, 18:51 von topfbluemchen
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  • 0

    Gut geschrieben, wenn mir das auch zu verklärend von der Aussage ist. Ich würde versuchen alles was noch an ideologischen Tendenzenden im Text drin steht, herauszueditieren und dann wäre das ein schönes impressionistischen Textgemälde 

    09.08.2012, 09:13 von EliasRafael
    • 0

      *Impressionistisches Textgemälde*. DAS schöne Wort lasse ich mir jetzt aber auf der Zunge zergehen, Elias :)

      09.08.2012, 10:55 von Jackie_Grey
    • 0

      ich dachte an sowas

      09.08.2012, 10:59 von EliasRafael
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