primelee 16.04.2007, 02:24 Uhr 30 25

Die Luftpumpe

Ich kam zufällig mit meinem Nachbarn ins Gespräch. Und erfuhr, warum er eher seinem Terrier vertrauen würde als Bekannten aus der DDR.

Es war eine Luftpumpe, die mich zu Karl Marx geführt hat. Er wohnt im Erdgeschoss mit seinem kleinen Cockney Terrier namens Ricky. Kein Scherz. Die Rede ist von einem real existierenden Bürger, der ein echter Marx ist, aber kein Marxist. Er heißt nur so: Marx, mit Vornamen Karl-Heinz. Was die Eltern sich wohl dabei gedacht haben. Ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen, weil bei mir die Luft raus ist. Mein Muji war platt. Ich schob es nach Haus. Da sah ich einen Mann - Typ pensionierter Postbeamter – mit weißem Schnauzer und viel zu kurzen Hosen vor dem Hauseingang stehen, eine billige Zigarette rauchend und mit seinem Ricky plaudernd. „Das ist ein schönes Klapprad.“, sagte der Mann, dem man es nicht anmerkte, dass er womöglich ein ganzheitliches revolutionäres politisches System auf dem Gewissen hat. „Die Luft ist raus, soll ich dir meine Luftpumpe geben?“.

So begann unser Gespräch. Ich kannte kaum jemandem von meinen Siebziger Jahre-DDR-Plattenbau-Nachbarn. Nur die Biscuits links nebenan, die mir mal einen Bohrer ausgeliehen haben und die Langes, rechts nebenan, die mir immer mit Zwiebeln, Zucker und sonstigem Standard aushelfen, wenn ich beim Kochen an meine logistischen Grenzen stoße. Und noch die schöne Künstlerin Heike Heinze (Baujahr 60er Jahre) aus dem Erdgeschoss, die mir mal erzählte, dass sie nachts nebenan einen Mann manchmal weinen hört. Er habe einen Hund und lebe allein. Rentner ohne Familie und Freunde.

„Mein Name ist Karl“, stellte er sich schüchtern vor. Beim Reden öffnete er nie den Mund, sodass seine Sätze vernuschelt in meinem Ohr landeten. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass er vielleicht mal eine Hasenscharte-Operation hatte, und diese hinter dem altmodischen Beschattungselement zwischen Nase und Oberlippe zu verstecken versucht. Er holte die Luftpumpe aus seinem Einzimmer-Appartement und pumpte eigenhändig meinen Muji damit auf. Danke. Ich erfuhr, dass er Geburtstag hatte. Oh Gott. Keiner, der ihm gratuliert, der bei ihm sein möchte, ihm einen Kuchen mitgebracht hatte? Das ist zum Heulen, dachte ich und beschloss, mit ihm eine Kneipe in einer Seitenstraße der Friedrichstraße aufzusuchen. So kam es, dass ich mit Karl Marx in jener Donnerstagnacht im August 2006 an einer Theke saß. Mit einem Mann, der nicht ‚Das Kapital’ geschrieben hatte. Auch erwähnenswert, dass er übrigens kein Vordenker einer politischen Generation war. Mit dem Kommunismus hatte er nichts zu tun. Nunja. Er hatte mit der Stasi viel zu tun, oder besser: Sie hatten mit ihm zu tun.

Big Honni is watching you

Karl Marx war ein Staatsfeind, nicht verfassungskonform. Als KFZ-Mechaniker in Ostberlin hatte Karl Marx mal in einer illustren Runde unter Arbeitskollegen über die DDR geschimpft. Es dauerte keine sieben Tage, plötzlich hat ihn die Polizei zur Wache bestellt. Er sagte seiner damaligen Frau, er gehe zur Polizei kurz Papierkram erledigen. Doch er kam an diesem Abend nicht mehr nach Hause. Auch an dem Abend danach nicht, und an dem darauf folgenden Abend ebenso. Karl Marx wurde verhaftet wegen Staatsverrats. Ihm wurde seine Brieftasche entwendet, seine Uhr, Schnürsenkel und Gürtel. Er kam in eine Zelle und durfte mit niemandem sprechen. Ein einziges Buch, ein unbedeutender Roman lag auf dem Stuhl. Karl verlor das Zeitgefühl. Am Anfang war er voll Wut. Wut wurde Angst. Angst wurde Verzweiflung. Verzweiflung zu Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit zu Langeweile. Langeweile zu Selbstlosigkeit. Und dann fing er an, diesen Roman zu lesen, damit wenigstens irgendwas passiert. Er las den Roman 21 Mal. Er freute sich über den täglichen Ausgang, wo er frische Luft atmen konnte, die er gleich mit Nikotin erstickte. Es war nicht einfach für einen Kettenraucher in einer winzigen Zelle, der zudem auch unter Platzangst leidet. Das ist der Grund, warum er nur im Erdgeschoss leben kann, und in einer Wohnung mit Balkon. Die Welt ist groß, und sobald ihm eine kleine Welt vorgesetzt wird, in der er nicht den unmittelbaren Weg zur großen Welt findet, bekommt er Angst.

Die Polizeibeamten wollten, dass er ein Papier unterschreibt. Was da drauf stand? Keine Ahnung. Es war ihm egal. Die ganze Welt war ihm egal. Er fühlte sich nicht lebendig. Er hat sich daran gewöhnt, sich nicht zu spüren. Doch das, woran er sich nicht gewöhnen konnte, war die kleine Zelle. Nach knapp einer Woche willigte er endlich ein, unterschrieb das Papier und ging nach Hause, als ob nichts passiert sei. Von da an änderte sich sein Leben schlagartig.

Das Leben danach

Seine Frau trennte sich von ihm, sie hatte ihn noch nicht mal gefragt, wo er gesteckt hatte. Hat sie sich denn keine Sorgen gemacht? Die KFZ-Werkstatt kündigte ihm. Sein bester Freund machte fortan einen großen Bogen um ihn. Wer will denn schon mit einem Staatsfeind zu tun haben. Die Leute hatten Angst vor ihm, vor dem armen Mann. Karl Marx mied fortan Plätze mit vielen Menschen, sprach in einer Gruppe kaum, und führte ein ruhiges Leben als Bauhelfer an schmutzigen Baustellen, und koordinierte den Bestand von Fertigteilbetonwänden. Er hatte das Vertrauen in die Welt verloren. Sein Charakter passte sich dem an, was die DDR von ihm verlangte. Es wurde schwach, leise, gebrochen und außer Gefahr gesetzt.

„Interessiert es dich denn nicht, deine ja nun öffentlich zugängliche Stasiakten einzufordern. Du kannst in Erfahrung bringen, wer dich damals verpetzt hat?“, fragte ich gegen ein Uhr morgens. Nein, er habe abgeschlossen. Es würde in ihm alles hochkommen. Vor allem, wenn es ein guter Freund gewesen ist. Und daran würde er zugrunde gehen. Menschen haben bei ihm einfach verschissen. „Ich muss wieder zurück“, sagte er „Ricky wartet darauf, seinen letzten Rundgang zu machen.“

Ich war erschüttert über die Grausamkeiten in der DDR, mit denen ich noch nie zu tun hatte. Und habe mir vorgenommen, keine Luftpumpe zu kaufen. Die Luftpumpe könnte beim nächsten Mal ein guter Anlass sein, um erneut ins Gespräch zu kommen mit meinem Nachbar.

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Kommentare

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    hey,
    super Text, der Titel hatte mich zuerst nicht so angelockt, aber als ich anfing zu lesen konnt ich auch nicht mehr aufhören. Interessantes Thema und guter Schreibstil- 很有意思 ;o)

    14.05.2007, 11:40 von on.the.road.again
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      @on.the.road.again Komischerweise redet mein Nachbar nicht mehr so richtig mit mir. Hätte ich doch seinen Namen ändern sollen hier? Wie macht ihr Blogger es denn?

      23.09.2008, 21:32 von primelee
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    @ Mädchen: Ach genau das liebe ich so an Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Na klar hast Du recht. Es ist anmaßend Schinkel mit einer chinesischen Provinzfirma zu vergleichen, die Gucci-Taschen fälscht. Aus unserer Sicht. Meinem Vater (chinese) ist es übrigens so ziemlich egal, was ein Patent ist und was nicht. Er ist mit einem anderen Wertesystem aufgewachsen und kann kommt einfach mit seiner Wertevorstellung nicht so richtig klar in Deutschland. Ich kann beide Seiten verstehen: Mein Vater schimpft über die Deutschen und bezeichnet sie als unmenschlich und undankbar. Wie kann man nur seine Eltern in einem Altersheim parken, nur weil man Karriere machen will oder mit Frau und Kind alleine sein will? Verstehst Du? Menschenrechte bedeuten bei uns das, in anderen Kulturkreisen bedeuten Menschenrechte was anderes. In China zum Beispiel als seniler Vater das Recht auf Familie. Aber das werden wir Deutschen nie nachvollziehen können, genau so wenig, wie Chineses nachvollziehen können, wieso deutsche Journalisten ungestraft über Liebesaffären von Staatsoberhäuptern berichten dürfen. Und das kleinste Übel hierbei ist den Chinesen (so wie es mir erscheint) die Diskussion um Patente, Originale, Archetypen, Design, Bauhaus, DIN Normen usw. Mein Vater hat bis heute nicht verstanden, warum er einem Privatunternehmen mehrere Tausend Euro überweisen muss, nur weil er eine chinesische Karaoke CD in seinem Restaurant gespielt hat mit seinen eigenen Liedern, die er SELBST gesungen hat (Mein Vater liebt Karaoke wie halb Asien). In Italien nennt man sowas Mafia, in Deutschland heisst das GEMA. Die Rechtstaatlichkeit Deutschlands schützt die GEMA, keine Chance, als kleiner chinesischer Mann kommt er nicht an sein Recht, falls er denn überhaupt welche hat gegenüber dem vermeintlichen Interessenverband GEMA. Hat jmd Erfahrung damit?

    24.04.2007, 01:34 von primelee
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    @Ghandi
    Ich hatte auch schon vermutet das wir grundsätzlich aus der gleichen Richtung kommen. Und dem, was du jetzt über den Vergleich der Wertesysteme sagts, stimme ich auch prinzipiell zu.
    Aber ich denke es gab nicht viel mehr einen sozialistischen Masterplan als es einen kapitalistischen gibt.
    Der Sozialismus war ein Staatssystem an das die DDR Führungsriege und noch paar andere felsenfest geglaubt hat. Die haben, meiner Meinung nach, WIRKLICH geglaubt, die tun uns DDR Bürgern mit ihrer Politik was gutes. Die sassen nicht da und haben überlegt "na wie können wir sie denn als nächstes drangsalieren, unsere lieben Bürgerchen".
    Und wenn jemand in ihren Augen dem Staat womöglich schaden wollte, musste derjenige dabei behindert, vielleicht sogar ausgeschaltet werden. Das passierte häufiger, je mehr das System unter Druck war zum Ende hin. So eine Diktatur ist durch Angst gekennzeichnet. Die politische Elite hat genausoviel Angst vorm Machtverlust, vorm Volk, wie das Volk vor Der Regierung.
    Aber bisher hat noch jedes politische System unter Druck solche Früchte getragen.
    Weltwirtschaftskrise > Faschismus > Weltkrieg.
    Und heute werden auch wieder unschuldige Menschen ohne Gerichtsverhandlung auf purem Verdacht hin eingesperrt. Weil der Staat/ die westliche Welt sich angegriffen fühlt, sein Staatswesen bedroht sieht und es mit allen Mitteln verteidigen will, weil es an seine eigenen Werte unumstösslich glaubt. Recht oder Unrecht bleibt dabei eine Interpretationsfrage.
    Vielen Dank für den Austausch. Ist ganz gut mal aus anderer Sicht etwas "relativiert" zu werden.

    @primelee
    Na da hast du ja was losgetreten, wa?
    Ist ein ganz interessantes Thema für viele anscheinend.
    Was Du zum Thema Identitätsverlust sagst finde ich ganz wichtig. Man hat eben doch viele Jahre in einer ganz anderen Realität gelebt und diese plötzlich übernacht ausgelöscht zu finden, ist schon ein bisschen krass. Jemand der das nicht miterlebt hat, kann das glaub ich nur schwer nachvollziehen. Mir selbst ist das erst kürzlich bewusst geworden, was für zwei unterschiedliche Welten ich bewohnt habe in meinem Leben.

    23.04.2007, 20:37 von holzauge
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    @primelee

    Auch wenn Du ein wenig sehr halbseiden argumentierst im Zwischenteil Deines Kommentars, so find ich doch Deine Abschlußworte ganz richtig und schön.

    Nur mal zur Architektur:
    Eine architektonische Lösung ist kein Patent, sondern immer eine ortsspezifische Sonderanfertigung (richtige Architektur meine ich, nicht Typenhäuser von FH-Bauings).

    Städtebauliche Konzepte sind Systementscheidungen: also nicht vergleichbar mit der Ausführungsplagiierung, sondern mit der Entscheidung zur Magnetbahn beispielsweise.

    Und Klassizismus und Eklektizismus sind komplett neue Baustile, die sich alter Formensprache bedienen, aber neu zusammensetzen bzw. idealisieren. Neugotik erkennt man beispielsweise an der absolut stilreinen gotischen Ausführung.

    Entschuldige die Ausführung, aber Schinkel mit jemandem zu vergleichen, der etwas auseinanderbastelt, um es identisch selbst nachbauen zu können (was auch ne Leistung ist und ohne darüber hier ein Urteil fällen zu wollen) kann ich so nicht stehenlassen. ;-)

    Nichtsdestotrotz ist Dir im Wichtigen zuzustimmen.
    Du mußt nur verstehen, daß man erstmal geplättet ist, wenn man derartige Geschichten liest.
    Ich persönlich bin es nicht gewöhnt, meinem Umfeld generell mißtrauen zu müssen.

    23.04.2007, 14:09 von Dein_Maedchen
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    Danke für die Blumen, liebe Blogger.

    Ich möchte an Holzauges Argumente anknüpfen. Meiner Meinung nach dürfen wir die Dinge nicht durcheinander bringen. Die Stasi ist unmenschlich gewesen. Keine Frage. Aber die DDR ist nicht gleich Stasi. Genauso wenig wie George W. Bush gleich USA ist oder Osama Bin Laden gleich Islam.

    Die DDR war ein totalitäres Regime mit vielen Schwächen aber auch Stärken. Was ich aber nicht so gerne höre, ist, wenn wir Wessis so überheblich behaupten, die da drüben hatten ja keine Freiheit, keine Menschenrechte, keine Demokratie usw. die armen Würstchen hatten es ja so schlecht und sind eigentlich genauso bemitleidenswert wie Ausländer, Behinderte oder Juden. Wie können wir denn urteilen, wenn wir das gar nicht gelebt haben.In Kuba gibt es kein Benzin und kein Klopapier zum Arschabwischen (echt wahr, ich bin von Hotel zu Hotel gerannt), aber reicht das aus, dass wir überheblichen G8-Wessis den anderen sagen sollen. was richtig und was falsch ist? Aus der Sicht der Kubaner gibt es natürlich auch eine Diskussion, was richtig und was falsch ist. Nur anders. Sie haben eine andere politische Kultur, die halt nicht so offen ist wie hier, wo Journalisten Bundeskanleramtskandidaten in Fernsehduellen verhören. Die sind halt einfach anders. Und ich denke, es funktioniert auch, auch wenn wir das nie verstehen können.

    Ist Euch mal aufgefallen. dass die Presse hier in Deutschland überwiegend negativ über die chinesische Entwicklung berichtet? Kann es denn sein, dass China eine Bedrohung ist? Berichten wir schlecht über die Chinesen, weil sie keine Menschenrechte haben, oder vielleicht deswegen. weil sie ohne unser heißgeliebtes demokatisches System so mächtig geworden sind? Diese Plagiatsjammerei ist heuchlerisch. Bitte vergesst nicht. dass wir im Kopieren bereits ein ganz anderes Niveau erreicht haben: Wir kopieren mittlerweile nicht nur Städtekonzepte (Piazza del Poppolo aus Rom wurde in Berlin als Friedrichstadterweiterung importiert), sondern sogar ganze architektonische Epochen aus dem antiken Rom (oder wie bitte ist Schinkels und Klenzes Wirken, welches als Historismus oder Klassizismus legitimiert wird, zu erklären?)

    Gemessen an wirtschaftlichem Erfolg, müssen wir doch mal hinterfragen, ob denn wirklich Demokratie tatsächlich das Ideal ist. Denn Die Chinesesn machen es faktisch auf ihre Art besser als wir. Schauen wir mal nach Indien. die haben auch ein anderes System und glauben an Kasten. Die Inder wachsen wirtschaftlich auch schneller als wir, auch ohne unsere Demokratie.

    Sind denn wirtschaftlicher Kennwerte (wachstum, Arbeitslosigkeit, Inflation usw.) überhaupt das geeignete Meßinstrument? Nur weil ein Land wirtschaftlich erfolgreich íst, ist es deswegen ein besonders gutes und lebenswertes Land, schauen wir nach Finnland (wo die höchste Selbstmordrate ist) oder nach Dubai (will man da wirklich leben?). Forscher versuchen bereits mit anderen Kennzahlen zu messen, wie man gute von weniger guten Ländern unterscheiden kann (Human Development Index, Happyness Index). Und was die Zufriedenheitsstatistiken in Deutschland, wohl gemerkt G8 Staat, betrifft, sindd wir Deutsche nicht gerade die Glücklichsten der Welt trotz Demokratie und Presse- und Meinungsfreiheit.

    Natürlich bekommt man Angst, wenn einem auf einmal gesagt wird, das eigene politische System (Demokratie), an das man immer geglaubt hat, ist nicht das richtige. Die Existenzgrundlage wird einem unter den Beinen weggezogen, und man verliert Identität. Das muss ein Gefühl sein, wie sterben. So ähnlich müssten sich viele Deutsche gefühlt haben, die sich in der DDR arrangieren konnten, und die Mauer fiel.
    Ich denke, wir BRD machen es auf unsere Art richtig, und die DDR hat es auf ihre Art nun mal auch dreißig JAhre lang richtig gemacht. Wir müssen aufhören, den anderen zu sagen was richtig und was falsch ist. Denn es ist einfach unmöglich mit Mathematik zu erklären, ob Biologie richtig ist, oder mit Physik zu erörtern, was im Musikunterricht verbesserunsgwürdig ist.

    Besser ist es, dass wir uns auf uns konzentrieren, unsere Systeme stärken, sie optimieren und einfach mal unserem Nachbar eine Luftpumpe ausleihen, wenn er eine braucht, oder mal jmd auf ein Bier einladen, wenn er Geburtstag hat. Damit bewirken wir, finde ich, politisch viel mehr.

    22.04.2007, 17:41 von primelee
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    Als die Mauer fiel war ich 10 Jahre alt. Kind einer typischen DDR-Kleinfamilie. Meine Eltern überlegten damals sehr lange ob sie Einsicht in ihre Akten wollten oder nicht. Sie entschieden sich beide dagegen. In den damaligen Zeiten, in denen sowieso alles zerbrach und sich änderte wollten sie sich nicht noch mehr psychischen Lasten aussetzen. Meine Mutter arbeitet als Erzieherin in einer Kindertagesstätte, hatte studiert, war hochqualifiziert. Bis zum Mauerfall hatte sie vergebens versucht eine leitende Position in ihrem Beruf zu bekommen. Was daran scheiterte das sie sich weigerte die Parteischule zu besuchen und in die SED einzutreten. Mit dem Tag des Mauerfalls beförderte man sie plötzlich zur Leiterin der Kindereinrichtung in der sie arbeitete. Was aber nicht bedeutete das man die alten parteitreuen Mitarbeiter entließ. Meine Mutter ließ sich 1 Jahr später in eine andere Einrichtung versetzen, da die alten Strukturen und ihre Mitarbeiter immer noch aktiv waren und gegen diese nicht anzukommen war. Ein Zustand der bis heute anhält.

    Was ich damit sagen will ist, dass bis zum heutigen Tag, in den verschiedensten Berufsgruppen, Firmen und öffentlichen Ämtern der Anteil alter Stasi Mitarbeiter noch hoch genug ist und die alten Seilschaften nach wie vor alles unterwandern und lenken.

    Ich arbeite seit ca. 10 Jahren in der Verwaltung des größten Krankenhauses meiner Heimatstadt, weiß mittlerweile wie die Dinge dort laufen und wer die Fäden in der Hand hält. Das ungerechte System und die Macht des alten DDR Regimes werden wohl erst in den nächsten 30 Jahren endgültig verschwinden. Wenn überhaupt.

    22.04.2007, 16:41 von Tollwut
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    @dein mädchen:
    "[...]wenn ganz viele Menschen um einen herum sind, die einen von vorn bis hinten hintergehen und betrügen."

    ich muss sagen, von den "Freunden" die ich hier im Westen kennelernte, vertrau ich noch nicht mel der Hälfte, weil ich davon einigen hintergangen und betrogen wurde und auf die hat der Staat keinen Druck ausgeübt. Manche Menschen sind nunmal einfach nur schlecht und manche haben einfach nur Angst.

    @primelee
    Der Text ist sehr gut geschrieben.
    Aber 100% Meinungsfreiheit gibt es nirgends. Auch heute in der BRD nicht.

    22.04.2007, 12:29 von Riku_Hana
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    Super Text, Du beschreibst die schwärzeste Seite der DDR, die politische Seite, die am meisten Wut geschürt hat unter den Bürgern. Jaja, Honi was the hardest, man traut´s ihm gar nicht zu. Und die ganzen feigen Arschlöcher, die dem Staat aus Angst in den Arsch gekrochen sind und andere "verpetzt" haben, nur damit der eigene Arsch gerettet wird. Viele davon leben ja sicher immer noch und ich frage mich wie gut die wohl schlafen können bei ihren vergangenen Aktivitäten für das so unmenschliche Staatssystem.

    Der inhalt deines Textes ist sehr wichtig, daran darf man nicht vorbeisehen. Dennoch dürfen wir nicht die guten Seiten der DDR vergessen, wie das Schulsystem und andere Dinge, die wir viel zu leichtfertig über Bord geschmissen haben, weil wir blind glaubten, der Westen sei so viel besser.

    21.04.2007, 14:08 von SirMCPedta
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    Ein sehr schöner Text.

    21.04.2007, 12:52 von bluros
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    @holzauge

    Vielleicht meinen wir viel eher ähnliche Dinge, als es den Anschein hat. Ich will die DDR nicht als Gebilde hinstellen, in dem es nicht möglich war, persönliches Glück zu erlangen. Und natürlich (alles andere wäre verblendet) sehe ich auch die enormen Defizite und Probleme westlicher, parlamentarischer Demokratien einschließlich der BRD. Aber ich finde, und hier mögen unsere Meinungen vielleicht auseinander driften, daß garantierte Arbeitsplätze, so schön das Konzept auch war, in irgendeiner Weise für erlittenes Unrecht in genannter Form aufwiegen. Insofern ist es für mich sinnlos, die positiven Aspekte des DDR-Systems den schlechten gegenüber zu stellen.

    Nächstes Thema: Kapitalistisches Wertesystem. Kapitalismus ist böse, zynisch und menschenverachtend. Richtig, bestreiten nur wenige (Librale beispielsweise). Aber es gibt keinen kapitalistischen Masterplan in der BRD, der bestimmte Menschen bewusst ihrer ihnen zugewiesenen Bestimmung (also beispielsweise dem Prekariat) zuführt. Der Unterschied zwischen dem Unrechtsstaat DDR und dem ungerechten Staat BRD ist die Zielsetzung. Das waren Menschen, die auf den Wachtürmen standen und im MfS saßen und im Zentralkomitee abstimmten. Die wussten, was sie taten und sie begingen Unrecht. Nicht an allen, nicht mal unbedingt an der Mehrheit (in den meisten Fällen). Aber es reicht ein Mensch. Und sie taten es in einem System, das sie dafür lobte.
    Auch der BRD gab es eine Menge Fälle, in denen Staat und Kapitalismus Menschen unrecht getan haben, auf jeden Fall. Aber es gibt hier die Möglichkeit, auf ein prinzipiell funktionierendes Rechtssystem zurückzugreifen, das sich nicht, dem jeweiligen Machthaber entsprechend, komplett in seiner Ausrichtung ändern kann. Und das war in der DDR einfach nicht der Fall.
    freundliche Grüße,
    Ghandi

    21.04.2007, 02:09 von Ghandi
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