EllaBleu 26.09.2007, 15:42 Uhr 48 29

Die Letzte macht die Tür zu

Ich habe einen neuen Job. Dafür verlasse ich nach 15 Jahren mein Ostdeutschland. Wieder eine, die geht...

Mein ICE kriecht im Schneckentempo aus dem Hauptbahnhof. Wir verlassen eine Stadt, die ab dem nächsten Monat meine werden soll. Hamburg. Durch einen Tränennebel sehe ich, wie die Häuser immer schneller vorbeifliegen. Ich wollte den Job, den ich heute bekommen habe. Ich wollte ihn wirklich. Aber erst jetzt, wo ich weiß, dass in den nächsten Tagen mein Arbeitsvertrag im Briefkasten liegen wird, merke ich, wie viel mir das, was ich für diesen Job aufgeben werde, fehlen wird. Ich verlasse mein Ostdeutschland.

Es war nicht von Anfang an meins. Es ist meins geworden. In 15 Jahren, seit 1992. Damals zog ich mit meinen Eltern aus dem Rheinland an die Ostsee. Ich war 15 und fand die neue Stadt stockhässlich. Von den Häusern bröckelte der Putz und die Februarluft stank nach Kohleöfen. Mein Hund nieste jedes Mal, wenn ein Trabi vorbeiknatterte. Ich kam in eine Schule, die ich beim ersten Anblick für das Gefängnis der Stadt gehalten hatte. Meine neuen Mitschüler beäugten mich misstrauisch und fragten, warum ich nicht in den Westen zurückging, wo ich hingehörte. Pah, dachte ich. Ihr Idioten. Als ob ich freiwillig hierher gekommen wäre.

Es dauerte etwas, aber dann wurden die Idioten meine Freunde. Die Häuserfassaden begannen, in Pastell zu leuchten, die Trabis kamen auf den Schrott und die Luft roch nach Salzwasser. Ich erlebte mit, wie die Stadt ihre graue Hülle abstreifte. Was darunter zum Vorschein kam, gefiel mir so gut, dass ich mich glatt verliebte.

Wir bestanden unser Abitur, und meine Freunde, vormals die Idioten, zogen hinaus in die weite Welt. Auslandsjahr in England, Studium in München, Ausbildung in Düsseldorf. Meine Ost-Freunde eroberten den Westen. Nur eine Handvoll blieb übrig, darunter ich, der Wessi. Ich wollte nicht weg aus meiner Stadt am Strand.

So richtig war ich gar kein Wessi mehr: Proportional zu den Jahren, die vergingen, stieg der Ossi-Anteil in mir. Ich wurde ein Ostbürger ohne DDR-Vergangenheit. Ich war eingeostet. Ich wusste diese Wandlung nicht genau zu definieren, und auch heute weiß ich nur diffus, worin mein Ossi-Sein eigentlich genau besteht. Doch ich bemerkte die Wandlung besonders stark, wenn ich meine alten Freunde im Westen besuchte. Wenn sie über jenes „Drüben“ lästerten, das sie schon aus Prinzip noch nie betreten hatten. Wenn Leute mich aufrichtig fragten, wie man denn da drüben eigentlich lebe, im „Ausland“. Wenn die Nachbarn meiner Großeltern über den Soli-Zuschlag jammerten, und die Massen an Geld beklagten, die der Aufbau Ost angeblich sinnlos verschlang. Ich verteidigte mein Ostdeutschland bis aufs Messer. Die Kritiker schüttelten mitleidig die Köpfe. Das arme Mädchen. Drüben wird man gehirngewaschen.

Doch meine Ost-Sozialisierung hatte es nicht geschafft, meine West-Herkunft völlig zu begraben. Meine Wurzeln machten sich in mir immer dann bemerkbar, wenn meine Ost-Kollegen über Geldgier und Machtgeilheit der Wessis schimpften. Wenn es hieß „die Wessis sind ja alle...“. Wenn sie von der neuen Einbauküche und vom ersten eigenen Benz schwärmten, und im nächsten Atemzug über Kapitalismus und Bundesregierung zeterten. Wenn ich sagte, dass ich selbst aus dem Westen sei, erntete ich oft erstaunte Blicke. „Das merkt man Dir gar nicht an.“ Oder „So siehst Du gar nicht aus.“ Ja, wie sieht man denn aus, als Ossi oder als Wessi? In dem Unternehmen, in dem ich heute arbeite, sind 60 Prozent Ossis und 40 Prozent Wessis. So in etwa. Ich höre meist nur an der Satzmelodie, woher die Leute stammen.

Mittlerweile leben fast alle meine Freundinnen in Westdeutschland. Ein paar in Berlin. Selbst diese letzte Handvoll, die nach dem Abitur an der Ostsee geblieben war, hat im Laufe der letzten Jahre rübergemacht. Zurückgeblieben sind nur meine Freundin und ich. Ich bin von der Ostsee weggezogen, aber ich konnte immerhin im Osten bleiben. Ich zog von Großstadt zu Großstadt, immer der Arbeit hinterher. Auf jeden Job folgte ein etwas besserer, mit einem bisschen mehr Geld, einem bisschen mehr Urlaub und einem bisschen mehr Sicherheit. Der Preis, den ich dafür zahlte, war umziehen zu müssen. Meine Freundinnen lachten. Ich, der Wessi, hielt mich hartnäckig im Osten. Ich fand das gut. Ich fühle mich hier wohl. Ich mag das Hanseatische an Rostock, das Abgefuckte an Berlin, das Szenige an Leipzig.

Leipzig. Das ist meine letzte Station in Ostdeutschland. Hier landete ich vor kaum zwei Jahren. Für den Job, den ich mir immer erträumt hatte. Nach 18 Monaten lief mein Vertrag aus. Ich bekam einen Jahresvertrag bei einer Zeitarbeitsfirma, die mein Arbeitgeber gegründet hatte, um nicht nach Tarif bezahlen zu müssen. Nun arbeite ich dasselbe wie meine Kollegen, aber ich verdiene ein Drittel weniger Geld, habe weniger Urlaub und darf nicht mal dieselbe Berufsbezeichnung führen. Für Ostverhältnisse bin ich in meiner Branche an der Spitze angekommen. Höher hinaus geht nicht. Aber mir geht es gar nicht ums Höher-hinaus. Mir geht es um gleiches Geld für gleiche Arbeit. Wäre ich ortsgebunden, müsste ich mich mit dem zufrieden geben, was ich hier habe. Ich bin aber nicht ortsgebunden.

Ich beschloss, mich zu bewerben. Und es hat geklappt. Heute. Bevor ich in diesen ICE gestiegen bin, der mich nun nach Leipzig zurück bringt. In den nächsten Tagen kommt mein Arbeitsvertrag. Bezahlung nach Tarif. Insofern habe ich es geschafft. Der Preis dafür: Mal wieder Kisten packen. Und mein Ostdeutschland zurücklassen.

Mir laufen die Tränen übers Gesicht, während die Landschaft vorbeizieht. Aber ich habe mir vorgenommen, nicht zu jammern. Ich habe eine Wahl getroffen. Ich bin nicht die einzige, die geht, obwohl sie eigentlich lieber bleiben würde. Wir waren 18 Mädels in der Abiturklasse. Es leben noch fünf in unserer Heimatstadt an der Ostsee. Eine davon ist meine Freundin. Alle anderen sind weg. Jene mit der guten Ausbildung und den Ambitionen.

Jetzt gehe ich dahin zurück, wo ich hergekommen bin. Nach 15 Jahren. Die Rezeptionistin im Hotel fragte mich heute morgen, ob man Leipzig im schönen Sachsen-Anhalt mit „b“ oder „p“ schreibe. Ich bin echt gespannt, wie es wird, in Hamburg.


Tags: Geld verdienen
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48 Antworten

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    beeindruckend!

    13.08.2008, 17:18 von akroqueen
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    schön das mal aus der perspektive zu lesen.
    und ich drück dir die daumen,dass alles gut wird.

    12.10.2007, 11:00 von lila-hexe
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    Super geschrieben, mir geht das Herz auf!
    Aber HH is auch ne schöne Stadt, zwar nicht so geil wie BERLIN, aber man kann es aushalten.

    08.10.2007, 08:34 von kleiner_flo
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    Bin 2000 das erste mal nach Hamburg gezogen. Dann aber nach einem halben Jahr wieder ins Rheinland zurückgekommen. Es lag wahrscheinlich daran, dass ich vier Jahre zuvor schon mal 250 km aus der ländlichen Eifel in die Rheinmetropolregion umgezogen bin. Jetzt lebe ich nach einigen Jahren in Düsseldorf und Krefeld, wieder seit zwei Jahren in Hamburg und liebe diese Stadt. Wenn Du magst, können wir uns mal treffen!? Liebe Grüße und viel Spaß in HH.

    07.10.2007, 13:46 von nads
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    Hi, ein toller Text. Aber leider beschreibt er ein Problem, das in diesem Maße überhaupt nicht existiert - auch wenn der Medientenor natürlich oft in diese Kerbe schlägt:
    1.) Verlassen werden in Ostdeutschland in erster Linie ländliche Gegenden - da hat es in Westdeutschland in den letzten 60 Jahren auch gegeben. Schaut Euch Oberfranken oder die Eifel an! Menschen ziehen nicht unbedingt von Ost nach West, sondern vom Land in die (Vor)-Stadt. 2.) Bei den Wanderungszahlen, der in den Medien immer genannt wird, dringend auf den Saldo (!) achten - dann sieht die Geschichte weniger dramatisch aus
    3.) Der Rest sind subjektive Betrachtungen - wärest Du z.B. Freiburg / Breisgau oder Kassel aufgewachsen, hätte auch dort ein großer Teil Deiner Freunde die Stadt verlassen. Die Tatsache, dass die Leute überproportional in den Westen gehen, liegt daran, dass der Westen dreimal größer ist als der Osten. Bitte nicht den Fehler machen, und eine Asymmetrie beklagen, wo eine Symmetrie gar nicht gegeben sein kann. 4.) Leipzig liegt in Sachsen.
    Gruß, Realist

    07.10.2007, 00:45 von Realist
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      @Realist Rostock hatte 1992 etwa 250 000 Einwohner. Am 31. 12.2006 waren es nur noch 199.868. Ich kenne keine Großstadt in Ostdeutschland (außer vielleicht Berlin), die mehr Zuzug als Wegzug verzeichnet. Insofern sehe ich sehr wohl ein Problem.
      Leipzig liegt in Sachsen - gut, dass das endlich klargestellt wurde ;-)

      07.10.2007, 11:03 von EllaBleu
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    Hab die erste Woche Hamburg hinter mich gebracht. Trotz aller Anfangswehwehchen weiß ich, dass es richtig war, nach Hamburg zu gehen. Ich bin ganz sicher, dass ich dieser Stadt verfallen werde - sobald ich einen Ort gefunden habe, wo ich meine Möbel aufstellen kann. Der Wohnungsmarkt ist ja leider ne ziemliche Katastrophe... aber das wird schon, hoffe ich. Danke noch mal für alle Eure guten Wünsche, die haben sicher geholfen :-)

    06.10.2007, 19:35 von EllaBleu
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    Ich hatte Plattenbau, Pionierhalstuch, FDJ, Elite-EOS und Leistungssport. Ich habe Chemnitz im September 1992 verlassen, landete in einem Dorf im Rheinland, danach für viele Jahre in Köln und lebe mittlerweile in Niedersachsen. Lange Zeit hätte mich nichts aber auch gar nichts nach Chemnitz zurückgebracht. Das hatte nicht viel mit Ost/ West zu tun, sondern mit Mief, bestimmten Menschen und Vergangenheit. Genau so wenig konnte man mich übrigens zu einem Umzug nach Ingolstadt bewegen...
    Mein berufliches Leben spielt sich mittlerweile sehr reiselustig und intensiv zwischen den genannten Orten, Hamburg, Berlin und diversen Kleinstädten dazwischen ab.
    Ich bin immer noch erstaunt über solche Texte. Ost und West gibt es für mich schon lange nicht mehr und ich verstehe oft nicht, warum das nach sovielen Jahren immer noch so eine große Rolle spielt.
    Aber ich begreife es dann, wenn ich mit Menschen spreche, die sich geografisch nicht viel bewegt haben und die etwas zum Festhalten brauchen. Und ich verstehe es dann, wenn ich mir ansehe, wie früh ich selbständig wurde, wie wenig meine Eltern (im Vergleich zu Eltern aus rheinländischen Kleinstädten) Einfluss auf mein Leben als Kind hatten, wie breitgefächert mein literarisches und mein Allgemeinwissen ist und wie "lebenstüchtig" ich schon direkt nach dem Abitur (nach 12 Jahren Schule) war.
    Dann muss ich mir doch eingestehen, dass ich mein augenblickliches zuhause richtig toll finde, dass meine Heimat aber Chemnitz ist und es immer bleiben wird und mich 18 Jahre lang zu dem gemacht hat, was ich heute letztendlich geworden bin.

    05.10.2007, 10:38 von qwe
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