Die kleine Freiheit
Wer nichts zu meckern hat, ist überheblich. Ein Volk von laktoseintoleranten Diabetikern in einem Land, wo Milch und Honig fließt. Immun gegen Glück.
Die Leute fragen mich: „Und, bist du gut angekommen?“. Ich antworte mit: „Ja, glaub schon.“ ohne genau zu wissen, was es bedeuten soll. Ankommen. Ich habe meinen Kadaver, gefüllt mit der Scheiße, die mich zum Menschen macht hier hoch verfrachtet, ja. Aber angekommen? Kann man das, wenn das Herz noch in der alten Heimat liegt? Werde ich meines jemals an diese Stadt verlieren können, wo ich es doch einer Frau schenkte, die damit herumspielte, es fallen ließ und zerbrach? Ich käme nur wieder daran, wenn ich ihr das Herz stehlen würde. Wo sie es doch noch nicht einmal brauchte – nannte sie doch schon zwei ihr Eigen.
Die ersten Tage stromerte ich planlos durch die Straßen Hamburgs. Auf der Suche nach allem und mir selbst. Der Himmel ist unentwegt betrübt melancholiefarben. Die Luft riecht nach Tränen abgeregnet von Wolke Sieben. Ein Leben in Moll.
Der Kulturschock kann nicht größer sein – Einsiedlerdasein in einer 2,5 Zimmerwohnung im behüteten katholisch-verlogenen Umland von Stuttgart. Hier lebt man in einem kreisförmigen Stammbaum den Traum von Perfektion – und er ist spießig mit weißem Zaun und Schaukel im Garten. Jeden Samstag wäscht man das Auto, damit die, vom Staub der bröckelnden Fassaden, verdreckten Sterne wieder leuchten. Man ist zufrieden damit unzufrieden zu sein. Wer nichts zu meckern hat, gilt als überheblich. Ein Volk von laktoseintoleranten Diabetikern in einem Land, wo Milch und Honig fließt. Alle immun gegen das Glück.
Nun sitze ich in einer WG mitten im Punk. Auf St. Pauli verspricht dir niemand was, aber es hält alles, was man sich davon verspricht. Anderswo gaukelt man dir eine endlose Freiheit vor, die dich so sehr zwingt uniform individuell zu sein, dass dich dein Spiegel verleugnet. Hier zwingt man dich du selbst zu sein. Gnadenlos ehrlich DU, was dir eine Freiheit verschafft, die man mit Individualität, und sei sie noch so speziell, nicht gefüllt bekommt.
Ich wohne über einem Plattenladen. Einer Bibliothek oft selbstgerichteter Meister einer längst vergangenen Kunst. Eingestaubt, reduziert und kategorisiert. Menschen, die sich nie in Schubladen stecken lassen wollten, in roten Genre-Plastikboxen in alphabetischer Reihenfolge. Mark David Chapman war da noch der ehrlichste von uns Rock’n’Roll-Mördern, die wir heute nach Musik verlangen, die keinen Wert mehr haben soll. Und zwei Häuser weiter schissen die Beatles.
Wie sich die Plattennadel behäbig durch die Spirale zur Wahrheit im Kern vorarbeitet und nur ein leeres Loch vorfindet, erkunde ich weiter die Perle aller Städte. Es ist ein besonderer Charme der hier verströmt wird. Das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen ist unbequem. Entweder ich passe mich an oder ich leide. Ich muss mich freischwimmen aus diesem Meer der Scherben, das wie zerbrochene Träume in den Straßen, mir zu Füßen liegt. Die Obdachlosen haben keinen Feierabend. Einer von ihnen liegt leblos in der Gosse. Sie versuchen ihn mit Bier ins Leben zurück zu holen, dabei war doch genau das der Weg auf dem er davor geflüchtet ist.
Ich gehe in eine Kneipe. Eine der dunklen Seelen Hamburgs. Nirgendwo ist es so ehrlich wie vor einem Pils. Als Fremder falle ich sofort auf, als ich mich zwischen die Stühle setze. Aber es juckt niemanden, weil hier nichts wichtig ist. Hier sind Brad und Angelina auch nur Paar, das versucht so gut es geht über die Runden zu kommen. Auf dem nikotingefärbten Röhrenfernseher in der Ecke läuft das Wort zum Sonntag. Ich erhebe meine dickbäuchige Pilsglasballerina im papiernen Tutu und rede mir ein, dass es doch genau das hier ist, was ich gesucht habe.
Ich trete hinaus auf die Straße und hinein in etwas, dass ich hoffe, die Scheiße eines Hundes ist. Schon immer florierten Städte auf deren Straßen Scheiße lag. Babylon, Rom, Paris. Es bietet den fruchtbaren Nährboden auf dem Auswüchse menschlichen Unkrauts aufblühen.
Ich stelle den Kragen hoch, denn es tropft unentwegt, selbst wenn es nicht geregnet hat. Mein Hauseingang wurde mal wieder als Klo benutzt. Und wie in versifften Kneipenklos hat jemand seine Wahrheit mit Edding an die Wand geschrieben:
The world’s still turning – mad.






Kommentare
Mal davon abgesehen, dass die Beatles eine der überbewertesten Bands aller Zeiten sind..
Der hier ist einfach großartig:
20.09.2012, 15:59 von mirror87
"Ein Volk von laktoseintoleranten Diabetikern in einem Land, wo Milch und Honig fließt. ... Ein Leben in Moll". Schöne Bilder!
20.09.2012, 14:00 von LauraPhilomenaTheresaGefällt mir. Trotz des anhaltenden Regens. Ich würde auch gerne, irgendwann mal, in HH angekommen.
20.09.2012, 11:00 von siePlosiondas mit dem Regen ist Quatsch, hier regnet's nicht mehr oder weniger als in anderen Städten.
20.09.2012, 22:23 von topfbluemchenankommen,meinte ich.
Ach so, dann hab ich es missverstanden.
21.09.2012, 18:52 von topfbluemchenGerade in Hamburg denken die Leute nicht du, sondern leider ausschließlich ICH, ICH, ICH !
19.09.2012, 20:09 von topfbluemchendu musst aufpassen, dass, wenn du durch die Straßen läufst, nicht in all die Ego-Blasen läufst; aber da die Leute alle ihre Ellenbogen ausgefahren haben, kann ihnen eigentlich nichts passieren.
was'n blödsinn.
28.09.2012, 13:25 von mackenbienchen...findest du, ich jedoch nicht.
28.09.2012, 21:41 von topfbluemchenfalls du bei mir ankommen solltest, geht's fröhlich ne runde saufen.
"Ein Volk von laktoseintoleranten Diabetikern in einem Land, wo Milch und Honig fließt." - für diesen Spruch sollst du gefeiert werden!
19.09.2012, 13:12 von felix_frohboeseDieses Suhlen im Klischee der Avantgarde-Städte kann nur einem Konsumentengehirn entspringen. Natürlich hat jede Stadt ihren Charakter und das Schwäbische ist oberflächlich gesehen sauber und ordentlich, vereinnahmend und bevormunden. Alles schlecht. Genauso erscheinen Städte wie Hamburg oder Berlin schonungsloser und freier. Aber erstens ist dem nicht unbedingt so, kratzt man mal etwas an der Oberfläche sieht man das monetäre Grünspießertum in Hamburg genauso ihre Parzellen verteidigen wie in Stuttgart. Außerdem kann nur ein Vollidiot behaupten, die Schönheit dieser Städte läge in ihre Freiheit, wenn er sich dabei aus dem Fenster seines Angstelltenverhältnisses lehnt und die Obdachlosen im Park aus sicherer Distanz bewundert.
19.09.2012, 13:10 von quatzatUnd noch viel wichtiger produziert eine offensichtlich konservativ/repressive Gesellschaftskultur viel eher dissidente Köpfe und Widersacher. Gerade die schwäbische Kultur ist voll vopn solchen Gestalten. Man muss sich da eben entscheiden: Mitschwimmen oder gegenschwimmen. In Berlin steht man halt noch ein wenig in der Scheiße und findet sich und die Scheiße toll, bis man merkt, dass es eben nur Scheiße ist und dann klammert man sich doch wieder nur an die Trittleiter, die aus dem Hochaus herabgereicht wird. Noch einmal ein kurzer, angeblich sehnsuchtsvoller, inszenierter Blick hinunter zu denen, die ihr Leben lang im Kot vegetieren werden und dann wird Fahrt aufgenommen:
Geld, Karre (CO2-arm), grün wählen, anders-sein-wollen, konservativ werden.
Ich finde gar nicht, dass es darum geht. Also nicht in erster Linie.
19.09.2012, 13:38 von nyx_nyxSondern?
19.09.2012, 13:39 von quatzatFür mich wurde recht gut deutlich gemacht, dass es scheißegal ist, an welchem ort man sich befindet, wenn es einem emotional gesehen richtig scheiße geht. Da kann man mit Klischees spielen wie man will, aber die Stimmung der gedrückten Wahrnehmung - das war für mich zentraler Punkt.
19.09.2012, 13:49 von nyx_nyxIch hab nen Hang zur Melancholie, obwohl ich äußerlich betrachtet eher zu den irgendwo erwähnten 'Frohnaturen' zählen würde... vielleicht liegt es daran, dass ich den Text wohl bissl anders las als du es tatest.
Achja.. und in diesem Land und darüber hinaus darfst du wohl mit dem Ausdruck "Konsumentengehirn" verallgemeinern, wodurch es nix mehr mit dem Autor/Protagonisten selbst zu tun hat. Daher kein Argument.
Nun, der Melancholie-Quatsch ist hier implementiert, hat aber keine Textfunktion außer evtl. neon-angepaßt zu sein. Es ist auch vollkommen irrelevant für die Aussage des Textes, wie es dem Protagonisten geht, solange da Textpassage stehen wie:
19.09.2012, 13:56 von quatzat'Schon immer florierten Städte auf
deren Straßen Scheiße lag. Babylon, Rom, Paris. Es bietet den fruchtbaren
Nährboden auf dem Auswüchse menschlichen Unkrauts aufblühen.'
Und mit dieser naiven um nicht zu sagen dummen Hoffnung wird diese inszenierte Melancholie konterkariert. Erwartetes Outcome: Yeah! Stuttgart sucks und Hamburg ist die neue Hure. Natürlich schön verpackt in understatementmäßiges Unsichersein.
Nee, in dem Text sind entsprechende, oben erwähnte Zusammenhänge klar verschlüsselt wiedergegeben. Und ich schreibe 'wiedergegeben', um das Konsumentenhirn zu unterstreichen.
Haha, es ist immer wieder eine Freude. Das meine ich ernst. Selbst wenn ich nicht deiner Meinung bin - oder gerade deswegen.
19.09.2012, 14:10 von nyx_nyxIch sagte ja auch nur, dass es für mich nicht in erster Linie darum geht. Meines Erachtens nach ist der Text einfach ein Ausdruck einer Gefühlslage, ein Auszug aus Wahrnehmungen, die man niemandem absprechen und auch nicht totargumentieren kann, weil sie nun mal subjektiv sind und sich sogar innerhalb eines Gehirns ständig verändern können.
Verhält sich bei mir wie mit Musik... manche Lieder sind so nichtssagend oder auch so pauschal, dass man sie immer hören kann, andere kann man nur in bestimmter Stimmungslage ertragen oder genießen.
Ich bin mir nur nicht so ganz sicher, was du von einem Schreiber erwartest und welches Recht du auf solche Erwartungen hast.
Wenn Subjektivität unangreifbar ist, habe ich jedwedes Recht. Ich habe dieses Stimmungsbarometer bewußt nicht kritisiert, weil es mir ganz und gar nicht gefällt, weil es sich für mich aufgesetzt und unreflektiert anfühlt/liest (ja, man kann über Gefühle reflektieren). Wie ER schon schrieb, es Poiselt zu arg.
19.09.2012, 14:15 von quatzatAllerdings gebe ich dir recht, dass auch mich mal ganz banale Lieder berühren können. Man mag es kaum glauben, aber ich bin eigentlich viel emotionaler, als mancher hier glauben mag,
Ich suhle mich halt gern im Klischee des verkannten Ürgendwas.
Subjektivität und Erwartungen sind zweierlei in meinem Weltbild.
19.09.2012, 14:22 von nyx_nyxAufgesetzt empfand ich es nicht, ich fand es eher überreflektiert, einen Ticken zu sehr Nadel im Heuhaufen. Was den Text für mich aber nicht schlecht macht.
Dass man Gefühle reflektieren kann, ist mir bewusst.. nur sind viele eben nicht in der Lage zu subtrahieren. Damit meine ich nicht dich.
Ich bin mir sicher, dass du im realen Leben ein anderer bist, als das was du hier manchmal präsentierst. Das macht die Freude zu einem Stück auch aus, die ich vorhin beschrieb. Zurückzuführen auf die Neugier, was diesmal wohl kommen mag. Ist ja auch interessant.
Wer sich in Klischeesuppe suhlt, fängt an zu stinken.
Ergibt der Satz Sinn? Macht nix :D
(Mein Recht in Form von Empfindung (ich fühle mich im Recht) ist subjektiv und damit unangreifbar. Jedenfalls deiner Logik folgend. Juristisch ist mir dazu nichts bekannt).
19.09.2012, 14:26 von quatzatOder er wird gegessen.
Juristisch gesehen bin auf jeden Fall ich im Recht! :D Zumindest kann ich dafür sorgen.. kenne genug Juristen und Diener des Staates.
19.09.2012, 14:29 von nyx_nyxAls Nachtisch, dach den Opportunisten und Konsumhirnen... oder wie war das noch gleich? ;)
Ich präferiere weibliche Nachtische.
19.09.2012, 14:31 von quatzatDa du aufm Speiseplan stehst, hast du keine Ansprüche zu erheben. Zudem ist weibliche Kost im Durchschnittswert meist fetthaltiger und sorgt somit für Magenverstimmungen. Dafür vermutlich weniger zäh.
19.09.2012, 14:34 von nyx_nyxStudien zufolge sind Frauen gerade wegen der höheren Fettanteile zäher als Männer. Das äußert sich dann z.B. bei Ultra-Marathons.
19.09.2012, 14:35 von quatzatKann man auch physikalisch belegen, da die Muskeln der Männer zwar stärker, aber weniger ausdauernd sind. Zumindest im 60%igen Anteil. Aber gibt ja auch genug Mannsweiber und feminine Männer... darüber hab ich noch keine Studie gefunden. Selbst wenn ich denen glauben würde.
19.09.2012, 14:38 von nyx_nyxTrotzdem möchte ich kein Mannsweib zum Nachtisch.
19.09.2012, 14:39 von quatzatHätte dir auch keins andrehen wollen.
19.09.2012, 14:41 von nyx_nyxSo.. nu muss ich ma wieder was Sinnvolles tun.
Ade, war schee.
Sinvoll!
19.09.2012, 14:42 von quatzatSin City!
19.09.2012, 14:45 von nyx_nyxDas bestätigt meine Theorie. Danke dafür.
19.09.2012, 12:40 von nyx_nyxIch war noch nie in der Stadt, fällt mir gerade auf *blinzel*
19.09.2012, 13:35 von EliasRafaelNicht die Theorie über die Stadt Hamburg ;)
19.09.2012, 13:36 von nyx_nyxhehe.. ich seh den Zaun, mit dem du da winkst. Bist herzlich willkommen! Warst es ja auch im Hessenland, hattest es dir dann ja aber anders überlegt.
kkrkr, da war ich weniger von konkreten Überlegungen als von schleichender Antriebslosigkeit getrieben... aber ich vermute mal das legt sich, hört sich ja auch gar nicht so schlecht an, was der Kollege da oben schreibt, von dir natürlich ganz abgesehen :D
19.09.2012, 13:43 von EliasRafaelDer Antrieb is doch wurscht. Mir zumindest.
19.09.2012, 13:51 von nyx_nyxHaha, Arsch! ;)
Du bist also noch nicht angekommen, nicht mit offenen Armen empfangen worden und hast genau die Straßen der Stadt gefunden, die einen Neuanfang schwierig erscheinen lassen. Du siehst genau die Menschen, die deiner Stimmung entsprechen, die schmutzige und leere Seite einer Stadt, die von außen so lebensfroh und freundlich erscheint. Dabei hätte ich mir gewünscht, du hättest einen besseren Ort angetroffen, der dich trägt und hebt.
Warum findet man immerzu genau die Straßenzüge, die mit iher Melancholie magnetische Anziehungsfraft aufweisen, verlorene Seelen aufsaugt, die zueinander passen?
Meide diese Orte, in denen die Ballerina lediglich für dich tanzt und hebe die Nadel aus der Endlosschleife. Das funktionierte überigens bei guten alten Plattenspielern automatisch.
19.09.2012, 10:07 von jetsamZu viel Pose, zu wenig Geschichte, das ist so Westernhagen/Lindenberg/Clueso-tum. Dafür sprachlich einwandfrei, konnte ich flüssig lesen. Wer nichts zu meckern hat, ist überheblich. Hä? Ich mecker den ganzen Tag.
19.09.2012, 09:59 von EliasRafaelDas mit Clueso will ich überhört haben. Mit dem Rest kann ich leben.
19.09.2012, 10:07 von HerrDiesingerDas dachte ich mir, daher musste ich ihn noch dazu packen, sonst hättest du es noch als Lob verstanden!
19.09.2012, 10:37 von EliasRafaelDu machst die Situation für mich verstehbar.
19.09.2012, 08:47 von TaneaDas hat mir gefallen.