schsim 11.03.2010, 18:16 Uhr 0 0

Die Herren vor den Spiegeln

Deutschlands größte Fitnessstudiokette wird bald 900000 Mitgleider haben, ich bin auch eines davon. Herzlichen Glückwunsch!

Wie oft ich schon bis vier, sechs, acht oder zehn gezählt habe, weiß ich nicht. Hunderte Male, vielleicht auch tausende Male, allein in den letzten fünf Monaten. So langsam bin ich es Leid, immer kräftig auszuatmen, während ich Gewichte stemme, an Seilzügen ziehe oder Situps mache. Fünf Monate in Deutschlands größtem Fitnessstudio und je öfter ich dort bin, desto mehr wünsche ich mir, dass der Sommer bald wieder kommt. Gebt mir einen Ball, gebt mir eine Mannschaft, dann bin ich glücklich. In dieser Muskelschmiede werde ich es sicherlich nicht, aber es muss sein, damit ich gut auf die Saison vorbereitet bin.

Mit der Mitgliedskarte meines Fitnessstudios kann ich in gut hundert verschiedenen Städten in Deutschland und in Österreich, sogar auf Mallorca, trainieren, für unter zwanzig Euro im Monat. Das ist ein unschlagbarer Preis und deshalb habe ich mich dafür entschieden, genauso wie fast 900000 andere Menschen. Neunhunderttausend! Das ist die Mitgliederzahl, die bald geknackt wird, dann haben so viele Menschen die gleiche Karte wie ich im Geldbeutel stecken. Wie viele Karteileichen dabei sind, weiß keiner, aber es ist schon eine beeindruckende Zahl bei gut 80 Millionen Menschen, die hier leben. Und es zeigt mir, wie viele Proleten es hier gibt.

Um zu wissen, warum ich nur ungern in mein Studio gehe, muss man nur etwa eine halbe Stunde im Männerbereich verbringen. Überall sieht man nur Menschen, die sich im Spiegel anschauen, um herauszufinden, ob ihre Oberarme schon dicker, ihre Kreuze etwas breiter oder ihre Nacken noch stieriger geworden sind. Außer ein paar albernen Gestalten, die, wie ich auch, noch T-Shirts voll schwitzen, tragen sie alle Unterhemden oder diese hautengen Muskelshirts, die die Sportindustrie als Unterwäsche entwickelt hat und für Bewegungssportarten, nicht für halbstarke Minderjährige, die in den Trainingspausen aufs Klo rennen, um ihre Frisur wieder herzurichten. Heute, als meine Motivation schon am Tiefpunkt war, dann der Höhepunkt: Ein Kerl hatte tatsächlich ein Netzhemd an, so dass man seinen Oberkörper sehen musste, es fehlte nur noch ein Nippelpiercing und ich wäre raus gerannt. Ganz schlimm wird es dann, wenn sich ein hübsches Mädchen im Männerbereich verirrt, denn dann wird es laut. Jeder legt noch ein oder zwei Scheiben zusätzlich auf, die Homies feuern lautstark an. Anstatt auszuatmen wird nun ausgeschrien, vielleicht schaut das hübsche Mädchen ja hinüber und sieht, wie geil man aussieht. Aber das senkt ihren Blick immer zum Boden, sie würde auch an die Wand schauen, aber dort hängen überall nur Spiegel.

Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen dort gemacht, auch wenn es so klingt. Die wenigen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren alle sehr nett und die Trainer sind hilfsbereit, wenn auch hoffnungslos überfordert mit so vielen Menschen. Die Besucher kommen aus vielen verschiedenen Ländern und es gibt nie Streitigkeiten, was schön ist. Globalisierung ist diese Fitnessstudiokette. Doch ich fühle mich einfach etwas fehl am Platz. Nicht wegen meines Aussehens oder des Angebots dort. Es ist nur einfach ätzend, wenn in der Umkleide sich alle nach dem Training ausziehen, vor den Spiegel drängen und posen, als ginge es im Leben nur darum, gut auszusehen. Die Vorbilder für die kleinen Jungs, die heute lieber in die Mukkibude gehen als zum Fuß- oder Basketball, sind Kerle, die längst jegliches Maß verloren haben und komische Pillen schlucken. Und duschen tut auch keiner, weil das fünfzig Cent kostet. Ich auch nur selten. Ich komme dreimal die Woche, spule meine anderthalb Stunden Training runter und verschwinde so schnell wie möglich wieder. Noch diesen Monat, dann mache ich sechs Monate Pause, und dann komme ich wieder, Winter für Winter. Das ist so in Ordnung, so lange ich dort nicht so bin wie alle anderen.

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare