Gern_mehr 04.10.2014, 01:57 Uhr 0 0

Die Heimat

Dem brandenburgischen Balg werden seit jeher magische Eigenschaften zugutegetragen.

Dem brandenburgischen Balg werden seit jeher magische Eigenschaften zugutegetragen. Mit stoischem Starrsinn treibt er seine Pläne voran. In den dunklen Wäldern seiner Heimat ersonnen, bei Mond und Sterne getragen, befragt er Wolf und Wildschwein nach der Zukunft, die er von nun an umschlingt, mit der Kraft, mit der er Durchreisende aus ihren fahrenden Kutschen zieht. Das Wort, mit dem er seinen Landsleuten begegnet, ist hart wie Stein, sein Lachen reibt wie Sand und jeder freundliche Handschlag klappert auch gern alle Schädelseiten ab. Ein weiter Blick zeigt ihm die Grenzen von Ost nach West, vom Norden zum Süden, mit scharfen, roten Adleraugen erspäht er jeden Schiss, der in seinem Reich gelassen wird. Der Brandenburger, so verwachsen und verwoben mit seinem Land, wird in der Zahl nur zu gern unterschätzt. Doch die Überzahl ist unsichtbar für das träge, wohlgefällige Auge. Ein jedes Balg entspringt dem Mutterleibe mit Haaren gold wie Stroh, zum Versteck in der Gerste im Sommer, gekleidet in einer Haut aus Blättern und Moos, um mit seinem Wald zu verschmelzen. Ebenso seine Kiemen sind ein Geheimnis, wohl gehütet, mit denen er sich zu Hunderten in den seichten Flüssen seiner Heimat tummelt und bis in die Tiefen seiner Seen enttaucht. In jedem Stein, zu jedem Tümpel, in den Wipfeln eines jeden Baumes, zu Wurzeln all seiner Berge, der Brandenburger erhält überall Post. Doch von wem? Der Landsleute viele, gibt es in diesem Volk einen regen Austausch. Tante schreibt dem Großcousin, Bruder schickt Torten in die Nachbarschaft und ein jeder Kauz teil sich mit, worüber sich zu meckern lohnt. Vor allem dadurch lebt sein Postwesen. Der Brandenburger beanstandet nicht unentwegt, er hilft der Verbesserung der Welt um sich herum, indem er auf kleine, alltägliche, unbedeutende Missstände hinweist, wie er auch dem großen Weltgeschehen die Stirn bietet und ohne Gnade das Herz am rechten Fleck trägt, nämlich mittig links. So kommt es doch vor, dass die Bewohner anderer Länder den gemeinen Brandenburger für vorlaut halten, rüde, sogar unverfroren dreist in seiner Rede, soweit zu wüsten Beschimpfungen gegen ihn. Doch ist er im Grunde ein nie getrübtes Wässerchen. Und solange man es ihm nicht nachweisen kann, und das kann man nie, ist er so unschuldig wie ein Neugeborenes. In Weiterführung...

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