Connyi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 0

Die Gretchenfrage

Wir saßen in der Mensa, eine Kommilitonin und ich. Wir redeten über den Kurs, die Dozenten und die Prüfungen. Ganz normal eigentlich. Doch plötzlich:

„Glaubst du eigentlich, dass es nach dem Tod noch irgendwie weitergeht?“ Einfach so, ganz beiläufig zwischen heruntergeschluckten Pommes und Schnitzel auf der Gabel, ohne jeden Zusammenhang zum vorher Gesagten.
Ich wollte lachen, aber ich lächelte nur verlegen. Seit dem ersten Anblick wusste ich, dass sie es streng nimmt mit dem Glauben, man sieht es diesen Leuten an. Spätestens ihre völlig unvoreingenommene Freundlichkeit im ersten Gespräch bringt einen auf die Fährte.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich wollte ja nicht einfach sagen, dass der Körper des Toten im Grab verrottet und sich in den natürlichen Kreislauf eingliedert, weil er so Würmern und anderem Kleingetier als Nahrung dient und ganz unten in der Nahrungskette einem neuen Sinn zugeführt wird. Und das, was Seele genannt wird, lebt fort in der Erinnerung der Hinterbliebenen bis alle Zeitgenossen ausgestorben sind und das war's dann.
Nein, das wäre nicht gut gewesen. Also antwortete ich, ich wüsste es nicht. Das war ja auch nicht gelogen, denn da ich noch nie gestorben bin, kann ich eigentlich auch gar nicht wissen, ob und wie es eventuell weitergeht. Außerdem habe ich mir auch bisher nie großartig Gedanken über dieses Thema gemacht. Allerdings saß mir die Gelegenheit dazu gegenüber und ich ergriff sie – nicht wörtlich – beim Schopf. In vier Stunden hat sie mir beinahe ihren gesamten Glauben ausgebreitet – sie ist engagiertes Mitglied einer freien christlichen Gemeinde und nimmt den Missionsbefehl (Matthäus 28,16) sanft, aber bestimmt, sehr ernst. Ich hörte geduldig und interessiert zu, stellte Fragen und legte vorsichtig meine eigene Meinung dar. Sie war mir natürlich in Bibelwissen haushoch überlegen, denn sie kennt das Werk von Alpha bis Omega auswendig und hinterlegte ihre Thesen eifrig mit Zitaten. Als sie einmal beim Zitieren ins Stocken kam, holte sie eine ihrer Bibeln aus der Tasche und schlug zielsicher die richtige Seite auf. Sie ließ mich darin blättern und ich stellte fest, jede Seite voll war mit roten Unterstreichungen und handschriftlichen Anmerkungen. Ich staunte nicht schlecht.

Da ich mich sehr interessiert zeigte, was ich auch ernstlich war – schließlich ist die Bibel und der Glaube an ihren Inhalt das Fundament unserer Gesellschaft – empfahl sie mir als Zusammenfassung der christlichen Lehre den Römerbrief des Apostel Paulus und gab mir das Johannesevangelium zum Lesen mit, denn neben ihrer Bibel hat sie anscheinend auch jede Menge Infomaterial in den Tiefen ihrer Tasche, von dem sie mir am liebsten noch viel mehr mitgeben hätte. Nun ja, das Wesentlichste hat sie mir natürlich gleich unterbreitet: Jesus ist der einzige Weg zu Gott, man muss alles befolgen, was in der Bibel steht, denn Jesus sollte ein Beispiel sein und so weiter. Wer die Bibel und ihre Lehren nicht befolgt, der ist ein Feind Gottes und kommt in die Hölle. Das war natürlich nicht ihr Wortlaut, aber es ist in etwa die Quintessenz.

Nun, so gütig fand ich DerliebeGott nach diesem Crashkurs nicht mehr. Kein bisschen tolerant und vergebungsvoll. Er schickt ein Volk aus, ein Land zu besiedeln, welches schon bewohnt ist und bestraft die Menschen, die sich weigern die anderen zu vertreiben oder abzuschlachten, mit 40 Jahren Wüste (Man sollte vielleicht die Verantwortlichen der UN für das Dilemma in Palästina 40 Jahre lang in der Wüste darben lassen, damit sie über das Unrecht, dass sie 1947 in die Welt gebracht haben, nachdenken können, aber die sind bestimmt schon alle tot. Ob die jetzt wohl in der Hölle schmoren? Wohl eher nicht...). Vielleicht hat er auch das Gute geschaffen, aber zugleich droht er mit dem Schlimmstmöglichen, was unsere armselige menschliche Vorstellungskraft sowieso überschreitet, falls wir seine einzige Alternative nicht befolgen.

Als ich sie zaghaft darauf hinwies, druckste sie ein bisschen herum, gestand es schließlich ein und tröstete sich oder mich sogleich mit einem Vers, der Gottes Herrlichkeit preist. Noch zaghafter erwiderte ich, dass ich nicht damit rechne, in die Hölle zu kommen, wenn ich an dieselbe nicht glaube. Sie versuchte nicht, mich weiter zu überzeugen, aber sie versuchte mir klar zu machen, dass es so einfach nicht sei und ich nur in meinem jetzigen Leben so davonkommen würde. Sie wünsche mir, dass ich den Glauben noch finde, denn es könnten „schreckliche Dinge“ geschehen, falls ich den rechten Pfad verfehle. Ein komisches Gefühl beschlich mich. Mit Vernunft und Verstand konnte ich dagegen nicht argumentieren. Sie war absolut überzeugt von der Wahrheit der Worte, die sie in der Bibel gelesen hatte und die ihre eigenen geworden waren.

Wir diskutierten noch über allerhand andere Dinge wie die Evolution, Beziehungen und Sexualität, andere Religionen (das Wort gefiel ihr nicht, sie bestand auf „Glaube“ und ich sagte ihr, das lateinische Wort bedeute eben dies), eben über Gott und die Welt.
Ich empfahl ihr, Altgriechisch zu lernen und „to biblion“ im Original zu studieren, um sich nicht an eventuellen Übersetzungsfehlern oder übersetzungsbedingten Vorinterpretationen festzuklammern. Ich meine, was bleibt von einem Text noch übrig, wenn man ihn von Griechisch ins Lateinische überträgt, von da ins Deutsche, dann ins Englische und dann wieder ins Deutsche, wie das in Amerika herausgegebene und gedruckte Johannesevangelium, das sie mir geschenkt hat? Eine sehr freie und moderne Übersetzung, wie sie selbst gestand.

Jedenfalls hatte ich eine Menge zu denken, als wir uns trennten, nachdem der Hausmeister uns aus der Cafete komplimentiert hatte und ich werde wohl noch eine Weile nachdenken und mich weiter fragen, wie man so verbohrt auf einer einzig wahren Wahrheit beharren kann, die weder bewiesen noch widerlegt ist, wie alle anderen Philosophien zur Daseinsbewältigung auch, und wie sie dann sagen kann, sie studiere nicht Theologie, weil das ihren Glauben in Zweifel bringen könnte...

31 Antworten

Kommentare

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    aufklärung worüber?

    27.04.2006, 10:04 von RedSonja
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    Sie lassen? Bei DER Angriffsfläche?
    Ich hab da ja auch meinen Spass!
    Und worüber sollen wir uns sonst streiten - Physik? Da kommt doch kaum einer mit.

    Militär wär noch ein gutes Thema, wo man prima gegen den Strom schwimmen kann.
    Aber es gibt schon noch ein paar interessante Threads, z.B. "Mein Vater, der Folterer" oder "wenn die Welle bricht".

    Aber über den großen Meister zu streiten macht trotzdem einen HEIDENspaß!

    Aber für Tipps bin ich jederzeit zu haben!

    26.04.2006, 14:27 von akmsu74
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      @[Benutzer gelöscht] Hey Flanders! *G*
      Na ja, irgendwie bin ich bei nEON gelandet und hatte den Eindruck, daß ich hier weder im eigenen Saft kochen, noch mit Besuch vom Opus Dei rechnen muss.

      Ansonsten - Danke für die Blumen!

      Ich bin ja auch noch nicht so lange dabei - kann alles noch kommen.
      Außerdem will ich "sie" ja (meistens) nicht an die Wand stellen, sondern eher mal zum selber denken VERFÜHREN. ...ein Teil des Teils eben. ;-)

      26.04.2006, 18:57 von akmsu74
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      @akmsu74 "sondern eher mal zum selber denken VERFÜHREN."

      und da wunderst du dich noch? ;-)

      27.04.2006, 08:58 von RedSonja
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      @RedSonja Ich wunder mich hier über nichts mehr!
      Danke übrigens für die Aufklärung.

      27.04.2006, 09:38 von akmsu74
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      @[Benutzer gelöscht] Touché! *GGG*
      Na, wenigstens zum Teil.

      Der Gedankengang liegt nahe, läuft aber falsch herum.
      Es muß nicht einen Gott geben, auf den ich meinen Hass projezieren kann, sondern der Hass entsteht, weil es möglicherweise einen Gott gibt.

      Wenn alles Zufall ist und ich für mein Leben alleine und selbst verantwortlich bin - gibt es auch niemanden, den zu hassen sich lohnt.
      Dann hat man maximal Pech gehabt.

      Gibt es IHN aber doch - in der von den Kirchen gepredigten Form - dann hat ER die Opfer "hängen gelassen". Denn ER hätte alles ändern können.

      So rum wird ein Schuh draus, den ich mir anziehe.
      Der Grund, warum ich nach IHM suche ist der, dass ich gerne wisen wollen würde, ob sich der ganze Groll lohnt - oder ob ich den lieber an meiner Umgebung auslassen sollte, statt ihn für IHN aufzusparen. *G*

      27.04.2006, 18:46 von akmsu74
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      @[Benutzer gelöscht] Mit Ignoranz geb ich ihnen Freiraum, sich zu entfalten. Wenn man ihnen nicht wenigstens Worte entgegensetzt, können sie ihre Bauernfängerei ungestört fortführen, die Jugend mit falschen Göttern ködern und für das wirkliche Leben mit seinen Problemen aber auch Möglichkeiten blind machen. In dem Punkt unterscheiden sich die Bauernfänger nicht (weder die rechten, noch die linken, noch die mit Kreuz oder Halbmond) - man muß den Anfängen wehren.
      Ich werd mich niemandem in den Weg stellen, der diesen Weg gehen will, aber ich will, daß wenigstens eine kritische Stimme zu hören ist, daß niemand sagen kann, "ich hab ja nicht geahnt...".

      Ich will mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, ich hätte es nicht wenigstens versucht!
      Abgesehen davon hab ich durchaus meinen Spaß dabei, Leute zum denken zu "verführen".

      28.04.2006, 01:13 von akmsu74
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      @[Benutzer gelöscht] "Lass' sie halt, sie tun ja keinem weh (zumindest hierzulande nicht)"

      "psychische grausamkeit ist auch "wehtun"...
      "und ohne Religionen würde es einen ganzen Haufen guter Witze weniger geben. Insofern hat man auch als Atheist etwas von "Gott"..."

      jo.. :)

      26.04.2006, 14:24 von RedSonja
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      @[Benutzer gelöscht] DER ist gut - von wegen Menschenfischer und so!
      Werd ich mir merken!

      26.04.2006, 14:20 von akmsu74
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    Ich habe übrigens den Rat meiner Kommilitonin befolgt und in der BIbel gelesen. Meiner Auffassung nach kann man das NT gar nicht verstehen, wenn man das AT nicht kennt, denn die Geschichte Jesu ist ganz klar im Kontext des AT und der römischen Besatzung zu sehen. Jesus war nicht in erster LInie ein Religionsstifter sondern ein Reformer, wenn man so will. Daher sahen sich die ersten Anhänger seiner Lehren auch eher als "reformierte" Juden anstatt als Christen. Hierzu finde ich 2,13-16 und 2,26-29 im Römerbrief sehr interessant. Grob zusammengefasst steht ein Ungläubiger, der sich instinktiv an Gottes Gesetze hält und gut handelt vor Gott besser da als ein "getaufter" Glaubensverfechter, der die Grenzen überschreitet (hier auch immer in Bezug auf Juden). So gefällt mir die Lehre.

    In diesem Sinne frohe Ostern und pax vobiscum

    16.04.2006, 17:11 von Connyi
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    1. Glaube ist Gnade

    2. Man kann eine Religionsgemeinschaft daran messen wie sie mit ihren Mitgliedern und mit "Ungläubigen" umgeht.

    3. Ich finde die 10 Gebote sind eine gute Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

    4. Wer es weltlicher mag:
    Was Du nicht willst das man Dir tu,
    das füg auch keinen Anderen zu.

    Frohe Feiertage oder frohe freie Tage!

    15.04.2006, 02:17 von ulf
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      @ulf Absolut zustimmungswürdig! Danke.

      16.04.2006, 16:42 von Connyi
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    hinzufügend...

    Mein Text bezieht sich auf den christlichen Glauben und teilweise auch auf Anhänger des Korans (mit denen ich auch schon derartige Gespräche führte).
    Und ganz vor wegnehmen möchte ich den Buddhismus.

    10.04.2006, 20:06 von zimtgruen
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      @zimtgruen Vorsicht!
      Auch der buddhismus wurde gelegentlich mit Waffengewalt verbreitet!

      So friedlich eine Religion vielleicht sein mag (gibts eine?), so gefährlich kann doch sein, was man draus macht!

      10.04.2006, 21:42 von akmsu74
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    Ich habe auch schon des öfteren versucht mich mit fanatisch Gläubigen über das Leben und den Glauben zu unterhalten.Doch man kommt nie soweit das man nicht zumindest den anderen akzeptiert in seinen "nicht" Glauben und wenn sie es auch sagen, meinen tuhen sie es nicht.Das merkt man nämlich spätestens nach dem Gespräch.Es hinterlässt jedesmal üble Bauchschmerzen und Vorwürfe in einem.
    Man kann einfach nicht ordentlich mit ihnen reden, es gibt immer nur ihre Meinung und die falsche.
    Ich bin der Meinung ohne Religion wäre unsere Welt erheblich friedlicher.Angefangen von den Kreuzzügen!!!

    Entschuldigung das ich mich so herablassend geäußert habe, oder besser gesagt - beweisst mir das Gegenteil und bereichert mich an Erfahrung!!!

    Dieser Text bringt mich zum "kochen".

    Danke!Super Text.Auf den Punkt gebracht.




    10.04.2006, 19:46 von zimtgruen
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