Die Geschichte vom kleinen Mann und der Frau mit dem roten Hut
Eine Erzählung über die Kunst, das Leben, und warum es sich zu leben lohnt.
Es war einmal ein kleiner Mann, der lebte in
seiner eigenen, ganz eigenen Welt. Die Stadt, in der er wohnte war groß
und dreckig und manchmal hatte er sogar ein bisschen Angst vor ihr.
Schon als kleiner Junge hatte er stattdessen die Welt der Bücher für sich entdeckt.
Er las von Drachen und Lokomotivführern, von wunderschönen Ländern und gewaltigen Schlachten. Manchmal las er auch von Liebe.
Im Laufe der Zeit versank der kleine Mann immer mehr in seinen Geschichten, er vergaß zu essen und aufzustehen, er vergaß sogar manchmal, dass es noch eine andere Welt gab.
Nachts träumte er sich davon.
Und so bemerkte er nicht, dass es in der Stadt um ihn herum immer grauer und hektischer wurde. Immer mehr Menschen kamen und gingen, die Häuser wurden in die Höhe gezogen und die Leute rannten durch die Straßen, um ihren Geschäften nachzugehen.
Fortschritt nannte man das.
Selbst die Luft wurde von Tag zu Tag grauer, durch die vielen Abgase, die durch immer größere Schlote nach draußen gepustet wurden. Nachts konnte man die Sterne nicht mehr sehen, die Stadt war zu hell geworden.
Wenn jemand dem kleinen Mann begegnete – was nicht sehr oft vorkam, da er nur selten seine Wohnung verließ – zeigte er mit dem Finger auf ihn und nannte ihn einen verrückten Kauz.
Der kleine Mann bemerkte das nie. Er war an einem anderen Ort angekommen.
In einem der vielen neuen Hochhäuser der Stadt lebte auch eine Frau, eine Frau mit einem roten Hut. Früher war diese Frau einmal etwas gewesen, dass man Künstler nannte. Alles, was sie gesehen und entdeckt hatte, konnte sie innerhalb von Minuten auf einer Leinwand festhalten, und die Bilder waren so zauberhaft, dass sie meist schöner wirkten als die Wirklichkeit.
Unzählige Leinwände hatte die Frau damit gefüllt, und eine war schöner als die andere geworden.
In bunten Farben leuchteten sie in die Welt, und viele Menschen waren gekommen, um sie zu bewundern und mitzunehmen.
Doch Jahr für Jahr hatte die Frau mit dem roten Hut immer weniger Leinwände gefüllt.
Je größer und grauer die Stadt wurde, desto weniger Wunder fand sie für ihre Bilder, und mit der Zeit war das, was sie malte, auch nur noch grau und dunkel. Und weil das so gar nicht schön aussah und niemanden mehr glücklich machen könnte, blieben die Leinwände schließlich weiß wie Schnee. Die Frau begann sich den Menschen um sie herum anzupassen, suchte sich einen Beruf, der ihr viel Geld einbrachte, und rannte hektisch durch die Straßen. Doch glücklich war sie dabei nicht.
Manchmal stand die Frau vor dem Spiegel und betrachtete sich. Allein ihr roter Hut erinnerte immer noch an die glücklichen Zeiten; doch wenn sie dann verzweifelt versuchte, etwas Farbe auf eine Leinwand zu bringen, so fiel ihr einfach nichts ein, was zu malen wert gewesen wäre.
Die Bilder in ihrem Kopf waren verschwunden.
Eines Tages begegnete die Frau mit dem roten Hut dem kleinen Mann.
Er saß in der U-Bahn und war so tief über ein Buch gebeugt, dass sogar seine Nasenspitze darin versank. Zuerst bemerkte sie ihn gar nicht – der kleine Mann war für andere beinahe unsichtbar geworden.
Doch dann, als er aufstand, um die Bahn zu verlassen, trafen sich plötzlich ihre Blicke.
Und die Frau bemerkte sofort das Abenteuer in den Augen des kleinen Mannes. Sie spürte die Aufregung die ihn umgab, ihn, der gerade mitten in einer Geschichte gewesen war. Seine Augen leuchteten, so wie sie es schon lange bei niemandem mehr gesehen hatte.
Der kleine Mann ging weiter, in Gedanken so sehr versunken, dass es wieder ein bisschen unsichtbar wirkte.
Doch die Frau rannte nach Hause, getrieben von etwas, das sie schon jahrelang nicht mehr gespürt hatte, und begann zu malen.
Sie malte den kleinen Mann in der U-Bahn, so, wie sie ihn eben gesehen hatte. Und als sie fertig war, leuchtete die Leinwand zwar nicht so bunt wie früher einmal, aber dennoch konnte man in den Augen des Mannes alle Farben des Regenbogens sehen.
Die Frau mit dem roten Hut stand vor dem Bild, ein bisschen außer Atem, als hätte sie gerade einen anstrengenden Lauf hinter sich, und freute sich.
Seit diesem Tag begann die Frau mit dem roten Hut Ausschau nach dem kleinen Mann zu halten.
Sie saß stundenlang auf Parkbänken und beobachtete die vorbei strömenden Menschen, wartete an Bahnhöfen und fuhr immer wieder mit der selben U-Bahn von Endstation zu Endstation.
Der kleine Mann jedoch blieb verschwunden.
Sie hätte schon fast aufgegeben, als sie ihn Tage später auf der Straße wiedertraf.
Fast wäre sie vorbeigegangen, so unauffällig war er, angelehnt an eine Hauswand, mit angewinkelten Beinen auf dem Boden sitzend.
Das Buch vor ihm war zugeschlagen, traurig blickte er ins Leere. Sein Blick jedoch war genauso, wie sie ihn in Erinnerung hatte: Bunt wie ein Regenbogen und gefüllt mit etwas, das man Sehnsucht nennt.
Sie räusperte sich. „Bist du traurig, kleiner Mann?“
Er erschrak, ein wenig auch über die Nettigkeit in ihrer Stimme. So lange schon hatte er mit niemandem mehr gesprochen. Zaghaft, ganz vorsichtig, als müsste er jedes Wort auf der Zunge abwägen, antwortete er.
„Das Buch ist zu Ende, die Geschichte vorbei. Kennst du das? Man ist in einer Geschichte, die so wunderschön ist, dass man sich wünscht, man müsste sie nie wieder verlassen. Und plötzlich ist da die letzte Seite und alles ist zu Ende. Und jedes neue Buch, das man anfängt, ist fad und langweilig im Vergleich zu dem, was man zuvor erlebt hat.“
Er sag sie nicht an, es schien, als redete er nur vor sich hin. „Was passiert eigentlich, wenn die letzte Seite vorbei ist? Das habe ich mich schon immer gefragt. Leben wirklich ale glücklich bis an ihr Lebensende, oder passieren noch viele, viele andere Dinge, die für uns ewig im Verborgenen bleiben werden, einfach, weil niemand sie aufgeschrieben hat?“
Aufgeregt setzte sie sich neben ihn.
„Erzähl sie mir! Bitte, erzähl mir die
Geschichte, in der du eben gewesen warst! Ich habe meine Farben
verloren, alles hat seine Farbe verloren; und du bist der erste seit
langer Zeit, in deem ich sie wieder gesehen habe.“
Und er nahm sie an
der Hand und schwebte zurück in seine Welt. Und zum ersten Mal war
jemand mit ihm gekommen – eine Frau mit einem roten Hut, die ihre Farben
verloren hatte.
Und bei ihm fand sie sie wieder.
Als sie zurück waren, strahlte sie. „Und jetzt“, sagte sie „Und jetzt werde ich malen.“
Und sie nahm ihn bei der Hand und zerrte ihn in ihr Atelier und weil nur noch wenig Leinwände übrig geblieben waren, begann sie schließlich damit die Wände zu bemalen. Sie füllte sie mit all dem, was sie so eben gesehen hatte; mit Drachen, Lokomotivführern und wunderschönen Landschaften, und ein Bild wurde schöner als das andere.
Der kleine Mann saß still in der Mitte des Zimmers und staunte.
„So etwas schlnes“, sagte er schließlich „Habe ich noch nie gesehen.“
Sie setzte sich neben ihn, im Schneidersitz auf den Fußboden und gemeinsam betrachteten sie das Wunder um sie herum. „Wenn nur alles so schön wäre“, sagte er.
Von da an trafen sie sich jeden Tag. Am Anfang las der kleine Mann noch aus seinen Büchern vor, jeden Tag aus einem anderen, doch schon bald fing er an, selbst zu erzählen. Er klappte die Bücher zu und baute sich neue Geschichten, baute sie sich aus all den Abenteuern, von denen er gelesen hatte und die für immer in seinem Kopf gespeichert waren. Und eine Geschichte war spannender und aufregender als die andere.
Die Frau mit dem roten Hut malt so viel wie noch nie.
Erst in ihrem Atelier, dann in der Wohnung des kleinen Mannes und irgendwann, als ihr der Platz ausgegangen war, begann sie die Stadt anzumalen. Zuerst die grauen Wände der Hochhäuser, dann die Bürgersteige und Straßen. Und die Menschen, die in ihr Viertel kamen, wunderten sich.
Sie erzählten es weiter, erzählten von dem seltsamen Pärchen, das begonnen hatte, die Stadt zu bemalen, und irgendwann kamen immer mehr Menschen vorbei, um sich das seltsame Spektakel anzusehen. Jeden Tag wurde es mehr.
Eines Sonntags wachten die Frau mit dem roten Hut und der kleine Mann davon auf, dass ein Geiger in ihrem Viertel stand und für sie spielte. Er spielte so schön, wie es noch nie jemand in dieser Stadt gehört hatte, und er spielte nicht für Geld oder Almosen, sondern einfach für die Musik.
Die Frau mit dem roten Hut und der kleine Mann traten auf die Straße und mit ihnen alle anderen, die in der Nähe wohnten. Und plötzlich war es nicht nur ein Geiger der da spielte, sondern zwei, und immer mehr Menschen mit verschiedensten Musikgeräten kamen auf die Straße und schlossen sich an. Und wie sie da standen, und sangen und tanzten, vor der bunten Kulisse des bemalten Viertels, vor all den Fabelwesen und bunten Farben, kamen dem kleinen Mann Tränen in die Augen.
„Das“, sagte die Frau mit dem roten Hut, „Das ist die Wirklichkeit.“
Und der kleine Mann nahm sie an der Hand und klappte seine Bücher für immer zu.
Denn manchmal ist das Leben die schönste Geschichte.






Kommentare
Wunderschön. :)
16.08.2012, 12:53 von schmetterlingslachenwirklich toll und ein extra Lächeln wegen dem Lokomotivfahrer, da musst ich an Lukas und die kleine Insel mit zwei Bergen denken :) :)
16.08.2012, 12:38 von einhornponyUi, wundertoll, einfach fantastisch. So schön zu lesen
16.08.2012, 12:09 von VonGruenwaldeine wunderschöne und liebevoll geschriebene geschichte voller lebensfreude. bin begeistert!
15.08.2012, 20:40 von hans_lurch<3 <3 :'-) Wunderbar!
10.08.2012, 01:37 von Oktoberstern4oh wow, superschön. für die geschichte würde ich dich am liebsten mit herzen überhäufen!
08.08.2012, 16:06 von gadehwunderbar. wirklich wirklich großartig.
08.08.2012, 15:56 von FrauTinaIch bin so gerührt von dieser schönen Geschichte. Ich mag, dass sie so lebensbejahend und fröhlich ist!Sie liest sich wie ein wundervolles Märchen. Ein Märchen für Erwachsene. Danke, mein Tag wird nun noch etwas bunter und leuchtender!
08.08.2012, 11:16 von Sultaninewow, wunderbarer text!
07.08.2012, 23:09 von Reiselustigich will noch mehr solcher tollen geschichten :-)...
07.08.2012, 18:18 von Ajiradschön!