Rosa 06.09.2004, 15:18 Uhr 3 1

Die Enkeltochter der Asche von Auschwitz

"Ihr habt mir meine Familie zurückgegeben"

Liebe Lisa,
Genau heute vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal Mirjam, deine Enkeltochter getroffen.
Vorher hatten wir ausschließlich E-Mail-Kontakt.
Ich habe letztes Jahr 8 Wochen in den USA verbracht. Zufällig stand auch eine Woche New York, Mirjams Geburtsstadt auf dem Programm.
Als Mirjam erfuhr, dass ich in der ersten Septemberwoche in New York sein würde, schrieb sie, sie wolle gerne dorthin kommen, und mich zum Abendessen einladen.
Und das hat sie getan. Wir waren um 19 Uhr im Eingangsbereich der Jugendherberge verabredet, und ich war wahnsinnig nervös, und so aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten und Ostern zusammen. Ich war mindestens 10 Minuten zu früh, aber schon als ich die Treppe runter kam, sah ich sie in einer Ecke der Lobby stehen: Eine Frau Mitte 50, vielleicht 1,65m groß mit einem langen, buschigen, weißen Pferdeschwanz, einem schmalen Gesicht, und einer riesigen Brille. Die Begrüßung verlief wie im Kino: „Mirjam?“ -„Rosa!“ Dann hat sie mich umarmt, und wir beide hatten das Gefühl, endlich einen Menschen gefunden zu haben, den wir lange gesucht hatten. Ich glaube, die erste viertel Stunde war ein einziges „I’m so happy to meet you!“ von beiden Seiten.
Beim Essen erzählten wir uns dann, alles was wir über eure Familiengeschichte, und ganz besonders über dich, Lisa, wussten.
Die Frage war: Wer war Lisa? Und was ist mit ihr geschehen?
Mirjam sagte mir, dass dein Sohn Horst nicht viel über dich, und überhaupt über sein Leben in Deutschland gesprochen hat. Er hat nur immer gesagt, dass dein Sauerbraten viel besser war, als der seiner Frau.
Und ich erzählte Mirjam von meiner Heimatstadt in Deutschland, in der 1923 auch ihr Vater zur Welt kam. Übrigens im gleichen Krankenhaus wie ich, nur 61 Jahre vorher.
Aus den folgenden Jahren deines Lebens ist uns nur wenig bekannt. Wir wissen, dass deine Ehe mit Moritz schon nach fünf Jahren geschieden wurde, aber warum wissen wir nicht. Wir vermuten, dass er dich, das „Mädchen vom Lande“ mit seinem Charme und seiner vermeintlichen „Weltkenntnis“ beeindruckt und verführt hat. Tja, und dann „musstet“ ihr heiraten, obwohl ihr im Grunde nichts gemeinsam hattet.
Wie auch immer, du hast deinen Mädchennamen wieder angenommen, und bist mit Horst zu deiner Mutter gezogen.
Und obwohl du einen kleinen Möbelladen betrieben hast, ging es dir finanziell so schlecht, dass Horst in einer Art Kinderheim aufgewachsen ist.
Dann kamen die Nazis an die Macht und das Leben in Deutschland wurde für euch Juden immer unerträglicher.
Moritz ging mit seiner neuen Frau in die Dominikanische Republik. Und auch dir bot sich eine Chance zur Flucht: Ein Arzt, wollte dich nach England bringen, aber du bliebst, weil du deinen Sohn nicht zurücklassen wolltest.
In einem Archiv, das bei Mirjam um die Ecke ist, habe ich per Internet einige offizielle Briefe gefunden. Die Dame, die mir freundlicher Weise die Kopien geschickt hat, mailte mir noch, dass das alles uninteressanter Kram sei, mit dem ich wohl wenig anfangen können würde.
Aber im Gegenteil! Stell dir vor, Lisa, es waren jene Briefe, die dein Exmann an verschiedene Komitees und Hilfsorganisationen geschrieben hatte, um Horst aus Deutschland, dieser brodelnden Hölle, herauszuholen. Mit Erfolg.
Ende 1941, Horst war damals 18 Jahre alt, standest du also mit deinem einzigen Sohn am Bahnhof, und du hast geahnt, dass es ein Abschied für immer sein würde, wie Horst kurz vor seinem Tod Mirjam unter Tränen erzählt hat.
Horst wollte zuerst nach Palästina, aber aus irgendwelchen Gründen verpasste er das Schiff, welches dann später mit all den Flüchtlingen an Bord unterging.
Also entschloss er sich erst einmal in die Dominikanische Republik zu gehen, wo sein Vater inzwischen eine Lederfabrik besaß.
Ich finde es unglaublich, Moritz hat Horst gezwungen, die Kosten für seine Emigration in der Fabrik abzuarbeiten! Was zur Folge hatte, dass die beiden nicht mehr miteinander gesprochen haben, und Horst später seiner Tochter verbot, ihren Großvater zu sehen.
Moritz ist also wahrscheinlich zurecht das schwarze Schaaf in der Familie.
Dein Sohn ging dann auf die Uni und studierte Philosophie. Mirjam sagte, er hatte am Ende seines Lebens eine riesige Bibliothek und wusste ALLES über das antike Griechenland.
Auf der Uni hat er dann Anna kennengelernt, Mirjams Mutter, die mit ihren Eltern aus Polen geflüchtet war. Mitte der fünfziger Jahre sind sie dann nach New York City umgesiedelt, wohin es deinen Bruder Albert verschlagen hatte, und den Horst als einzigen, überlebenden Verwandten betrachtete.
Und du, Lisa? Über dich wissen wir kaum etwas. Nur, dass du inzwischen in einer jüdischen Lungenheilanstalt, im Schwarzwald als Wirtschafterin gearbeitet hast, und dann zusammen mit den Patienten, und den anderen jüdischen Angestellten 1942 nach Theresienstadt deportiert wurdest, und schließlich in Auschwitz ermordet wurdest.
Mirjam nennt sich selbst „Enkeltochter der Asche von Auschwitz“.
Was ich an diesem Abend in New York noch nicht wusste war, dass Mirjam panische Angst davor hatte nach Deutschland zu kommen. Später hat sie mir erzählt, dass sie monatelang den gleichen Alptraum hatte: Sobald sie in Deutschland aus dem Flugzeug stieg, sickerte jüdisches Blut aus dem Boden. Immer weiter und weiter, bis sie darin ertrank.
Ihr Mann hat immer zu ihr gesagt, sie könne unmöglich nach Deutschland reisen, weil sie mit Sicherheit einen Nervenzusammenbruch erleiden würde.
Aber Mirjam hat im Nachhinein erzählt, dass es ihr seit diesem Treffen mit mir vor einem Jahr in New York besser ging, worauf ich sehr stolz bin. Sie hat ihre Angst überwunden, und ist innerhalb eines Jahres sogar zweimal zu Besuch gekommen.
Aber zurück zu jenem Abend. Deine Enkelin hat mir ein ganz wunderbares Geschenk gemacht, und ich bin immer noch gerührt, wenn ich es anschaue: Eine silberne Kette, mit einem ovalen Anhänger, auf dessen Vorderseite ein „R“, für Rosa, und auf dessen Rückseite „Lisa“ steht.
Als Erinnerung an „die Asche von Auschwitz“, die keinen Grabstein hat, und als Dankeschön an mich, weil ich nach deiner Lebensgeschichte geforscht habe.
Aber ich habe viel mehr bekommen als das. Ich bin dir und deiner Familie nahe gekommen, und jetzt ist euere Geschichte ein Teil von meiner.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass Mirjam mir als Deutsche keinen Hass entgegengebracht hat. Das mag vielleicht banal klingen, aber das gibt es ja auch. Das wäre sehr schlimm für mich gewesen, nachdem ich mich dir so verbunden fühle.
Aber Mirjam hat mir nicht nur keinen Hass entgegen gebracht, sondern hat sich versöhnt. Das Loch, dass sie, wie sie sagte 50 Jahre lang in ihrem Herzen hatte, ist gestopft.
Und sie und ich sind sehr gute Freundinnen geworden.
Lisa, man hat dich nicht ausgerottet, nicht gänzlich getötet. Du lebst in Mirjam und ihren Kindern, und in unserer Erinnerung.

Shalom, deine Rosa"Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.geschichtswerkstatt-bayreuth.de/denksteine.html

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ein schöner text mit einem interessanten thema.

    in welcher beziehung stehst du zu lisa?

    26.09.2008, 18:04 von la_lionne
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  • 0

    Schön! :-) Du mußt mir bei Gelegenheit unbedingt mal schreiben, wie es zu Deinen Nachforschungen kam u.s.w. Ich finde es toll, daß Du sowas getan hast!

    17.09.2004, 12:10 von rote_zora
    • 0

      @rote_zora Auch ein dickes Lob von mir für Dich..!

      17.09.2004, 16:42 von Sophie_
    • 0

      @Sophie_ seeehr bewegend!
      ach ja - und mich würden auch die hintergründe interessieren (wie es zu dem kontakt kam) ...

      21.09.2004, 20:29 von girl.interrupted
    • 0

      @girl.interrupted wow.

      29.09.2004, 15:53 von rote_blume_im_wind
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  • 0

    Wunderschön geschrieben, warst du echt in new york?
    ich bin sehr beeindruckt!
    andrea

    16.09.2004, 17:08 von Times
    • 0

      @Times Ja, war ich. Danke für's Lob!

      16.09.2004, 18:35 von Rosa
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