Die Brüder Löwenherz haben verloren
Ein schockierender Tatsachenbericht über die Zustände in einem deutschen Theater.
In die Premiere von „Die Brüder Löwenherz“ im Stadttheater Fürth laufen Kinderklassen in Begleitung von jeweils mindestens zwei, meist jedoch drei sogenannten Lehr“kräften“ ein. Alles, was dann folgt, lässt mich und meine mit mir anwesende Freundin in Frust und Scham ersticken. Der Lautstärkepegel gleicht dem einer Kirmes (eigentlich fehlen nur die berühmten „Kommen Sie ran, steigen Sie ein!“-Mikrofon-Ansagen der Fahrzeugbetreiber), er übersteigt sogar den eines Kinderlandes im Kaufhaus (nur: hier gibt es keine Rutsche ins Kugelbad).
Wir zwei kinderlose Erwachsene sitzen direkt am Bühnenrand, doch leider fällt es uns unglaublich schwer, die Schauspieler überhaupt zu verstehen. Während ich vermute, dass Jonathan und Karl Löwenherz gerade kindergerecht über den Tod philosophieren (im Lippenlesen bin ich kein Profi), interessiert es mich doch, ob die Kinder womöglich von der Thematik aufgewühlt sind, ob sie deswegen so laut sind. Die Antwort auf die Frage steckt in einem Augenschwenk über das Publikum: Mehr als 50% der Kinder stehen. Viele hüpfen vor ihren Sitzen auf und ab. Einige der kleinen, süßen, kulleräugigen Theatergäste kabbeln und hauen sich ein bisschen. Drei Kinder laufen in den Reihen auf und ab. Unweigerlich kommen mir Goscinnys „Der kleine Nick“-Bücher in den Kopf. Genauer gesagt die Illustrationen von Sempé. In diesen steht dann jeweils am Rand ein Lehrer, der wild mit den Händen fuchtelt oder seinen Zeigefinger in die Höhe reckt. Zu wissen, dass hier in diesem rotbesamteten Raum überhaupt Lehrer vorhanden sind, grenzt an Selbstbetrug. Man sieht sie nicht und – fast noch schlimmer – hört sie nicht. Eine einzige laute, für alle hörbare Ermahnung wäre um Unendlichkeiten weniger störend, als dieser konstante Unaufmerksamkeitspegel. Aber die Lehrer bleiben still und legen ihre Hände in den Schoß. Vielleicht beten sie ja.
Irgendwann entfleucht einer mutigen Grundschullehrerin doch noch ein zögerliches „SCH!“. Dieses wird von den Kindern dankend aufgenommen, indem sie es wie ein Lauffeuer durch die Reihen weitergeben und sich die Geräuschkulisse „Kinderland“ kurzzeitig in einen berstenden Wasserfall verwandelt.
Endlich, als zwei Wächter auf der Bühne streiten und der eine lautstark „Halt’s Maul!“ brüllt, scheinen die Kinder dann doch wieder von der Phantasiewelt der Handlung mitgerissen: Sie kringeln und kugeln sich und geben sogar Szenenapplaus. Die Wächter fangen an miteinander zu kämpfen, da schreit ein völlig fasziniertes, glöckchenklares Kinderstimmchen „Die ficken!“.
Irgendwann sind wir alle erlöst. Der Vorhang geht zu und es herrscht zum ersten mal seit ca. 80 Minuten komplette Stille. Die Schauspieler schlüpfen durch den Vorhang, um sich zu verbeugen. Meine Freundin und ich beginnen fast pawlowsch konditioniert zu klatschen. Wir kennen es eben so. Dass am Schluss des Stückes die Zeit des Publikums ist, in der man entweder Begeisterung oder Missmut zeigen kann. Eine zum Zerbersten peinlich lange Zeit klatschen wir tatsächlich ausschließlich zu zweit. Irgendwann tun es uns doch noch ein paar Kinderpatschehändchen gleich.
Die Lehrer? – Keine Ahnung. Entweder, sie hatten die Hände noch zum Gebet gefaltet, oder sie waren schon gar nicht mehr da, weil im Sumpf der Scham völlig versunken. Letzteres kann ich nur hoffen.







Kommentare
Hm, ich fand diesen Artikel nicht wirklich zu lachen... Wenn das die Kinder von heute sind, mach ich mir Sorgen um die Erwachsenen von morgen!
09.01.2009, 23:03 von Singer_in_the_RainIch kann nur hoffen, dass du bei deinem Theaterbesuch eine besonders schlimme Truppe erwischt hattest...!
ach gott. es ist halt KINDERTHEATER. da sollte man als erwachsener auch nicht reingehen und das burgtheater-publikum erwarten. grundschulkinder, sagst du? kann man ihnen nicht übelnehmen, finde ich. wenn es die schauspieler und die inszenierung nicht schaffen, die kinder zum zugucken zu fesseln, dann haben die eben versagt. kindertheatermacher wissen meist sehr gut, welche altersstufen wie bespelt werden müssen - manchmal gehts eben nicht auf. die schuld jetzt aber den achso unerzogenen kindern und den unfähigen lehrern zu geben und so eine "früher war alles besser"-attitüde an den tag zu legen, ist scheißspießig.
18.03.2007, 15:39 von dieJudithgeh doch nächstes mal einfach in ein stück, das deine altersgruppe anspricht. oder in besser gemachtes kindertheater, wo die kleinen mit begeisterung dabei sind. still, leise und bildungsbürgerlich wirds da aber auch nicht werden.
"Endlich, als zwei Wächter auf der Bühne streiten und der eine lautstark „Halt’s Maul!“ brüllt, scheinen die Kinder dann doch wieder von der Phantasiewelt der Handlung mitgerissen: Sie kringeln und kugeln sich und geben sogar Szenenapplaus. Die Wächter fangen an miteinander zu kämpfen, da schreit ein völlig fasziniertes, glöckchenklares Kinderstimmchen „Die ficken!“."
ist doch toll, wenn die kinder mitgehen!!
mann, echt, wie ne omma in der ubahn, die den teenie ankeift: "nimm gefälligst die füße vom sitz und lass dir mal wieder die haare schneiden! früher hätt's das nicht gegeben!" so ist dein text.
@dieJudith das hat doch nichts mit spießigkeit zu tun, wenn man im theater was vom stück mitbekommen möchte bzw. wenn man möchte, dass das stück läuft. außerdem gehts im text doch nicht darum, dass früher alles besser war... auch kindertheater kann und soll anders aussehen. ich sprech da aus erfahrung...
10.01.2009, 00:25 von desidinhaschmunzeln über das, was da passiert ist, kann ich trotzdem nicht... ich denke schon, dass ein teil der verantwortung bei den lehrern liegt. auch jüngere kinder können sich benehmen...
@[Benutzer gelöscht]
08.12.2006, 22:39 von dimaktin der tat.
dazu kommt ja noch, dass das ja nur schein-toleranz ist. denn die kinder HABEN ja nichts von dieser "nachsicht" ....
hier läuft einfach was ganz grundlegendes falsch. und dieser theaterbesuch war ja nur die realität des alltags, das vor-augen-führen dessen, was sowieso tagtäglich überall in deutschland passiert (und zwar NICHT nur die kinder betreffend). nur war der raum hier halt begrenzt und somit die auswirkungen überspitzter.
in der überspitzung liegt immer die aufdeckung der alltäglichen tatsachen.
Ähem. Sehr witzig geschrieben, ohne Zweifel, und daher mit Sicherheit lesenswerter als jede dröge Zeigefingerheberei. Bloß zum Lachen finde ich das Geschilderte nun leider wirklich nicht, darum kann ich mich über die Kommentare eigentlich nur wundern...
08.12.2006, 16:40 von PaminaMal 'ne Frage: Was hat dich und deine Freundin denn dorthin geführt? Wart ihr mit Kindern dort oder aus eigenem Interesse? Ich hab mir mal "Krieg der Knöpfe" in der Matinee-Vorstellung meines Lieblingsprogrammkinos (vorwiegend akademische Eltern mit ihren Sprösslingen als Besucher) angetan: Eigentlich heule ich bei dem Film immer vor Rührung, in dem Fall aber fast vor Wut - den lieben Kleinen ging der Film am Arsch vorbei und sie benahmen sich genauso, wie du es hier treffend schilderst. Dem Kinobetreiber kann's egal sein - als Theatertruppe sollte man so eine Veranstaltung einfach abbrechen.
@Pamina
08.12.2006, 16:52 von dimaktja, das eigene interesse hat uns dorthin geführt.
meiner meinung nach wäre es auch gut gewesen, wenn abgebrochen - oder zumindest UNTERbrochen - worden wäre.
- aber mir kam es so vor, als ob die toleranz wieder bis zur spitze getrieben wurde --- "es sind ja schließlich kinder, da muss man nachsichtig sein!"
@[Benutzer gelöscht]
08.12.2006, 14:54 von dimaktvielen dank euch dreien.
ich bin noch immer in der schock-überwindungsphase und kann selber noch nicht so ganz mitlachen. das war die komplette überforderung für mich!