snowiebird 12.12.2011, 20:53 Uhr 0 1

Die alte Kaserne

Du stehst da, siehst Dich suchend nach mir um. Gemein, jemanden zu beobachten, der mich nicht sehen kann...

Du wirkst leicht angespannt. Wir haben uns seit gut einem Monat nicht mehr gesehen, keinen Kontakt gehabt, weißt nicht wie Du reagieren sollst. Auch ich bin mir unschlüssig.
Schließlich öffnet der Bus seine Türen. Ich steige aus, winke Dir entgegen. Wenn man es so nimmt, kennen wir uns kaum, wie sollte man sich folglich Begrüßen?
Ich entscheide mich für eine schlichte Umarmung.

Verschwiegen gehen wir den Weg zu Deiner Wohnung, in diesem Augenblick haben wir uns nichts zu sagen.
Schließlich brichst Du die Stille:
„Wir müssen noch kurz einkaufen gehen, habe Lust was mit dir zu kochen!“.
Gemeinsam laufen wir durch die schier endlosen Hochhausketten. Vor nicht allzu langer Zeit war dieser Stadtteil verpönt, Bürger lehnten sich gegen die kriminelle Szene auf.
Heute wirkt alles friedlich, große Parkanlagen mit viel Grünfläche und Spielplätzen zwischen zahllosen Mehrfamilienhäusern. Eine angenehme Gegend geworden. Dennoch traue ich dem Frieden nicht.
Trügt der Schein? Sind diese Kinder dort wirklich glücklich?
Zwei Straßen weiter stoßen wir auf ein sichelförmiges Gebäude, darin kleine Läden. Die Mitte dominiert durch einen Supermarkt. Alles wirkt neu, der Parkplatz, das Gebäude, selbst die Pflanzen davor.
Ich stelle mir die Frage, was sich dort wohl einst befand.


In Deiner Wohnung angekommen, verstauen wir die Lebensmittel. Die Küche sieht edel aus, gefertigt aus hellem Holz. „Ich hab mal Koch gelernt, hat auch echt Spaß gemacht, aber irgendwie war's nich so das Richtige für mich“. Gedankenverloren lächelst Du vor Dich hin, schälst dabei eine Zwiebel. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie sich eine Träne den Weg über Dein Gesicht bahnt.
Unwillkürlich muss auch ich lächeln.
„Als Kind hab ich die Freiheit genossen, war ständig draußen in der Natur. Mein Vater hat es mir oft verboten, was mich einen Scheiß interessiert hat“. Diesmal lachst Du, doch es klingt schmerzverzerrt. „Selbst als Jugendliche sind wir oft draußen rumgehangen. Am liebsten war ich am alten Panzer. Er strahlte eine Art Macht und Stärke für mich aus.“
Nichts ungewöhnliches an dieser Aussage, nur ein Wort passt hier nicht rein. Ein Großteil der Jugendlichen verbringen die Freizeit Außerhaus, doch was hat es mit diesem Panzer auf sich?
Ich hake nach. „Der Panzer war das Überbleibsel der alten Kaserne. Man hat ihn ausgehöhlt und entschärft. Naja, deshalb hing ich oft da rum mit meinen Leuten. Aber das Gelände war für Unbefugte eigentlich nicht zugänglich, hat uns damals aber nich wirklich gejuckt.“
Erneut huscht ein kurzes lächeln über Dein Gesicht. Sowie Du da stehst und mir von Deiner Jugend erzählst, gibst du mir das Gefühl eines kleinen Mädchens, das gespannt den Geschichten seines Großvaters lauscht.
Nunmal bist Du auch knappe 8 Jahre älter als ich, hast mehr Lebenserfahrung. Und dennoch verstehen wir uns.
„Wo befindet sich diese 'alte Kaserne'?“
Zuvor hatte ich tatsächlich nicht eine Silbe über diese Kaserne gehört. Sie wirkt wie ein magischer Ort, an dem viel geschah, der sich vor mir versteckt hält. Bis jetzt.
„Man hat sie abgerissen, vor vier Jahren müsste das gewesen sein. Schade eigentlich, war ein geniales Gelände,
sehr groß und abenteuerlich. Zuletzt wirkte alles sehr verlassen und gespenstisch. Naja, magst noch n bisschen Soße?“
Damit war diese Unterhaltung abgeschlossen. Für heute jedenfalls.


Wenige Tage später kommt mir abermals der Gedanke über die alte Kaserne. Es gibt so viele Fragen die mich interessieren.
Kaum etwas über ein Thema zu wissen, weckt eben meine Neugierde.

Welche Menschen waren dort wohl stationiert?
Wo kamen diese Menschen her?
Wie fühlten sie sich als der 2. Weltkrieg ausbrach, hatten sie Angst? Wie viele Menschen ließen dort ihr Leben?
Welche Freundschaften wurden geschlossen?
Leben diese Menschen noch?
Und wo zum Teufel befindet sich nur das Gelände der alten Kaserne?
Ich weiß es einfach nicht, kann nur spekulieren.


Mit der Zeit lernten wir uns besser kennen, sahen uns öfters, verliebten uns und begannen eine Beziehung. So oft wir konnten sahen wir uns.
Vor lauter Glück über die entstandene Liebe, geriet die Geschichte der Kaserne mehr und mehr in Abwesenheit.


Ich sitze im Bus. Gekonnt schlängelt er sich durch zahlreiche, kleinere Seitenstraßen. Gedankenverloren sehe ich aus dem Fenster.
Nichts ungewöhnliches dort draußen, kenne diese Strecke in und auswendig, schließlich bin ich oft genug zu Dir gefahren.
Der Bus beginnt abzubremsen, eine Frauenstimme kündigt die nächste Haltestelle an. „..... …aserne.“
Ich werde hellhörig, traue meinem Sinnesorgan nicht. Zur Sicherheit ziehe ich ein zweites hinzu, blicke auf das kleine Display oben an der Decke. Schwarz auf weiß steht dort „alte Kaserne“.
Unwillkürlich schüttel ich den Kopf, der Mund steht mir offen.
Etliche Male war ich an dieser Haltestelle vorbeigefahren, hatte Musik gehört, folglich nicht darauf geachtet.
Ich muss aussteigen. Auch das Stationsschild bestätigt den Namen dieser Haltestelle. Ich blicke nach rechts um das Grundstück zu
begutachten, erkenne es wieder. Dieser neue Parkplatz, das sichelförmige Gebäude mit dem Supermarkt. Mir wird schwindelig.
Alles ergibt einen Sinn.
Ich laufe umher, mache mich mit der Umgebung vertraut. Haufenweise Autos, unzählige Menschen die gehetzt ihre Einkaufswägen vor
sich hin schieben. Hinter dem Objekt befindet sich eine Reihe von Mehrfamilienhäusern. Rein garnichts deutet auf diese alte Kaserne hin, sie scheint vollkommen in Vergessenheit geraten zu sein. All die Menschen, gefangen in ihrer egoistischen, stressigen Welt, hektisch die Einkäufe erledigend. Keiner von ihnen scheint nur einen Gedanken an dieses Stück verlorene Geschichte zu verschwenden.
Traurig.

Mein Handy kündigt einen Anruf an.
„Schatz, wo zum Teufel steckst du?“
„Ich bin bei der alten Kaserne. Frag am besten gar nicht nach. Holst du mich ab?“


Eine viertel Stunde später kommst Du grinsend auf mich zu.
„Was zum..“.
Ich lasse Dich nicht ausreden, lege meinen Finger auf Deine Lippen. Noch immer grinsend schüttelst Du Deinen Kopf, verstehst mich nicht. Doch das macht nichts, auch ich verstehe es nicht.
Wir machen uns auf den Weg zu Deiner Wohnung.
Den Vorfall und damit dieGeschichte der alten Kaserne begraben, bestellen wir uns etwas zu Essen und genießen den restlichen Abend.

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