KathrinBaka 05.06.2012, 14:33 Uhr 7 0

Diagnose Kieferbruch - Werde ich sterben?

Ein komplett erfundenes Tagebuch über eine wahre Begebenheit, dem 5 tägigen Aufenthalt im Krankenhaus.

Heute ist der 4. Juni 2012 und ich bin seit Donnerstag, dem 31. Mai, im Krankenhaus gewesen. Heute wurde ich feierlich entlassen. Es war mein erster stationärer Aufenthalt im Krankenhaus, weswegen ich das traumatische Erlebnis nun durch einen Text verarbeiten werde. Da ich mir während des Aufenthalts nichts aufgeschrieben habe sind alle Uhrzeiten, Dialoge und Fakten erfunden, aber könnten per Zufall auch teilweise korrekt sein.


Donnerstag 31. Mai 2012

10:00 Uhr

Ich esse ein Brot und muss es zuvor in atomarkleine Teile schneiden, was ich inzwischen sehr gut beherrsche, da ich seit 3 Wochen nicht mehr richtig kauen kann. Ich habe dadurch gelernt wie man jegliche Nahrung ohne zu kauen, herunterschlucken kann. Inzwischen dürfte ich beim Schlucken ungefähr bei der Messlatte im Bereich von Heather Brooks stehen. Für alle die nicht wissen, wer das ist, es ist eine Pornodarstellerin, die dadurch berühmt geworden ist, dass sie monströse Schwänze in ihrem Kopf verschwinden lässt und immer weiter reinschiebt, obwohl man der Meinung ist, die Eichel müsste gleich aus dem Hinterkopf wieder herausplatzen. Wem das zu detailreich war, der kann sich vorstellen, was für einen Spaß es mir gemacht hat mit diesem Gedanken mein Brot zu schlucken.

Wie kam es dazu? Wir spulen drei Wochen zurück zum 17.05.2012. Es war ein Donnerstag an dem ich feiern ging, genau genommen Mittwoch, aber erst Donnerstag kam ich am Hauptbahnhof in Mainz an, als ein streitlustiger Kanacke auf ein paar andere Menschen ging. Professionell wie ich bin, ging ich dazwischen und bekam selbst einen Schlag gegen den rechten Unterkiefer. Die Polizei, die ihn kurz danach zu Boden schmiss und verhaftete, fragte mich noch, ob ich einen Arzt benötigen würde.

Doch ich spürte nur ein leichtes brennen und selbstsicher lallte ich zurück: „Neee isgarnisch nödig!“

Als die Polizei weg war steckte ich mir einen Kaugummi in den Mund, da es auffällig war, dass der Kommissar, welcher meine Zeugenaussage aufnahm, als ich anfing zu sprechen, erst einmal 3m nach hinten lief. Auffällig war auch, dass es sich anfühlte, als ob meine Zähne gleich herausfallen würden zu dem Zeitpunkt, als ich auf den Kaugummi biss. Also lief ich noch einmal zur Notaufnahme. Dort versicherte mir ein übermüdeter Zahnmedizinstudent, dass er mir nichts versichern könnte und ich noch einmal kommen sollte. Ich kam drei Tage später noch einmal, da versicherte mir eine Zahnmedizinhippsterschwuchtel an der Aufnahme zur Klinik, dass ich keine akuten Schmerzen habe und deswegen getrost nach Hause gehen kann, da keine extraoralen Schwellungen sichtbar sind. Ich wollte ihm schon zeigen, was er mich mal oral kann, ging dann aber doch nach Hause. An sich hatte ich ja keine Schmerzen, außer halt beim Kauen.

2 Wochen später war es wieder Donnerstag, dieser Donnerstag und ich atomisierte mein Brot immer noch. Also doch wieder zur Klinik.


12:00 Uhr

Ich war so intelligent, an die Praxisgebühr zur denken und ging zu meinem Hausarzt. Ich zahlte unter Tränen die 10€ und ließ mir die Überweisung zu einem Orthopäden, Chirurgen und Kieferchirurgen geben. Ich dachte mir, wenn ich schon 10€ bezahle, dann will ich wenigstens was dafür haben. Zufrieden ging ich mit den Überweisungen zur Kiefer und Mundklinik in Mainz.


12:20 Uhr

In der Klinik sagt mir die Empfangsdame, dass ich erst einmal alle meine Daten in einem Formular ausfüllen müsste. Ich nahm das Formular, bestehend aus zwei Blättern und füllte es in einer Ecke aus. Dort waren die üblichen Fragen, wie etwa ob ich HIV krank bin, Hepatites habe und, oder schwanger bin, ich kreuzte alles mit ja an, denn woher soll ich wissen, ob das alles nicht zutrifft? Ganz im ernst, wer macht schon täglich einen Hepatites, HIV und Schwangerschaftstest und kann somit die Vermutung, dass man von einem dieser Dinge betroffen ist, falsifizieren? Ich nicht.

Die Frage nach den Daten meines Haus- und Zahnarztes fand ich dann doch etwas anstrengend, wer zum Teufel kennt schon die Adresse von seinem Zahnarzt auswendig? Nach ein wenig Google Sucherei bezüglich meines Zahnarztes, der mehr Konsonanten im Namen hat, als das Alphabet überhaupt hergibt, konnte ich auch den Mist eintragen.


12:40 Uhr

Nachdem ich noch einmal an der Schlange zur Anmeldung warten musste, gab ich der gleichen Dame das Formular. Sie sah es sich kurz an, fragte dann nach den 10€ Gebühren. Ich sagte ihr stolz, dass ich eine Überweisung habe und gab ihr das Papier.

Sie fragte mich, „von welchem Arzt ist das?“

„Von meinem Hausarzt, wieso?“

„Das gilt nicht.“

„Was?“

„Ich brauche eine Überweisung vom Zahnarzt.“

„Was?“

„Ich brauche eine...“

„Ich hatte Sie schon verstanden, aber was soll der Scheiß?“

„Ich habe mir das System nicht ausgedacht. Sie können auch hier einfach 10€ zahlen.“

„Ich geh erst einmal zum Zahnarzt.“

„Jetzt?“

„Ja!“ Wutentbrannt stiefelte ich aus der Klinik und begab mich zu meinem Zahnarzt. Ich war wütend, dass mir weder mein Hausarzt gesagt hat, dass seine Überweisung sinnlos ist, noch mein Gehirn mir eine schlagfertigere Antwort für die Rezeptionistin gegeben hatte, als einfach nur ja.


13:10 Uhr

Ich war der Meinung, dass der Zahnarzt mir eventuell schnell sagen könnte, was mir am Kiefer fehlt, mich wieder nach Hause schickt mit einer Füllung oder ähnlichem und alles wäre wieder gut. Deswegen entschloss ich mich zuerst kurz bei meinem Zahnarzt checken zu lassen. Das war normalerweise immer eine recht flotte Frau gewesen. Nur kam ich diesmal nicht bei ihr dran.

Der jüngere Zahnarzt untersuchte meinen Mund und checkte dabei alle möglichen Sachen ab, wie zum Beispiel die Vitalität der Zähne, was wohl soviel bedeutet, dass die Zähne noch in der Lage sind Schmerzen, Kälte und ähnliches zu empfinden, dann noch den Abstand der Zähne, Schmerzen am Kiefer und kam zum Ergebnis, dass er keine Ahnung hat, was es sein könnte. Er erklärte mir jeden einzelnen Schritt lange und umständlich. Ich hatte Angst ich würde noch Ohrenschmerzen vom Labern bekommen. Doch nachdem er das Röntgenbild gemacht hatte ging es erst richtig los. Ich sah sofort auf dem Bild an der rechten Kieferunterseite eine aderförmigen schwarze Linie, die auf der linken Kieferseite nicht bestand.

Ich wollte schon hinzeigen, dachte aber, das ist ja sein Job, das weiß er bestimmt besser.

Und er wusste es besser, er fing an zu erzählen, „also hier sehen sie die einzelnen Zähne, und den Kiefer, ihre Augen hat das Gerät gerade so nicht erfasst, dafür aber noch die Nasenhöhle. Es ist ein Rundumbild von ihrem Kiefer, jedoch wurde das dreidimensionale auf zwei Dimensionen heruntergebrochen, weswegen das ganze etwas schief wirkt. Das Bild ist an den Stellen weiß, wo feste Substanz besteht und wird schwarz, wo eher undichtere Masse ist.“ An diesem Punkt war ich der Meinung, er würde jetzt auf die Stelle zeigen, wo die schwarze aderförmige Linie zu sehen war, doch er erzählte weiter, „jedenfalls sieht man deswegen ihre Amalgam-Füllungen auf dem Bild in weiß. Der weiße neblige Schein in der Mitte kommt von ihrem Rückgrat, das ja auch noch hinter ihrem Kiefer verläuft.“ Ich sah ihn ungläubig an. War das sein ernst? Würde er mich gleich auf den Schoß nehmen und mir die Geschichte von Raupe Nimmersatt erzählen? Doch es kam noch besser. „Sehen sie das weiße L, das auf dem Bild zu sehen ist?“

„Ja.“

„Das steht tatsächlich für Links.“

Er scheiterte beim Versuch sein Grinsen zu verstecken. Anscheinend fand er die Anekdote so richtig zum Brüllen. Naja.

„Jedenfalls sehen alle ihre Zähne in Ordnung aus, keiner davon ist durchgebrochen und auf der linken Kieferseite ist alles in Ordnung.“ Innerlich schrie ich auf, dass mich die linke Kieferseite einen scheiß interessiert. Ein Professor hatte mir mal gesagt, Kassenpatienten sind für Ärzte fast wertlos, sie müssten 3 Kassenpatienten in 10 Minuten erledigen um Profit zu erwirtschaften. Bei meinem Zahnarzt war das anscheinend anders. Er musste wohl nur einen Kassenpatienten in der Stunde totlabern um tausend Gold zu bekommen. „Am Oberkiefer ist auch alles soweit in Ordnung. Aha, da an der rechten unteren Kieferseite da sehen wir doch einen kleinen Riss. Sehen Sie das?“

SCHON DIE GANZE ZEIT SEHE ICH DAS!!!!

„Das könnte etwas sein, hmm ich verstelle mal den Kontrast. Ja gut, nein, ich weiß nicht so genau was das ist.“

Die zwei anderen Kollegen die dazu gerufen wurden konnten sich auch nicht zwischen Bruch, Fraktur und Fraktion im Bundestag entscheiden, schickten mich dafür aber zurück zur Kieferklinik, die haben da mehr Ahnung von.

Hurra.


14:00 Uhr

Ich warte wieder an der Rezeption zur Kieferchirurgie im Erdgeschoss. Zwar habe ich ein Schreiben vom Zahnarzt in der Hand, welcher mich in den 5. Stock schickt, direkt zur Chirurgie, aber wenn der Hausarzt schon nicht wusste, dass seine Überweisung nichtig war, dann sollte man lieber mal auf Nummer sicher gehen.

Nach 15 Minuten, als das technische Problem mit den abgestürzten Computern gelöst wurde, kam ich endlich dran. Dort nahm die Dame dann meine Karte entgegen und sagte mir, dass wenn ich zur Chirurgie wolle, ich mich bei der Rezeption gegenüber anmelden müsste.

Wütend ging ich zur Rezption, die 20m daneben stand.

Dort sah mich die Frau entgeistert an, „der Arzt hat Ihnen gesagt, sie sollen direkt hoch zur Chirurgie?“

„Ja, aber ich bin hier ja noch gar nicht angemeldet, deswegen wusste ich nicht, ob...“

„Was machen Sie dann hier? Gehen Sie hoch in den 5. Stock, so wie es der Arzt gesagt hatte.“

In meiner Gedankenwelt läuft diese Frau noch heute mit einem Kaktus im Gesicht herum, welcher auf dem Tisch so schön wurfbereit stand.


14:10 Uhr

Zwei türkische Mütter unterhalten sich im Wartesaal auf deutsch und türkisch, wobei sie beide Sprachen nicht richtig beherrschen. Doch eigentlich ist es mir lieber, wenn sie auf türkisch reden, dann verstehe ich wenigstens nicht die Inhaltsleere ihres Gesprächs.

Sie spielen nach ewigem Labern auf einmal ihren zwei kleinen Kindern, die ungefähr zwischen ein und drei Jahren alt sind Balkanbeats vom Handy vor.

Die Musik scheppert laut durch den Wartesaal. Es nervt, aber nicht so sehr wie die Gespräche der beiden zuvor. Das einzige Problem ist, dass sie irgendwann anfangen sich einfach noch lauter als die Musik zu unterhalten.


14:30 Uhr

Der Arzt schaut mich an. „Ja, das ist ein Bruch, das habe ich sofort gesehen. Das hier sind übrigens alle Studenten die auch Medizin studieren.“

Eine davon sah sogar ziemlich gut aus, aber als Patient war es nicht sehr leicht lustig und, oder schlagfertig rüber zu kommen, weswegen ich nicht denke, dass sie heute Abend in ihr Tagebuch schreibt, was für ein Hammertyp heute bei den Patienten dabei war.

Vielleicht auch doch.

Aber eher nicht.

„Sie müssen dann runter in den 1. Stock für den 3 D Scan.“


14:40 Uhr

Eine Frau die ungefähr 1,20m groß ist, versucht mir die Bleiweste am Rücken aufzulegen. Ich muss mich fast in die Hocke begeben, damit sie an meinen Rücken kommt.


15:10 Uhr

Einer der Studenten verlegt mir einen Katheter in die Venen, damit man mir Antibiotika, Schmerzmittel, Narkotika und andere Drogen in das Blut pfeffern kann. Ich hatte ja gehofft, dass das Mädchen den Job übernimmt, aber die Welt ist nun einmal nicht gerecht. Es machte nicht einmal Sinn, dass der Typ den Job macht, da ich Anfängervenen habe. Alle Ärzte und Junkies freuen sich immer wieder, meine Adern zu sehen. Schön groß, in blau und pulsierend, da kann man nichts falsch machen, einfach nur reinstecken und fertig. Fast wie beim Sex, nur halt mit Nadel und Blut. Okay das letztere kommt auch teilweise beim Sex vor, sollte aber eigentlich nur einmal passieren. Jedenfalls war der Student schon Ewigkeiten in irgendeinem ambulanten Dienst und kann seit 20 Jahren Blutabnehmen.


15:30 Uhr

Der Arzt sagt, dass eventuell heute noch eine OP stattfinden könnte.

Er sieht mich ernst an und fragt, „sind Sie denn nüchtern?“

„Bis jetzt kein Alkohol, wieso?“ Eine Millisekunde bemerkte ich, dass ich das falsch aufgenommen hatte und wahrscheinlich als schlechter Witz herüberkam.

Der Arzt lachte gekünstelt. „Nein, ob Sie etwas gegessen haben?“

„Achso, das letzte mal so gegen 8 Uhr“, log ich.

„Getrunken?“

„Äh.. Wie jetzt? Also bis jetzt hatte ich kein Bier und...“

„Wasser?“

Das letzte mal als mich das ein Arzt gefragt hatte, war das bei der Blutabnahme und ich hatte ihn angelogen, dass ich einen halben Liter getrunken hatte, obwohl ich gar nichts getrunken hatte. Anscheinend war es Ärzten immer wichtig, dass man viel trinkt.

Ich hatte bis dahin an diesem Tag vielleicht einen Schluck Wasser getrunken, log aber, „ja, einen halben Liter Wasser.“

„Wann?“

„Äh, vor einer Stunde.“

Er verzog das Gesicht, „hmm, ja okay, könnte trotzdem gehen.“

Später erfuhr ich vom Narkosearzt, dass man nichts Essen und Trinken darf vor der OP, in dem Sinne war meine Lüge komplett kontrproduktiv.


16:20 Uhr

Nachdem mich der Arzt für die Narkose über sämtliche Nebenwirkungen und über die Funktionsweise von Narkose aufgeklärt hatte saß ich in meinem Raum. Ja es war nun mein Raum. Drei Betten und ich saß alleine auf dem Stuhl, in der Hoffnung, dass ich bald erfahren würde, ob ich noch heute operiert werden würde.

Mein Bett lag neben mir, aber ich fand es sinnfrei, dort zu liegen, wenn ich noch gar keine Schmerzen oder ähnliches habe.

Ich habe tierischen Hunger und würde am liebsten wieder nach Hause gehen nach diesem Tag.


18:00 Uhr

Eine Krankenschwester kommt mit einem Essenstablett herein.

„So Herr Ebert, hier ihr Essen.“ Sie ist höchstens 25 Jahre alt.

Ich sehe Sie verdutzt an. „Was ist mit meiner OP? Der Arzt meinte, ich darf bis dahin nicht essen“

Sie sah ängstlich zurück. „Ich glaube doch.“

„Nein, darf ich nicht vor der OP.“ Es kam ein wenig patzig rüber, weil ich sehr hungrig war, es tat mir im nächsten Moment auch schon wieder leid.

„Okay, Okay, ich frage nochmal nach.“ Sie rannte wieder heraus. Kam 5 Minuten später wieder und sagte mir, „also die OP findet erst morgen um 7 Uhr statt, lassen Sie es sich schmecken.“

5 verschiedene Suppen die alle fad, teilweise sogar echt ekelhaft schmeckten und ein Trinkpäckchen bei dem der Strohhalm fehlte später, saß ich nun in meinem Zimmer.

Ich kam hier her um kurz abchecken zu lassen, was denn nun mit meinem Kiefer ist und nun werde ich operiert. Auf einmal wurde mir klar, Scheiße, dann sitze ich ja noch mindestens die nächsten zwei Tag hier.

Ich ging zur nächsten Schwester und ließ mir einen Wisch geben, dass ich freiwillig die Klinik verlassen hatte. Es kam mir komisch vor, direkt nach dem Essen die Klinik wieder zu verlassen, ob das öfter vorkam? Wie viele Patienten davon wohl wieder kamen?


19:00 Uhr

Ich saß wieder in meinem Zimmer. Diesmal aber ausgerüstet mit einem Handyladegerät, einem guten Buch, ein bisschen Unterwäsche und einem Laptop. Einem Laptop? Was war das denn für eine scheiß Idee? Am Ende wird der mir hier noch geklaut. Gott wie dämlich.

Ich werde per Tropf an ein Antibiotika angeschlossen. Ich weiß auch nicht genau, warum das schon vor der OP geschieht, aber ich akzeptiere es einfach mal. Deutschland ist zwar ein Land, in dem viel zu sinnlos mit Antibiotika um sich geschmissen wird bei Ärzten, aber bei einer OP könnte es vielleicht auch schon vorher sinnvoll sein, ich hinterfrage es aus Höflichkeit nicht.

Ich bekomme noch ein „Nüchtern“-Schild hinter das Bett gehängt und dann verabschiedet sich die Schwester.


21:00 Uhr

Mir ist schon jetzt endlangweilig. Nichts passiert und zu lesen habe ich auch keine Lust mehr, ich gehe zum ersten mal in das Bad. Zumindest versuche ich es, aber es ist abgeschlossen. Das Licht ist aber aus. Ich klopfe an und frage, ob jemand da drin ist. Niemand meldet sich, also schließe ich die Tür einfach von außen auf. Innen sehe ich, dass das Bad von zwei Zimmern begangen werden kann. Man muss also beide Seiten ab- und wieder aufschließen, wenn man ins Bad geht.

Scheint wohl dem Nachbarzimmer nicht gelungen zu sein.

Das Bad selbst entspricht dem Luxus vom Luxus.

Ich bin erstaunt mit welch akribischen Arbeit sämtliche Urinflecken an der Toilette nicht weggeputzt wurden, fast schon filigran wurde der Boden dreckig gehalten und das vergilbte Silikon an der Dusche zeugt von einem schon fast überheblichen Hygienestandard.

Ein Traum wurde wahr.


21:20 Uhr

Ich schlafe ein.


ca. 32:85 Uhr

Im Schlaf tritt mir eine Erscheinung auf, die an der Kanüle an meinem linken Arm herumfummelt. Ich bin total perplex, aber sie beruhigt mich, dass sie mir nur kurz Antibiotika gibt, sie macht dann ihre Runde, kommt wieder und schließt mich ab.

Ich bin beruhigt und schlafe direkt wieder ein.


32:95 Uhr

Wieder tritt die Erscheinung an mein Bett, sie hebt meine Hand hoch und sagt, ich soll sie diesmal doch bitte oben halten, das letzte mal hatte das Blut umher gespritzt.

Blut umher gespritzt, was? In meinem Bett?

Hektisch schaue ich mich um, sehe aber keine Blutflecken und schlafe beruhigt wieder ein.



Freitag 1. Juni

07:00 Uhr

Ein anderer junger Mann wird in mein Zimmer verfrachtet. Der heißt J. Und hat sich beim Fußball den Kiefer gebrochen gehabt, auf beiden Seiten, was eher üblich ist und bekam vor 6 Monaten ein paar Platten und Schrauben rein. Heute solle er sie wieder herausbekommen. Er war 26 Jahre alt und wies die Schwestern darauf hin, dass Sie ihn duzen könnten, so alt sei er ja noch nicht.

Ich bin 23 Jahre alt, vielleicht hätte ich die Schwestern bei mir auch darauf hinweisen sollen, aber so redselig und charmant bin ich gegenüber fremden Menschen gar nicht, deswegen hätte es wohl keinen Unterschied gemacht.

Ich bekomme, genau wie er die Sachen, die ich zur OP anziehen soll. Lächerliche Trombosestrümpfe, welche presseng sind, ein nettes Kleidchen, das hinten offen ist und als Krönung eine Netzunterhose. Kann man eigentlich Trombose an den Eiern bekommen, oder sind die Dinger nur da, damit man wirklich komplett lächerlich aussieht?


07:30 Uhr

J. wird in den OP-Saal gefahren und mir sagt man, dass es noch ein wenig dauern könnte.


09:00 Uhr

J. kommt aus der OP wieder zurück, hat extrem dicke Backen, Eisbeutel um das Gesicht und bekommt von der Schwester gesagt, dass er nicht alleine aufstehen soll, wenn er das erste mal aufsteht. Er nickt nur völlig benommen, ich weiß nicht, ob er überhaupt reden kann.


09:15 Uhr

J. steht auf in Hektik und will an die Fensterbank, wobei ihn die Schläuche und Drähte am Arm daran hindern, dort hin zu kommen. Trotzdem krallt er sich noch irgendwie die Kotzschale die auf der Fensterbank liegt und kotzt Blut hinein.

Danach lächelt er mich an. „Das wird dich auch noch erwarten.“

Ich gebe ihm Tücher zum Abwischen und stelle ihm die restlichen Kotzschalen an das Bett. Danach frage ich mich, warum die Schalen nicht direkt ans Bett gelegt werden, wenn es anscheinend üblich ist, dass man sich nach der OP übergibt.


11:00 Uhr

Nach dreimaligem Übergeben wird J. Dann wieder entlassen. Ich liege immer noch in weißen Stützstrümpfen, Kleid und Netzunterhose da und weiß nichts mit mir selbst anzufangen.


12:00 Uhr

Ich werde zum OP Saal in meinem Bett geschoben, was komplett beknackt ist, da ich noch laufen kann ohne Probleme. Ich muss dann noch für das perfekte Bild eine Netzmütze aufziehen, einfach so, weil eben.

Ich erinnere mich daran, in der Narkose-Broschüre gelesen zu haben, dass es sehr seltene Fälle gibt, von Menschen, die während der Narkose zwar weggetreten sind, aber trotzdem noch alles mitbekommen, auch den Schmerz. Das heißt, die liegen wie ganz normale Narkose Menschen da, aber am Ende können sie noch alles über die OP sagen.

Klingt lustig.


12:15 Uhr

Ich werde auf einer Bahre zurecht gelegt und eine Ärztin kommt zu mir um ein paar Fragen zu stellen.

„Wie heißen sie mit Vor- und Nachnamen?“ Ich sage ihr die beiden Namen, danach fragt sie noch nach meinem Geburtsdatum, dass ich ihr auch noch erzähle.

Sie fragt mich immer weiter ein paar triviale Sachen, bis die entscheidende Frage kommt, „welche Kieferseite von Ihnen sollen wir heute operieren?“

Ich sehe sie schockiert an, sind die vollkommen bescheuert?

Sie sieht meinen Gedankengang und sagt, „ich weiß schon, welche Seite wir operieren sollen, sagen Sie es mir noch einmal.“

Ich bin leicht beruhigt, aber merke, dass die Fragen nicht zur Kontrolle da sind, sondern entweder zur Ablenkung oder zur Überprüfung, ob ich leicht benebelt bin, oder ähnliches von dem Beruhigungsmittel, dass mir vorher gegeben wurde. „Die linke, untere Kieferhälfte soll operiert werden.“ Ich beschließe, ein wenig intelligente Scheiße zu reden, damit Sie weiß, womit Sie es zu tun hat, „alle Zähne sind soweit vital, der Bruch zieht hat auch den 7er nicht beschädigt.“ Der 7er ist wohl der Backenzahn. „Gehen Sie dann heute aber eigentlich mit der Sonde durch die Nase?“ Ich sah Sie fragend an.

Sie sah hilflos zurück. Ich hatte Sie erwischt.

Sie wandte sich an ihre Kollegin, „gehen wir über die Nase?“

Die antwortete teils abwesend, „ja, ich denke schon, aber lass noch mal den Oberarzt fragen.“

Danach stellte mir die jüngere Ärztin keine Fragen mehr. Das war angenehm.

Falls sie, werter Leser, sich jetzt fragen, was das mit der Sonde und der Nase auf sich hat. Hier die Erklärung:

Bei einem Kieferbruch muss man ein paar Stahlplatten an den Kiefer tackern, damit dieser stabilisiert wird und ein paar Schrauben reindrehen, daran dann Gummis hängen, damit der Kiefer nach der OP nicht zu weit geöffnet wird. Der Mund und Rachenraum ist nicht sehr groß, des Weiteren kann man nach einem Kieferbruch bei manchen Menschen den Mund nicht richtig öffnen, also besteht nicht genug Arbeitsraum. Teilweise benötigt man dann eine Sonde um überhaupt einen Überblick zu haben. Die Sonde wird über die Nase eingeführt und kommt im Mund wieder heraus, damit man nicht noch die Sonde im Arbeitsfeld hat. Lustigerweise bekommt man bei dieser Methode als Patient noch mit wie die Sonde eingeführt wird. Man spürt es zwar nicht, aber man sieht es. Ich war schon sehr gespannt darauf. Leider entschied sich der Oberarzt dann doch dagegen, als ich für ihn noch einmal meinen Mund weit öffnete. Es wunderte mich auch, da mein Mund sehr groß ist und ich ihn für einen Bruch noch sehr weit öffnen konnte. Wenn es bei mir nur mit Sonde funktioniert hätte, dann hätte ich mir keinen Menschen vorstellen können, bei dem es ohne gegangen wäre. Vielleicht bei Heather Brooks. Vielleicht war ich dann doch nicht in ihrer Liga.

Ich bekam puren Sauerstoff zum High werden. Zuerst wurde mir leicht schwindelig, dann legte sich das Gefühl aber.

Ich schloss die Augen, dachte mir, dass ich auch puren Sauerstoff für zu Hause benötige, öffnete die Augen wieder und lag in einem anderem Raum.


12:35 Uhr

Ich bemerkte, dass der Raum sich gewechselt hatte und das mir leicht schummrig war. Ich sah, wie der Oberarzt vor mir am PC saß.

Ich fragte leicht benebelt, „war die OP schon?“

Er lachte nur und rief zu der anderen Ärztin, die zuvor mir die ganzen Fragen gestellt hatte, „weißt du was er eben gefragt hatte?“

Sie rief zurück, „nein, was denn?“

„Ob er schon operiert wurde.“

Sie lachten beide. „Ja, das hört man doch gerne. Das hört man gerne.“

Scheiße eins, hätte er mir nicht einfach eine Antwort geben können. Im Prinzip, hatte er nicht einmal mir die Antwort gegeben. Wäre ich nicht viel zu erschöpft gewesen, dann hätte ich ihn noch einmal gefragt, damit er mir antworten könnte.


12:50 Uhr

Ich werde vom Aufwachraum in mein Zimmer gefahren. In meinem Zimmer bemerke ich, dass ich gar keine Röhre in der Nase habe. Die hatte mir der Narkose-Arzt vorher noch versprochen, für die Ernährung.

J. hatte mir noch erzählt, dass er die nach seiner OP auch hatte und dann selbst rausziehen musste Er spürte dann, wie der Schlauch, von seinem Magen, über seinen Brustkorb, durch seinen Hals, aus seiner Nase gezogen wurde, von seinen eigenen Händen. Er sagte, das wäre sauwiderlich gewesen.

Anscheinend würde mir das nicht widerfahren.

Schade eigentlich.


13:30 Uhr

Ich habe seit gestern 18 Uhr nichts mehr gegessen und habe Hunger. Gleichzeitig fühle ich mich, als ob mein Körper über meinem Gehirn schweben würde. Die erste Narkose war das für mich. Meine Mutter hatte mich noch gewarnt, dass sie darauf immer mit extremer Übelkeit reagierte. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das auch passieren wird.


14:00 Uhr

Die Krankenschwester stellt mir einen Liter Wasser hin und sagt, ich soll einfach mal ganz langsam, ein paar Schlucke nehmen. Ich nehme vor ihren Augen langsam ein paar Schlucke Wasser.

Sie geht aus dem Raum und ich trinke den Rest vom Wasser schnell leer.


14:15 Uhr

Ich kotze einen Liter Wasser und zähe Magensäure in eine Brechschale, die kein Fassungsvolumen von einem Liter hat.


14:20 Uhr

Die gerufene Schwester wechselt mein Bettzeug, auf dem die zähflüssige Masse großzügig verteilt war.


16:00 Uhr

Ich versuche ein paar Nachrichten auf meinem Handy zu verschicken, dass ich aus der OP bin und mir wird extrem schwindelig beim Betrachten vom Display.


16:30 Uhr

Beim Pissen bemerke ich, dass mein Urin extrem stinkt. Woran das wohl liegt? An dem Antibiotika, mit dem ich seit gestern vollgestopft werde? An dem Narkosemittel? An den fehlenden Nährstoffen? Einfach so? Eine Mischung aus Allem?

Das sollte ich auf jeden Fall mal eine Schwester fragen.

Ich schwanke zum Bett zurück und höre nach mir Mr. Marlboro in die Toilette gehen.

Ich habe während des gesamten Aufenthalts Mr. Marlboro nicht einmal gesehen, aber dafür immer gehört. Er hustete ständig das heißere Lied vom Lungenkrebs. Er war im Zimmer nebenan und ich war mir jedes mal nicht sicher, ob er gleich auf der Toilette verrecken würde. Er durfte so zwischen 50 und 60 Jahre alt gewesen sein, ich hörte manchmal wie er mit den anderen Bettgenossen im Zimmer nebenan sprach. Zwar nervte das Husten und Stöhnen von Mr. Marlboro, aber zumindest war er nicht in meinem Zimmer und er war der einzige aus dem Nachbarzimmer, der intelligent genug war um beide Türen wieder aufzuschließen, nachdem er Pissen war. Am ersten Abend war ich noch überrascht warum er so oft pissen war. An diesem Tag war ich schon selbst Opfer dieses Blasenkults gewesen.

Ich musste alle halbe Stunde auf Klo. Es war echt beschissen, oder eher gesagt, bepisst um bei der richtigen Fäkalterminologie zu bleiben.


18:00 Uhr

Ungefähr 50 mal Pinkeln später gab mir die Schwester dann meinen ersten Becher Wasser, nach der Kotzaktion. Ich war mir nicht sicher, aus was mein Körper inzwischen bestand, da ich konstant Wasser verlor, aber keines zu mir nahm.

Die südländische Schwester, die ungefähr 45 Jahre alt sein durfte, sagte mir, „ich habe Ihr Essen da, aber trinken Sie erst einmal was. Wenn Sie können das behalten, dann können Sie vielleicht auch was essen.“

Essen? Was war das? Es klang wie ein lang vergessener Traum, von dem man nicht mehr sagen konnte, warum man ihn begehrte, aber man wollte, dass er in Erfüllung ging. Ich trank brav und langsam meinen Becher Wasser und es ging mir relativ gut damit.


18:20 Uhr

Ich bemerkte, dass mir wieder schlecht wurde, aber wenn ich jetzt das Wasser auskotzen würde, dann würde ich kein Abendessen bekommen. Bei dem Gedanken nichts zu Essen zu bekommen wurde ich ein wenig panisch. Scheiße, ich hatte doch jetzt schon seit über 24 Stunden nichts mehr gegessen, das geht doch nicht!

Auf einmal fingen meine Hände an zu kribbeln, das musste wohl der Anfang von Ernährungsmangelerscheinungen sein. Ich bräuchte schnell etwas zu essen. Auf einmal kribbelten meine Beine auch. Meine Beine zuckten hin und her, mein Atem wurde immer schneller, ich bekam nur noch schlecht Luft, ich klingelte nach der Schwester.

Als diese kam, konnte ich meine Finger schon nicht mehr bewegen.

Sie sah mich panisch an und fragte mich, ob das mir schon mal irgendwann passiert sei.

Ich sagte, „Nein, noch nie.“ Während meine Beine spasstisch und unkontrolliert hin und her zuckten.

„Hatten Sie schon einmal einen epileptischen Anfall?“

„Nein.“ Meine Hände waren inzwischen so fest zusammen gekrampft, dass ich sie nicht mehr auseinander reißen konnte, meine Beine fühlten sich an wie Blei und es kribbelte am ganzen Körper. Die Schwester strich mir mit ihren sehr rauen Händen über die Hände, aber das half wenig. Sie rannte raus und kam mit einer jungen Ärztin wieder.

Sie ermahnte mich, „Sie atmen zu schnell. Sie müssen langsamer atmen. Hier, atmen Sie in diese Tüte.“ Sie nahm eine schwarze Mülltüte, die auf der Fensterbank lag und stopfte sie über meine Nase und Mund. Es stank erbärmlich nach Plastik und ich war mir nicht sicher, ob diese Tüte dafür vorgesehen war.

„Atmen Sie ganz langsam und tief ein und dann wieder aus, ja genau so. Atmen Sie dann noch einmal tief ein... und aus. Sie haben zu schnell geatmet, deswegen kam zu viel CO² in ihren Kreislauf und Sie litten an Sauerstoffmangel. Wird es schon besser?“

Ich spürte wie sich die Verkrampfungen lösten, aber ich bekam kaum noch Luft durch diese scheiß Plastiktüte.

„Halten Sie sich die Tüte jetzt selbst über Nase und Mund und atmen Sie langsam ein und aus.“

Ich nahm die Tüte und tat was sie mir sagte. Währenddessen streichelte die Krankenschwester immer noch mit ihren rauen Händen meine Hand, was das bringen sollte, war mir nicht klar, aber ich konnte mich in diesem Moment auch gegen nichts wehren.

„Sie hatten wahrscheinlich einfach nur einen postoperablen Schock. Das kann schon einmal passieren, nach so einer OP. Da haben Sie dann einfach zu schnell geatmet. Also immer schön langsam atmen, dann geht das.“ Die Ärztin ging wieder und die Krankenschwester sah mir noch ein wenig bei den Atemübungen mit der Plastiktüte zu.

Schock von der OP, 6 Stunden später? Alright.


18:30 Uhr

Ich beruhigte mich wieder, steckte die Plastiktüte weg und die Krankenschwester ging wieder.


18:35 Uhr

Nachdem ich mal wieder pinkeln war, bemerkte ich ein Blubbern im Magen. Ich rannte zum Bett und kotzte einen Becher schleimiges Wasser in die Brechschale. Diesmal ging nichts daneben. Die Krankenschwester versicherte mir dafür, dass ich heute dann nichts mehr zu trinken, oder zu essen bekommen würde.

Scheiße.

Mir ist immer noch leicht schwindelig von der Narkose und ich beschließe einfach ein wenig aufrecht zu sitzen und mit offenen Augen zu dösen.


20:00 Uhr

„Hallo, ich bin die Schwester von der Nachtschicht.“

Schockiert wache ich auf und bemerke in dem Moment überhaupt, dass ich eingeschlafen war. Eine junge Krankenschwester kam herein, sie war wohl trotzdem ein paar Jährchen älter als ich und sie roch extrem gut. Sie hatte ein strahlendes Lächeln und streckte mir die Hand entgegen.

Ich nahm die rechte Hand unter der Decke hervor und schüttelte ihre Hand.

Erst in diesem Moment fiel mir belämmert auf, dass ich die ganze Zeit in Al Bundy Stellung geschlafen hatte und auch nur eine Netzunterhose anhatte.

Ich ekelte mich vor mir selbst.

Geduscht hatte ich den Morgen auch nicht. Meine Haare waren fettig, ich stank nach Schweiß, Alkohol und das Antibiotika schien auch aus allen meinen Poren zu treten, da ich ansonsten ja keine Flüssigkeit mehr zu mir nahm, die aus meinen Poren hätte treten können.

Trotzdem war ich immer noch ein erfreulicherer Anblick, als 97% der anderen Patienten, weswegen sie fröhlich tratschend mir einen Becher Wasser gab. Mit schelmischem Blick sagte sie mir, dass ich ein paar Runden um den Flur rennen durfte, wenn ich das wieder auskotze und es keine Einstellung sei, schon vorher davon auszugehen, dass ich es wieder auskotzen würde, ich müsste einfach nur fest daran glauben.

Sie fragte dann, „warum siehst du eigentlich kein Fernsehen?“

Weil ich geschlafen hatte? Ich antwortete, „weil ich keine Ahnung habe wie der Ton angeht.“ Wusste ich wirklich nicht.

Sie lachte. „Gar nicht, dafür brauchst du einen Helm.“

„Hä?“

Sie wischte ihre verwirrten Gedanken mit einer Armgeste weg. „Ich meinte, Kopfhörer.“

„Achso.“

„Ja.“

„Ich war bis jetzt der Meinung, dass der Ton einfach so gehen würde.“

„Ja, ne. Denkst du etwa, dass du jeden hier mit deinem Fernsehprogramm belästigen könntest?“

„Wozu sonst sieht man denn Fernsehen im Krankenhaus?“

Sie lachte. Sie überlegte kurz und kam dann auf eine Anekdote zurück, die sie wohl schon öfters erzählt hatte, „ich hatte mal mit einer Kollegin zusammen gearbeitet, die hatte mich mitten in der Nachtschicht auf einmal angeschrien. Schnell komm mal her. Ich schmiss sofort die ganzen Sachen in meiner Hand weg. Ich dachte ja, das wäre ein Notfall gewesen. Man das war am Ende eine Sauerei gewesen.“ Sie schob sich die blonden, langen Haare über das rechte Ohr. „Das musste ich dann am Ende noch alles wegmachen. Aber wo war ich stehen geblieben? Genau, ja, sie rief mich dann und ich rannte zu ihr, weil ich dachte, das wäre ein Notfall oder so gewesen, mitten in der Nacht eben. Auf einmal steht sie im Türrahmen von einem Patientenzimmer und ich stoße dazu. Sie zeigt dann auf einen der Fernseher und sagt zu mir, schau dir das mal an, der schaut nen Porno! Da schreit die nach mir, weil irgendein Patient einen Porno gesehen hatte.“ Sie lächelte triumphierend über diese Geschichte.

Ich wäge kurz ab, ob ich ihr erklären soll, dass der Unterschied zwischen Porno und Erotikfilm ist, dass man bei einem Porno auch männliche Schwänze inklusive der Penetration selbst sieht, bei einem Erotikfilm nicht. Im Fernsehen, abgesehen von Pay-TV laufen nur Erotikfilme und keine Pornos. Deswegen kann der Patient nur einen Erotikfilm, aber keinen Porno gesehen haben. Ich lege den Gedanken zur Seite und lache ein wenig gekünstelt. „Okay, soll ich dich dann rufen, wenn ich hier Pornos schaue?“

„Ach ne du, lass mal.“

Eine andere schwarze Krankenschwester kommt in das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.

Die Blonde stellt sich zu ihr und sagt heiter, „wir sind das Dreamteam der Nacht. [Name] und [Name].“

Sehr geehrter Leser, ich muss gestehen, mein Namensgedächtnis ist sehr mies. Wenn man dann aber jeden Tag von 3 verschiedenen Schwestern, 4 Ärzten, einem Patienten und 22 Protagonisten in irgendwelchen Filmen im Fernsehen die Namen gesagt bekommt, dann vergisst man aus Prinzip einfach alle Namen nach 10 Sekunden.

Gut, das ist gelogen.

Bei mir waren es vielleicht höchstens 3 Sekunden, da ich mir nicht einmal die Illusion machte, irgendwelche Namen zu merken.

Sie ging mit ihrer Kollegin wieder heraus und auf einmal war es sehr still und der gute Geruch war auch wieder weg.

Ich fuhr das Bett ganz herunter und der Gestank meiner selbst, räucherte mich in den Schlaf.



Samstag 2. Juni

06:30 Uhr

Meine südländische Krankenschwester kommt herein, um mir neues Antibiotikum zu geben. Sie sagt mir auch gleich, dass ich niemals das Bett ganz herunter fahren sollte, sondern der Kopf muss immer ein bisschen oben liegen. Sonst schwillt die Wunde nicht ab.


06:45 Uhr

Ich beschließe duschen zu gehen. Im Grunde genommen, geht es mir heute sehr gut. Ich bin fit und munter und besitze kein Handtuch.

Scheiße.

Ein neues T-Shirt hatte ich auch nicht mitgenommen.

Doppeltscheiße.

Ich geh trotzdem Duschen und es fühlt sich göttlich an. Ich bin mir unter der Dusche gar nicht mehr so sicher, ob ich mit der Kanüle im Arm überhaupt duschen darf, aber die Kanüle hat wohl jeder hier im stationären Bereich und dann würde die Dusche keinen Sinn ergeben. Ich halte einfach den Arm hoch beim Duschen.

Ich trockne mich mit ein paar Papierhandtüchern und meinem Kapuzenpulli ab. Danach ziehe ich das gleiche T-Shirt an, in dem ich vorgestern schon den ganzen Tag herumgerannt bin. Ein wenig Deo und ich war schon wieder so gut wie frisch.


07:00 Uhr

Es gab Frühstück und man war das geil, mal wieder etwas zu essen. Leider war Kaffee statt Tee dabei. Ich mag keinen Kaffee, aber war mir sicher, ich bräuchte alle Nährstoffe, die ich von diesem Tablett ziehen konnte. Deswegen trank ich eine halbe Tasse Kaffee mit zwei Päckchen Zucker und zwei Packungen Sahne. Mein Veganerherz blutete, aber es war für meine Gesundheit, deswegen konnte ich darüber hinwegsehen. Der Kaffee schmeckte trotzdem scheiße, aber der Karottensaft von Hipp dafür um so grausamer.


09:00 Uhr

Ich bemerke, dass Fernsehen total toll ist. Ich habe nun schon seit 3 Jahren keinen Fernseher mehr und eigentlich habe ich es überhaupt nicht vermisst. Jetzt wo ich aber immer noch mit Hunger so vom Fernseher sitze und die ganze Werbung von Mc Donald´s, Burger King, Bratmaxe und Onkel Rudis Schlachterei sehe, da merke ich wo der Fehler im System ist.

Bis dato hatte es mir nie etwas ausgemacht Veganer zu sein. Es fiel mir nicht im Ansatz schwer. Klar, teilweise hatte ich ein wenig vegetarisch und nicht vegan gegessen, wenn ich gerade nicht zu Hause war und es nichts anderes gab. Ich hatte aber nie das Bedürfnis, nach dem Motto -Gott, hätte ich jetzt Bock auf ein Steak!- Man muss dazu sagen, dass ich relativ passabel kochen kann. Nun sah ich diese Werbung, ich hatte extremen Hunger, hatte ein Frühstück hinter mir, dass nur aus Flüssigkost bestand und der Küche waren die Worte Salz und Pfeffer fremd. Auf einmal hatte ich auch Bock auf einen fetten Burger. Ich schämte mich heimlich, war mir aber bewusst, dass es ja niemand mitbekommen würde und deswegen... ach Scheiße, jetzt lest ihr ja hier diesen Mist. Okay, also worauf ich hinaus will ist:

Das vegetarische, oder vegane Leben ist kein Problem, solange man Kochen kann, die Möglichkeit dazu hat und nicht von der Werbung indoktriniert wird.

Wobei jeder einzelne Faktor nicht fakultativ ist, sondern kumulativ zum Ergebnis führt.

Alles klar?

Super, dann wisst ihr ja jetzt auch, wie ihr ohne Probleme so scheiß Ökofritzen werden könnt.


10:00 Uhr

Ich sitze vor dem Ambulanzzimmer. Darin sind zwei bis drei Ärzte, die sich die stationären Patienten ein wenig anschauen, sich um sie kümmern, Prognosen geben und so medizinische Sachen machen.

Das System um in das Zimmer herein zu kommen ist kniffelig.

Zunächst ist es so, dass stationäre Patienten vor den ambulanten dran sind.

Da habe ich Glück, dass ich stationärer Patient bin, aber die anderen alle auch, also bringt mir das an dem Morgen nichts.

Des Weiteren geht es nach Reihenfolge. Theoretisch. Praktisch sah es so aus, dass ich als einziger junger Mensch unter einem Haufen alter, behinderter und einer Mischung aus beidem Menschen saß, die einfach wahllos aufstanden, wenn es hieß, der nächste bitte. Sie wussten genau wer als nächstes dran war, aber sie wussten auch, dass sie den Sympathiebonus auf ihrer Seite hatten. Hier war aber nicht von Sympathie im klassischen Sinne die Rede, sondern eher im umgekehrten Kontext. Derjenige, der am lautesten schnauft, den beschissensten Rolator, die meisten Verbände, die heraushängendste Zunge, die meisten Urinfläschschen bei sich trug und am langsamsten unterwegs war, der konnte sich am ehesten erlauben sich vorzudrängeln. Ich wusste nicht genau, was der Sinn davon war, sich vorzudrängeln. Danach würden sie alle sowieso wieder in ihrem Zimmer hocken und nichts machen. War es nicht eine Abwechslung hier zu sitzen?

Nachdem ich den zweiten Vordrängler vorgelassen hatte, wurde mir aber bewusst, dass es für mich zwar gleich beschissen war, ob auf dem Zimmer, oder hier auf dem Flur, ich aber aus Prinzip verärgert war. Eine Reihenfolge verliert ihren Sinn, wenn sie nicht eingehalten wird. Ich nahm mir den Agilitätsbonus heraus und stellte mich einfach vor die Tür, bevor der nächste aufgerufen wurde. Das konnten die Rollator- und Krückengang nicht, da sie dann entweder den Flur versperrten, oder nach 3 Minuten zusammenkrachen würden.

Ich schon!

Ätsch!

Im Zimmer sagt mir der Arzt, dass alles so weit gut verheilt.

Ich frage ihn, „kann ich denn dann heute nach Hause gehen?“

„Ja, ne. Das geht nicht.“

„Wieso?“

„Wir müssen Sie ja noch unter Kontrolle halten nach der OP und wir müssen dann am Montag auch noch ein Röntgenbild machen, ob nach der OP alles gut gelaufen ist.“

Vertröstet mit den Worten gehe ich zurück in mein Zimmer.


11:00 Uhr

Ich bemerke, dass es völliger Quatsch ist, dass ich bis Montag in der Klinik bleiben muss, nur um ein scheiß Röntgenbild zu machen. Dafür könnte ich auch noch einmal am Montag extra zur Klinik kommen.


13:00 Uhr

Es gibt Mittagessen. Schon wieder 5 Schüsseln mit verschiedenen Suppen und zwei Trinkpäckchen ohne Strohhalm, sowie einem flüssigen Pudding. Auf die Puddingverpackung ist noch einmal mit Edding geschrieben, dass es „Pudding“ sein soll, ansonsten würde man es wahrscheinlich nicht sofort erkennen. Es ist flüssig, aber schmeckt zumindest nach Pudding. Die Suppen sind diesmal viel besser, als Das Abendessen am Donnerstag, auch wenn Pfeffer und Salz fehlt. Doch was mich richtig fuchst, sind die fehlenden Strohhälme. Ich muss jede Trinkpackung mit einer Gabel aufstechen und dann den Inhalt in einen Becher, oder eine Tasse drücken. Dabei läuft teilweise, wenn man nicht fest genug drückt, einiges daneben. Beim ersten mal, dachte ich ja noch, dass der Strohhalm einfach so fehlt. Halt Pech gehabt, oder so. Jetzt sah ich aber System dahinter. Doch wozu?

Hatten die Schwestern Angst, dass ich mit dem Strohhalm in meiner Wunde herumpule? Gleichzeitig gaben sie mir jedes mal eine Packung mit Messer und Gabel dazu. Wollten die Schwestern eigentlich die Trinkpäckchen für sich behalten und erhofften sich, dass die meisten vor der Aufgabe resignierten, die Päckchen ohne Strohhalm zu trinken, damit sie zurückgegeben wurden? Vielleicht wurden sie dann immer wieder eingesammelt und den Kindern zu Hause mitgebracht. Doch dann hätte man die Packungen auch gleich mitnehmen können. Vielleicht steckte ein viel größerer Plan dahinter. Vielleicht waren die Strohhälme nur der der Anfang und wenn sie erst einmal genug gesammelt hatten, ja dann ging es los, dann geht es so richtig los!

Was da losgehen sollte, wusste ich nicht, aber ich hatte auch Angst eine der Schwestern zu fragen. Ich meine, wenn ich durchschaut hätte, dass sie die Strohhälme von meinen Trinkpäckchen für einen fiesen Masterplan abreißen, dann lynchen die mich bestimmt, wenn ich sie darauf anspreche. Die Mädels hatten ständig Zugang zu der Kanüle, die es ermöglichte, alles mögliche in mein Blut fließen zu lassen, damit scherzt man nicht!


13:15 Uhr

Meine Mutter kommt vorbei, sieht mir noch ein bisschen beim Essen zu, gibt mir ein Handtuch und wir labern über Gott und die Welt.


14:30 Uhr

Ich glaube, mein Buch, das über 300 Seiten hat, reicht für den Aufenthalt im Krankenhaus nicht aus.


17:00 Uhr

Mein Bruder kommt vorbei. Er gibt mir zwei T-Shirts im sommerlichen grau und wir gehen raus in ein Café um die Ecke zum Labern. Wieder einmal müssen Gott und die Welt dran glauben. Eigentlich eine interessante Frage, ob Gott an irgendetwas glaubt, die Religion von Gott, was die wohl wäre. Davon abgesehen, erörtert mir mein Bruder, dass irgendein System dahinter steckt, dass die auch gesunde Patienten in Krankenhäusern behalten, anscheinend müssen die Betten gut ausgelastet sein in öffentlichen Krankenhäusern. So passiert es, dass man die Patienten versucht bis zum 3. Tag mindestens da zu behalten und nach dem 9. Tag spätestens wieder rausschmeißen sollte. Das hat wohl irgendwas mit den Zahlungen vom Land zu tun. Interessanter Gedanke, den man mal weiter erörtern müsste.


19:00 Uhr

Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig


21:00 Uhr

Ich sehe mir doch tatsächlich die TV-Total Autoball EM an. Ich frage mich dabei, ob Eko-Fresh eigentlich überhaupt irgendwas kann und beantworte die Frage mir selbst mit nein. Wenn er irgendwas könnte, dann nur mies, das wäre aber uninteressant. Da er aber gar nichts kann, wird er im Fernsehen als Hofnarr ganz gerne vorgeführt, das ist für die Leute interessant.


00:30 Uhr

Ich glaube ich geh dann mal schlafen. Es kommen auch keine freshen Schwestern mehr und generell ist es ziemlich öde geworden.



Sonntag 3. Juni

06:30 Uhr

Ich glaube, im normalen Leben war ich noch nie so früh von alleine wach, aber hier ist ja jetzt auch alles anders. Ich stolziere in das Bad mit meinem neuen Handtuch und einem Max-Planck-Institut Shirt von meinem Bruder. Die Urinflecken neben, an, über und um die Toilette herum, die mir am Donnerstag aufgefallen waren, sind immer noch da. Ich sehe auf den Dienstplan, bei dem unterschrieben werden muss, wenn eine Putzfrau da war. Es gibt wohl immer eine Schicht um 06:00 Uhr und eine um 15:00 Uhr. Es war zwar 06:30 Uhr, aber die Schicht von 06:00 Uhr wurde noch nicht unterschrieben. Ich vermute einfach mal, dass in jedem Bad genau der gleiche Plan hängt und es deswegen ein Ding der Unmöglichkeit ist, den Plan nach dieser Zeit so zu erfüllen.

Ich kümmere mich nicht weiter darum und genieße die Dusche.


07:00 Uhr

Frühstück. Wieder Kaffee. Hätte ich am Vortag sagen sollen, dass ich kein Kaffee mag? Irgendwie fehlt auch immer noch Salz und Pfeffer in der Suppe. Ich vermisse die Heimat, in der man noch selbst würzen kann.


10:00 Uhr

Wieder muss ich zur ambulanten Station, um mich vom Arzt untersuchen zu lassen. Heute sind viel mehr Menschen da, als gestern noch. Es sind eigentlich genau die gleichen, das übliche Grüppchen von alten Menschen. Dazu aber noch eine arabische Familie. Die Tochter mit dicken Backen, der verantwortungsvolle Vater der neben ihr schläft, die Oma und die Mutter die sich lautstark miteinander unterhalten. Irgendwann geht die Mutter aus dem Flur, in den Raum nebenan, wo die Aufzüge sind. Es ist keine Tür dazwischen, weswegen sie auch gleich im Flur hätte sitzen bleiben können. Auch mit Tür hätte es keinen Unterschied gemacht, da sie anscheinend das Prinzip von einem Telefon nicht verstanden hatte. Sie sprach so laut, dass die andere Person, mit der sie sich unterhielt, die Stimme der Mutter doppelt hörte, einmal vom Telefon und einmal vom Fenster aus. Die üblichen Worte, wie Inch Allah und Hade fielen natürlich und durften nicht fehlen. Am Ende kam ich vor der arabischen Tochter dran, da sie ein ambulanter Fall war und ich stationär. Als ich dann vor ihr dran genommen wurde, tat sie mir doch ein wenig leid, weil das gar keinen Sinn ergab. Noch weniger Sinn ergab es, wenn man bedachte, dass sie auch stationär aufgenommen werden sollte.

Der Arzt versicherte mir, dass immer noch alles in bester Ordnung sei.

Ach ne?! Echt jetzt? Krass.

Danach sprach er mich noch auf das MPI (Max-Planck-Institut) Shirt an und schien sich begeistert an meinen Bruder zu erinnern. Vielleicht hätte ich ihm sagen sollen, dass mein Bruder seinen Doktor nicht in Medizin, sondern in Physik macht.

In meinem Zimmer sehe ich, dass die 06:00 Uhr Schicht im Bad unterschrieben wurde.


15:00 Uhr

Ist bis jetzt etwas passiert? Ach ja, ich habe gemerkt, dass ich direkt an einem Fenster liege und hätte merken müssen, dass es regnet. Trotzdem habe ich es nur mitbekommen, als ich von Regen bei Rock am Ring gelesen hatte. Man lebt wirklich wie in einer isolierten anderen Welt.

Mittagessen wie immer ganz gut. Salz, Pfeffer und Strohhalm fehlen, aber das kennt man ja schon.


16:00 Uhr

Ein neuer Patient wird in mein Zimmer eingewiesen, auf E. Wurde von 20 Leuten eingeschlagen, deswegen hatte er multiple Brüche im Kiefer und konnte auch nur noch sehr schlecht reden. Schien trotzdem ein netter Kerl zu sein und ich fand es fast schon rührend, als seine Mutter dazu kam.


17:00 Uhr

Ich musste raus aus dieser Isolationszelle und stelle mich einfach nur vor die Klinik, schreibe ein paar Nachrichten und werde verrückt von dem geilen Gefühl, endlich mal Sauerstoff einzuatmen und Regen zu spüren.


18:00 Uhr oder so

Unter schlechtem Gewissen esse ich mein Abendessen, E. Ist noch immer nüchtern gestellt, aber er wünscht mir trotzdem einen guten Appetit. Ich versichere ihm, dass er bestimmt nicht mehr dran genommen wird für die OP und auch noch Abendessen bekommt. Er hofft eher optimistisch auf die OP.

Aber ganz im Ernst, was machen die mit diesen verfickten Strohhälmen?

Ich raff es nicht.


18:30 Uhr

Die OP von E. Wurde abgesagt und soll Montag früh stattfinden. Er bekommt noch Essen, kann es aber kaum zu sich nehmen, da sein Gesicht zugeschwollen ist.


19:00 Uhr

Ich merke, dass die 15:00 Uhr Schicht unterschrieben wurde.

Doch wessen Schuld ist das jetzt eigentlich, dass hier keine Hygienestandards eingehalten werden im Bad? Wenn man alle Ebenen durchgeht, kommt man zu folgender Überlegung:


Die Putzfrau – ist nur eine arbeitende Kraft, die wahrscheinlich überarbeitet ist, ein viel zu großes Gebiet hat, dass sie in einer viel zu geringen Zeit, für viel zu wenig Geld putzen muss. Die trifft wahrscheinlich die geringste Schuld.


Das Management der Klinik – hat ja nun einmal diesen Putzplan aufgestellt und die entsprechenden Kräfte zugeteilt. Die Probleme sind höchst wahrscheinlich bekannt und werden versucht, nach außen hin ein wenig glatt gebügelt zu werden. Der Schein von Hygienestandards soll erhalten werden, wie etwa durch die lächerliche Liste, in die eine Putzkraft dann einträgt, dass es mal kurz in das Bad gesehen hat, ohne zu putzen. Jedoch wird das Management wissen, dass bei Nichteinhaltung von Hygienestandards ernsthafte Probleme auftreten können. Gleichzeitig kann man wenig dagegen unternehmen, weil das Geld fehlt. Es fehlt immer Geld. Wenn das Geld fehlt, dann kann man auch nicht genügend Personal einstellen um den Schein zum Sein zu wandeln. Das Management hat wohl eine Verantwortung zu tragen, die es aber abwälzen kann auf


Das Land – es gibt den Kommunen Geld und die Kommunen geben es an die öffentlichen Körperschaften und Einrichtungen ab, wie etwa die Klinik. Das heißt, wenn das Land zu wenig Geld zur Verfügung stellt und die Kommune selbst keinen astreinen Haushalt hat, dann sieht es schlecht aus. Inzwischen sind die meisten Kommunen hoch verschuldet, weswegen es eigentlich immer am Land hängen bleibt. Dieses setzt wahrscheinlich falsche Prioritäten bei der Geldvergabe, jedoch fehlt auch hier meist das Geld. An wen wendet sich das Land, wenn es kein Geld mehr hat?


Der Bund – der Bund stellt das Geld für verschiedene Bereiche bereit. In vielen Sachen können die Länder aber unter eigener Verantwortung handeln. Das heißt, da wir so schön föderalistisch sind, kann es dem Bund im Prinzip kacken egal sein, dass die Länder kein Geld haben. Wenn sie es haben, dann müssen sie große Summen abtreten, an diejenigen die kein Geld haben, doch der Bund hat immer noch das meiste Geld um diejenigen zu versorgen die kein Geld haben. De Fakto steht aber Deutschland tief in den Schulden, weswegen der Bund ja auch nix dafür kann, dass Olga um 06:00 Uhr die Toilette nicht putzt. Doch warum hat der Bund kein Geld? Die meisten Einnahmen erfolgen durch Steuern. Die meisten Steuern werden wohl durch Kraftstoffe, Tabak, Lebensmittel und Arbeit eingenommen. Und da kommen wir dann zum eigentlichen Arschloch, der Schuld an allem ist:


Ich – Ich rauche nicht, fahre kein Auto, kaufe im Aldi meine günstigen Lebensmittel und habe nicht einmal einen richtigen Job. Bei mir liegt also die Entscheidung, Bafög, oder soll Olger mein Klo putzen? Ich hatte die Wahl und erst jetzt sehe ich die Konsequenzen. Sie sind hart, oder eher gesagt hartnäckig, gelb und kleben an der Keramik.


Deprimiert lege ich mich in mein Bett, sehe mir noch eine Debatte über Erziehungsgeld an und dem Rechtsanspruch für Kita Plätze, werde fast verrückt, wie dämlich beides ist und schlafe dann ein.



Montag 4. Juni

07:00 Uhr

Wir werden geweckt. E. Soll sich schon einmal vorbereiten auf die OP.

Ich will ins Bad und bemerke, dass das Licht an und die Tür verschlossen ist. Na gut, dann halt warten.


07:30 Uhr

Ich esse, oder vielmehr trinke, mein Frühstück. Schon wieder Kaffee, gestern hätte ich es echt mal sagen können, dass ich den nicht mag. Naja gut, letzter Tag.

Die Toilette ist immer noch besetzt. Ich bin fassungslos


08:00 Uhr

Ich klopfe an die Tür der Toilette, keiner meldet sich. Ich gehe rein. Leer. Wichser, hatten sowohl vergessen, aufzuschließen, als auch das Licht auszumachen. Marlboro Mann hatte immer daran gedacht. Er starb zwar fast jedes mal auf der Toilette, aber er schaffte es trotzdem, die Türen wieder aufzuschließen und das Licht auszumachen. Die anderen waren jünger, wie ich es aus Diskussionen von ihrem Zimmer her hörte und sie waren wohl abgrundtief dumm.


08:30 Uhr

Es kommen alle Ärzte in das Zimmer und erzählen sich, was sie so gemacht haben, oder noch vorhaben. Bei mir erzählt ein Arzt stolz, dass er mir ein paar Bolzen und ne Platte in die Fresse getackert hat und bei E. Kommen ein paar mehr rein.

Danach gehen sie wieder. Einfach so.


09:00 Uhr

Ich gehe zum Röntgen und vor dem Zimmer zum Röntgen warte ich noch mit zwei anderen Personen. Der eine ist ungefähr 20 Jahre alt und seine Stimme erkenne ich wieder. Er ist aus dem Nachbarzimmer, der Penner hat heute morgen bestimmt die Badtür zugeschlossen gelassen.

Er wird aufgerufen und fragt die Ärztin, „kann ich das Handy hier bei Ihnen abgeben? Ist ausgeschaltet, aber nicht das was passiert?!“

Ich lache mir ins Fäustchen und frage mich, was er sich vorstellt, was passieren soll. Er hatte beim Handyverboten-Schild wohl gedacht die Röntgenstrahlen fressen den Mikrochip des Handys auf und lassen es explodieren.

Die Ärztin sieht ihn verwirrt an. „Wenn es aus ist, können Sie es auch mitnehmen.“

„Ja, aber geht nicht kaputt oder was?“

„Ihr Handy sowieso nicht. Es geht darum, dass unsere Geräte nicht gestört werden.“

„Also geht nicht kaputt, ja?“

„Gehen Sie bitte dort hinein.“ Die Ärztin zeigte genervt in den Röntgenraum.


10:00 Uhr

Ich werde vor allen anderen in der ambulanten Station dran genommen. Ich kann einfach an allen vorbei gehen, das wurde wirklich von Tag zu Tag besser. Liegt wohl daran, dass ich meinen Soll-Wert von 3 Tagen im Krankenhaus erreicht habe.

Man verkündet mir die Nachricht, dass ich mich verpissen kann, in einer Woche wieder da sein soll. Es wird mir ausversehen ein Rezept für Antibiotika gegeben, dass ich nicht brauche, da ich einen Tag nach der OP schon kein Antibiotika mehr bekommen habe. Da ist echt ein Fehler im System von Deutschland. Ich ärger mich danach, dass ich das Rezept abgelehnt habe, anstatt das Zeug im Internet zu verticken. Ich weiß zwar nicht, ob es so etwas gibt, wie Antibiotika Junkies, aber es gibt doch heutzutage alles. Vielleicht auch wichtig, wenn man den heiligen Krieg anfangen will und einer schneidet sich am Sport-BH, weil er unter seiner Kutte noch Frauenkleider trägt, dann könnte sich die Wunde ja entzünden, da bräuchte man dann Antibiotika. Ja, ich hätte das Zeug nach Arabistan verkaufen können, aber nö, ich bin ja so dumm und ehrlich.


11:00 Uhr oder irgendwas in die Richtung

Ich hole noch mein Zeug aus meinem Zimmer und da kommt auf einmal die Ernährungsbeauftragte von der Station und fragt E. Was er denn für Abneigungen, Allergien oder ähnliches bei seiner Nahrung hat. Er erzählt es ihr und danach fragt sie mich, woraufhin ich sage, ich bin raus, ich bekomme nichts mehr, mit einem stolzen Unterton.

Danach fragt sie mich, „hat denn alles geschmeckt. Gibt es Verbesserungswünsche?!“

„Ja, die Würze hat mir gefehlt.“

„Wir können ja nicht würzen, weil wir nicht wissen, welche Patienten wie viel Würze nach der OP vertragen.“

„Ja stimmt. Aber zumindest so Päckchen Pfeffer und Salz oder so.“

„Die fliegen hier überall herum, da hätten sie nur eine Schwester Fragen müssen.“

SCHEIßE!

Die Frau geht und ich hatte sie nicht gefragt, was es mit den Strohhälmen auf sich hat. Ich werde es wohl nie erfahren.

Ich gehe aus dem Krankenhaus und bin irgendwie enttäuscht, dass keine Freudenschüsse fallen, oder zumindest ein kleines Feuerwerk für mich. Trotzdem bin ich draußen. Mit fettigen Haaren, fünf Tage Bart, was bei jedem anderen Mann in meinem Alter ungefähr einem ein Tage Bart entsprechen würde und dem Willen mich wieder in der Gesellschaft zu integrieren.


22:53 Uhr

Ich bin nun fertig mit diesem total dämlichen, sinnlosen und zum größten Teil erfundenen Tagebuch und frage mich: Ich war 5 Tage in einem Zimmer isoliert und habe auf die Freiheit gehofft, dann komme ich nach Hause und was mache ich? Ich setze mich in mein scheiß Zimmer und schreibe verfickte 17 Seiten Text darüber, wie scheiße Isolation ist und das stundenlang.

So langsam glaube ich zu verstehen, warum die Amis für den Frieden in anderen Ländern Bomben schmeißen.

Es ergibt in meinem Hirn gerade alles sehr viel Sinn.


7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Na offensichtlich hast du Mitteilungsbedürfnis. Ich habe ihn aber trotzdem gerne gelesen...

    05.06.2012, 17:38 von wordmage
    • 0

      Krass, oder? Ähm... sollte man eigentlich noch ein gehaltvolles Feedback geben? Was meinst Du?

      05.06.2012, 18:09 von Mrs.McH
    • 1

      Also ich bewundere es auch auf jeden Fall immer, wenn aufgrund eines einzelnen Ereignisses ganze umfangreiche Werke aus einem rausrutschen. Inspiriertes Schreiben eben...

      Er ist in meinen Augen unterhaltsam geschrieben und dabei absolut lesbar durch Formatierung und Sprachqualität. Einen gedrängteren Text oder mit mehr Fehlern hätte ich auf keinen Fall in der Länge gelesen.

      Eine persönliche Beziehung zu dem Text kann ich über die Tapferkeit des Protagonisten im Angesicht des Gesundheitssystems und scheinbar unfähiger/überforderter/unsensibler Ärzte aufbauen.

      Andererseits erinnerte ich mich dabei selber an meinen ersten eigenen Krankenhausaufenthalt, bei dem mir im zarten Alter von 6-7 eine OP am Oberschenkel inklusive dreimonatiger Bettlägerigkeit und 1,5 Gipsbeinen verpasst wurde.

      Deshalb fand ich den Text enorm lesenswert. Wie gesagt...anderes in der Länge hätte mich nicht gefesselt.

      05.06.2012, 18:16 von wordmage
    • 1

      Ich fand ihn auch sehr gut zu lesen, es war überhaupt nicht nervig und ich war über meine eigene Geduld überrascht. Außerdem weiß ich jetzt wer Heather Brooks ist, falls G.Jauch das mal fragt. Mich störte nur der "Kanacke" etwas. Alles in allem fühlte ich mich sehr unterhalten, stimmt die Struktur hat es einem sehr erleichtert. Bin gespannt, wieviele das Durchziehen und ihn komplett lesen.

      Das zum Text... aber wer ist wohl der Autor? Ich kann kaum glauben, dass es kein alter Bekannter ist... Aber werde ich wohl nie erfahren :)

      05.06.2012, 18:29 von Mrs.McH
    • 1

      Danke für die durchaus positive Kritik, ich fühle mich sehr geschmeichelt. Ich bin auch positiv überrascht, dass Menschen ohne Bezug zu meiner Person sich die Zeit für so viele Wörter nehmen.

      Zur Frage wer der Autor ist: Ich bin der Autor und ich bezweifel, dass ich ein alter Bekannter bin, außer ich habe in meinem bisherigen Leben MPS-bedingt Texte unter anderem Namen verfasst. Aber eher nicht.

      06.06.2012, 16:31 von KathrinBaka
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  • 0

    Frag mich ab, ich habe den verfickten Text gelesen.

    05.06.2012, 16:55 von Mrs.McH
    • 1

      9214 Wörter... Ich will 'nen Orden!

      05.06.2012, 17:16 von Mrs.McH
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