Der tut Nichts. Der will bloß leben.
"Auf so einen Jungen muss man gut Acht geben", sagten sich alle beim Kaffeekränzchen oder bei der Bäckerei, "wer weiß, was sonst noch passiert!".
Es war ein Mittwoch, ein ganz gewöhnlicher Mittwoch, es schien die Sonne und am Himmel standen ein paar Wolken, vielleicht waren es Schäfchenwolken, als ein kleiner Junge das Licht der Welt erblickte.
Seine Eltern tauften ihn Ole. Und als der Arzt Ole auf den Arm nahm um ihn zu
begutachten, nickte er nach kurzer Zeit zu der Mutter, um ihr zu signalisieren,
dass dies ein gesundes, normales Kind war. Es war alles an ihm dran, was man
zum Leben braucht, so gab der Arzt dem kräftigen Kind einen Klaps auf den Po.
Wie viele Kinder hatte Ole zu diesem Zeitpunkt seines Lebens keine Haare auf dem
Kopf und die ersten Monate, ja das ganze erste Jahr über störte sich auch
niemand daran.
Als er dann zwei wurde und dann drei, er immer da saß, spielte und vor sich
hin brabbelte, da fingen seine Eltern an, sich zu sorgen. Sie schauten sehr genau
nach ihm, während er da auf dem Teppich hockte und Türmchen baute, sie ließen ihn
nicht aus den Augen, denn Ole wollten einfach keine Haare wachsen.
Was dem Kind denn fehle, wollten die Nachbarn wissen und wie ein Feuer in einem
kalifornischen Wald fingen die Menschen in der kleinen Stadt an, sich von dem
Kind ohne Haare zu erzählen. Noch ehe er das Haus je auf eigene Faust verlassen
konnte, noch ehe er das erste Wort in seinem Leben mit einem Fremden wechselte,
wechselten viele Fremde viele Worte über ihn. Seine Eltern wurden mitleidig
angesehen: Einige Frauen hielten sich die Hand vor den Mund und schüttelten
betroffen den Kopf, wenn Oles Eltern mit ihm spazieren gingen, ihn auf den
Sandkasten ließen und er Türmchen baute, wie all die anderen Kinder.
Man riet den Eltern, den armen Jungen, der noch gar nicht wusste, was Armut
ist, zum Arzt zu bringen, statt ihn den Gefahren eines öffentlichen
Spielplatzes auszusetzen.
"Auf so einen Jungen muss man gut Acht geben", hörte man beim
Kaffeekränzchen oder an der Bäckereitheke, "wer weiß, was sonst noch
passiert!".
Aber die Eltern bewiesen ein sorgloses Gemüt, es färbte auf Ole ab, er ging
wie alle Kinder zur Schule und lernte Lesen, Schreiben, Spielen und Laufen. Nur
sprechen wollten die Kinder nicht mit ihm, denn deren Eltern hatten ihnen schon
alles über Ole erzählt, was sie zu wissen glaubten. „Und wenn man alles über
jemanden weiß, wieso sollte man dann noch mit ihm reden?“, fragten sich die
Kinder und beließen es dabei.
Den Warnungen der Lehrer zum Trotz behielten Oles Eltern ihr sonniges Gemüt. Sie sahen weder die Probleme, noch verstanden sie die Sorgen der anderen, manch einer nannte diese Familie naiv. Sie schickten ihren Sohn aufs Gymnasium und dort lernte er, das, was er bis dahin konnte, noch besser. Er schrieb und zeichnete und rechnete sich aus, wie schön es sein würde, wenn er erst erwachsen wäre. Denn erwachsene Menschen sind reifer, toleranter, frei von kindlicher Grausamkeit. So erzählte es ihm seine Großmutter manchmal, wenn er sie besuchte.
Die Kinder auf dem Gymnasium nannt ihn "Buddha", was Ole nett fand, nachdem er nachlas, wer Buddha war, dann nannten sie ihn "Knasti", dann „Psycho“. Aber Ole rechnete weiter und sah darin einen Fortschritt: immerhin sprachen sie schon mit ihm. Und wenn es so weiterginge, würde irgendwann auch alles gut werden.
Es kam der Tag, da wuchsen auch die Haare. Sie wuchsen ihm zwar nicht auf dem Kopf, aber am Kinn und im Gesicht. Er war so froh, dass es doch noch klappte, dass er doch Haare bekommen konnte und auch seine Eltern räumten die letzten Sorgen aus. Nur die anderen waren unzufrieden, dass er nun einen Bart trug, sie sagten, er habe einen “Kinderschänderbart“.
"Aber er hat doch noch nie jemandem etwas getan", sagte der Vater wütend zum Schulleiter, als dieser vorschlug, dass Ole trotz seiner Leistungen in eine Institution wechseln soll, in der man seinem "subtilen Gemüt gerecht wird". Die hitzige Reaktion des Vaters beschleunigte die Entscheidung: Ole landete auf einer Schule, wo er sehr viel weniger lernen konnte, weil man es ihm nicht zusprach. Er zog sich in sich zurück, lernte daheim und bemerkte, dass all die anderen Jugendlichen in sich zurückgezogen waren, mit sich selbst sprachen. So fing er auch an, immerfort zu sich selbst zu sprechen. Das wurde bald langweilig. Er nahm die Plastiktüte, die er als Junge im Freizeitpark bekam, damals war sie mit Popcorn gefüllt. Es war einer der glücklichsten Momente seines Lebens. Er gab dem rot gekleideten Jungen auf der Tüte den Namen Lorenz. "Weil man mit Lorenz die schönsten Dinge erlebt", erklärte er allen, die ihn auf seine Tüte ansprachen.
"Es ist doch nur eine Tüte", sagten die Eltern, die dem Drängen der anderen nicht nachgeben wollten, dass man diesem Jungen doch nicht einfach tatenlos zusehen könne. "Nur eine Tüte...", antworteten diese und schauten auf Oles „Kinderschänderbart“.
Ole wurde älter, er verließ das Haus, zog um, arbeitete in einer Fabrik, holte auf der Abendschule sein Abitur nach, wo sich niemand für ihn interessierte oder für seine Glatze oder seinen Bart; manche fragten bloß manchmal grundlos „Hast du ein Problem mit anderen Ethnien?“. Als er nachschlug, was "Ethnien" sind, konnte er daraufhin lächelnd verneinen, denn Ole, so sagte er von sich selbst dann immer, mochte im Grunde alle Menschen. "Alle Menschen...", kam als Antwort, dann gingen die Blicke anderen auf die Popcorntüte, auf den kindlichen Lorenz, der leider nicht mit Ole gemeinsam alterte, dann gingen die Blicke auf den “Kinderschänderbart“ und schließlich gingen sie ihm lieber aus dem Weg.
Ole kam auf die Universität und zu zu dem Schluß, dass es vielleicht unter so erwachsenen und gebildeten Menschen helfen könne, zu lächeln und an allen einen schönen Tag zu wünschen. Doch einige Damen schienen dies falsch zu verstehen, er durfte sich ihnen nach und nach per Gerichtsbeschluss nicht mal mehr auf fünfzig Meter nähern. So schloss sich ein enger Kreis, die Welt schrumpfte allmählich zusammen. Lorenz, sein einziger Freund, tat das einzige, was ein guter Freund tun konnte: Er begann zu altern. Seine Farbe blätterte ab.
Gemeinsam saßen sie in der Bibliothek und lernten, Ole las Lorenz aus Kleist vor und aus Ernst Jünger-Büchern. Es passte einigen nicht, dass Ole nicht nur eine Glatze hatte und einer alten Plastiktüte mit "antiquierter Jünglingsapplikation" mit sich schleppte, dass er auch noch aus Ernst Jünger-Roman vorlas ging zu weit.
Wo konnten die beiden noch hin? In manchen Cafés störten sich die Menschen an ihren Gesprächen, obwohl sie nur flüsterten. Im Kino schaute man sie zweideutig an und setzte sich weg. Also ging Ole mit Lorenz dorthin, wo er ein Mal glücklich war.
Dort, auf dem Spielplatz, hatten sich die Zeiten ebenfalls geändert. Es waren keine Kinder mehr da, sondern Jugendliche und sie hörten Musik aus ihren Mobilfunktelefonen. Diese Jugendlichen, die sich offensichtlich nur für sich selbst interessierten, würde er sicher nicht stören, dachte er, wenn er sich an die guten alten Zeiten erinnernd eine Sandburg bauen würde, um sie Lorenz zu zeigen. Doch als die Burg stand, kamen die Jugendlichen auf die beiden zu. Sie rissen Lorenz weg, warfen ihn auf den Boden und traten und lachten, bis das Plastik riss. Sie zeigten auf Ole, nannten ihn einen "Psycho", schossen sich das Plastik von Lorenz Tüte wie einen Ball hin und her, Ole versuchte, dazwischen zu gehen, sich das Plastik zu schnappen, was fast gelang, doch dann schubsten sie ihn. „Ey Psycho, bleib mal locker. Oder bist du ein alter Kinderficker?“
Ole griff einem an den Jackenkragen, er sagte, dass er das nicht sei, dass
er nur seine Ruhe wollte, aber dann schubsten sie ihn wieder, sagten „Du Psycho
bist ja wirklich ein Kinderficker. Was packst du uns an?“
Da wurde es ihm zuviel. Er schnappte sich einen von ihnen, riss ihn aus der
Gruppe, die anderen gingen dazwischen, gingen drauf los, Hände flogen, Beine
traten, bis einer der Jugendlichen mit dem Kopf gegen das Schaukelgerüst
knallte und fiel.
Der Sand färbte sich rot.
Erst kam die Polizei, dann kam die Presse und nach wenigen Tagen waren alle sich einig: Sie hatten es ja gleich gewusst.
In der Zeitung konnte man lesen: "Wieso muss immer erst etwas
passieren, ehe etwas unternommen wird?"
"Wieso?", fragte sich auch Ole, als er abends in seiner Zelle saß. Und dann schlief er ein.






Kommentare
Wirklich guter Text mit einem Ende das einem beim Lesen schon als unabwindbar vorkommt, aber man dennoch hofft, dass es nicht so sein wird. Traurig wozu Menschen einen anderen Menschen machen können...
07.04.2012, 07:02 von time2BMich hat am Anfang die Länge abgeschreckt, aber die Überwindung hat sich gelohnt... Aber wieso ein so dermassen sichtbares Zeichen? Leichter für den Leser? Andersartigkeit und Diskriminierung beginnt meistens mit Kleinigkeiten und Klischees...
22.02.2012, 12:42 von RazthePutinmeiner meinung nach hat ole vom ersten bis zum letzten wort alles richtig gemacht - besonders gefällt mir das sorglose gemüt der eltern
17.02.2012, 16:32 von quaderWow, nachdem Text musste ich erstmal durchatmen.Ich weiß, dass der Vergleich etwas hinkt - aber ein wenig erinnert mich das an die Endlosdiskussion über die Kampfhunde. Die Menschen machen aus diesen Tieren das, was man ihnen dann zum Vorwurf macht. Ich glaube - ähnlich geht es dem Ole.
15.02.2012, 12:17 von CalluErinnert mich an eine Situation, welche mir kürzlich widerfahren ist!!! Wir sind eine Gesellschaft voller Vorurteile, Mitläufer und Ängsten!!! Ein gegenwärtiges Thema verpackt in einem schön geschrieben Artikel!!! Mag ich!
12.02.2012, 16:30 von anna-bolikasehr gut!
10.02.2012, 12:55 von Red-she-devilBeim Lesen deines Textes fühle ich mich so hilflos. Es kommt mir so vor, als wenn Ole eingesperrt ist und einfach nicht rauskommt aus seinem Gefägniss aus Unverständnis und Ignoranz.
08.02.2012, 20:35 von MayTillNowIch weiß nicht, wie ich auf Ole reagiert hätte, aber es bringt mich dazu, darüber nachzudenken - danke!
Hast wohl zu viel "Stimme Deutschlands" gesehen und wolltest nun dem Ole ein Denkmal setzen, was?
08.02.2012, 11:10 von Justaffisch guck nur voice of germany, das ist unfuckingfassbar.
08.02.2012, 12:36 von MisterGambitNa das meinte ich doch - und ich musste sofort an den dortigen Ole aus Hamburg denken bei deinem Text...
08.02.2012, 12:38 von Justaffkenn ich leider nicht. ole war so ein name, mit dem ich keine assoziationen habe, darum hab ich den genommen.
08.02.2012, 12:40 von MisterGambitOle - mit Glatze und Bart.
08.02.2012, 12:42 von Justaffist das nicht der typ, der kinder in ihrem träumen schlaf tötet?
08.02.2012, 17:27 von MisterGambitDu erzählst großartig. Dieser Text hat mich durcheinandergeworfen und bewegt. Ich kenne Ole und ich kenne diese Jugendlichen auf dem Spielplatz. Danke, dass du ihre Geschichte aufgeschrieben hast.
05.02.2012, 14:06 von Sommerregen03