Der Teufel trägt weiß
Als vor zwei Jahren mein bester Kindergartenfreund seine Liebste zur Frau nahm, war ich es, die mit ihr ein Brautkleid aussuchte.
Freiwillig, noch dazu - um ganz ehrlich zu sein war es sogar meine Idee. „Wenn du eine Begleitung brauchst zum Brautshopping, sag Bescheid, ich komme gerne mit!“ – wieso genau hatte ich das bloß angeboten?
Es ist nicht so, dass ich gegen das Heiraten bin. Wenn zwei Menschen den Mut haben, sich einander für den Rest ihres Lebens zu versprechen, dann hat das einen Wahnsinn, den ich romantisch finde. Trotzdem bleibt mir das, „bis ans Ende aller Tage“ ein wenig suspekt, möchte ich nicht heiraten – und eigentlich auch mit den Vorbereitungen eines solchen Festes nichts zu tun haben.
Und doch fand ich mich in jenem Frühjahr Sarah auf dem Parkplatz gegenüber eines Ladens wieder, in dessen Schaufenster geschätzte 2735 Puppen in weißen Gewändern steckten, die mit Perlen und Kristallen dermaßen überbestickt waren, dass man sicher blind davon werden könnte, wie sich die Sonne auf ihren Plastikbrüsten bricht.
Als wir den Laden betraten eilte eine Frau auf uns zu, die genau so aussah, wie ich mir die Verkäuferin eines Brautmodengeschäfts vorgestellt hatte: Sehr beflissen, ein bisschen bieder und freundlich bemüht bis an die Schmerzgrenze. Mit ihr drehten wir die erste Runde durch den Laden und mir sprang soviel Kitsch und Hässlichkeit ins Auge, dass ich verstummte vor Schreck.
Die Verkäuferin zeigte Sarah zuerst die „hochmodernen Neckholder-Kleider“ und als sie mich nach meiner Meinung dazu befragt, fand ich die Sprache wieder: „Die sehen irgendwie aus wie Bikinis“, murmelte ich verhalten.
Die Verkäuferin musterte mich strafend. „Das ist jetzt in!“, belehrt sie mich und ich fragte ehrlich neugierig, „aber im Grunde hat sich bei Brautkleidern in den letzten Jahren nicht viel getan, oder? Das hier wirkt alles sehr...“ - ich rang nach einem Wort, das ausdrückte was ich meinte, ohne dabei beleidigend zu wirken - „klassisch.“ „Ja, Bräute mögen das so!“
Mit dem ersten Schwung Kleider verschwanden Sarah und die Verkäuferin - die mir Kabinenverbot erteilte - hinter einem dunklen Vorhang. Gedämpft drangen Wörter wie „Reifrock“, „Korsett“ und „Strumpfband“ zu mir nach draußen. Doch schneller als gedacht kamen die beiden aus der Kabine, mit einem Kleid, dass Sarah auf einer Hochzeitsmesse entdeckt hatte. Angezogen gefiel es ihr jedoch nicht, die beiden verschwanden erneut.
Ich wanderte mit offenstehendem Mund durch den Laden, berührte trotz Verbotsschilder in schrecklicher Faszination einige der Stickereien und suchte verzweifelt nach einem Kleid, das ich nicht völlig ausschließen würde.
„Gefällt ihnen was?“ fragte mich da eine ältere Dame, die sich später als die Inhaberin des Ladens herausstellte. Ich ließ ertappt die Hände sinken. „Ich bin nur mit einer Freundin hier“, erklärte ich, „ich will gar nicht heiraten.“ Die alte Dame lächelte. „Das sagen sie jetzt!“ „Ja, aber ich werde dabei bleiben“, behauptete ich trotzig und flüchte - trotz Verbot - zu Sarah in die Kabine. Sie trug ein klassisches Kleid, weiß, schulterfrei, mit geschätzten drei Kilo Perlenstickerei – und sah irgendwie hilflos aus.
„Was sagen sie?“ fragte die Verkäuferin mich und mir entwischte ein, „darin möchte ich nicht begraben sein!“ Lauter fügte ich, mit freundlichem Lächeln: „Mir muss es ja nicht gefallen“, hinzu. „Ich finde es auch schrecklich“, protestierte Sarah da schwach und ich verschwand nach draußen, während sie das nächste Kleid anprobierte. Diesmal eines mit Neckholder, das wir auch direkt von der Liste strichen. Das Gesicht der Verkäuferin wurde zunehmend länger.
„Sie sind also gegen das Heiraten?“ hakte die Ladenbesitzerin freundlich nach, während wir gemeinsam darauf warteten, dass Sarah erneut aus der Kabine kam. „Nein“, erklärte ich, „ich bin sogar fürs Heiraten. Ich mag nur selbst nichts damit zu tun haben.“ „Dafür haben sie dann sicher einen guten Grund“, ließ sie meine Erklärung gelten und ich nickte leicht. „Und das hier“, sie machte eine Handbewegung, die einmal ihren Laden durchwirbelte, „ ist also auch alles nicht so ihr Fall?“ „Ich mag mehr die schlichten Kleider“, gab ich zu.
Sarah kam wieder aus der Kabine und mit einem Blick stellte ich fest, dass sie das perfekte Kleid gefunden hat. Es war nicht strahlendweiß, sondern leicht champagnerfarben, was ihrem Teint schmeichelte. Die Stickerei: geschmackvoll statt protzig; der Schnitt betonte jeden Vorteil ihrer Figur atemberaubend. „Wow!“, war das einzige, was mir einfiel. „Na, wenn sogar ihre Freundin sprachlos ist, kann es ja nicht ganz verkehrt sein!“, seufzte die Verkäuferin. Das war gleichzeitig das Ende ihrer Beratung, sie verließ uns eilig in die Pause und die Inhaberin des Geschäftes bediente Sarah weiter.
Und irgendetwas wurde anders, als die 73-Jährige begann, zwischen Drehspiegel und Kabine, Kleiderständern, Schuhregalen und Handschuhkisten hin- und herzurennen. Alles wurde irgendwie – erhabener. Ich stellte nicht plötzlich fest, dass die Kleider in dem Laden doch alle wunderschön waren, genauso wenig wie ich meinen leichten Spott ablegen wollte – und doch war da etwas in der Begeisterung der alten Dame, das sich wie Honig, körnig und süß, um meinen Zynismus legte.
Einen Teil trug ihre ehrliche, jahrelang gewachsene Begeisterung dazu bei. Vor allem aber war es ihr warmer Humor, der mich an den hochzeitswütenden Kanten aufweichte. Die Tatsache, dass sie sich von drehenden Augen oder kitzelndem Spott nicht aus der Ruhe bringen ließ. Und dabei versuchte sie nie, Überzeugungsarbeit zu leisten. Kein, „aber Hochzeiten sind doch großartig“, oder „heiraten will aber ja jedes junge Mädchen“.
Als Sarah die Anzahlung für ihr Kleid leistete und dabei mit der Dame scherzte, wanderte mein Blick ein letztes Mal durch den Laden. Ein wenig war das hier noch immer ein Kabinett des Grauens, daran ändert auch die bezaubernde Inhaberin nichts. Gleichzeitig musste ich mir eingestehen, dass ich vielleicht nicht ganz so vehement gegen den Brautgedanken bin, wie ich es mir selbst gern weismache.
Und so gönnte ich mir beim letzten Blick über meine unverheiratete Schulter ein kurzes, heimliches Verharren, auf dem einen Kleid, bei dem mein unbelehrbares Herz einen kleinen, heißen Doppelhüpfer veranstaltet hatte und meine Lippen heimlich murmelten, „Ja, ich will.“"Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Ich war auch 25 Jahre meines Lebens ein Heiratsmuffel und kann die Gedanken daher nachvollziehen.
16.01.2009, 17:43 von Caro26Meine Hochzeit war allerdings wirklich einer der schönsten Tage meines Lebens, traditionell aber auch sehr individuell. Genauso, wie wir uns das gewünscht und vorgestellt haben.
Ob es die richtige Entscheidung war wird die Zukunft zeigen - aber hey - irgendwie muss die Scheidungsstatistik ja auch aufrecht erhalten werden!
War nur Spaß!!!
Schön aufgeschrieben!
29.12.2008, 16:12 von sabrina1980... nicht zu lange warten, sonst iss es weg, das *eine* Kleid!
26.12.2008, 15:19 von fritzfranz24was uns die autorin damit sagen will, erschließt sich mir irgendwie nich. warum is heiraten auf einmal doch toll? das is doch quatsch, hysterischer.
26.12.2008, 09:30 von daskleineklischeeHabe am Dienstag erst meine Schwester begleitet.... kommt mir doch alles sehr bekannt vor ...
25.12.2008, 18:14 von earlybirdAnfangs unsagbar komisch und amüsant, später schön.
23.12.2008, 21:30 von Alice.In.Wonderland.Trotzdem schreibt man Anredepronomen immer noch groß :-)
Oha! Das weckt Erinnerungen!
23.12.2008, 10:42 von TilanAn champagnerfarbene Seide - gänzlich ohne Stickereien, aber dafür mit an den Schultern monströs gepufften , langen Ärmeln, die der Taille schmeicheln und einem schmalen, kurzen Rock.
und an meine beste Freundin und mich in einem kleinen Brautmodenladen kichernd und gnickernd wie die Schulmädchen, als wir versuchten, uns grazil wie Sissi mit monströsen Reifröcken auf ein Sofa zu setzen. Und wenn man den Trick nicht kennt, klappt alles nach oben!
Schöner Text!