Der Süßwarenladen
Eine kurze Geschichte über das Verlangen.
Ich hatte Herrn Petto, der den kleinen Süßwarenladen im Erdgeschoss meines Hauses führte, nie unglücklich gesehen. Selbst wenn die Klingel über seiner Eingangstür den ganzen Tag schwieg, grüßte er die Passanten abends mit der selben Aufrichtigkeit, wie er es zu belebteren Zeiten immer gepflegt hatte.
Herr Petto war für mich die personifizierte Mitmenschlichkeit, ein Clown in Zivil, wenn auch oft mit einer von uns beiden belächelten Unfreiwilligkeit. Nicht einmal die seltenen, ernsten Blicke die er ab und an von der Bank vor seinem Laden aus über die Straße warf, vermochten es, die Passanten von einem freundlichen Lächeln abzuhalten. Für alle war der schlanke Mann mit seiner grünen Schürze die zu Zucker gewordene Leichtigkeit. Man kannte und schätzte ihn und seine Gegenwart.
Eines Abends stieg ich auf einige Gläser Wein zu ihm hinab und half, den Laden von den Spuren der Geschäftswoche zu befreien.
"Petto, wie schaffst du es nur, so schlank zu bleiben unter all den süßen Verführungen hier.", scherzte ich. Er lachte mit mir und fegte angestrengt den neuen Staub von den hohen Lakritzregalen. "Ich muss gestehen, meine Süßwaren locken mich schon lange nicht mehr. Früher war das anders. Ich erinnere mich noch, als die ersten Lieferungen eintrafen, sich die ersten Gläser hier füllten, da hätte ich in dem Zeug gebadet, das kannst du mir glauben." – "Was hat sich geändert?", fragte ich und goss uns den Wein ein. Herr Petto stieg von der Trittleiter herab, nicht ohne die Sauberkeit der Regale noch einmal mit einem Fingerstrich überprüft zu haben. "Ich kann es nicht benennen. Ich vermute es ist einfach ein Irrglaube zu denken, dieser Laden sei eine endlose Versuchung. Hier ist der Reiz eben weniger subtil." Ich wollte mich indes auf einen Stuhl neben dem Tresen niederlassen, er gab mir ein Zeichen, ihm mit dem Wein nach draußen zu folgen. Er ging voraus und sprach weiter.
"Sieh dir nur mal all die Menschen an, oder die Läden, die Autos, die Tiere. Sie beinhalten so viele Wünsche und Sehnsüchte – wie ein gigantischer Irrgarten an Süßwarenauslagen. Alles verlangt fühlbar danach, dass wir uns daran satt essen und doch fragt sich niemand, wie man es schafft, zufrieden zu bleiben, unter all den Verführungen des Lebens." Wir nahmen Schulter an Schulter auf der kleinen hölzernen Bank Platz. Ein Passant grüßte. Er fuhr fort: "Man muss einfach nicht immer alles wollen oder müssen. Das hat mich mein Laden gelehrt. Nur weil man uns ständig mit den süßen Reizen vor den Augen fuchtelt,
sollen wir ja nicht aufhören uns zu fragen, was wir wirklich brauchen. Manchmal glaube ich sogar, man ist besser dran, wenn man nichts müssen muss oder wollen will."
Ich nickte. Unsere Gläser klirrten auf unser Wohl, andächtig hob er seines zum Mund. "Dass du immer so pathetisch werden musst.", lachte ich und trank.






Kommentare
Ich bin froh, dass ich das Lesen musste, ob ich wollte oder nicht :)
20.04.2012, 07:31 von Mrs.McHWie zu Zeiten der Romantik, "stay hungry" ist das Prinzip, das es in unserer Konsumgesellschaft nicht mehr gibt und gerade das "nichthabenkoennen" entfacht die pure Leidenschaft. Super Botschaft!
24.03.2012, 22:25 von Carolin.BristolWäre sicher ein netter Zustand! Und der Text liest sich angenehm flauschig.
Ich hätte allerdings dazu dann gern noch ein Rezept, wie man diesen Zustand erreicht.
Und ich beziehe mich dabei nicht nur - vor allem nicht - auf Materielles...
09.02.2012, 10:47 von Raeubertochter13
Gute Botschaft, schön umschrieben :)
02.02.2012, 18:15 von TrustYourselfwhat it is about - sehr schön!!!
02.02.2012, 10:16 von mindshakin"ein Clown in Zivil"
29.01.2012, 18:46 von Jackie_GreySchön.
oh ya!
24.01.2012, 21:48 von nic.is.listenEine kleine Erzählung über Alltägliches, die ruhig dahinplätschert. Es passiert nichts. Und doch war es spannend für mich. Das hinzubekommen ist das Größte. Die meisten benötigen für Spannungskurven viel derbere Ereignisse. Aber hier wartet man (ich jedenfalls) einfach darauf, dass gleich eine kleinen Lebensweisheit erzählt wird und freut sich darauf. Einziger Kritikpunkt: Der Untertitel verrät zuviel. Sonst hätte in dem Satz gerade "erfahren" statt "sehen" gestanden.
24.01.2012, 20:58 von Trebor-FaustIch kenne keinen, der solche Texte so gut schreibt, und das, obwohl ich viele kenne, die das versuchen.
Ganz große Kunst.
Sehr gut in Worte gefasst ;)
24.01.2012, 19:10 von LIEBEMACHEN.Gefällt mir nicht. Sprachlich ganz gemütlich geschrieben, aber für mich völlig ohne Erkenntnis.
Meine Güte. Das gibt einen Preis für den deplatziertesten Kommentar dieses Monats, mit der Aussicht, auch in die Jahreswertung zu kommen. Die Sanftheit des Textes erfordert eben etwas Tiefgang, um die Erkenntnis nicht als "dumme Weisheit" anzusehen. Aber wenn hier Texte erscheinen, in denen das Zeitreisen aus der Zahl 42 hergeleitet wird, lasse ich es dich wissen.
24.01.2012, 21:09 von Trebor-Faustmit Erkenntnis meine ich, dass ich persönlich etwas aus dem Text gewinne. Ich les aber nur "glücklich sind die dummen, weil das eben so ist."
24.01.2012, 21:18 von Loodas hat jeder schon mal gehört und mehr als die aussage selber findet man in dem Text nicht
Dafür, dass es eine solch dumme Erkenntnis ist, liegst du aber recht
24.01.2012, 21:35 von Trebor-Faustweit daneben. Angedeutet (nicht belehrend, denn es ist ja nur die
mitschwingende Aussage eines der Protagonisten) wird hier aber nicht,
dass die Dummen glücklich seien, sondern diejenigen, die Verzicht üben
können. So gesehen übrigens ganz im Sinne der philosophischen Definition
von Freiheit. Nämlich der Freiheit des Geistes, die darin besteht,
nicht als Automat quasi sklavisch dem Reiz/Reaktionsmechanismus zu
unterliegen. Freiheit als die Möglichkeit, sich selbst ein Gesetz zu
geben. Freiheit aus Verzicht. Auch diese Erkenntnis, ich gebe es zu, ist
nicht neu. Aber unter den Dingen, die man mal in einer Geschichte
andeuten kann, liegt sie für mich sehr weit vorn.
für mich is das äquivalent zu der aussage "glü+cklich sind die dumen"
24.01.2012, 21:41 von Loowenn man sein streben nach sinn aufgibt, auf jeglichen ehrgeiz verzichtet und damit überhaupt nicht über den tellerrand hinausblickt, beschränkt man seinen Geist (->dumm). Und das um glücklich zu werden.
was mir an dem text nich gefällt ist, dass der petto einem das nur sagt. man könnte es genauso einfach als satz hinschreiben. Weder reflexiert Sie es, noch werden seine Hintergründe dazu geschiuldert. Damit wird mir die sache einfach gar nicht näher gebracht.
Wo du das liest, Loo, möchte ich echt mal gerne wissen. Ich zweifle gerade, ob wir den selben Text gelesen haben. Ich gehe da auch eher mit der Deutung von der geballten Hand konform, dass diejenigen, die verzichten können und sich dessen auch bewußt sind, glücklich sind; kurz gesagt.
24.01.2012, 21:43 von topfbluemchen..sihe oberen kommentar. Ich hab die aussage schon so aufgefasst, sie nur unter eine andere untergeordnet. das müsst ihr nich auch so sehen, darum geht es mir auch gar nicht. Die Aussage selber ist nicht teil meiner Kritik.
24.01.2012, 21:47 von LooHer Loo, Wo kommt denn diese wahnwitzige These her? Der hier angedeutete Verzicht meint doch ganz offensichtlich nicht eine Beschränkung des Denkens. Was könnte symbolischer sein als Süßigkeiten - für das genaue Gegenteil, nämlich für eine Aufforderung zu einem Sieg des Geistes über den Trieb?
24.01.2012, 21:50 von Trebor-Faustsehe ich so. ohne Streben kein Denken. außer mit drogen, und die machen auch nicht klüger.
24.01.2012, 21:54 von LooBitte, bitte, sag einmal was Schlaues, sonst wirkt es so, als hätte ich was gegen dich, wenn ich immer wieder antworte. Oder, ach komm, ich sag nichts dazu. Lassen wir es einfach wirken.
24.01.2012, 22:12 von Trebor-FaustAh, nein, ich kann nicht. ^^
"Streben" kann man auch nach Erkenntnis, nach Zielen, nach wasweißich. (Tatsächlich könnte ich es kategorisieren, aber das ginge zu weit) Hier jedoch geht es ganz eindeutig, total unzweideutig, allerklarstens, um den Verzicht auf Versuchungen ("...zufrieden zu bleiben, unter all den Verführungen des Lebens..."), um Ausgeglichenheit, nicht um Antriebslosigkeit.
Ah, ich versuche, gleich nicht mehr zu antworten, die Analyse entzaubert den Text womöglich. Es ist ja eben leicht, das alles inhaltlich darzulegen. Es erzählerisch anzudeuten, darin besteht ja die Kunst. So, dass
es nicht jeder versteht.man es auch anders sehen kann.^^Die Versuchung nach Erkenntnis zu streben ist doch gerade eine mit hohem Potential unbefriedigt zu bleiben.
24.01.2012, 22:22 von LooUnbefriedigt zu sein ist aber doch nicht mit einer Beschränkung des Geistes gleichzusetzen. Ich bin sicher, das weißt du eigentlich ganz gut^^
24.01.2012, 22:26 von Trebor-Fausthab ich auch nie gesagt.
24.01.2012, 22:30 von LooDer Versuchung zu wiederstehen seinen geist zu erweitern, was glücklich macht, aber schon.
und jetz hörn wir aber bitte auf, mich regt mein pseudophilosphisches gefasel ja shcon selber auf^^
Na schön, ich nehme deine Entschuldigung an! ;)
24.01.2012, 22:44 von Trebor-Faustsolange du am Ende der Glückliche bist :D
24.01.2012, 22:52 von LooUnd ganz ohne Süßigkeiten.^^
24.01.2012, 22:53 von Trebor-Faustach schön... man sollte über euren dialog einen artikel schreiben, vielleicht kommt er dann auf die startseite und würde dem witzigen gerecht werden, nach dem alle rufen :D
25.01.2012, 18:01 von diehollamachst du dich etwa über uns lustig??
25.01.2012, 21:11 von Looquatsch.
26.01.2012, 11:19 von dieholla