schriftstehler 26.09.2012, 00:41 Uhr 20 29

Der siebte Versuch

Da gibt es Menschen, die gehen unter Menschen und du gehst unter ihnen unter.

Sieben Mal begonnen, sechs Mal Worte und Gedanken gelöscht, beim siebten Versuch nachgegeben und geseufzt. Dann wieder den Kopf geschüttelt, als gehöre es dazu und mit gesenkten Gedanken nach dem Licht gesehen, das da irgendwo sein soll. Wenn du blind wärest, dann ergäbe das zumindest einen Sinn, wenn du taub wärest, dann hörtest du deine Schreie nicht. Sie sagen, dass das nur eine Phase sei, so wie damals, als du Schwarz trugst, als du nichts anderes sehen konntest. Aber du trägst auch heute noch Schwarz, weil dir danach ist. Phasenphrasen. Da gibt es Menschen, die stellen ihre Salzstangen in Gläser und du hast nicht einmal ein Glas. Da gibt es Menschen, die lachen über Witze und du verstehst die Welt nicht. Da gibt es Menschen, die gehen unter Menschen und du gehst unter ihnen unter.

Auch den siebten Versuch streichst du wie dein Zimmer, alles in Weiß und alles gleich, so auch in deinem Kopf. In ein paar Minuten hängen dort wieder die Bilder, von denen du nicht weißt, wer sie aufbewahrt hat. Und immer diese Dunkelheit in all dem Weiß. Du sollst mal lachen, sagen sie dir und du sagst, dass du das tun wirst, wenn die Zeit dafür gekommen ist, wenn es etwas zum Lachen gibt. Bewundernswert diese Menschen, die spielen, um zu spielen, die arbeiten, um zu arbeiten und die lachen, um zu lachen. Als ob es keinen Sinn für das alles gäbe. Der achte Anfang ist nur ein Schein, der neunte ein Schimmer und als es zweistellig wird, bleibst du einfach liegen. Dort, wo du hingehörst, dort wo alles leicht ist, obwohl Blei so schwer wiegt. Niemand sagt einem Beinamputierten, er solle doch mal spazieren gehen, aber du sollst einfach mal lachen. Und jetzt musst du lachen und weißt gar nicht, warum das so ist.

Du hast aufgehört, zu zählen. Die Versuche sind so endlos wie das Scheitern, das immer am Ende steht. Und wenn es am Ende steht, dann kann man es auch an den Anfang setzen und auf den Weg dazwischen pfeifen. Wenn es einen Weg gibt. Du siehst dich um und dann in dich hinein und stellst fest. Irgendetwas. Aber das ist nicht wahr, weil sich ja doch alles ändert. So viele hier mit dir in diesem Raum, sie reden von Freundschaft und reden doch gar nichts. Freunde sind anders, denkst du dir, Freunde sind da und nicht hier. Aufmerksam verfolgst du gar nichts, auch wenn es so aussieht. Du gibst dir immer noch Mühe, so zu wirken, als wäre alles in Ordnung und du ein stiller Mensch. Stille Wasser laden zum Ertrinken ein. Die anderen um dich herum blubbern fortwährend, so als hätten sie den Mitteilungssaft mit Kohlensäure erfunden. Niemand beachtet dich, sie lassen dich in Ruhe, weil sie mit deinen Sätzen nichts anfangen können. Du kannst damit auch nichts anfangen, du weißt oft gar nicht, was du da sagst, du kannst mit dir selbst nichts anfangen und wenn du wie die anderen blubberst, dann füllst du nur die Stille zwischen dir und der Welt und fühlst sie nicht. Deswegen bleibst du still.

Der siebte Versuch war gar nicht so schlecht, denkst du und versuchst dich daran zu erinnern. Das zu tun, was du auch in dem Moment getan hast, könnte helfen. Aber nichts hilft. Es ist wie die Suche nach einer Nebelschwade in einer Wolke: Du weißt, dass sie da irgendwo ist. Der siebte Versuch, es ist eine gute Zahl gewesen, aber jetzt ist sie Vergangenheit. Noch einmal von vorn, am besten noch einmal alles von vorn. Du würdest gern etwas sagen, etwas, das den Fluss unterbricht und etwas, das gehört werden muss, weil es wichtig ist. Aber niemand hört dir zu, wenn du nicht witzig bist und wenn du nicht witzig bist, dann macht jemand einen Scherz über das, was du ernst gemeint hast. So ist die Welt, sie will lachen und das gehört nun einmal dazu. Frohsinn, Äpfel, Volksfeste, Bier, Fernsehen, Konsum und Autos – all davon hast du keine Ahnung und fühlst dich fremd in dieser Welt. Um dich herum reden sie von diesen Dingen, du denkst an den Mond und einen Mann, der einsam sein muss. Da oben oder hier unten.

Der siebte Versuch. Es ist, als ob du etwas verloren hättest. Dich selbst schon seit Langem, jetzt auch den Anschluss und den roten Faden, der sich durch alles ziehen soll. Du beißt dir auf die Lippen und begibst dich auf die Suche in dir. Eine Rückholaktion der besonderen Art, fast wie in einem Film, fast wie eine Zeitreise. Du hattest etwas sagen wollen, da war dieser Satz, der gepasst hatte, er war zu mächtig, um ihn auszusprechen, aber er war zu wichtig, um vergessen zu werden. Und als du ihn findest, dann nickst du langsam, weil du stolz auf dich bist. Nichts geht verloren. Noch immer sitzen sie da und reden, um dich herum und auch in dir. Welche Stimmen nun wohin gehören, das weißt du nicht, das ist auch egal. Schließlich sagst du: »Mit Liebe lässt sich alles lösen.« Und dann lächelst du. Für einen Moment herrscht Stille. In der Küche der Wohngemeinschaft ist selbst der Kühlschrank mit den restlichen Partygästen verstummt und auch in dir ist es ruhig geworden, so als stündest du abseits irgendwo auf einem Friedhof in der Provinz. Dann das Gelächter und die Stimme eines Anführers, einer der Menschen, die sagen, was richtig und was falsch ist, während es andere auch noch glauben. Dieser Mann spottet: »Klar, ich liebe ja auch meine Aktien, wenn sie steigen.« Wieder dieses Lachen. Woher es kommt, weißt du nicht. Vielleicht lachst du selbst.

Du schließt die Augen und nickst. Sieben war schon immer eine schlechte Zahl, die Fünf hat Charakter, sie ist rund und glatt und passend, sie hält allem stand und sie steckt tief in dir. Der fünfte Gedanke des Abends war, einfach wieder nach Hause zu gehen, dessen bist du dir sicher. Umdrehen wirst du dich nicht, du kennst hier niemanden, niemand kennt dich. Das ist dein Leben in der Fremde, das niemanden interessiert, weil die Welt schöne Geschichten hören will.

Aber in dir, da ist es schön.

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20 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Niemand sagt einem Beinamputierten, er solle doch mal spazieren gehen, aber du sollst einfach mal lachen.

    Das mag ich, wobei natürlich bestimmt gleich einer mit 'ner Prothese um die Ecke kommt und sagt "geht doch". Und vielleicht lässt sich das auch auf das Lachen übertragen....

    22.12.2012, 09:48 von Mrs.McH
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  • 1

    Ich bin gerade entsetzt über so manchen meiner Vorgänger. Wie kann man bei einem Text dieser Art über fehlende Handlung klagen? Im Grunde kann man solch einen Text nicht bewerten und nach irgendwelchen Kriterien als gut/schlecht/fehlerhaft bezeichnen. Man kann lediglich für sich selbst einen Bezug herausfinden.

    22.12.2012, 09:13 von ananymous
    • 0

      Hastu Borderline?

      22.12.2012, 09:33 von EliasRafael
    • 0

      Was ist das denn bitte für eine Frage? Darf ich dir ein "Wieso?" hinwerfen?

      22.12.2012, 09:53 von ananymous
    • 0

      Weil ich entsetzt bin über deinen Kommentar. Die Kommentare unten waren fast alle wohlwollend zum Teil mit leiser Kritik. Ich habs mir nochmal durchgelesen, weil einer von mir dabei war. Du reagierst so übertrieben und wertest danach direkt pauschal durch deine Besserwisserei ab "Im Grunde kann man" ... das klingt nach einem vertrauten Schema. Naja, aber ist bald Weihnachten, sollte nur ein harmloser Denkanstoß an.

      22.12.2012, 09:59 von EliasRafael
    • 0

      Vielleicht war meine Wortwahl übertrieben. Mir ist nur unverständlich, wie man bei einem Text, der das Innerste nach außen kehrt über fehlende Handlung klagen kann. Und ab "Im Grunde kann man" habe ich kein allgemeingültiges Gesetz aufgestellt, sondern meine Sicht diesbezüglich geschildert. Das sieht halt jeder anders. Und um deine Frage zu beantworten: Nein ich leide nicht unter Borderline.

      22.12.2012, 10:10 von ananymous
    • 1

      Um so besser! Solche Diskussionen hat der Text nicht verdient, eben weil er so offen ist, dass sich jeder Leser seine ganz eigenen Gedanken machen kann, die oft nicht jeder teilen kann. Wäre doch schade, wenn alle gleich reagieren.

      22.12.2012, 10:15 von EliasRafael
    • 1

      Da hast du allerdings recht.

      22.12.2012, 10:20 von ananymous
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  • 0

    herzchen weil:
    schöne wortspiele
    die zarte schwere
    fünf ist tolle zahl
    der letzte satz.

    21.12.2012, 01:17 von nnoaa
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  • 1

    Hat mich gerade umgehauen und dabei bin ich kein Freund davon sowas einfach mal jedem hinter her zu werfen. 

    07.10.2012, 21:42 von Lunn
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  • 2

    "Freunde sind anders, denkst du dir, Freunde sind da und nicht hier."

    Vielleicht liegt es an meiner momentanen Stimmung, dass ich diesen Satz so unfassbar wahr finde und er mich sofort gepackt hat. Vielleicht beschreibt er aber auch nur sehr treffend eine schmerzhafte/enttäuschende Erfahrung, die wohl so ziemlich jeder mal machen muss...

    Anyway, fantastisch. Punkt.

    07.10.2012, 01:09 von sines
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  • 2

    Du hast aufgehört, zu zählen. Die Versuche sind so endlos wie das
    Scheitern, das immer am Ende steht. Und wenn es am Ende steht, dann kann
    man es auch an den Anfang setzen und auf den Weg dazwischen pfeifen.


    Stille Wasser laden zum Ertrinken ein.


    Du würdest gern etwas sagen, etwas, das den Fluss unterbricht und etwas, das gehört werden muss, weil es wichtig ist.

    Du beißt dir auf die Lippen und begibst dich auf die Suche in dir.

    Aber in dir, da ist es schön.


    .....mehr zu zitieren wäre dann wohl doch alles geworden.
    ich mag deine art der beschreibung für eine einsamkeit, die man teilen möchte.
    seltsam schön:)


    02.10.2012, 21:01 von zehnmomente
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  • 0

    Mir geht's da wie Flaschensahne. Handlung hab ich vermisst, aber deine Worte haste sehr gut gefunden.

    29.09.2012, 13:20 von forst
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  • 4

    Mir gefallen die vielen Wortspiele, die Du reinpackst
    "Da gibt es Menschen, die gehen unter Menschen und du gehst unter ihnen unter."
    "Phasenphrasen" etc.
    unglaublich gut. Ich erkenne viele Gedanken davon wieder, wenn auch nicht alle. Etwas zu kurz kommt die Handlung, aber das ist bei einem inneren Monolog ja nichts Schlimmes. Ich finds top.

    27.09.2012, 18:37 von flaschensahne
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  • 3

    Großartig, dein bester Text bisher, wie ich finde.
    Schreibkunst par excellence. Vieler Worte bedarf es gar nicht, toll geschrieben, Inhalt gut an den Leser rangetragen, ich würde sagen, das ist startseitenwürdig.

    26.09.2012, 10:12 von topfbluemchen
    • 1

      kann ich dir recht geben tun machen versuchen

      26.09.2012, 10:29 von EliasRafael
    • 0

      Merci.

      26.09.2012, 12:27 von schriftstehler
    • 0

      kann ich dir nicht recht geben. gähn, versuch, geht nicht

      27.09.2012, 21:22 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Biste eingeschlafen?

      27.09.2012, 21:33 von EliasRafael
    • 0

      so in etwa :D

      27.09.2012, 21:37 von Gluecksaktivistin
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