M_Kleemann 21.02.2007, 22:29 Uhr 7 13

Der seltene Mann

Vom Glück und Ekel der Einzigartigkeit

.Jeden Tag, wenn der Sperrling auf dem Fensterbrett hockt und durch die Scheibe den schlafenden Mann beobachtet; wenn er mit dem kleinen Schnabel gegen die Fensterscheibe tickt und die Sonne im Rücken des Sperrlings einen großen Schatten an die Wand des Zimmers hinter der Fensterscheibe wirft, dann denkt der Mann, der gleich mit dem Kopfkissen werfen wird, dass gerade jetzt ein selten schöner Tag beginnt. Solch ein Tag beginnt mit breitem Lächeln und Sonne im Gesicht.

Hoffnungsvoll steht er im Bad, kratzt sich an den Rippen unter seinem Herzen und schaut in das vertraute Gesicht seines Spiegelbildes. Wenn er mit dem Finger das Zahnfleisch der unteren Schneidezähne massiert und die Unterlippe nach unten auf das Kinn rollt, um seine Parodontitis zu betrachten, dann ist er überzeugt, dass auch die Karies in den Zahnzwischenräumen eine Spätfolge des Auf-dem-Bleistiftkauens sind. In den Siebzigern hat man sich sicherlich noch keine Gedanken über unverträgliche Lacke gemacht.

Minuten später steht er unter der Dusche und uriniert dabei. Manchmal, wenn das Wasser in den ersten Augenblicken noch kalt ist, freut er sich über die Wärme an seinen Füssen. Nach der Dusche bohrt er mit einem Wattestäbchen im linken Ohr; ist auch das Rechte gereinigt und nur die eine Seite des Stäbchens mit Dreck befleckt, dann steckt er es wieder umgedreht zwischen die noch unbenutzten Stäbchen in der Plastikschachtel. Pinkelt er Nachmittags im Stehen auf einer Herrentoilette, entweicht ihm nicht selten ein langer Furz - er meint, das gehört dazu. Unangenehm findet er sie nur in Gegenwart von Anderen.

Seine sportlichen Aktivitäten haben in den letzten Jahren sichtbar nachgelassen. So holt er das Fahrrad nur noch selten aus dem Keller, da sonst bei zügiger Fahrt oder beim Herunterrollen eines Berges der Vorderreifen platzen könnte. Wenn dann die Stempelbremse ins Leere greift und die Fahrt ein wenig wacklig wird, muss er die Schuhsohlen in den Asphalt drücken. Seine Füße könnten in die Speichen geraten und abreißen; oder eine Autotür, die plötzlich geöffnet wird, könnte ihn unsanft vom Fahrrad holen. Auch hat er Angst, dass draußen auf der Straße ein Kleinkind auf ihn zeigt und es die Mutter fragt: "Mama, kriegt der Mann ein Baby?"
"Nein, eigentlich nicht.", antwortet die Mutter leise. Durch geziertes Verhalten gibt er dann zu verstehen, dass er Kinder reizend findet.

Das Fahrrad wird er erst wieder hervorholen und vom Staub befreien, wenn er sein großes Herz an eine Frau verliert. Eine Frau, mit der er im Sommer durch die Wiesen und Kornfelder hinter der Stadt fahren kann, oder mit der er einen Ausflug ins Schwimmbad unternehmen kann. Doch ebenso wie sein letzter Besuch im Schwimmbad, bei dem der Sprung vom 1-Meter-Brett zur Tragödie wurde und ein Rotzbengel mit seiner Badehose auf dem Kopf durchs Schwimmbad lief, liegt auch die Verabredung mit einer Frau schon lange zurück. Seine letzte Verabredung hatte er mit der Schwester eines Freundes. Damals half er dem Freund beim Umzug in die neue Wohnung. Mit zwei Stühlen in der linken Hand, einer Mikrowelle unter dem rechten Arm und einem Teppich über der Schulter stand er vor der Schwester des Freundes und war geziert sprachlos. Sie fand ihn süß, stark und freute sich über den Mohn zwischen seinen Zähnen. Beide verabredeten sich für später.

Es war ein netter Abend, bis er die Sektflasche öffnete und ihr der Korken ins Gesicht knallte. Mitten auf die Stirn. Später im Bett gab er sich Mühe, doch sie hatte Migräne. Das war vor vier Jahren, seitdem wartet er auf ihren Anruf.

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7 Antworten

Kommentare

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    ein mit blümchenpapier gerahmter, im detail faszinierender, betrachtungswürdiger käsefuß. toll!

    30.09.2008, 15:31 von sophietrauer
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    Nach einer Woche Abstinenz war dein Text der erste, den ich gelesen habe. Dass du andere und vor allem mich an deiner Kreativität teilhaben lässt, ist einfach wunderbar.

    24.02.2007, 03:41 von odradek
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