Der richtige Dreh
Leonie ist ziemlich zufrieden. Das wildeste Mädchen der Klasse ist ihre Freundin, die beste Freundin für immer. Doch etwas ist anders, als sie denkt.
Leonie ist schon ganz lange in der ersten Klasse. Sie haben sogar schon einmal richtige Schulferien gehabt und Leonie hat eine neue Freundin gefunden. Die heißt Antonia und hat feuerrote Locken. Die sind aber auf der rechten Seite fast ganz kurz. Es sieht sehr komisch aus. Wie die Frisur von einem Punker. So haben die anderen Kinder aus der Klasse Antonia genannt. Aber nur in der allerersten Pause vom ersten Schultag. Antonia kann laut schimpfen, schnell rennen und fest zuschlagen. Jetzt haben die anderen Angst vor ihr und lassen sie in Ruhe. Doch seit zwei Wochen fangen einige Mädchen an mit Antonia zu reden und mit ihr zu lachen.
Leonie fand die Frisur von Antonia am Anfang einfach nur interessant. Sie wollte wissen, warum das seltsame Mädchen so komische Haare hat und hat sie am ersten Schultag in der zweiten Pause gefragt. Aber sie hat nett gefragt. „Meine Oma hat einen großen Garten.“ Hat Antonia geantwortet. „Ich habe im Gras gelegen und dann ist ein Rasenmäher über meine Haare gefahren. Die ganze rechte Seite war ganz kurz. Jetzt sind die Haare schon fast bis zum Ohr nachgewachsen. Meine Mutter wollte den Rest der Haare auch kurz schneiden, damit alles zusammen passt. Aber ich habe mich gewehrt. Wenn ich die dicke Strähne hinter das Ohr klemmen kann, wird man es kaum noch sehen können.“ Von dem Tag an hat Leonie Antonia bewundert. Sie konnte es mit der ganzen Klasse aufnehmen. Ein Rasenmäher hätte sie fast überfahren und ihre Mutter konnte ihr nichts vorschreiben.
Im Textilunterricht stehen beide Mädchen zwischen den Kindern ihrer Klasse und lernen, wie man eine Kordel herstellt.
„Nehmt einen ganz langen Faden doppelt und dann noch mal doppelt. Schnürt die Enden um einen Bleistift. Jeder Partner nimmt sich einen Bleistift und dann könnt ihr den Faden in einer Hand drehen. So entsteht eine Kordel.“
Leonie nimmt den Faden auf. Ein rotes Wollende drückt sie Antonia in die Hand und beide drehen los. Sie haben die Wollfäden zwischen sich gespannt, die Enden um einen Bleistift gekonotet.
„Wenn ihr jetzt kräftig dreht, bekommt ihr eine Kordel.“
Hat Frau Frerichs gesagt. Sie geht rum und kontrolliert Thomas und Martin auf der anderen Seite des Textilraumes. Der Raum ist klein und voll, deshalb bahnt sie sich mühsam ihren Weg. Antonia dreht schnell und Leonie dreht schneller. Sie lachen und versuchen immer schneller zu werden. Der Stift reibt mit seinen Kanten auf Leonies Haut. Ihre Handkante fängt leicht an zu brennen, trotzdem macht sie weiter.
„Da stimmt etwas nicht.“
Sagt Antonia. Es entsteht keine Kordel. Komisch, denkt Leonie, die Schnüre von Maria und Annika sind schon ziemlich stark verzwirbelt. Ihre langen Fäden haben sich zu einem festen Strang verdreht, der immer kürzer wird und sich bereits in sich selbst verknäult. Leonie schaut ihre leicht brennende Hand an und weiß plötzlich, was los ist. Ihre beste Freundin und sie drehen in die gleiche Richtung. Der Faden wird nur umgedreht, aber nicht verzwirbelt. Leonie grinst ihre Freundin stolz an, weil sie die Lösung gefunden hat.
„Dreh mal weiter, ich weiß, was los ist!“
Sagt sie und ändert die Drehrichtung. Zweimal, dreimal zwirbeln die Freundinnen nun ihren Faden, doch dann werden sie gestört.
„Oh Leonie! Ach ja, du bist ja Linkshänderin. Dann kannst du das ja gar nicht!“
Frau Frerichs ist bei ihnen angelangt und sie sieht gar nicht, dass Antonia und Leonie ihr Problem bereits selbst gelöst haben. Es interessiert sie auch nicht. Sie schaut Leonie vorwurfsvoll an. Diese fühlt sich, als hätte sie etwas falsch gemacht. Sie wundert sich, dass Frau Frerichs nicht auch Antonia böse anschaut. Die hat doch auch falsch gedreht. Doch zu Antonia sagt die alte Handarbeitslehrerin nur:
„Antonia, mach deine Kordel mit Greta. Geh zu ihr rüber, sie ist gleich fertig mit Gesa.“
Traurig sieht Leonie zu, wie die roten Locken ihrer Freundin wippen, als sie sich entfernt. Von hinten sieht man kaum, dass auf der vorderen rechten Seite dicke Strähnen des roten Haares fehlen. Sie ist wütend, dass Frau Frerichs sie von ihrer besten Freundin trennt. Sie wird von harten Händen an ein Regal geschoben.
„Weil du Linkshänderin bist, kannst du nicht mit den anderen arbeiten,“
sagt Frau Frerichs streng.
„Die anderen sind alle Rechtshänder!“
Sie spricht das Wort Linkshänder seltsam aus. Es klingt so, wie wenn ihr Stiefvater Gerd die Zeitung gelesen hat und über Selbstmordattentäter erzählt. Als ob ein Linkshänder jemand wäre, der entscheidet, andere zu verletzen. Leonie muss jetzt alleine am Regal stehen, während alle anderen mit ihren Freunden zusammen arbeiten. Dort muss sie ihre Wollfäden an eine Ecke des Regals binden. Ihr Partner ist aus Holz. Die anderen Schüler achten gar nicht auf sie. „Alle“ hört Leonie in ihrem Kopf noch einmal.
„Alle anderen sind Rechtshänder.“
Leonie schaut zu Antonia hinüber und sieht sie mindestens drei Meter weit weg stehen. Sie redet mit Greta. Die beiden mögen sich gerne und Leonie findet es total doof, dass ihre beste Freundin sich so gut mit Greta versteht. Sie soll auch traurig sein, dass Leonie nur Holz als Arbeitspartner hat.
In der Pause kommt Antonia auf dem Schulhof wieder zu Leonie. Die beiden gehen zu ihrer geheimen Mauer und setzen sich auf abgeböckelten Putz. Die Steine sind warm von der Sonne. Antonia sagt, dass Frau Frerichs jeden Morgen Zitronen zum Frühstück isst. Dann macht sie eine Grimasse, die zeigt, wie das aussieht. Sie kneift ihre Lippen und Augen zusammen, drückt ihre Wangen mit den Zeigefingern ein und schnauft wie ein Rhinozeros. Auch Leonie denkt sich eine Grimasse aus und die beiden lachen die ganze Zeit. Leonie ist wieder glücklich und vergisst ihren Ärger.






Kommentare
Klasse Geschichte =)
21.04.2010, 07:56 von DanerMein Bruder ist auch Linkshänder, ihn wollten die Lehrer zwingen mit rechts zu schreiben, wei alle anderen Rechtshänder waren ( unfassbar!), bis er mal weinend nach Hause kam, weil er es nicht konnte und meine Mama anschließend wutentbrannt die ganze Belegschaft zusammengestaucht hat =D
der text ist niedlich, die lehrerin ne unheimlich affige kuh und der link zur linshänderseite sehr cool, weil alles andersrum ist. :)
20.04.2010, 19:19 von petuniaaagrüßchen von merle