Der_Misanthrop 16.04.2007, 02:29 Uhr 55 23

Der Messerstecher, seine Freundin und Ich

Eines Nachts stand er mit der Axt in der Hand vor meiner Tür. Ich verabschiedete mich innerlich.

Mit 21 zog ich aus einem 700-Seelen-Dorf im Osten Deutschlands nach Offenbach im Westen Deutschlands. Ich hatte eine Ausbildung in Frankfurt/Main bekommen. Die Mieten dort waren zu unverschämt, so entschied ich mich für eine Wohnung in einer ehemaligen Lagerhalle in Offenbach. 27 Quadratmeter für preiswerte 389 Euro im Monat. Klo außerhalb der Wohnung inklusive.

Als ich die Wohnung besichtigte sagte die Maklerin: „Nachbarn? Haben Sie hier keine!“ Als ich eine Woche später einzog, hämmerte es plötzlich gegen die Tür. Wie sich herausstellte, war es mein halbrussischer Nachbar, der mich mit den Worten „Paar auf die Fresse? Ich will pennen also is jetzt Ruhe, verstandn?“ willkommen hieß beziehungsweise brüllte. Dagegen konnte ich nun wirklich nichts einwenden – war es doch schon Sonntag Nachmittag 16 Uhr und die Sonne schickte sich an langsam den Weg nach unten anzutreten.

Die nächsten zwei Wochen sah ich ihn dann nicht mehr – ich vermute er war mit seiner Freundin im Urlaub. Als die beiden dann wiederkamen, klopfte es bei mir und ich wurde auf einen Willkommenstrunk eingeladen. Nichts lag mir ferner als dieses Angebot auszuschlagen und so fand ich mich dann abends in der Wohnung nebenan wieder. Den Wein nahm ich an – die Drogen lehnte ich ab.

Dies war die erste Nacht, in der die Schreie kamen. Die Schmerzensschreie seiner Freundin. Sein Wutgebrüll. „Hure“ - „Schwuchtel“- „Ich krieg keine Luft“ - „Miese Schlampe“. Schläge, Keuchen, Gerumpel. So ist es also, wenn man Nachbarn hat, dachte ich damals und hatte Angst.

Nun, es blieb nicht bei dieser einen Nacht, es passierte beinahe jede zweite Nacht und brachte mich an den Rand des Wahnsinns. Ich wollte nach der Arbeit nicht mehr nach Hause und blieb so lang wie möglich meiner Wohnung fern.

Nach ein paar Wochen klopfte sie dann bei mir. Dieser merkwürdige Geruch, der mir schon vorher an ihr aufgefallen war umgab sie. Merkwürdig. Künstlich. Sie hatte Würgemale. „Ich fühle da unten nichts.“ Einer ihrer ersten Sätze. „Er geht auf den Schwulenstrich.“ „Ich habe ihn verlassen, rausgeschmissen. Er hat die Tür eingetreten“ „Ich habe ihn verlassen, rausgeschmissen. Er ist übers Dach durchs Fenster eingestiegen. Ich liebe ihn.“ „Er ist vorbestraft, saß schon ein paar Mal – Messerstecher.“ Ich wollte weg, ich wollte es nicht hören, ich wollte nicht hineingezogen werden. Ich hatte Angst. Ich gab ihr Asyl.

Sie kam immer wenn er nicht da war, weinte sich bei mir aus. Fragte mich ob ich sie hübsch finde. Ihre Stimme klang ausgesprochen männlich. Eines Nachmittags kam er früher als erwartet zurück. Sie zitterte. Er rief nach ihr. Sie legte den Finger an die Lippen, ihr Gesicht vor Angst verzerrt. Er hämmerte an meine Wand, schrie ihren Namen. Ich schwieg. Er hämmerte und trat gegen meine Tür. Ich öffnete, er zückte sein Messer. Stürmte an mir vorbei. Packte sie an den Haaren und schliff sie an diesen aus meiner Wohnung nach nebenan. Sie schrie. Er brüllte. „Du Schwein. Ich stech dich ab! Hast du sie angefasst? Ich stech dich ab.“ Ich war gelähmt. Ich war in einem Film.

Die Nächte wurden schlimmer. Sie schrie jetzt nicht mehr nur ihn an. Sie rief nach mir. „Ruf die Polizei.“ Er brüllte „Ich warte auf dich wenn du die Wohnung verlässt!“ Ich vergrub mich in mein Kissen. Ich wollte weg. Weg. Weg! Ich rief nie die Polizei. Doch. Einmal. Als er blutüberströmt in meine Wohnung torkelte, fiel und röchelte er sterbe. Ich solle den Krankenwagen rufen.

Sie kam noch ein Mal. Erzählte mir von ihrer sizilianischen Familie. Dass sie ihn töten lassen wolle. Dass sie ihn nicht verlieren wolle. Sie sprach nie über die Nächte. Ich riet ihr ihn zu verlassen. Ich riet ihr sich jemand Starken zu suchen, der sie beschützen könne. Ich riet ihr zur Anzeige.

Dann hämmerte es eines Nachts an meine Tür. Ich gab vor es nicht zu hören. Er war es. „Verdammt mach auf oder ich tret die Tür ein!“ Ich fing an zu zittern. Ich öffnete. Er stand mit der Axt in der Hand im Flur. Ich wurde ganz ruhig, dachte „Schade“ und verabschiedete mich innerlich. „Komm raus.“ Er ging vor, ich folgte ihm.

Auf dem Hof befand sich ein Wagen. Scheinwerfer an, innen dunkel. „Geh vor!“ Er verzog sich in den Schatten der Hauswand. Ich ging zum Wagen. Er rief: „Die sollen machen dass sie hier runterkommen.“ Ich war verwirrt. Ich würde leben.

Ich klopfte an die beschlagene Scheibe. Eine Weile nichts, dann wurde sie ein Stück hinuntergekurbelt. Ich flüsterte „Ihr müsst schnellstens hier vom Hof“. Von innen „Okay. Sorry. Sind schon weg.“ Scheinbar haben sie ihn einfach gestört, er wollte wohl so etwas nicht auf seinem Hinterhof. Warum er allerdings mich dazu gebraucht hat, um sie zu verscheuchen, sagte er nicht. Auch nicht wofür die Axt gedacht war. Warum er überhaupt eine hatte. In der Stadt. In seiner Wohnung.
Ich fragte nicht danach.

Wochen später kam ich vom Urlaub zurück und fand im Flur einen Computer vor mit einem Zettel daran. Er war von ihr. „Ich bin ausgezogen. Ich habe einen neuen Freund. Einen starken Freund. Er hat ihn ins Krankenhaus geprügelt als er ihn stechen wollte. Wir haben ihn angezeigt, er hat nun Stadtverbot. Der Computer ist für dich. Danke.“ Die Wohnung nebenan war geflutet.

Sie hinterließ mir auch ihre Handynummer und Adresse. Den Computer habe ich nie angerührt. Eines Tages war er verschwunden. Die Tür nebenan war eingetreten.

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55 Antworten

Kommentare

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    Ich wollte jetzt was unheimlich schlaues und weltbewegendes unter diesen text setzen, aber ich kann nicht, deshalb bleib ich dir das schuldig und empfehle stumm.

    27.02.2008, 02:51 von elixa
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      @elixa schon allein das du so tief gegraben hast verpflichtet mich zu unendlicher dankbarkeit. es besteht der vielen worte also gar keine notwendigkeit.

      27.02.2008, 05:50 von Der_Misanthrop
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    Vielleicht ist es der größte Trumpf des Textes dass der Protagonist seine eigene Hilflosigkeit und Schwäche beschreibt, was ihn natürlich sympathischer für den Leser erscheinen lässt.
    Aber wer hätte in einer solchen Situation nicht Angst?
    Ihn dann wegen "unterlassener Hilfeleistung" zu kritisieren finde ich nicht gerechtfertigt, zumal die genauen Fakten nicht bekannt sind.
    Nur soviel: während eines Praktikums in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hatte ich mit Kindern Kontakt, die von ihren Eltern geschlagen oder schlimmeres wurden, und die, wenn man sie fragte, wo sie denn bleiben wollen, sagten: "Zuhause".
    Auf die Frau, also das Opfer, bezogen heißt das: sie benötigte natürlich Unterstützung, muss diesen Schritt aber auch selbst wollen.
    So wie dann glücklicherweise am Ende auch geschehen.
    Guter Text.

    20.12.2007, 18:01 von touchthesky
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      @touchthesky Ergänzend muss gesagt werden, dass die Kinder selbstredend nicht in der Lage gewesen wären ihre Familie zu wechseln, das Jugendamt hätte also eine Pflegefamilie finden müssen. Zudem ist die emotionale Bindung bei Kindern zu ihren Eltern stärker, als bei einem erwachsenen Paar.

      20.12.2007, 18:07 von touchthesky
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    wow ich war lang net mehr hier, hab ja echt was verpasst, ist es schon zu spät dies zu empfehlen? Denke nicht lg

    18.11.2007, 13:34 von nashara
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      @[Benutzer gelöscht] Na also ich werde doch immer wieder überrascht hier. Ne Empfehlung abo - wie konnte das passieren? Sicher ein Versehen.
      Der Anfang ist bewußt anders gestaltet als der Rest des Textes - das sind so kleine subtile Mittelchen, weißt du...
      Ich danke dir - auch für die Entdeckung des trockenen Humors,

      empfiehlt dich trotzdem so lange nich bisde ihn ma aus den socken haust (hähä haust - sieht aus wie haust!),
      der deurich

      15.06.2007, 01:28 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] spatzl, die überschrift is ja wohl catchy genuch!
      ausserdem schrieb ich diesen text mit dem vorsatz auch auf 1 zu kommen - und das is mir ja auch bestens gelungen - es is echt zuuuu einfach!

      15.06.2007, 01:37 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] ich sprach vom neid in fachkreisen - nicht das ich neidisch auf dich wäre -wo kämenmer denn da hin - du bist viiiiel zu anbiedernd ans neon-kollektiv. das is eher zu bemitleiden als zu beneiden!
      HA!
      hascherl?

      15.06.2007, 01:40 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] Liebe Emma,
      nun hast du mich zu solch später Stund auch noch zum Lachen gebracht.
      Wie kannst du denn "Unnützes Wissen" mit einem "echten" Artikel vergleichen?

      11.06.2007, 23:39 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] Liebe Emma,
      ich bin tatsächlich überrascht! Diese Reaktion, dieses Lob hätte ich von DIR am allerwenigsten erwartet. Ich bedanke mich und verneige mich!

      11.06.2007, 23:50 von Der_Misanthrop
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    Dent: Für diese schamlose Eigenwerbung sprech ich dir hiermit eine Verwarnung aus - geh doch zu Emma!

    Ananas: Ich habe leider übersehen das du dich nur angemeldet hast um diesen einen Kommentar zu meinem Artikel abzugeben. Du warst also der ausführlichen Antwort mehr als unwürdig. Würdest du vielleicht die Freundlichkeit und den Anstand besitzen deine eigentliche Identität hier zu offenbaren?
    Feiges Huhn! (ich nehme an du kennst mich sehr gut - da du Ananas als Nick wähltest - darum wissend das ich Ananas über alles verabscheue)

    30.05.2007, 02:04 von Der_Misanthrop
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    Deurich, um vom Neon-Gewissen verstanden zu werden, musst du in jeden Satz "schlicht" bzw. "schlichtweg" einbauen. Vielleicht auch "Schlichtung"?


    28.05.2007, 10:31 von Claud187
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    Auf dich, Ananas, habe ich gewartet.
    wirklich und wahrhaftig. Auf dich. Auf diesen Kommentar. Exakt diesen. Jetzt, nachdem seit einem Monat niemanden mehr dieser Artikel interessiert kommst du endlich. Das gute Neon-Gewissen. Danke.
    Liebes Ananas, ich lasse dich im Unklaren darüber ob die Geschichte frei erfunden, wahnsinnig übertrieben oder exakt so erlebt ist.
    Ich stelle dir folgende Informationen zur Verfügung (fiktiv oder real - wer weiß das schon außer mir). Bitte such dir etwas davon aus was dich befriedigt, liebes Neon-Gewissen - oder, wenn du Lust hast, etwas was dich noch mehr aufregt. Ich stehe bereit.

    1. Besagte Schreie in der Nacht waren spezielle sexuelle Neigungen dieses hübschen Paares.
    2. Beide waren der Polizei wohlbekannt - so sehr das diese es nicht mehr für nötig hielt, vorbei zu kommen, wenn man sie zu jener Hausnummer rief.
    3. Ich war nicht der einzige Nachbar.
    4. Ich wurde ausdrücklich von BEIDEN gebeten NICHT die Polizei zu rufen.
    5. Wie bereits erwähnt (ist es dir nicht aufgefallen?) saß unser Freund, der Messerstecher schon hinter Gittern. Und ist wieder freigekommen. Sollte dies noch einmal geschehen - so er zu ihr - so müsse auch sie dran glauben. Liebes Neon-Gewissen ich hätte also, wäre dieser Fall eingetretetn nicht nur mein Leben sondern auch das ihre gefährdet. Massiv gefährdet. Denn er gehörte der Russenmafia an.
    6. Ich habe es allen erzählt. Allen. Ich bekam Entsetzen, Mitgefühl, Sensationsgier, blablabla - aber niemand hielt es für nötig die Sache ernster zu nehmen. Nicht einmal meine eigene Familie.

    Liebes Neon-Gewissen, es sei hiermit noch einmal gesagt: alles erstunken und erlogen oder vielleicht doch wahr oder nur teilweise. Wie auch immer, ist wirklich egal denn eines trift auf jeden Fall zu:

    DU hast es NICHT erlebt. DU hast dir nicht auch nur im geringsten zu erlauben ein solches Urteil abzugeben. Respektive mich wegen "unterlassener Hilfeleistung" wie du so schön sagst anzuklagen. Das ist ja wohl das Letzte. Du kennst keine Fakten dazu, keine Hintergründe und verurteilst mich um dich als den besseren Menschen herauszustellen. Liebes Neon-Gewissen, ich sag es frei heraus: Das ist Scheisse. Und: Ich wünsche dir eben jene Situation an den Hals. Dann kannst du dich und dein Gutmenschentum mal beweisen.

    Läßt völlig offen ob dieser Angriff echt ist oder nur aus Spass an der Freud geschah,
    Der Deurich

    28.05.2007, 04:00 von Der_Misanthrop
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