Eve_LaMell 05.08.2010, 10:46 Uhr 4 1

Der Mann in der Wand

Karl ist ein Mann. Das starke Geschlecht. Er ist groß und stark, hat einen kantigen Körper und einen Penis. Und er hat panische Angst vor mir.

Die ganze Sache finde ich schon höchst komisch und amüsant gleichzeitig.
Ich bin Werkstudentin bei einem Computerhersteller und demensprechend tummeln sich hier ziemlich viele Kerle. Einige davon sind, freundlich ausgedrückt, wirklich total Banane. Ich hab hier mal einen durchlaufen sehen, der im Sommer mit freiem Oberkörper und so ner gelben 70er Jahre Sportshorts barfuß durch die Fertigung spaziert ist, das muss man sich mal vorstellen.

Einer von den eigentlich „Normalen“ ist Karl. „Normal“ weil er sich nicht den ganzen Tag nur mit Nullen und Einsen beschäftigt und nur Titten in Pixeln kennt. Normal, weil er unter den Lebenden als Projektmanager arbeitet, Kundenkontakt hat und deshalb weiß, wie man sich artikuliert. Zumindest weiß ich das vom Hörensagen. Was ich auch vom Hörensagen weiß, ist, dass ich wohl mal mit Karl in einer Abteilung gearbeitet habe. Das habe ich allerdings nie bemerkt. Bemerkt habe ich ihn das erste Mal in folgender Situation:

Ich bin hier mal irgendwann durch die Gänge gelatscht, auf dem Weg zu irgend nem anderen Werkstudenten, mit dem ich Kaffeetrinken wollte. Jedenfalls biege ich an einer Ecke links in einen Gang ab und mir läuft eben dieser Karl entgegen. Hat mich in dem Moment herzlich wenig gejuckt, ich hatte ihn ja noch nie gesehen, dachte ich.
In dem Moment allerdings, als er mich erblickt, wird er käseweiß und sein Gesicht sieht aus wie zubetoniert. Karl hält die Luft an, schaut auf den Boden, dann wandert sein Blick neben sich an die Wand, er fängt auf einmal an seitlich zu laufen (so, als wär er eine Krabbe, mit dem Rücken zu mir), um mich ja nicht ansehen zu müssen und ich habe den Eindruck als würde er irgendwie versuchen IN die Wand hinein zu kommen.

Kaum ist er an mir vorbei gekrebst höre ich wie er vor Erleichterung mit Inbrunst ausatmet. Also normalerweise grüße ich ja die Leute in der Firma in so einer Situation, aber er hat wirklich so bescheuert reagiert, ich war total perplex. Schnellen Schrittes verschwindet Karl aus dem Gang und stehe da und weiß nicht, ob ich lachen soll oder ob ich fürchterlich stinke.

Nachdem ich meinen Körpergeruch eingehend geprüft habe und mir sicher bin, dass ich definitiv nur nach meinem Deo und meinem Everyday Parfum rieche, mache ich mich also auf den Weg, herauszufinden, was mir da grade passiert ist. Bei meinem alten Chef werde ich fündig und erfahre, dass der Typ Karl heißt, und eigentlich n total kompetenter Mitarbeiter und eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist und wieso ich den nicht kenne, der saß ein Jahr lang drei Tische weiter.
Das fand ich hochinteressant, allerdings war ich immer noch nicht schlauer, was sein wirklich ominöses Verhalten betraf.

Die folgenden Tage habe ich also damit verbracht, mich so häufig wie möglich in irgendwelchen Gängen rings um sein Büro herum zu drücken. Ich ging extra oft auf das Klo gleich in seiner Nähe, machte ständig völlig bescheuerte Umwege und besuchte Leute, die ich kannte.
Eines Tages hab ich ihn dann endlich wieder erwischt. Genau wie beim ersten Mal. Allein im Gang. Ich stehe da also und fixiere ihn. Und es passiert genau (!) das gleiche, wie beim ersten Mal, Karl versucht verzweifelt, irgendwie in der Wand zu verschwinden, verwandelt sich in einen Krebs und hetzt in einem Affenzahn an mir vorbei.

Ich stand da, und konnte mir das Lachen fast nicht verkneifen. Das war echt so zum Schießen. Aber warum verhielt er sich denn so? Das sah ja fast so aus, als hätte er wirklich panische Angst vor mir. Ich meine: ich bin nicht gerade der niedliche Typ. War ich auch noch nie. Zugegebenermaßen bin ich nicht hässlich, aber ein Model bin ich definitiv auch nicht. Und soweit ich das beurteilen kann, habe ich weder Fangzähne, noch wachsen mir Tentakel aus dem Hinterkopf. Wieso also die Panik?

Ich habe mittlerweile angefangen, immer „Hi Karl“ zu rufen, wenn ich ihn irgendwo sehe und beobachte dann mit viel Freude, wie er erschrocken zusammenzuckt, auf den Boden starrt und verlegen wegläuft. Unglaublich, der Typ ist halt 40 oder so. Seitdem ich allerdings weiß, dass es Männer gibt, die tatscählich Angst vor mir haben, versuche ich immer ganz besonders zart zu diesen hilflosen Geschöpfen zu sein.

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Eva,

    wenn diese Blaselippen zu dir gehören, ist doch klar, woran der denkt, wenn der dich sieht.
    Und woran der denkt, wenn der abends alleine in seiner Stube hockt und sich den Kasper schnäuzt.

    05.08.2010, 11:24 von Surecamp
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      @Surecamp Hoffentlich sieht er dich niemals ausserhalb des Werks, und dann vielleicht sogar mit Ausschnitt...

      Sonst bekommt er wohl einen Herzinfarkt, der Arme.

      05.08.2010, 12:48 von kettcat
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  • 0

    Ich kannte mal nen Karl, der hieß gar nicht Karl, ich hab den immer nur so Karl genannt. Der war aber auch ne witzige Nummer.

    05.08.2010, 11:19 von Tanea
    • 0

      @Tanea der Karl hier drin heißt tatsächlich Karl und ist genauso, wie ich ihn beschrieben hab. Zum Schießen! :)

      05.08.2010, 13:13 von Eve_LaMell
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  • 0

    Das ist ja fast gemein ... keine Auflösung, keine Erklärung. Gemein ist es auch den armen Kerl so in Panik zu versetzen ... vielleicht gibt es ja ein Double von Dir, das ihm wer weiss was antat. Vielleicht seine Ex ?
    Doch genug der Spekulationen ... dieser Artikel ist so herrlich geschrieben, dass mein Zwerchfell beim Lesen ein Eigenleben führte und sich immer noch nicht beruhigen will. Dafür gibt’s ne Empfehlung.

    05.08.2010, 11:07 von Cyro
    • 0

      @Cyro hehe. Dankeschön:).

      05.08.2010, 11:26 von Eve_LaMell
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