Der Konklusion Reflex
Die Nacht war angenehm kühl und hüllte die Umgebung in Dunkelheit, weich und friedlich. Auf dem Weg zu einem Bekannten bewegte sich Leon geräuscharm durch die Straßen, bis er zur Haltestelle der Bahn kam, an der die Anzeigetafel verriet, dass es noch fünf Minuten bräuchte, um weiterzukommen. Er sah sich die Lichter der Stadt an und atmete bewusst die Luft ein, die ihn umgab. Er merkte gar nicht so recht, was um ihn herum passierte. Er war in Gedanken woanders. Eine männliche Stimme tönte halbseiden neben ihm, ob er eine Zigarette für ihn hätte. Ein Automatismus ließ seine Hand in die Jacke gleiten, in der sich die Zigarettenschachtel befand, während er nur langsam realisierte, dass jemand neben ihm stand. Er sah ihn an und plötzlich fühlte er sich sehr unwohl. Bis er Hannah getroffen hatte, war das so gut wie nie der Fall.
Er lernte Hannah auf einer Veranstaltung kennen, auf welcher Werke junger Künstler ausgestellt wurden. Wie aus dem Nichts, stand sie plötzlich da und referierte über Superschurken aus diversen Comics. Sie interpretierte das Werk, vor dem sie beide verweilten, auf eine Weise, das sein Interesse an ihrer Person weckte. Er war amüsiert und gleichzeitig beeindruckt, dass jemand derartige Gedanken hatte. Gedanken, die er selbst barg, aber nie äußerte. Sie verbrachten den Abend gemeinsam. Zunächst noch auf der Ausstellung, dann später streiften sie durch die Nacht, gleich hungriger Katzen. Sie sahen sich gemeinsam die Stadt an, schmiegten sich in des anderen Worte, die heilsam, innerhalb ihrer eigenen Melodik, in des anderen Kopf wanderten. Die Zeit verging und keiner der beiden achtete darauf. Es war einfach nicht wichtig.
Er war nie jemand gewesen, der schnell Vertrauen fasste. Dennoch hatte Hannah etwas an sich, dass es ihm leicht machte. Er mochte ihre Art Dinge zu betrachten. Durch beinahe kindliche Augen sah sie die Welt. Und teilte es mit ihm. Er sah sich in ihr geborgen. Durch sie fand er Zugang zu sich selbst. Sah sich selbst durch ihre Augen. Und ihm gefiel, was er entdecken konnte. Und wenn Hannah sprach, wirkte sie geerdet und integer. Und wenn Leon sprach, war sie an jedem seiner Worte interessiert. Sie lauschte und gab ihm Platz, um sich zu entfalten. Und so unterhielten sie sich und hörten einander. Beide hatten das Bedürfnis des anderen Wissen in sich zu pflanzen. Es dort wachsen zu lassen. Sich eine nahezu gemeinsame Welt zu erschaffen. Und so passierte es, dass die Grenzen schwanden und einer in den anderen hinein glitt.
So vergingen Wochen des Ineinandertauchens, bis Hannah wieder einmal unangekündigt vor seiner Tür stand. Diesmal jedoch in einem sehr desolaten Zustand. Er bat sie hinein, setzte sie auf das Sofa und fragte, was geschehen sei. An diesem Abend machte Leon das erste Mal Bekanntschaft mit einer sehr düsteren Seite in ihr. Sie schwieg eine ganze Weile. Währenddessen kochte er ihr einen Tee und versuchte nicht drängend zu wirken, als er sich vor sie setzte und auf die Eröffnung eines Gespräches wartete. Furcht schlich sich in ihn, bis sie begann zu reden. Erzählte ihm von Phasen völliger Desorientierung und totaler Isolation ihrer selbst. Vom schweren Inneren, das sie zu erdrücken schien und Altlasten, von denen sie sich distanziert hatte, die sie aber aus der Vergangenheit einholten. Sie erzählte von ihr bekannten Gesichtern, die Unheil bedeuteten und die wider Erwarten in ihr Leben getreten seien. Leon versuchte ihren Gedanken zu folgen. Es fiel ihm schwer und es ängstigte ihn, das alles zu hören. Dennoch wusste er, dass es niemanden weiter gab, dem sie sich anvertrauen würde. So ertrug er es. Denn nichts lag ihm ferner, als ihr zu vermitteln, dass sie allein war.
Und dann begann es sich zu verändern. Häufig saß Hannah bei ihm, wirkte depersonalisiert und schreckte bei jedem Geräusch, das vor der Tür stattfand, hoch. Sie berichtete ihm von Gestalten aus der Vergangenheit, die sie verfolgten und Rechnungen mit ihr offen hatten. Besonders einen Menschen aus ihrer Vergangenheit fürchtete sie; weit mehr als alle anderen. Sie erzählte Leon, wie die Gegebenheiten damals waren und dass dieser eine Mensch, eine wirkliche Gefährdung für sie sei, würde er jemals erfahren, wo sie sich aufhielt. Das alles passierte weit vor der Zeit ihres Kennenlernens. Dorthin wollte sie nicht zurück. Sie befürchtete ihre Gegenwart zu gefährden, indem sie darüber nachdachte. Bei jedem dieser Gespräche hielt er ihre Hand, hörte ihr aufmerksam zu und versuchte ihr, anhand logischer Argumente, die Angst zu nehmen, die Wut. Ihre Paranoia entwickelte eine neue Dimension, als sie ihn bat, niemals von ihr zu erzählen; sie ihn darum bat, zu lügen, wenn jemand fragte, ob er sie kenne; er sollte ihre Existenz negieren. Er verzweifelte zunehmend an ihrem Zustand, blieb jedoch. Hannah war ihm zu wichtig geworden, als dass er noch gehen konnte. Und wenn er seine Wohnung verließ, blickte er sich um, sah auffällige Personen, welche seinen Weg kreuzten. Er versuchte sich immer zu sagen, dass er sich zusammenreißen solle. Es fiel ihm mit jeder von Hannahs Erzählungen schwerer.
Und so stand er nun dort, mit diesem Typen neben ihm, der eine Zigarette schnorrte. Leon musterte ihn. Er kam ihm bekannt vor. Leon fragte sich, ob er es sein konnte, vor dem Hannah Angst hatte. Ein bitterer Schauer fuhr ihm über den Rücken. Der Typ sah ihn an, lächelte und begann eine Unterhaltung. Leon nickte nur und sprach kaum. Er versuchte, ihn nicht anzustarren. Dann bemerkte sein Gegenüber, dass er ihn irgendwo schon mal gesehen hätte. Leon wurde aufmerksam, neigte den Kopf ein wenig zur Seite. In dieser großen Stadt schon einmal gesehen worden zu sein, schien ihm eher ungewöhnlich. Sein Gesprächspartner erzählte irgendwas von einer Party, auf der er wohl mal war. Und dann stellte er die Frage, von der Leon gehofft hatte, sie nie zu hören. Er fühlte sich, als fiele er in ein Vakuum, als der Typ ihn fragte, ob er Hannah kenne. Die Zeit blieb stehen, bevor der erste Schlag saß. Leons linke Hand packte den Typen am Kragen und holte zum zweiten Schlag aus. Mit diesem gingen beide zu Boden. Leon saß auf ihm und schlug mehrmals zu. Irgendwann sanken die Arme, die sein Opfer schützend vor sein Gesicht hielt, neben seinen fast erschlafften Körper. Leon war wie wild. Er konnte nicht aufhören, seine Fäuste in das mittlerweile verklumpte Antlitz, des auf dem Asphalt Liegenden, zu rammen. Irgendwas zog ihn plötzlich auf die Füße. Er wurde an beiden Armen fest gehalten. Er sah zu seiner Rechten und erkannte wie Blut von seinen angespannten Knöcheln triefte.
Nachdem er abgeführt wurde, saß er bis zur Anhörung in Untersuchungshaft. Er versuchte sich zu erklären. Hannah wurde als Zeugin aufgeführt, erschien aber nie zur Verhandlung. Leon bekam fünf Jahre wegen Totschlags. In seiner Zelle stellte er sich oft die Frage, ob es derjenige war, den Hannah derart fürchtete. Er bekam nie eine Antwort, denn Hannah besuchte ihn in diesen fünf Jahren nicht ein einziges Mal. Und auch nach seiner Entlassung hörte er nie wieder von ihr.






Kommentare
Toll, wie Dir gelingt bei mir "den Film" zum Laufen zu bringen! Danke :-)
26.02.2012, 21:59 von Mrs.McHMag ich! Wie immer!
23.02.2012, 10:39 von TayrinaDu meinst wohl halbseiden, nicht halb seiden.
22.02.2012, 10:50 von DalekAnsonsten: absolut verhaltensgestört der Typ,
gefällt ;)
berichtigt. danke.
23.02.2012, 12:04 von mo_chroiSo töte ich, was mir das liebste ist, am liebsten nie durch mich. Doch rasend gibt sie allen Zorn nur wie durch Lächeln sterbensfroh zur wildem Wortes letztem Sinn.
21.02.2012, 23:30 von KokomikoMir schwebt es vor. Weint bitterlich und schreibt mit kaltem Menschenblut den letzten Satz an diese Wand:
Ich bin gefangen.
Gänsepickel. Üble Nummer. Wie gewohnt des Wortes voll. Danke :*
21.02.2012, 20:45 von rubs_n_rollIch bin mal wieder von deiner detailverliebten Art beeindruckt. Du erzählst finstere Geschichten wie kein/e Zweite/r hier.
21.02.2012, 20:24 von lalinaich mag geschichten, in denen nicht alles offen gelegt wird ... schön!
21.02.2012, 16:25 von Gluecksaktivistin