Der Jugendliche
Voll krass der Jugendliche mal.
Liebe Forscher, liebe Studienliebhaber, liebe verzweifelte Eltern, Lehrer und 68er, die die Augen über den heutigen Jugendlichen verdrehen - ich möchte Ihnen heute mal was zum Jugendlichen sagen.
Okay. Ich bin 15, ich bin pubertär, ich bin ein Haufen Pickel mit Gesicht in der Mitte, habe einen Strohberg auf dem Kopf und hasse meine Nase. Ich bin groß, ich bin zu dünn, ich mag meine Beine nicht, ich hör gern Amy Winehouse, ich verspüre den Drang der Nahrungsabgabe ins Toiletteninnere bei Tokio Hotel, ich nerve meine Eltern, ich strapaziere meine Schwester und schaffe es, selbst die geduldigste Person Deutschlands in die Flucht zu schlagen.
Soweit zu mir.
Der Jugendliche ist eine Spezies für sich, liebe Wissenschaftler. Der Durchschnittsteenager existiert nicht, genauso wenig, wie der Durchschnittserwachsene existiert oder der Durchschnittsopa (ja, Sie wissen, was ich meine - die grauhaarigen, Pfeife rauchenden Opis, die auf ihrem Schaukelstuhl in der Alm sitzen und Rauchwölkchen produzieren). Dieser ganze Durchschnitt ist, wie der Name schon sagt, etwas durchgeschnittenes, also quasi eine in Teile zerschnipselte Jugend, die dann irgendwie an den passenden Stellen wieder zusammengeklebt wurde - aber mit dem Ursprünglichen hat das leider nicht mehr viel zu tun.
Okay, und wenn wir das Zusammengeklebte mal zu entwirren versuchen?!
Es gibt Jugendliche, die gerne ins Kino gehen und Jugendliche, die gerne Pornos gucken, anstatt - wie andere - MickyMouse-Hefte zu lesen. Es gibt solche, die gerne World of Warcraft spielen, und solche, die jeden Abend noch aus Tradition Bibi Blocksberg hören, und natürlich solche, die versuchen, mit auf Anschlag aufgedrehter Heavy-Metal-Musik das Haus einstürzen zu lassen. Es existieren Jugendliche, deren Lebenssinn darin besteht, alle Bill-Tom-Jimi-Blue-Ochsenknecht-Bilchen in feinster Präzision auszuschneiden und aufzukleben, und es gibt selbstverständlich auch die, die das alles ganz doof und niveaulos finden und lieber als Messdiener tätig sind und das toll finden. Es gibt Teenager, die Fußball spielen und sich gerne im Matsch suhlen, und es gibt welche, deren Leidenschaft Ballett ist, selbst, wenn sie ein Junge sind, und die davon träumen, irgendwann mal wie Billy Elliott über die Bühne zu schweben.
Es gibt nervige Jugendliche und ordentliche und solche, die trotz Ordnung nervig sind, und welche, die gerne kochen - und die, die das Gekochte mit Vergnügen essen. Es gibt welche wie mich, die sich zu groß finden und andere finden sich zu klein, und dann gibt es noch die, die nur ihren Hintern zu groß finden und ihren Balkon zu klein. Ja, es gibt die Blondierten und die, die nicht nur auf dem Kopf sondern auch im Kopf Stroh haben, es gibt solche mit dem Intellekt einer Fruchtfliege und solche, die selbst Physiklehrer in den Zustand absoluter Sprachlosigkeit versetzen. Ach, und es gibt sogar Jugendliche, die gern zur Schule gehen und Hausaufgaben machen, und die sind dann meist sogar so sozial, das anderen zum Abschreiben zu geben.
Liebe Forscher, es gibt übrigens auch Teenager, die kein Handy oder Internet haben und noch wissen, wie Schach geht oder die sich zu Weihnachten Schals stricken und Socken stopfen. Es existieren tatsächlich Exemplare, die noch nie beim Flatrate-Saufen waren, weil sie diesen LAN nicht kennen, und da sind auch noch die, die wissen, dass das ABC nicht nur drei, sondern ein paar mehr Buchstaben hat, und es gibt welche, die in ihrer Freizeit Pi auswendig lernen. Es gibt Jugendliche, die auf Förderakademien in ihren Ferien gehen, und natürlich die, die sich auf das reduzierte Bier im Kiosk nebenan freuen und die freien Tage darauf verwenden, zehn Liter Alkopops zu konsumieren.
Es gibt Jugendliche, die aussehen (wollen), wie Bill von Tokio Hotel und die, die wegen Pamela Anderson Komplexe haben. Es gibt welche, die Dr Sommer vertrauen und deren Bibel die BRAVO Girl ist, und solche, denen selbst Die Zeit nicht seriös genug ist, ach ja, und wo ich schon dabei bin, existieren natürlich auch noch die, die ein Buch definieren können und sogar schonmal eins in der Hand hatten. Es gibt Jugendliche mit Pickeln und Jugendliche mit großen Nasen und großen Füßen, die darum keine Schuhe finden, vor allem, wenn es die Mädchen sind, die große Füße haben, und die deshalb depressiv werden. Es gibt Jugendliche mit Essstörungen und welche, die unter Perfektionismus leiden, es gibt politisch engagierte und solche, die in Behindertenheimen in ihrer Freizeit helfen, nicht zu vergessen diejenigen, die als Unicef-Juniorbotschafter agieren.
Dann sind da natürlich auch noch die, die im SchülerVZ zu leben scheinen und deren Freundesliste länger als mein Zimmer ist, und die sich in allen möglichen Lebenslagen fotografieren und online stellen. Es gibt Jugendliche, die sich zehn Kilo Kajal unter die Augen schmieren, und welche, die sich zehn Kilo Kajal über die Augen schmieren, und welche, die auf Schminke allergisch sind und nur Naturkosmetika verwenden dürfen, aber dafür nicht genug Geld haben, weil sie das alles schon in H&M investieren.
Es existieren übrigens auch Teenager, die tatsächlich auf die große Liebe warten und nicht mit dem nächstbesten Typen von nebenan ins Bettlein hüpfen und sich amüsieren, und neun Monate später über das Lebende, das aus ihnen herauskommt, aufgrund mangelnder Aufklärung total überrascht sind. Ja, und ob Sie mir glauben oder nicht gibt es da auch noch die Sparte derer, die die Rechtscheibung anwenden können und nicht akute Neurodermitis bei Betrachten eines Dudens bekommen.
Sehen Sie, es gibt so viele unterschiedliche Jugendliche, dass ich es als leicht unverständlich und anmaßend empfinde, zu versuchen, die alle in sieben Schubladen zu stecken (siehe "Milieustudie U27"). Wenn Sie, liebe Eltern, liebe Wissenschaftler, schon so auf Schubladen stehen - bitte, okay, aber dann auch für jeden seine ganz eigene..."Wichtige Links zu diesem Text"
Shell-Studie Deutschland 2006






Kommentare
Ja, natürlich. Jeder Mensch ist irgendwie anders als der andere. Aber dennoch lassen wir uns zusammenfassen in eben jenen Schubladen, denen du hier ihre Berechtigung absprichst.
24.05.2009, 12:00 von stechapfelIch definiere mich nicht über Schubladen, sondern über mich selbst. Und das macht meine Indiviualität aus. Die Schubladen helfen anderen, mich einzuordnen. Der Drang nach Ordnung, nach geordneten Verhältnissen und Einfachheit wird hier ganz deutlich.
Natürlich können diese Schubladen nicht ausreichen um den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften, seiner Herkunft, Visionen und Stile zu erfassen.
Indiviualität sollte nicht damit anfangen, Schubladen zu verurteilen in die man eventuell gesteckt werden könnte. Sondern damit, dass man erkennt, wer man selbst ist und sich bewusst ist, dass man über die Schubladen hinaus noch mehr besitzt als die paar Schubladeneigenschaften.
Und das ist nichts, was nur die "Großen" lesen sollten. Dieses Verhalten taucht bei allen auf, in jedem Alter. Auch bei den Jugendlichen.
Trotzdem hast du einen schönen Artikel verfasst. Einige Male musste ich wirklich schmunzeln. :)
@stechapfel Da geb´ ich dir vollkommen Recht. Meinetwegen darf man mich ruhig in eine der Schubladen stecken,die mich an mein früheres Ich erinnert hat (ein bisschen davon bleibt ja immer übrig).
22.08.2009, 20:11 von nordish_by_natureWie wär´s mit:
...die darum keine Schuhe finden, vor allem, wenn es die Mädchen sind, die große Füße haben, und die deshalb depressiv werden.
Hahaahah...die Beispiele sind gut gewählt. So gut,dass man auch über sich selbst lachen kann.
Ich hätte es nicht besser in Worte fassen können stechapfel:
"Indiviualität sollte[...] damit anfangen[...],dass man erkennt, wer man selbst ist und sich bewusst ist, dass man über die Schubladen hinaus noch mehr besitzt als die paar Schubladeneigenschaften."
So isses!Punktum.
Und es ist auch verdammt gut so....;)
wirklich fantastisch.
03.05.2009, 17:22 von TeabeeaMir fällt gerade auf, der letzte Teil meines Kommentars klingt wie Kritik an deinem Text, soll es aber überhaupt nicht sein, da ich den Artikel sehr gut finde und vor allem die Ironie und Anspielungen sehr treffend.
03.05.2009, 17:12 von MilabelleBingo! Man macht sich das Leben zwar ziemlich leicht, indem man einfach jeden in eine Schublade steckt, aber davon hat man reichlich wenig. Zum Einen gehen einem schon bald die Schubladen aus, zum Anderen ist man dadurch zu blind, um die Menschen, die hinter der Schublade stecken, wirklich zu erkennen. Leider muss ich sagen, dass die Zahl jener, die die Rechtschreibung anwenden können, betrachtlich sinkt und dafür der Anteil derer, die ihr Leben im SchülerVZ inszenieren, stetig steigt.
03.05.2009, 17:07 von MilabelleEs gibt Jugendliche, die sich zehn Kilo Kajal unter die Augen schmieren, und welche, die sich zehn Kilo Kajal über die Augen schmieren, und welche, die auf Schminke allergisch sind und nur Naturkosmetika verwenden dürfen, aber dafür nicht genug Geld haben, weil sie das alles schon in H&M investieren.
Nicht zu vergessen aber die Jugendlichen, die sich mit aller Kraft darum bemühen, im Strom der Individuellen mitzuschwimmen, und statt auf H&M mittlerweile auf American Apparel setzen und mit großer Vorliebe mit einer schicken Brille und dem dazu passendem Headband auftreten. Diese sind äußerst intellektuell - ohne aber, wie die nicht so individuellen Bücherwürmer, dafür je ein Buch in der Hand gehalten zu haben.
Huch, da habe ich wohl jemanden in eine Schublade gesteckt!
Aber hey, ich gucke bestimmt auch aus den Schubladen sämtlicher Leute. Wie beruhigend! Falls sich Tokio Hotel auflöst , oder das Alphabet auf 3 Buchstaben reduziert wird, kann ich mich also jeder Zeit in meine Schubladen zurückziehen und der Schmerz ist gleich nur noch halb so groß.
jefallt mich!
30.04.2009, 21:55 von Der_Misanthropey - die shell-studie ist nicht FÜR jugendliche. warum das ganze aufgerege?
03.04.2009, 18:15 von Kocmonabtdie ist nämlich für die leute in den marketingabteilungen, die euch pappnasen z.b. diese dämlichen chucks an die füße zaubern (geschätzten 30%).
Danke für den Text. Das selbe habe ich auch oft gedacht.
03.04.2009, 17:45 von HippiekindViele erwarten von mir nicht das was ich nunmal bin, sondern irgendeinen Mist, weil sie das Bild "des Jugendlichen" im Kopf haben, eingetrichtert von Sendungen wie U 20 die eh immer nur die lezten Atzen filmen.
Sehr schöner text.
danke
Klasse Text!! ^^ Du bringst auf den Punkt was alle von uns denken und kein "Erwachsener" jemals begreifen wird... leider...
18.12.2008, 10:20 von KingKeks