Der graue Nebel
Was uns nicht sofort tötet, das frisst uns langsam auf, kaut und schluckt, stößt auf und kaut erneut auf uns herum, bis ...
... alle Fasern fein zermahlen sind und jeglicher Inhalt Zersetzung gleicht.
Er starrte vor sich hin. Leere in seinen Augen, leere in seinem Kopf. Da war nichts, nur grauer Nebel. Und dieses Nichts schmerzte ihn. Kein Brennen, wie Salz in dem klaffenden Spalt einer von Wut zerrissenen Haut. Kein Ziehen, wie die Verschlingung krampfender Därme nach einem zu großen Schluck gelösten Rattengiftes. Kein dumpfes Hämmern, wie bei den Schlägen von schwerem Holz gegen einen dafür zu weichen Kopf. Und auch kein Stechen, wie beim Stauchen des Rückgrates nach dem Stoß vom Dach.
Das Nichts schmerzte grau und hohl und stumm und kalt und bitter und in all seiner Trivialität auf eine Schwindel erregende Art. Nicht sonderlich auffällig, aber nachhaltig. Er musste würgen, übergab sich, spie etwas von diesem Nichts auf den Boden unter seinen Füßen, betrachtete es, schob es mit der Schuhspitze zu einem Klumpen zusammen, versuchte seine Hässlichkeit zu ignorieren, versuchte seine Hässlichkeit zu deuten, drehte sich im Kreis, starrte es von oben an, kniete sich davor, roch daran, durchwühlte es mit den Fingern, stand auf, kehrte ihm den Rücken zu, entfernte sich ein paar Schritte, betrachtete es aus der Zimmerecke, kam zurück, legte sich daneben, starrte es an und stellte fest: Nichts.
Fünf Tage, einhundertzwanzig Stunden, siebentausendzweihundert Minuten, vierhundertzweiunddreißigtausend Sekunden später starb er. Schade. Er war im Kern ein netter Mensch, nur wusste er es nicht, niemand wusste es. Und niemand wird es je erfahren. Er starb wie er lebte, unauffällig. Der Tod durch Langeweile ist kein schöner, er hat keine schillernden Farben, keine prachtvollen Waffen, keinen blumigen Geschmack. Langeweile tötet geräuscharm, gemäßigt, geduldig und grau.
„Langeweile ist eine unangenehme Windstille der Seele“ Nietzsche
„In der schändlichen Menagerie unserer Laster ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger! Die Langeweile ist’s!“ Baudelaires







Kommentare
Kunterbunt.
19.03.2013, 15:59 von Ginsbergmeine....biographie.
16.12.2012, 02:10 von lichterkletteAm Anfang war mir der Text zu schwer, man mag auch sagen, er war mir zu überladen, zu schwer verdaulich. Aber ab der Hälfte hab ich mich reingefunden und kann wiederholt sagen, dass ist der Sasali-Style, den ich liebe. Für ein Herz reicht es mir diesmal nicht ganz, aber ein halbes würd ich geben :-) Aber trotzdem find ich den Text klasse. Ich weiß, das widerspricht sich, und leider kann ich es gar nicht richtig begründen. Aber bitte weiter so, ich mag diese deine Texte.
14.12.2012, 22:19 von topfbluemchenLangeweile bedeutet für mich, aus einem erschöpfenden Zustand heraus wieder ein Gleichgewicht zu gewinnen, um wieder zu mir zu finden. Langeweile kann auch gut genutzt werden, um runterzukommen in diesem vom ständigen Treiben einer umherschwirrenden Gesellschaft vorgegebenen Rhythmus.
13.12.2012, 22:04 von marco_frohbergerIch muss gestehen, dass mir der erste längere Absatz nicht gefällt. Alles danach bekommt mein Herz.
12.12.2012, 19:41 von Jimmy_D.das ist echt sehr schön und intensiv geschrieben vor allem der erste absatz.das find ich sehr schön
11.12.2012, 20:55 von jchannidie "grüne langeweile" kann das jedenfalls nicht gewesen sein. und das ist schade.
11.12.2012, 20:21 von zehnmomenteDer Text gefällt mir sehr gut, ich mag wie er geschrieben ist und die leisen Zwischentöne. Mit einem bin ich jedoch nicht einverstanden und da muss ich mal kurz nachfragen: Was für eine Langeweile meinst du da? Meinst du das vor sich hin existieren ohne Perspektive und Ziel, ein zu schal gewordener Stillstand im Geiste oder meinst du etwas anderes, nämlich das äußerliche Nichtstun, was wie eine Reinigung des Geistes wirkt und Sinn- und Werdenszeit vornatreibt?
11.12.2012, 16:43 von SultanineWas meinst du denn, was ich meine?
11.12.2012, 17:09 von SasaliNa ja das weiß ich nicht so genau, ich glaube du meinst doch eher einen innerlichen geistigen Stillstand, daher hat mich der Text auch angesprochen, weil ich das für sehr schlimm halte. Aber wenn ich an Langeweile denke, assoziiere ich damit etwas sehr produktives, positives. Daher war ich erst irritiert. Gedanken wälzen sich um, kein Stillstand also, puh! Hast mein Denkinstrument in die Zange genommen, fein fein!
11.12.2012, 21:45 von Sultanine