Der Götterbote
Rein. Drücken. Warten. Raus.
Etwas klemmte. Schon wieder. Wie um der Götter Willen schafften diese Menschen das immer? Es gab doch eindeutige Anweisungen:
Rein.
Drücken.
Warten.
Raus.
Womit gelang denen das Einklemmen nur? Eine kurzsichtige unbedachte Handlung. Schon meldete sich der Fehlerteufel. Das Zumhaareausraufen war- er wurde stets dann gerufen, wenn sowieso schon Panik und Angst mit drin saßen. Da hätten sie ihn doch in Ruhe noch seinen köstlichen Saft ausschlürfen lassen können. An seinem letzten Arbeitstag bekam er noch solch einen großen Auftrag! Ab morgen wäre der Feierabend schon morgens nach dem Erwachen. Herrlich! Die ganze Aufzugsgilde konnte ihn dann mal anrufen: Er würde ganz offiziell „nein“ sagen dürfen! Also nur noch dieser Auftrag.
Otis nahm seine Tragetasche und schlurfte zum Wagen. Na toll. Keiner der nachgebauten hochsensiblen Roboterdrachen war vorgespannt. Alles musste er wieder selber machen. Ein Blick um die Säule herum und er verstand, dass der Drachenstall leer war. Das war klar. Heute kam wieder alles auf einmal. Mit einem Seufzer drapierte er sich die Träger seiner Tasche um den Körper, stellte sich auf den knallroten Marmorsockel, holte tief Luft und pfiff eindringlich. Ein Schwirren und Knistern war zu vernehmen, dann flirrte es und schon fand sich der Götterbote unversehrt vor dem Aufzug des Olympischen Liftes wieder. Glücklicherweise hatte er heute Mittag nur Ambrosia gekostet; mit den kalorienreichen gebrutzelten Titanentestikeln im Magen hätte er jetzt den Eingang vollbrechen müssen: das Beamen erzeugte desöfteren einen üblen Brechreiz bei ihm.
Kaum erholt, drangen schon aufgeregte Stimmen und panische Geräusche an sein Ohr. Sein kennender Blick nach oben verriet ihm, dass der Korb in der 395. Etage festklemmte. Super. Genau in der Managerabteilung. Dort würde er mit Sicherheit genauestens beobachtet werden. Und noch superer war, er musste richtig offiziell reparieren. So nach Handwerkskammeranordnung im Olymp. „Heimlich regeln“ war ihm nämlich strengstens untersagt. Offiziell. Er fand diese unnütze Anweisung völlig unsinnig. Was schadete das wenige Quentchen Magie denn schon? Ein Purscheln hier, ein kleines Schnalzen und Zippen dort, fertig wäre die Sache. Aber nein-
Otis grunzte in seinen spitzen Kinnbart und nahm eine kleine metallene Phiole aus seiner Tasche. Sie war mit einem Schwermetall gefüllt. Er schüttelte kräftig. Der Energiebringer war frisch. Hörbar vernahm er den üblich krümeligen Klang seiner persönlichen und unter Geheimhaltung hergestellten Sprengladung.
Plutonium war zwar auf der schwarzen Liste, seit Amor damit Mist gebaut hatte (dieser Unwissende hatte sich zu weit aus dem Fenster seiner Branche gelehnt, sich in Schussverrichtungen eingemischt und damit die Dinosaurier von der Erde gelöscht), aber eine Handvoll ausgewählter Handwerker durften noch damit arbeiten. Ein Zehntel dieser sehr wirksamen Krümelmasse würde genügen, um die Leitungen vom Algenbesatz der Seile zu befreien. Dann würden sie wieder schnurren wie ein Kätzchen und die Liftkörbe ohne Stocken befördern. Stetig waberten tröpfchenvolle Wolken hier oben herum, da war es ausnahmsweise kein Wunder, dass alles so schmierig feucht und glibberig war. Die Sonne hatte in den letzten dreitausend Jahren auch einen Bogen um diesen inzwischen tristen Ort gemacht. Ach, die liebe Zeit. Die machte auch, was sie wann wollte und mochte einfach nicht auch nur gelegentlich verschnaufen. Otis dachte einen sentimentalen Moment an die 804 Jahre in dieser Firma.
Als er noch jung und völlig unerfahren ausgerechnet den bösartigsten und letzten Drachen seiner Art zu einem Einsatz bestiegen hatte und diesen nur versehentlich mit einem Krümel Plutonium auf Brot gebändigt hatte- damit sorgte er auch für die erfolgreiche Vernichtung desselben…
Als er 25 nymphomanische Jungfrauen, die Neptun zu seinem Spaß eingetrieben hatte, aus einem Meerbusen mit einer zu groß bemessenen Ladung freisprengen musste- allerdings durften diese Mädels sich dann nicht mehr so nennen…
Als Zeus sturzbetrunken mit einer spaßigen Verlagerung der Erdachse fast eine ozeanische Erdkatastrophe ausgelöst hätte, und Otis mit seiner heimlichen Formel die Achse fast wieder ins Gleichgewicht bringen konnte- die Menschen waren der Neigung der Erdkugel inzwischen versöhnlich zugeneigt…
Als ein Spaceshuttle nicht wie geplant von amerikanischem Boden aus ins All geschossen werden konnte, weil Venus mit ihrem Freundinnen-Göttinnen-Club unbedingt in der Wüste von Nevada irgendwelche lustigen Fruchtbarkeitsrituale abhalten musste und Otis mit seinem wundervollen Feuerwerk dabei eine Flugbahn dermaßen zerschmolz- deshalb ist dort heute nur noch Sand, nichts als Sand…
Die schöne alte Zeit.
Niemand sah damals genauer hin, ob mit heimlicher Plutoniumformel oder ohne die
Dinge geregelt wurden. Jeder war dennoch froh,
wenn es jemand schaffte, dass alles seinen olympischen Gang ging. Hinterfragt
wurde nur, wenn etwas klemmte.
Genau. Der Lift. Otis wusste, wie es auf die Schnelle ging. Und heute war sein letzter Arbeitstag. Nur noch dieser eine Auftrag wollte erledigt sein, dann wartete ein friedvoller noch mindestens 95 Jahre dauernder Feierabend auf ihn. Er würde seinen Arbeitsplatz ordentlich aufgeräumt übergeben. Auf ihn konnte man sich noch immer verlassen. Otis pfiff eine Melodie, die ihn an einen Wanderer oder einen Müller mit Lust erinnerte, so exakt bekam er es nicht mehr auf seinen Schirm, aber es ging ihm leicht über die Lippen.
Die Phiole erneut kräftig schüttelnd, entschied er aus seiner bevorstehenden Feierabendlaune heraus, ein zweites noch übrig gebliebenes Fläschchen auch zu benutzen. Der Lift hing wirklich sehr schief. Die eingesperrten Leute dadrinnen spielten wohlmöglich mittlerweile mit Angst und Panik Karten. Oder schwiegen sich mit den Beiden an. Das kam manchmal auch vor.
Die Mulde für die Liftleitungen im Fundament war schon beim Bau in den Marmor eingearbeitet worden. Otis nahm behutsam den kleinen Deckel heraus, drückte zuerst der einen Phiole den Boden ein, dann der zweiten und legte beide mit einem gewissen Stolz in die kleine Mulde. Vorsichtig legte er den Deckel wieder auf. Genau sechsundvierzig Sekunden hatte er Zeit, um sich im Wächterhaus nebenan einzufinden, dort ein Schwätzchen abzuhalten, ein Nektarchen für zwischendurch zu schlürfen und abzuwarten, bis die Druckwelle der gut funktionierenden Detonation ihre richtende Aufgabe erfüllt hatte. Otis zählte rückwärts.
*
1853. New York.
Beim Bau einer Rolltreppe entdecken Bauarbeiter in einem Krater zwischen Marmorstücken einen kleinen Helm aus purem Gold. Er trägt die Aufschrift OTIS.





Kommentare
Diese feine Geschichte habe ich mit Freude gelesen!
07.07.2012, 08:47 von Sultaninesehr entzückend und lustig zu lesen...habe mich amüsiert über den Namen Otis...deshalb heißt die Firma also so...;)
12.06.2012, 23:05 von MachtImSinn7hier wird nicht geschummelt!!!!
12.06.2012, 17:09 von zehnmomente(danke.)
hahahaha.
du bist mir einer!
12.06.2012, 17:20 von zehnmomenteich muss jetzt wirklich wech.
bis denne. dann kriegste den kopf gewaschen, aber mnit richtig schaum;)
Danke für die Nachmittagsschmunzler! Sehr geiler Text, prima zu lesen :)
07.06.2012, 15:08 von TheTimerunnerUnser Abimotto stand unter dem Thema „Griechische Götter", das hier passt wie ein Blitz zu Zeus ;)
Lustig und kurzweilig. Habs echt gerne gelesen. Vielleicht bald mehr?
05.06.2012, 13:32 von Taneavon otis ja nu nich mehr;)
05.06.2012, 18:25 von zehnmomenteVielleicht von Hermes?
06.06.2012, 08:39 von Taneaich lass ma wirken.
06.06.2012, 22:52 von zehnmomentegötter und ihre helfershelfer erleben ja sowieso zur zeit eine renaissance;)
Witzig, ich kriege aber die Timeline nicht gebacken. Klär mich bitte auf:
05.06.2012, 13:14 von wordmageEr lebt auf dem Olymp, nehme ich an, ist in der Gegenwart (kennt das Spaceshuttle), sprengt sich dann in die Luft (weil er zuviel Plutonium nimmt) und der Helm wird 1853 gefunden?
gerne.
05.06.2012, 18:27 von zehnmomenteja.
ja.
genau.
jep, durch den helmfund heißt die firma für aufzuganlagen dann auch bis heuet OTIS;)
timeline ist typisch 2012: alles ist möglich. :D
danke fürs lesen.
Ok, als alter Star Trek-Gucker denke ich dann an ein Wurmloch oder so... ;)
05.06.2012, 18:28 von wordmageda erwähnste jetzt was, hahaha!! DAS schwante mir auch, fand ich aber dann doch zu gewagt und ich hätte mich vielleicht richtig dolle verzettelt.
05.06.2012, 18:34 von zehnmomente:D
.. kurzweilig zu lesen. sehr schön, doch wozu noch der lift, wenn otis und die götter sich durch die gegend beamen? frau hohlbein? ;))
05.06.2012, 10:15 von ilofiUnd wer ist jetzt frau hohlbein?
05.06.2012, 11:04 von jetsam.. na die geschichte klingt ein wenig wie aus heike & wolfgang hohlbein's feder ;)) ...
05.06.2012, 14:36 von ilofihö, ich musste erst durch brockhaus feststellen, dass es nicht nur hans hohlbein d.j. gibt, den dt. maler des mittelalters...die schriftstellerischen hohlbeins kannte ich bis eben nicht;)
05.06.2012, 18:29 von zehnmomenteaber ich freue mich über das kompliment!
Der Otis war es also! Und jetzt versteckt sich hinter einem kleinen roten Knopf eine leiblich ruhige Stimme, die mir freundlich und bestimmt erkärt, ich möge doch bitte nicht so oft Klingeln, der Hausmeister kommt sicher nach der Mittagspause.
05.06.2012, 09:32 von jetsamgenau der. nachdem der nette typ im hotel hier die leute herausgerettet hatte, fand ich otis als protagonist fein:
05.06.2012, 18:30 von zehnmomentebin erstaunt, was er während des schreibens alles gemacht hat.
:D
Zufällig sah ich gerade "Krieg der Götter" :)
05.06.2012, 06:52 von Mrs.McHDein Text gefällt mir. Sehr interessante Idee und lustig kunterbunt. Einzig das Wort "Beamen" fand ich eher unpassend. Aber ansonsten, mal etwas anderes :)
Falls es eine Botschaft gibt, habe ich sie jedoch noch nicht entschlüsselt, ist aber auch noch arg früh ;-)
den film kenne ich nicht. sehe so selten filme in letzter zeit;) habe ja highlife in echt.....
05.06.2012, 18:32 von zehnmomentenur die auftauchenden zahlen haben mit mir zu tun- sonst nur ein schriftzug in unserem lift.
danke für deinen kommi.
*streichel*
Gerne, jetzt wo Du in meinem Schoss rumhängst :) Kraulen?
05.06.2012, 18:36 von Mrs.McH:D
05.06.2012, 18:38 von zehnmomentefür kraulen bin ich immer zu haben......
mein fell ist im übrigen schwarz. total.
*schnurr*
ich jetzt.
Dann kreuze besser nicht vor mir die Straße :)
05.06.2012, 18:40 von Mrs.McHha! von rechts nach links darf ich.
07.06.2012, 18:29 von zehnmomente