MaasJan 10.03.2013, 17:50 Uhr 28 20

Der Fluss

Er stand an diesem Fluss und blickte in die Nacht. Die Luft war klar und kühl, nur ein diffuses Gefühl...

Er stand an diesem Fluss und blickte in die Nacht. Die Luft war klar und kühl, nur ein diffuses Gefühl in der Nase verriet: Wirklich kalt würde es nicht mehr werden. Sterne gab es so gut wie keine am Himmel, dafür ein Meer aus Wolken, eigentlich schwer auszumachen in Dunkelheit. Aber der Stahlabstich auf der anderen Seite des Flusses tauchte einen Teil der Wolkendecke in warmes Licht und der Wind trug schwallartig einen Teil der Hitze durch die kalte Luft der Nacht. Er schloss die Augen und spürte, wie die Wärme sein Gesicht benetzte. Wehmut machte sich breit. Wehmut und Heimweh. Denn auf die andere Seite des Flusses würde er so einfach nicht mehr kommen. Brücken? Alle abgerissen. Boote? Natürlich gab es Fährverkehr, aber nur für Waren, nicht für Exilanten und der Fluss an sich war eine umfassende Grenze. Die Tunnel waren zugeschüttet und selbst wenn er Hunderte Kilometer um die Quelle herum wanderte, an der Grenze würden sie ihn höflich bitten, umzukehren. Dann mit Nachdruck und schlussendlich mit Waffengewalt. Es gab kein zurück. Warum?

Nun, das hatte er sich in erster Linie selber zuzuschreiben. Essen an sich war durchaus erlaubt. Auch das Verzehren von Obst. Nur war es bei Strafe verboten, die Kerne zu Schlucken oder beiseite zu legen. Jeder Apfel hatte eine fest definierte Anzahl von Kernen, jeder Kauf verpflichtete zur Abgabe der exakten Menge. Aß man nun das Kerngehäuse mit, musste man schon sehr aufpassen, alle Kerne gut zu zerkauen und auf dem Schwarzmarkt Ersatz zu beschaffen. Nicht auszudenken, was geschah, wenn sich auch nur ein Kern in der Magengrube einnistete. So war es ihm ergangen. Eine Kirsche sein Verhängnis. Das Kauen hatte sein Kiefer mit dem Verlust eines Backenzahnes quittiert und der Schluckreflex sein Übriges getan. Einen neuen Zahn konnte er sich sparen, unverdaut und unversehrt kam dieser einen Tag später wieder zum Vorschein. Aber der Kern? Der fehlte. Und auch an den darauf folgenden Tagen. Natürlich hatte er sich für einen nicht unbeträchtlichen Preis Ersatz besorgt und eingereicht. Damit war erst einmal Ruhe, zumindest nach Außen hin. Innerlich aber hatte der Kern schnell ausgetrieben und erste Wurzeln geschlagen. Ein kleines Stämmchen wuchs in ihm heran und es wurde zunehmend schwerer, das zu verbergen. Alsbald klopfte es an die Bauchdecke und nur Tage später brach es durch. Eine ziemlich Sauerei.

Erst hatte er sein größer werdendes Volumen auf das staatlich verordnete Essen geschoben. Aber das Kirschbäumchen schickte sich an, mit großer Geschwindigkeit das Tageslicht zu erblicken und so ward es zusehends schwieriger, seine ausweglose Lage mit immer sackigerer Kleidung zu überspielen. Der finale Poncho –ein krasser Stilbruch. Stilbruch und letztes Mittel. Denn weitere Kleidung gab es schlichtweg nicht. Vor die Tür zu gehen, daran verschwendete er schon lange keinen Gedanken mehr. Musste er auch nicht, denn die Beamten patrouillierten nicht nur durch die Straßen, sie machten auch gerne unangekündigte Hausbesuche. Das wurde sein Verhängnis. In den frühen Morgenstunden klopfte es einmal sachte an der Tür, die es Sekunden später aus den Angeln riss. Sachlich wurde er über den Verdacht in Kenntnis gesetzt, erwidern war allerdings zwecklos, lag er doch nackt in seinem Bett. Das Stämmchen hatte die Bettdecke zu einer kleinen Zeltstatt werden lassen und erste Blätter kündeten vom nahen Frühling. Freundlich, aber bestimmt hieß man ihn, sich anzukleiden und seine Wohnung zu verlassen – Für immer.

Hastig hatte er seine Habseligkeiten zusammengerafft, die Tasche geschultert und schon fand er sich in einem Boot mit anderen Ausgestoßenen wieder. Die Überfahrt schien reine Routine für die bootsführenden Beamten, umschifften sie doch gekonnt alle Untiefen und landeten sich auf der anderen Seite an. Eine fremde und verstörende Welt offenbarte sich. Felder und Wiesen, so weit das Auge reichte. In der Ferne konnte man einzelne Gehöfte ausmachen, am Horizont gar einen Wald. Das Boot verließ den Kieselstrand sofort und er war auf sich allein gestellt. Die anderen Exilanten juchzten glücklich, rannten in alle Himmelsrichtungen durch die Natur und würden wohl auf Dauer ihr Glück auf einem der Bauernhöfe suchen.

Als es dämmerte, war er jedenfalls allein am Ufer. Allein mit sich und seinem Stämmchen.  Er wollte nicht in dieser neuen Welt bleiben. Was sollte er hier? Der Stahlabstich allerdings gefiel auch seinem Kirschbäumchen. Es schien die Wärme regelrecht aufzusaugen und man konnte ihm fast beim Wachsen zusehen. Betrübt wandte er sich ab, ließ den Fluss in seinem Rücken Richtung Meer fließen und legte sich auf eine Wiese. Die Erde roch feucht und fühlte sich klamm in seinem Nacken an. Er blickte noch einmal in den Himmel, dessen Wolkendecke aufzureißen begann, dann schloss er die Augen. Morgen würde er anfangen, ein Floß zu bauen und Richtung Meer zu treiben. Richtung Meer und in die Freiheit. Dazu kommen sollte es allerdings nicht mehr. Über Nacht hatte das Bäumchen weiter ausgetrieben und Wurzeln in der saftigen Wiese geschlagen. Er war festgewachsen und konnte daran wenig Erfreuliches finden. Einzig der Umstand, dass ihm die reifen Kirschen bald ohne Aufwand in den Mund fallen würden, erleichterte ihn doch ein wenig. Und vielleicht schluckte er noch ein paar Kerne, wer wollte es ihm schon verübeln?


Tags: wir, haben, stil
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28 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Vielleicht für alle, die aus der weniger zivili..äh  industrialisierten disapora hierzulande stammen: DAS ist ein stahlabstich!

    12.03.2013, 22:50 von MaasJan
    • 0

      Inzwischen hatte ich mich natürlich auch "schlau gemacht" :)

      12.03.2013, 23:26 von Mrs.McH
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  • 0

    Also ich denke meine Entzückung galt spontan eher der Idee, ich schrieb dir ja schon anderweitig, dass ich mich bei diesem Text etwas schwer tue und unschlüssig bin. Und mal wieder ist es meiner Erwartungshaltung, die unfairerweise zu "Punktabzügen" führt und ich überlege widerum wie das zu werten ist. Ich komme aber zu dem Schluß, dass es durchaus okay ist, hohe Erwartungen an dich zu stellen, weil du einfach schon bewiesen hast, dass du es A- drauf hast und B- deine sonst oftmals abgedrehte Schreibweise UND deine fantastischen Ideen genau meinen Nerv treffen. Also triff ihn gefälligst immer! :) Aber wer bin ich schon? Vielleicht willst du das ja gar nicht sein, der liebenswertchaotische Schreiberling mit den verdrehten Geschichten? Die ersten Sätze, der erste Absatz sollte meiner Meinung nach immer Interesse wecken, Lust auf mehr machen und schon an dieser Stelle ein früher "point of no return" sein. Diese Gefühle hatte ich nicht, statt dessen rätselte ich über das Wort Stahlabstich, was mir persönlich halt nicht geläufig war. Irgendwie empfand ich den ganzen ersten Absatz als leidenschaftslos geschrieben, mir fehlte der Pepp, das gewisse Etwas... (ich weiß, nicht wirklich hilfreich...) Ab " Nur war es bei Strafe verboten, die Kerne zu Schlucken oder
    beiseite zu legen" freundete ich mich langsam mit dem Text an (wer hätte das gedacht) ;-), begann die Idee zu mögen und zu ahnen, worauf es hinausläuft. Insgesamt las es sich aber doch für mich, wie mit angezogener Handbremse geschrieben, was wie gesagt, aber zum Großteil meiner Erwartungshaltung geschuldet ist. Verzeihst du mir? ;-) Hinsichtlich des Stils, tja... mmh... da schreibe ich dann anderweitig und später etwas zu, okay? Ich kann es aber ehrlich gesagt nicht erkennen(was aber gaaar nix heißt)... Sooo, erzählst DU jetzt auch etwas mehr zum Text? Ist es eigentlich eine Metapher oder nur eine Überinterpretation meinerseits?

    12.03.2013, 22:43 von Mrs.McH
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  • 2

    ich finde den anfang sehr schön, und das nicht nur, um quatze zu widersprechen.

    12.03.2013, 21:02 von misspringle
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  • 0

    also ich hatte das bedürfnis zuende zu lesen. weil die idee mir gefiel und der stil auch nicht schlecht ist. aber irgendwas hat mir noch gefehlt. oder war zu viel. 

    trotzdem, viel besser als so vieler schund hier!

    12.03.2013, 10:44 von oern
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  • 0

    Ich hab heute nacht geträumt, dass mir mein verstorbener Opa beibringt, mit einem Speer zu kämpfen.

    11.03.2013, 14:58 von forst
    • 0

      Wer hat gewonnen?

      11.03.2013, 19:19 von quatzat
    • 0

      Wir haben nur Techniken einstudiert, es gab weder Gewinner noch Verlierer.

      11.03.2013, 19:29 von forst
    • 0

      Damit war der Speer einverstanden?

      11.03.2013, 19:30 von quatzat
    • 0

      Friedfertige Klingen werden seit Jahren für menschliche Machtspielchen missbraucht. Ihre Natur ist eigentlich eine andere.

      11.03.2013, 19:36 von forst
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  • 3

    Kirschen haben abba keine Kerne, sondern Steine, pah!

    11.03.2013, 14:13 von Tanea
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  • 0

    Also ich komme mit der Sprache hier nich so ganz zurecht. Die funktioniert eigentlich immer nur, wenn sie auch eine Komik transportiert. Wie z.B. in den letzten paar Zeilen. Leider bietet der Text nicht durchgehend solche Komikkkost, sondern hat teilweise recht deskriptive Passagen, die manchmal deplatziert wirken (wie z.B. die Passsage am Anfang, in der erklärt wird, warum man nicht mehr über den Fluß kommt). Also in der Kombination merkwürdige Sprache und Komik hast du schon wesentlich besser Texte gezeigt.

    Aber die Idee mit dem Bäumchen, das ihm aus dem Leib wächst, finde ich gut. Ich hätte sie natürlich anders umgesetzt und auch deine Umsetzung finde ich nicht immer ganz stringent, sondern manchmal hingerotzt, aber egal, die Idee fertient eine Empfehlung.

    BRAINKS!

    11.03.2013, 13:39 von quatzat
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  • 4

    bester tag, der mir hier bisher unterkam. (ps.)

    11.03.2013, 11:12 von zehnmomente
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  • 1

    Scheiße nochmal... Tschuldigung, aber ich esse grad einen Apfel, als ich anfange zu lesen, und biss just beim 2. Absatz beherzt in des Kernes Pudel - ähm, in der Kerne Gehäuse.

    Spucke jetzt, sortiere, zähle nach und lese weiter...

    11.03.2013, 10:53 von Sasali
    • 2

      Mit dir ist gut Kirschen essen!

      11.03.2013, 10:59 von Sasali
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  • 0

    Wüllst du nun überhaupt noch meine Meinung hörn, hm?

    (Pleidicht inne Ecke starr)

    10.03.2013, 18:40 von quatzat
    • 0

      (tu prauchst ja jaaaaaaahre!)

      10.03.2013, 18:42 von MaasJan
    • 0

      (weiterstarr)

      10.03.2013, 18:45 von quatzat
    • 0

      (hier, noch ein bonbon)

      10.03.2013, 18:47 von MaasJan
    • 1

      (weitersta..ha..haa...HATSCHI!!)

      10.03.2013, 18:50 von quatzat
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