Der Fahrradklau
Wie ich haarscharf dem Gefängnis entging und mich mit einem waschechtem Kriminellen verbrüderte.
Der Kühlschrank zeigte seine vollendete Pracht mal wieder in gähnender Leere. Ich lobte meine wundervolle Entscheidung einer Wohnung in der Innenstadt, fuhr ein paar Minuten eher los zur Arbeit, um mir in der Bäckerei nebenan ein Frühstück zu organisieren. Es war ein sonniger Sonntag, voller sonntaglicher Stille. Viele bestimmt nette älteren Damen saßen Draußen vor der Bäckerei, um sich Kaffee-trinkend, die Idylle durch mein klapperndes Fahrrad durchbrechen zu lassen.
Unter missbilligen Blicken stellte ich das Rad (Erbstück meiner Uroma, um die 50 Jahre alt!) gegenüber in eine Seitenstraße, zog den Schlüssel ab und besorgte mir eine Laugenstange. Zurück am Fahrrad kramte ich dann nichtsahnend nach meinem Schlüssel. Wie immer eigentlich, es gibt für mich um die 10000000 Möglichkeiten einen Schlüssel einzustecken, ich bin da flexibel. Leider. Gewohnheitsmäßig suchte ich zum 3. Mal alle sechs Taschen an meiner Hose und jegliche Fächer in meiner Umhängetasche ab. Kein Grund aus der Ruhe zu geraten. Die älteren Damen begannen rüber zu starren. Kurz und bemüht unauffällig. Ok 7. Durchgang. Die älteren Damen hatten ihren Kaffee vergessen. Ich nahm langsam die Farbe einer Tomate an. Weg ablaufen. Verflucht! In die Bäckerei rein und nachfragen (wie gesagt ich hab Routine in sowas), auch nicht. Ich kam leicht ins Schwitzen, als ich schlussendlich meine Tasche auskippte, und alle Hosentaschen auf links drehte. Schadenfrohe Blicke der ollen Hex... Äh älteren Damen begleiteten mich. Genug ist genug.
Ich stapfte zur Arbeit. Unbequeme Schuhe, Hitze und Fußmarsch, aber ein Brötchen in der Hand. Nunja dann kam ich zu spät und hatte mit Theresa Dienst. Aber das ist eine andere Geschichte.
Abends besuchte ich meine Eltern und ließ mir von meinem Vater einen 'Universalschlüssel', in Form von einer riesigen Eisenzange mitgeben. Mit Eisenzange im Gepäck und Nahrung im Magen trat ich den Heimweg an.
Zurück am eigentlichen Ort des Geschehens. Die alten Damen waren mittlerweile weg, ein paar Kinder spielten am Brunnen, ansonsten war es friedlich und ruhig. So unaufällig wie ein kleiner Mensch mit einer schweren Riesenzange nunmal ist, versuchte ich das Schloss zu knacken. Das Ergebnis war beeindruckend. Das Schloss war eins dieser „Klickschlösser", die das Fahrrad durch einen Ring mit dem Hinterrad verbinden und aufschnappen, sobald man den Schlüssel reinsteckt, ebenfalls aus Eisen. Ebenfalls 50 Jahre alt. Ebenfalls halsstarrig, stur und voller Stolz, wie der Rest des Fahrrads. Auch nach halbstündiger schwerer körperlicher Arbeit war nicht der geringste Erfolg zu vermelden. Nicht einmal eine Delle, nicht einmal ein Kratzer, nichts.
Wenn schon nicht das Schloss, irgendjemand musste ja auf meine Bemühungen aufmerksam werden. Ein Polizeiwagen fuhr langsam an der Seitenstraße vorbei. Da ich der festen Überzeugung war, dass mir niemals irgendjemand etwas böses zutrauen könnte, schraubte ich munter weiter. Auch dass der Polizeiwagen zurücksetzte und an der Seitenstraße stehenblieb, ließ mich mein Werk nicht unterbrechen. Ich drückte immer noch an der Zange herum als der Polizeiwagen längst neben mir stand, ungelogen alle 4 Polizisten ausstiegen und einer voller Begeisterung feststellte: „Endlich erwischen wir mal jemanden." Ich grinste die netten Herren an und ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht geknackt krieg. Dass die Polizisten stehn blieben, nahm ich aus dem Augenwinkeln wahr, aber ich war viel zu beschäftigt um dem weitere Aufmerksamkeit zu schenken.
Einer der netten Herren fand dies wohl nicht so lustig. Er befahl im Kommandoton: „So nun ist aber gut. Umdrehen, Hände auf den Rücken."
Langsam drang zu mir durch, dass die Männer Fahrraddieben gegenüber gar nicht so freundlich gesinnt waren. Macht nix, dachte ich, denn ich bin ja kein Fahrraddieb. Ich hob kurz meinen Kopf und erklärte höflich: „Das ist meins." Damit war alles gesagt und ich widmete mich wieder meiner immer noch, nicht im geringsten, von Erfolg gekrönter Arbeit.
„Das können Sie sicher auch beweisen," setzte einer meiner Zuschauer voraus. Sicher, die halbe Stadt hatte schon wegen mir und dem Fahrrad, die Augen verdreht oder gelacht oder geschimpft oder ein nettes Gespräch mit mir angefangen. Ich kompensiere mit meinem Fahrrad mein übersteigertes Verlangen nach Aufmerksamkeit.
Langsam begann ich doch leicht zu schwitzen. Wie denn beweisen? Ich hatte ja noch nichtmal den Schlüssel zu diesem verdammten Fahrrad, geschweige denn irgendein Schriftstück, was es als meinen Besitz kennzeichnen könnte. Jeder vernünftige Mensch hätte diesen klapprigen Haufen Rost längst dem Sperrmüll gespendet. Das einzige was mich und mein Fahrrad verband war eine tiefe innige Liebe und eine gewisse Ähnlichkeit in der Persönlichkeit.
Ausweisen konnte ich mich auch nicht. „Sie müssen schon zugeben, dass das ein bisschen verdächtig kommt. Versteckte Seitenstraße, Abends, Riesenzange und dabei ein Schloss zu knacken, ohne beweisen zu können, dass es das eigene ist." Nunja wenn man das aus der Sicht betrachtet.
Ich glaube die Polizisten hatten vorher noch nie jemanden so auf frischer Tat ertappt. Denn sie schauten sich ein wenig ratlos über meine Uneinsichtigkeit an. „Sie zeigt kein Täterverhalten, ist nicht weggerannt, hat die Zange weggeschmissen oder sowas. Sie schraubt ja immer noch", murmelte der eine. „Mmh, die Zange wirkt nicht besonders professionell, eher unwahrscheinlich, dass sie das Schloss damit durchkriegt", der nächste. Na Danke! Und dann erreichte die Dreistigkeit mit diesen Worten ihren Höhepunkt: „Schaut euch das Rad an! Also ich bezweifel, dass das vermisst wird."
Das ging zu weit. Mit in die Hüfte gestemmten Armen stellte ich mich vor mein Schätzchen. „HEY! Das ist ein Erbstück. Ich liebe dieses Fahrrad." Nr. 4 grinst die drei anderen an: „Das ist ihr Fahrrad. Ganz klar." Die vier stiegen ins Auto und fuhren weiter. Freund und Helfer, das ich nicht lache. Erst von der Arbeit abhalten, dann feststellen, dass das Unterfangen nicht durchführbar ist und dann anstatt konstruktiv zu werden beleidigen und abhauen.
Schnaufend nahm ich meinen Drahtesel unter den Arm und war fest entschlossen sie (ja mein Fahrrad ist eine sie) jetzt sicher und beschützend nach Hause zu tragen.
Dann kam ER. ER sah aus wie ein richtig echter Fahrraddieb. ER fragte was denn los wäre. In dem Moment als ich erzählte, dass das auf jedenfall mein Rad ist und dass ich schon die Polizei davon überzeugen musste, überzeugte er mich mit den Worten: „Scheißbullen. Ist mir egal, obs dein Rad ist, ich knack das jetzt," davon einen richtig echten Profi vor mir zu haben.
Ich strahlte ihn an. „Ich hab eine Zange." Endlich ein Mensch, den es nicht im geringsten verwundert, dass ich eine riesige Eisenzange mit mir herumschleppe. Wortlos nahm mein Held die Zange, funktionierte sie zu einem Hammer um und hämmerte 30 schweißgebadete Minuten an der: „Verfluchte, verfickte deutsche Wertarbeit." herum. Ich konnte meinen Stolz darüber, dass MEIN Rad selbst für den Profi eine Herausforderung war, nicht verbergen. Großzügig erklärte ich immer wieder: „Scheint nicht zu funktionieren, macht nix! Vielen Dank." Manfreds (Er sah aus wie jemand der Manfred heißen könnte) Ehrgeiz stachelte dies erst recht an. Wieder hatte mein Rad einen Menschen glücklich gemacht. Denn als sich das Schloss endlich ein paar Millimeter löste, so dass die Speichen grade frei waren, strahlte Manfred, wie ein kleines Kind. Ich auch. Nur mein Schätzchen war empört darüber, dass ihr Wille auf so rüde Art gebrochen wurde.
Das Heimwegsklappern war nur halb so fröhlich wie sonst.






Kommentare
09.10.2009, 19:22 von bibliophileEine wundervolle kleine Lebensgeschichte mit passendem Schreibstil, finde ich.
Der Schlüssel war dann vermutlich doch in der Tasche? Versuche einfach, die Schlüssel an etwas Großem zu befestigen - so verliert man sie nicht so oft und findet sie häufiger. :D
hihi...
17.12.2008, 10:37 von chelenabei mir wär's so gelaufen, dass ich spätestens zu hause den schlüssel wiedergefunden hätte... ;)
also, ich hab herzlich gelacht :)
05.07.2008, 13:48 von beenerin@[Benutzer gelöscht] Wow. Ähm.. Was sagt man zu so einem Kommentar? Danke, dass du mich drauf aufmerksam gemacht hast, du hast mir die Augen geöffnet. Ab heute werde ich ein anderer Mensch.
20.06.2008, 10:46 von cumuluswolkeDu.. Ähm.. Tut mir Leid dich mit meinem Text belästigt zu haben. Dein Kommentar ist sicherlich überaus konstruktiv. Eine Bewertung und ein Vorschlag.
Ähm. Danke!
@[Benutzer gelöscht] Klar will ich Reaktion. Ah du bist lustig. Ich hätts interessant gefunden, warum die Geschichte nichts ist. Das hätte mich vielleicht weiterbringen können.
20.06.2008, 13:55 von cumuluswolkeNuja, aber da du ja der Meinung bist, hier gehört keine konstruktive Kritik hin, lass ich das auch.
War nett dich kennen zu lernen. Sehr unterhaltsam!