ArnieQ 21.08.2007, 14:13 Uhr 4 1

Der entzauberte Zauberapparat

Ein Wundergerät. Wie habe ich es bestaunt.

Bei meinen Eltern, damals, da gab es so ein Telefon: aschgrau, Wählscheibe dran. Ich, mit kleinen dicken Kinderfingern habe dann eine Nummer „gewählt“ und die Scheibe klackerte nach jeder Zahl unterschiedlich lang zurück. 1 = kurzes Klackern, 0 = gaaaanz langes Klackern.

Die Nummern der Freunde, Verwandten, wasweißichwen gab es in einem kleinen, ebenso grauen Plastikausschub, welcher unter dem Telefon stand. Da konnte man Buchstaben drücken (A - C, D - F…) und heraus sprang ein Zettel mit handschriftlichen Einträgen zur gesuchten Rubrik.

Ein Wundergerät. Wie habe ich es bestaunt.

Anrufen durfte ich damit aber nur selten und wenn, dann nicht lange, denn die „Einheit“ war kurz und teuer. Ganze 20 Pfennige für nur drei Minuten. Ein Vermögen. Und besonders bei Ferngesprächen - so hieß das - galt die Parole: Kurz fassen! Ein Anruf in das Ausland? Undenkbar.

Ganz besonders magisch war der Moment, als der Apparat dann zu klingeln begann. Wer war wohl dran? Was wollte der Anrufer? Wer geht jetzt ans Telefon? Ist es für mich, für die Mama, für den Papa, für den Bruder? Es klingelte und vier Personen rannten im Galopp zum Standort des Telefons.

Mit so einem Telefon, da konnte man sich sicher fühlen. 110 und 112 wurden mir schon von Kindesbeinen an eingeschärft. Wenn ein Feuer ausbricht, der Einbrecher kommt… (grusel). Und auch wenn der Strom ausfiel, das Telefon war stets funktionstüchtig. Ich habe es selbst ausprobiert, im stockdunklen.

Trotzdem gab es Momente, wo ich lieber eine Telefonzelle aufsuchte, auch diese mit Wählscheibe: Die geheimen, ersten verhuschten Telefonate mit dem anderen Geschlecht. Spannend! Und teuer. Eine ganze deutsche Mark ging dabei drauf. Der Apparat in der Zelle gab kein Wechselgeld.

Unangenehm die Momente, in denen mich ebendieses andere Geschlecht zu Hause anrief, oh Gott, wie peinlich. Man konnte sich nicht verstecken. Das Telefon hatte einen festen Platz und war mit einem Kabel (!) fest mit der Wand verbunden, der Hörer fest mit dem Gerät. Mein lachender und feixender kleiner Bruder hielt sich in solchen Momenten stets außerhalb der Kabelmaximallänge auf. Aber unvorsichtigerweise oft in Latschenwurfweite, hähä.

Und jetzt sitze ich hier. In einem Büro, ein Telefon auf dem Tisch. Es klingelt: keine Magie, sondern Arbeit. Ich sehe wer anruft (der schon wieder!), genervt schon nehme ich ab. Mitten im Gespräch klingelt das andere, das Mobile… wegdrücken, später. Das Mailboxsymbol blinkt. Einen Moment, so, jetzt bin ich wieder da, worum ging es gleich…?

Zu Hause, der Anrufbeantworter blinkt. 3 Nachrichten. Anhören, hinsetzen. Jaja, ich rufe zurück. Morgen…

1

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Wie wahr, wie wahr!

    :-)

    22.08.2007, 14:19 von aprilhexe79
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    so was hab ich auch schonmal gedacht!

    21.08.2007, 15:48 von charline
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare