Der Bruder
Mirco Waade hatte einen engen Kontakt zu seiner Schwester. So eng, dass er glaubt, gespürt zu haben als sie starb
Ein komisches Gefühl war das, als zöge sich alles zusammen zwischen Herz und Bauch. Kalt. Richtig gut beschreiben kann er es nicht. "Aber da wusste ich es, da muss etwas passiert sein", sagt er heute, "da hatte sich Susan ein paar Tage nicht gemeldet." Als wiederum ein paar Tage später sein Onkel vor seiner Wohnung auftauchte, während Mirco gerade oben auf dem Balkon saß, und ihm sagte "hast du schon gehört, was passiert ist? Susan ist tot", da dachte er: "Also doch!"
Mirco Waade ist ein Baum von einem Kerl. Er arbeitet als Sicherheitsmann, heute, und man würde wirklich ungern in ein Gebäude einbrechen wollen, wenn er es bewacht. Damals, als es passierte, war er arbeitslos, und auf eine Art ist das vielleicht ein Glück, denn hätte er das Geld gehabt, dann wäre er wahrscheinlich sofort nach Griechenland geflogen und die Waades hätten zu einer toten Tochter auch noch einen Sohn im Knast. Mirco Waade ist ein großer Bruder. Er hat seine Schwester schon auf dem Schulhof verteidigt. Und man muss kein Psychologe sein, um zu bemerken, wie sehr es in umtreibt, dass er es dieses Mal nicht konnte.
Er wäre kein guter Zeuge, der große Bruder, schon weil er sich für Daten nicht interessiert. "Man muss mit dem arbeiten, was die Behörden einem geben", sagt er, aber in Wahrheit ist für ihn der Moment von Susans Tod der, in dem er ihn gespürt hat, da kann in den Akten stehen, was will. Und wann genau das war, das kann er eigentlich gar nicht sagen. "Ich sage das ganz ehrlich", sagt er, "da ist eine Menge Verdrängung dabei." Manchmal, wenn er nachts gearbeitet hat, setzt er sich morgens zuhause allein in ein Zimmer, hört die Lieder seiner Schwester und betrinkt sich. Er, der Baum, hat immer noch diese offene Wunde an der Stelle, wo seine kleine Schwester war.
Sie haben ständig und manchmal stundenlang telefoniert. "Sie hat mir alles erzählt", ist er sicher. Auch von Gewalt in ihrer Beziehung. Es hat ihn rasend gemacht. Eigentlich hatte er vor, nach Griechenland zu ziehen, zu seiner Schwester. Sie meinte, sie könnte ihm dort einen Job besorgen, und er wollte gerne in ihrer Nähe sein. Sie wollte ihn zu sich holen. Für September war das geplant, dann noch einmal verschoben, auf den Anfang des nächsten Jahres. "Ich habe ihr nur gesagt: Du musst mit mir zu den ganzen Behörden gehen und die Anmeldungen machen und das alles", sagt er. Und so war es eigentlich immer gewesen: Susan war diejenige, die plante, die studierte, die mit dem Ehrgeiz und dem eisernen Willen. Sie ist die, die hinausgeht in die Welt. Ihr Bruder ist eher einer, den man anruft, wenn man Hilfe braucht, und dann ist er da. Und wenn er etwas verspricht, dann hält er es. Ein Baum von einem Kerl.
"Wo ihre Tagebücher sind, das möchte ich wissen", sagt er. "Susan hat Tagebuch geführt, seitdem sie schreiben konnte. Und damit hat sie auch nicht aufgehört." Er ist sich sicher, dass in den Tagebüchern die Geschichte einer eskalierenden Problembeziehung zu finden sein würde. "Und dann, wenn sie sich gestritten haben - ich meine, jeder von uns kann ausrasten." Niemals hätte sie sich umgebracht. "Sie hatte doch Pläne. Sie wollte Karriere machen, und es lief doch alles." In den Monaten seit dem Anfang des Jahres sei ihre Beziehung eher noch enger geworden - eine Beobachtung, die zumindest korrespondiert mit der Beobachtung der Mutter, in den Monaten vor ihrem Tod habe Susan Waade ihr Leben stärker in die eigenen Hände genommen, habe sich musikalisch verändert und auch auf diesem Weg von ihrem Lebensgefährten entfernt. Und noch etwas hat Susan Waade ihrem Bruder erzählt: Sie hätte jemanden kennengelernt, mit dem sie ein paarmal Essen war und im Kino. "Sie klang nicht verliebt", sagt er, "aber ich hatte schon das Gefühl, dass sie sich da etwas vorstellen konnte."
Es sind viele rohe Einzelheiten, die Susans Bruder einfallen, wenn man ihn fragt, aber er quält sich sehr mit den Erinnerungen. Das ist auch der Grund, warum ich entschieden habe, meine Videoaufzeichnung von unserem Gespräch nicht online zu stellen. Mirco Waade ist ein wichtiger Gesprächspartner, wenn es darum geht, zu ergründen, ob sich Susan Waades Stimmung in den letzten Monaten, Tagen oder Wochen in einer Weise verändert hat, die einen Schluss darauf zuließe, dass sie psychisch erkrankte oder so verzweifelt war, dass ihr ein Selbstmord als Option erschienen sein könnte, auch wenn ganz klar sein muss, dass man das von Ferne möglicherweise nicht mitbekommt. Aber wenn es so gewesen ist, dann hat Mirco Waade davon nichts bemerkt. Er ist fest der Überzeugung, ihr ging es abgesehen von den Problemen in der Beziehung gut, und für diese Probleme zeichnete sich nach seinem Verständnis sogar eine Lösung ab.
Alles andere, was er sagt, kann ich anderweitig zu belegen versuchen, und ich werde das tun.





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