Der Blogger
Er schrieb um sein Leben.
Er war der Star der modernen Blogszene. Sein Stern erstrahlte in rasantem Tempo, zuerst war er so etwas wie ein Geheimtipp, doch schon bald erreichte er einen Status, der ihm selbst bisweilen unheimlich war. Er war massenkompatibel und seine Art zu schreiben, sprach viele an. Er schaute dem Volk aufs Maul und war Mäuschen in vielen Wohnzimmern. Viele Leser mögen, wenn sie sich angesprochen fühlen oder sich selbst wiedererkennen.
Er ging sehr fürsorglich mit seinen Kritikern um,
beantwortete penibel alle Fragen und wahrte dabei immer Haltung und ging sehr
souverän mit negativer Kritik um. Meistens hagelte es jedoch Zustimmung und
Sympathiebekundungen. Er selbst war hochzufrieden mit sich und seiner Welt. Er führte
ein unspektakuläres Leben ohne große Höhen oder Tiefen. Diese Normalität
spiegelte sich in allen seinen Texten wieder, trotzdem gelang es ihm immer
wieder, viele Menschen damit zu fesseln. Nach und nach deckte er einige seiner intimsten
Seiten auf, was ihm sehr hoch angerechnet wurde.
Inhaltlich konzentrierte er sich generell auf die kleinen Dinge des Lebens, interpretierte sie auf seine ganz persönliche Weise und traf dabei doch so oft den Nerv seiner Fangemeinde.
Gerne schrieb er auch von seinem erstaunlich ausschweifenden Liebesleben, doch niemals sank das Niveau. Nur im Spaß begab er sich hin und wieder auf andere Ebenen, doch seine treue Leserschaft kannte ihn so gut, dass sie verstanden und ihm dies kaum übel nahmen.
Nur sehr wenige seiner Leser, wahrscheinlich die mit den eher feinen Antennen, bemerkten die schleichenden Veränderungen in seinen Texten. Das Thema Herz und Schmerz wurde plötzlich zu einem seiner Hauptthemen. Man konnte förmlich den Weg der Liebe spüren und nachvollziehen. Angefangen von den Schmetterlingen in seinem Bauch, über die erste körperliche Vereinigung, dem Leben als Paar… und seinen tiefen Fall in ein unendliches Loch. Nicht alle interpretierten diese Texte als autobiographisch, für viele war es einfach nur eine seiner leidenschaftlichen Ganz-oder-Gar-Nicht-Phasen.
Doch schon in dieser Phase wandten sich einige von ihm ab. Niemand wollte ständig nur über negative Emotionen lesen, das zuvor noch recht ausgeprägte Verständnis oder Mitleid, wurde durch Desinteresse ersetzt. Viele waren gelangweilt. Auch seinerseits verlor er das Interesse an seinen Lesern, deren Kommentare ja plötzlich gar nicht mehr so euphorisch und lobpreisend waren. Höhnische Stimmen wurden laut, einige machten sich über sein Herzschmerzgeschwulst lustig. Irgendwann antwortete er gar nicht mehr, bis er so gut wie alleine in seinem Blog war. Nur sehr wenige alteingesessene Stammleser hielten ihm noch die Treue, versuchten ihn aufzumuntern. Doch er ignorierte diese vehement, veröffentlichte nur noch stur seinen täglichen Blog und verlies dann umgehend das Netz. Selbst wenn er noch gelesen wurde; er konnte das über den Counter ja gut nachvollziehen; es gab sich irgendwann keiner mehr die Mühe seine Texte zu rezensieren. Was soll man auch dazu sagen? Trägt man doch schwer genug an den eigenen Sorgenpäckchen. Sein Stern war verglüht.
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Verglüht fühlte auch er sich selbst. Er konnte es nicht fassen, wenn er daran dachte, dass er nur wenige Wochen zuvor noch Feuer und Flamme war.
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Eines Tages entdeckte eine seiner Leserinnen, dass er drei Texte im Voraus für drei Tage gepostet hatte. Er erklärte dies mit einer spontanen Reise. Die Leserin war verwundert, da sie aus vorherigen Blogbeiträgen wusste, dass der Blogger praktisch nie ohne sein Netbook aus dem Haus ging. Eine böse Vorahnung beschlich sie, doch sie konnte nichts tun, die Identität des Bloggers war ihr nicht bekannt. Sie schob die Gedanken beiseite, auch wenn diese drei Texte sehr dunkel und mysteriös anmuteten.
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Fünf Tage später fand man den Blogger tot in seiner kleinen Dachgeschosswohnung. Er hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, und eine Notiz, mit der er seine Angehörigen bat, diesen als letzten Blogbeitrag zu veröffentlichen...
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Liebe Menschen,
ja, das seid ihr immer für mich gewesen. Menschen. Ihr habt an meinem Leben teilgenommen und jede Freude mit mir geteilt. Dafür danke ich Euch, denn ihr habt mich damit sehr glücklich gemacht.
Liebe Unmenschen,
ja, auch das seid ihr für mich gewesen. Ihr habt Euch an meinem Leid ergötzt und es doch nicht mit mir geteilt. Ich mache Euch dafür keinen Vorwurf, doch sollt ihr trotzdem wissen und mit diesem Wissen leben, wie sehr es mich geschmerzt hat. Ich weiß, dass ihr das könnt. Ihr habt es mir ja oft genug mit erhobenem Zeigefinger erklärt. Ihr habt mir unter die Nase gerieben, wie Leben geht.
In einem jedoch bin ich Euch nun Voraus. Ich weiß, wie Sterben geht.
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Kommentare
Tja so ist es wohl .. Ganz gut getroffen was passiert, wenn man sich zu stark von seinem "Publikum" bestimmen lässt und eine unsichtbare Grenze überschritten wird. Man ist auch schließlich als Blogger letzendlich auch "nur"?! eine Projektionsfläche subjektiver Bilder der Rezipienten.
26.06.2012, 22:47 von SultanineDanke Dir! Und Du hast Dein Kommentar sehr treffend formuliert!
27.06.2012, 06:06 von Mrs.McHein gutes. und ein wahres.
Ich bin auch der Meinung, dass jeder Mensch beides in sich trägt und somit auch Unmensch sein kann. Was man davon nach außen dringen lässt... ist das interessante dabei. Jedenfalls für mich.
Danke für Deine Lesezeit und den Kommentar.
04.06.2012, 12:54 von Mrs.McHnaaaaa? Startseite?
04.06.2012, 10:36 von LagbackMmh... nein, ich denke nicht ;-)
04.06.2012, 12:34 von Mrs.McHnö, leider nicht, sehe ich auch gerade.
Grundgütiger, was da stattdessen Startseite ist... naja, Zielgruppenorientierung.
04.06.2012, 20:30 von LagbackDu weißt volle Kanne Bescheid.
04.06.2012, 08:45 von zehnmomentePrima formuliert- jedes Wort!
Hundert Punkte.
knutsch
Liebe Unmenschen,
ja, auch das seid ihr für mich gewesen. Ihr habt Euch an
meinem Leid ergötzt und es doch nicht mit mir geteilt. Ich mache Euch dafür
keinen Vorwurf, doch sollt ihr trotzdem wissen und mit diesem Wissen leben, wie
sehr es mich geschmerzt hat. Ich weiß, dass ihr das könnt. Ihr habt es mir ja
oft genug mit erhobenem Zeigefinger erklärt. Ihr habt mir unter die Nase
gerieben, wie Leben geht.
In einem jedoch bin ich Euch nun Voraus. Ich weiß, wie
Sterben geht.
Ganz groß!
04.06.2012, 08:41 von FrauKopf
Mark Twain. “Fame is a vapor, popularity an accident; the only earthly certainty is oblivion."
04.06.2012, 08:18 von EliasRafaelIch bin des englischen zwar durchaus mächtig, dennoch ist mir nicht gänzlich klar, was Du zum Ausdruck bringen wolltest.
04.06.2012, 08:25 von Mrs.McHDas Sternschnuppen auch schon lange vor dem Internet regelmäßig verglüht sind.
04.06.2012, 08:27 von EliasRafaeldass
04.06.2012, 08:28 von EliasRafaelJa, das passiert wohl.
04.06.2012, 08:29 von Mrs.McHWobei Glühen und Verglühen dann eben beide zum Eintritt in die Atmosphäre gehören. Ich hoffe, dein Blogger hat wenigstens keine zu großen Verwüstungen beim Aufprall auf die Erde angerichtet.
04.06.2012, 08:36 von EliasRafaelMmh... wir müssten die Hinterbliebenen fragen... oder alle die in der Nähe waren, als es passierte... Könnten einige sein, wenn ich nach den Stimmen in meinem Kopf gehe... ;-) Kannst Du sie auch hören?
04.06.2012, 12:33 von Mrs.McHblogger sind reisende der besonderen art. sie packen je nach sorgenbefinden und überquellenden gedankengut den koffer und schicken sich auf reisen. manchmal ohne ziel. ist es wichtig, seine mitreisenden zu kennen und deren gesichter beim lesen zu betrachten?
04.06.2012, 08:11 von jetsamDie Frage der Wichtigkeit ist meines Erachtens nur individuell beantwortbar. Ich selbst bin durchaus an meinem Gegenüber interessiert, habe mich aber damit abgefunden, nur selten Antworten oder besser gesagt Bestätigungen des gemachten Bildes zu erhalten.
04.06.2012, 08:24 von Mrs.McHSein Wohlergehen von anderen abhängig zu machen, ist prinzipiell keine gute Idee.
Und bei der Frage, wie Leben geht, gibt es immer diese schwierige Frage von Sender und Empfänger.
Letztlich aber ist es schon überdenkenswert, ab wann man im Web eine Grenze überschreitet. Das Wort ist ein scharfes Schwert - und man weiss eben nie, wen man auf der anderen Seite damit erwischt.
Unmensch ist nicht, was Unmensch schreibt, sondern was als Unmensch wahrgenommen wird.
Wer krank ist, tut irgendwann, was er tun will oder wozu er sich getrieben sieht. Den letzten Nagel dazu will man nicht in den Sarg getrieben haben.
04.06.2012, 07:31 von LagbackDer Mensch da oben lebte ja nicht nur im Netz. Vielleicht hat er in beiden Leben nicht finden können, was er suchte? Keiner hat ihm wirklich etwas getan und vielleicht ist das genau sein Problem gewesen. Dies hier ist jedoch auch nur EIN Abriss, EIN Teil aus seinem Leben, quasi aus Sicht eines Bloglesers. Wer am Ende den letzten Nagel schlug ist auch nicht wichtig, eher wie er es empfand. Aber das werden wir wohl nicht erfahren.
04.06.2012, 07:51 von Mrs.McHDanke für Deine Lesezeit und die Gedanken dazu, sehr interessant.