Depression findet Legitimation
Die Menschen in modernen Gesellschaften haben das Gefühl für Liebe verloren. Denn wie soll Liebe existieren, wenn wir alle nur um uns selbst kreisen?
Diese Gesellschaft kennt keine Liebe. Sie kann sie nur beschreiben, zerreden, analysieren, darüber philosophieren und denken, dass sie darüber Bescheid wüsste. Sie kann sie nicht fühlen und sie nicht leben. Denn wie soll Liebe existieren, wenn wir alle nur um uns selbst kreisen? Wir sind nicht mal in der Lage über unseren eigenen Tellerrand hinauszusehen, es geht immer nur um uns selbst. Me, myself and I. Wie soll ich jemand Anderen lieben, wenn man es noch nicht einmal schafft von sich abzurücken?
Wir zitieren alle großen Leute von früher, die sich zum Thema Liebe mal geäußert haben, aber alles was wir entgegnen können ist allenfalls ein „wow“, schreiben ihre Sprüche mit mahnendem Finger an die Wand, sie nie zu vergessen, aber wir verstehen sie nicht mehr.
Bei uns ist es so: Selbst wenn wir es vor der Nase haben und fühlen, dass es etwas womöglich Gutes sein könnte, vielleicht auch wirkliche tiefe Liebe, erhoffen wir uns aber immer dieses ANDERE. Da ist noch etwas Größeres. Immer „Mehr“. Das Gute ist zu harmlos und die Liebe ein donnerndes Getöse. Das heutige Denken über die Liebe, dass sie laut und brachial auf jemanden einwirkt, hat Einzug erhalten. Dabei sind es immer die leisen Geschichten, die die Liebe haben laut werden lassen. Wir haben verlernt nicht MEHR zu wollen und die Gegenwart einfach Gegenwart sein zu lassen. Wenn alle großen Soziologen von Entfremdung der Gesellschaft als Pathologie sprechen, halte ich das mittlerweile für diskussionswürdig. Die Entfremdung ist zur Normalität geworden und Depression ist keine Krankheit, sondern der Zustand, der zunehmend in unserer Gesellschaft Normalität erreicht. Die Normen, die jetzt über unseren Köpfen schweben sind vergangene Normen und sie repräsentieren nur noch eine Fiktion, die vielleicht noch erstrebenswert ist, weil die Generation, die das inneträgt noch existiert und uns dadurch zu verstehen gibt, dass Depression nicht gewünscht wird. Eine Verschiebung macht sich bemerkbar und mein Gefühl sagt mir, dass die noch bestehende Norm bald in den Hintergrund gerückt werden wird - dann auch bewusst. Dann ist vielleicht Depression der erstrebenswerte Zustand und wir verlernen alle am Ende die Fähigkeit an uns zu glauben und die Kenntnis um unsere eigene Stärke. Nicht auszudenken, was mit dieser selbstinitiierten Unterwürfigkeit für Machtkonstellationen erfolgen könnten.
Meine Generation ist zu schnell, viel zu ungeduldig, kann nichts durchziehen, hat das Gefühl dauernd hinter dem Erfolg, hinter ihrer Selbstverwirklichung zu hasten. Manche rasen hinterher, immer getrieben vom Erfolg nach mehr. Andere um einfach mitzuhalten- wissen aber letzten Endes nicht wofür. Den meisten geht nach einiger Zeit die Luft aus, weil sie den Erwartungen nicht standhalten können, aufgeben. Und weil ihnen die Kraft fehlt aus ihrer Langsamkeit Kraft zu entwickeln, einen autarken Weg einzuschlagen, in sich hineinzuhorchen, auf ihre eigene Intuition zu hören, fallen sie in eine Ohnmacht, die dann als pathologisch eingestuft wird. Diese Personen werden gegenwärtig aus der Gesellschaft aufgrund bestehender Normen exkludiert. Doch was passiert gerade? Nach dem Selbstmord eines prominenten Torwarts ist plötzlich Depression in aller Munde – und bekommt durch die Medien eine höhere Aufmerksamkeit – und es wird nicht lange dauern, da wird diese Krankheit eine Legitimation erhalten, die dann nicht mehr als pathologisch gelten wird. Doch meine Frage ist, was dann geschehen wird? Was passiert mit all den Menschen, die einfach nur glücklich, stark und in sich wahrhaft ruhen und eigentlich nichts weiter möchten als zu lieben und geliebt zu werden - einfach Liebe geben und empfangen wollen. Denn die Liebe ist ein reiner Begriff und geschieht aus wirklicher Zuneigung für den anderen. Es geht nicht um Gegenleistung, sondern um Vertrauen in die Welt und den Wunsch nach zweisamer Vertrautheit und emotionaler Verbundenheit. Ein Du und ein Ich. Zwei Bewusstseine, die sich innig lieben und einander erfahren. Kein Status, keine Verpflichtung, kein Anspruch, kein Plan, keine Bestätigungssuche. Nur tiefste Zuneigung, die nichts erschüttern kann. Menschen wie ich, die so stark an sie glauben, sie nicht mit Institutionen und Regeln zumüllen, werden sie aber nicht antreffen, nicht hier, nicht in dieser Zeit und nicht in diesem Raum. Eine Erkenntnis, die mich so unsagbar traurig macht und mich weinen lässt.
Ich will doch nur lachen und andere Menschen zum Lachen bringen, nicht immer alles auf mich beziehen – ja, wenn man so will einen Beitrag zu einer liebevollen Welt leisten. Diese wenigen Menschen werden aber entweder von diesem Sog der Depression verschlungen und daran zerbersten oder sehen sich gezwungen einfach woanders hin zu gehen, weil sie die Reißleine ziehen, da sie nicht das Gefühl haben, dass ihre Bemühungen ihnen jemals gedankt werden, geschweige denn gewollt und damit werden sie verletzt und wenden sich ab. Sie suchen eine Gesellschaft, wo Langsamkeit und Lebensfreude keine Sünden sind und innere Stärke, Verantwortungsübernahme keine Schwierigkeiten darstellen. Der einzige Halt, den ich hier zur Zeit besitze, war immer die Hoffnung Menschen zu finden, die das genauso betrachten, aber sie schwindet, und verdammt: sie lässt mich erkalten. Und so will ich nie sein, für nichts in der Welt. Das ist der einzige Anspruch, den ich an mein eigenes Leben stelle. Ich weiß, dass ich die Fähigkeit besitze anderen Menschen ein Lachen zu schenken und Wärme, Zuneigung zu geben – und es soll den Menschen widerfahren, die es würdigen und womöglich auch zurückgeben können – auf jeden Fall mich nicht dafür mit Ignoranz und Demütigung bestrafen. Es wird aber immer schlimmer und meine Hoffnung diesen Ist-Zustand zu verändern und somit einen kleinen Beitrag zur Lebensfreude in diesen Gefilden zu leisten erweist sich als eine Utopie. Diese Gesellschaft fällt in die Tiefe, in eine Welt voller Empathielosigkeit, Egoismus und selbstinitiierter Unzufriedenheit. Sie kann nicht Dinge einfach gut sein lassen, sie erstickt an ihrer Selbstgeißelung. Und nun meine Frage: wie soll man da lieben? Das ist doch keine Liebe. In dieser Gesellschaft ist kein Platz für Liebe, auch wenn sie sich so sehnlich gewünscht wird. Und diese Gesellschaft hat auch keine Liebe verdient, denn sie weiss sie nicht zu schätzen, selbst wenn sie direkt vor einem ist und einem etwas Gutes tun will. Sie liegt am Boden und wird einfach zurückgelassen, wenn nicht sogar tödlich verletzt.
Das ist so traurig, dass wir ein so schönes Gefühl zerstört haben und ihr keine Zeit geben sich entfalten zu können. Die Ungeduld meiner Generation lässt sie in ihrem Keim ersticken und verwechselt sie mit kurzlebigen Momenten der Attraktivität und Statuszuweisung. Manche sind genügsam. Man sieht sie auf den Strassen, wie sie ihre Alditüten tragen und kein Wort miteinander sprechen, keine Blicke austauschen, einfach des Nicht-Alleinseins halber zusammen sind, weil alleine ja ganz furchtbar ist. Denn auch wenn es singleportionierten Spinat gibt, so wird ja selbst in diesem Moment eine Grenzziehung vollzogen. Dadurch, dass es singleportionierten Spinat gibt, ist aber auch klar, dass es die Familienpackung gibt und im Endeffekt jeder Single diesen Druck verspürt, irgendwann am Kühlschrank zu stehen und nach der Familienpackung greifen zu wollen und vor allem zu müssen. Unter diesem Druck kann jedoch keine Liebe entstehen. Nein, um diesem Bild gerecht zu werden werfen sie sich unter, weinen, streiten, entwickeln innerhalb ihres Zusammenlebens Gewohnheiten, Routine, Hässlichkeiten – und erleben im Endeffekt eine fortwährende Ansammlung gemeinsamer Ereignisse in einem Interaktionssystem, was aber nichts mit einer reinen Liebe zu tun hat. Doch sie wissen um dieses Mysterium Liebe und weil es eben Menschen sind, ihre Rastlosigkeit sie stets vorantreibt, wollen sie es unbedingt haben. Das wird aber auf diesem Weg nicht gehen, denn die Liebe ist das einzige, was in kein Schema passt, nicht mit dem Verstand kontrollierbar ist – weil sie frei ist. Was wir Menschen moderner Gesellschaften nicht sind und wir mit so einer Freiheit zunehmend überfordert sind, da wir selbst keine Möglichkeit sehen uns in dieser ganzen Komplexität von Zwang frei zu bewegen. Anstatt sie einfach zu erfahren und mit unserem Herzen verschmelzen zu lassen, versuchen wir sie einzusperren und wie ein Tier sie zur Unterwerfung zu zwingen und sie zu entzaubern. Wir verstehen aber nicht, dass das nicht geht. Man kann sie nicht „haben wollen“, man kann nur hoffen sie jemals zu erfahren. Dieses Gefühl hat nur eine Chance wirklich wahrgenommen zu werden, wenn ihr alle Gewohnheit weicht, alle egoistischen Motive und alle Statuszuweisungen Platz machen und dann nur noch dieser eine Mensch vor einem steht, völlig nackt, man sich in seinen Augen verliert, sich einfach durch diesen erfährt und nur durch ihn merkt, dass man ist.






Kommentare
Das mit der Liebe und dem Mehr wollen musste ich auch erst lernen. Zulassen und dahinter stehen, wofür man sich entschieden hat. Aber ich denke, es hat sich ein mechanismus entwickelt, der in uns eingegangen und selbstverständlich geworden ist, so wie Wegwerfgesellschaft, jährlicher Orts- und Arbeitsplatzwechsel und Online Seiten (weg-) klicken.
15.12.2009, 21:22 von mia_aimlessDepression wird legitim. Ich denk eher, es werden sich zwei Pole herausbilden. Die eine Gruppe schaut nicht mehr abwertend, sondern nickt verständnisvoll und meint, das gehe schon vorüber. Die andere findet Gleichgesinnte und kann sich in der Gemeinschaft die nötige Stärkung, den Rückhalt holen, um in der ersten Gruppe auszuhalten.
In deinem Text steht viel drin. Ich mag deine Gedanken und deine Ansicht sehr!