abstorz 22.03.2007, 11:59 Uhr 28 22

Demokratie auf Dänisch

Willkürliche Verhaftung, kein Kontakt zur Außenwelt, keine Rechte? Kann doch jedem mal passieren.

Es ist ziemlich kalt an diesem Morgen in Kopenhagen. Es ist Anfang März, der Winter steckt noch tief in den kalten geteerten Straßen der Stadt. In einer langen Reihe sitzen wir auf dem Bürgersteig, die Hände mit Kabelbindern schmerzhaft auf dem Rücken zusammengebunden, mit dem Rücken zur Wand. Wir sind zur falschen Zeit am falschen Ort.

Es ist ein kommunales Haus für Jugendliche, die nicht so recht in die Gesellschaft passen. Einige Ausländer, ein paar Kiffer, andere, die schon länger hier wohnen. Wir kannten den Ort nicht, aber es hieß wir könnten uns nach 20 Stunden Fahrt ein bisschen Ausruhen. Keine gute Entscheidung, denn nach 2 Stunden kommt die Polizei ins Haus gestürmt, treibt die Anwohner zusammen, führt Leute ab. Zuerst einige Afrikaner, zwei Polen, andere Ausländer. Zum Schluss uns.

Nach langem Sitzen im Kalten kommen wir in einen Polizeibus, 24 Ausländer. Unsere persönlichen Sachen wurden uns abgenommen, ohne Quittung. Lautstarker Unmut macht sich breit. Niemand will uns verraten, was uns vorgeworfen wird, oder warum wir festgenommen werden. Ein Journalist ist bei der Verhaftung anwesend, auch er bekommt keine Auskunft. Er will mit uns sprechen, die Polizei schickt ihn weg. Wir haben seit über 24 Stunden nicht richtig geschlafen.

Auf dem Revier wieder Sitzen auf dem kalten Parkplatz, für manche Stundenlang. Breitbeinig, ohne sich anlehnen zu können. Ich habe Glück, werde relativ rasch abgeführt. Ich muss meine Schuhe ausziehen, meinen Pullover abgeben. Und ab geht’s in eine acht Quadratmeter große Zelle, kein Inventar, weiße Wände, kalter Boden. Und sie wird immer voller.

Es sind Afrikaner, Iraker, Norweger und Polen, die nach und nach die Zelle füllen. Je später sie kommen, desto mehr Kälte bringen sie mit. 14 Männer sind wir, auf acht Quadratmetern. Viele sind krank.

Die ersten 5 Stunden machten wir noch Witze. Dann wurde der Hunger zu groß. Die meisten hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen, wurden morgens aus dem Schlaf gerissen. Abends um 18 Uhr die erste Mahlzeit, ein kaltes Hünchensandwich. Zwei Stunden später für Vegetarier eine Scheibe trockenes Brot. Die einzige Abwechslung ist der gelegentliche Klogang. Die weißen Wände erdrücken einen, man wird verrückt im Kopf. Krankheiten machen sich breit, ich war schon angeschlagen, bekomme Fieber. Doch die Station ist überfordert, zu viele Gefangene, zu wenige Decken. Zu wenige Toiletten, zu wenig Essen. Im T-Shirt, ohne Schuhe, mit eingeschaltetem Licht, ohne Rechte. Und die Luft riecht nach den Füßen von 14 Männern.

Eine Uhr haben wir nicht, die Polizei gibt keine Auskunft. Wir wissen nicht was wir getan haben, wir wissen nicht wie lange wir noch sitzen. Jeder will nur eins: wieder raus. Das Gefühl der Ohnmacht und Isolation bemächtigt sich einem, man hat den Drang zu schreien und durchzudrehen. Einer hält es nicht mehr aus, bekommt einen Anfall, bricht fast zusammen. Einen Arzt gibt es nicht, der Gefangene kommt kurz an die frische Luft. Er ist Deutscher, hatte am Morgen die Aufgabe, in dem Jugendhaus die Küche zu putzen, wie seit Jahren.

Ab und zu wird einer herausgerufen. Als sie zurückkommen berichten sie, dass ihnen Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht wurden. Mehr erfahren haben auch sie nicht. Es ist ein ewiges Warten auf den kleinsten Hauch einer Abwechslung. Stundenlanges Warten. Das Recht auf ein Telefonat haben wir auch nur auf dem Papier. Ein Afrikaner steht stundenlang an der Tür und fleht darum, seine Frau anrufen zu dürfen.

Nach zwölf Stunden ist es soweit, ich werde zum ersten Mal aufgerufen. Zum Verhör. Ich erfahre, dass mir nichts vorgeworfen wird. Schön, denke ich. Warum bin ich dann hier? Weil ich anscheinend im falschen Haus war. Dort sollen Leute schlafen, die auf den Demonstrationen gegen die Räumung des Ungdomshuset in Kopenhagen protestiert haben oder vorhaben, dagegen zu protestieren. Und dabei seien in den letzten Tagen Autos in Flammen aufgegangen und Polizei attackiert worden. Ich sage ich sei Journalist, arbeite für ein deutsches Radio, und dass ich dies auch schon am Morgen gesagt habe. Aber es interessiert nicht.

Ich werde gefragt, ob ich vorhabe zu demonstrieren. Ich will fragen, ob es seit Neuestem verboten ist in einer Demokratie zu demonstrieren. Aber ich will hier raus, sage Nein. Meine Fingerabdrücke werden genommen, ich werde fotografiert, und komme zurück in die Zelle. Die ganze Nacht. Morgens um halb vier werden wir rausgeschmissen, am Stadtrand Kopenhagens, ohne Nahverkehr. Ein Polizist gibt mir meine Sachen und sagt auf Deutsch: „Sie sind jetzt frei“.

Seit Jahren gibt es den Konflikt um das Ungdomshuset in Kopenhagen. Riesige Demonstrationen mit tausenden von Menschen und Unterstützung aus der Politik und der ganzen Gesellschaft haben zu nichts geführt. Am 1. März stürmte eine dänische Terroreinheit mit Helikoptern das Haus, räumte es und riss es ab. Das Eigentumsrecht müsse durchgesetzt werden, denn eine fundamentalistische Sekte hatte das Jugendhaus einige Jahre zuvor unter dubiosen Umständen erstanden. Das Eigentumsrecht wurde durchgesetzt, und dafür die Grundrechte hunderter Menschen außer Kraft gesetzt.

Eine politische Lösung wurde nicht gesucht, Gewalt war der Ausweg. Der Staat ist der Stärkere. Auf welche Kosten?

„Ist dieser Mann eine Gefahr für die Demokratie?“ fragt das norwegische Morgenbladet eine Woche später und zeigt das Portrait eines jungen Aktivisten im Kapuzenpulli. Mag sein, oder auch nicht. Doch die Kräfte, die schon immer einmal den Rechtsstaat außer Kraft setzen wollten, die haben definitiv gesiegt. Suchen muss man sie jedoch auf der anderen Seite.

22

Diesen Text mochten auch

28 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    tja, was aus der demokratie wird oder wo sie uns hinführt wird sich noch zeigen. von volksstaat kann man ja wohl kaum sprechen... aber wo sind die alternativen dazu?

    17.01.2008, 21:24 von fetzmaus
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön das es mal angesprochen wird, auch wenn das in deutschland durchaus zum alltag gehört

    20.07.2007, 09:51 von Butah
    • 0

      @Butah Sicherlich sind diese Erfahrungen schrecklich und keineswegs ist die Verfahrensweise der Polizei zu tolerieren. Doch eines ist (leider) klar. Die Demokratie ist nicht die vollkommene Gesellschaft in der alles so perfekt läuft, wie wir uns das wünschen. Einer der Gründe dafür ist, dass sie immer noch auf dem Verhalten/Zielsetzungen von Menschen beruht und somit auch deren menschlichen Schwächen unterworfen ist.
      Aber: Etwas besseres als die Demokratie steht uns realistisch (!) betrachtet in naher Zukunft nicht zur Verfügung. Dazu müssten sich die Menschen als solches erst einmal ändern. Und fast jeder Bürger in Weissrussland oder in Turkmenistan oder in Tschetschenien wäre froh, wenn er nur ein Mindestmaß an Demokratie hätte.

      11.10.2007, 11:15 von Thumb
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Was Demokratie in Deutschland bedeutet, hat sich in Dorfen gezeigt. Dort hatten Jugendliche aus dem örtlichen JZ aus Solidarität mit dem Undomshuset eine spontane Demo organisiert. Die Auswirkungen könnt Ihr auf www.jz-dorfen.de nachlesen.

    26.03.2007, 14:15 von Ray
    • Kommentar schreiben
  • 0

    krasse sache. dein artikel zeigt mir mal wieder zwei dinge auf : 1. wir können uns glücklich schätzen, immer wieder, keinem totalitärem system zu unter liegen 2. die tatsache, dass davon in europa so wenig von solchen machenschaften bekannt ist, liegt wohl zu einem daran, dass zu viele gerne wegschauen und auch daran, dass jeder einzelne zu oft sich nur auf die nachrichten-häppchen verlassen, die einem vorgeworfen werden. das individuelle nachdenken lässt immer nach. danke, für deinen einblick. und augen auf !! es läuft viel falsch. prangert an. ändert ! gruß

    26.03.2007, 11:06 von fahrstuhlpirat
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das profile-pic passt zu dem artikel....
    sehr informativ und doch schockierend.....

    23.03.2007, 22:33 von _christiane_
    • Kommentar schreiben
  • 0

    nochmal zum Eigentumsrecht:

    so steht es auf Spiegel online (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,472561,00.html):

    "In der Altbaufassade von Nørrebro klafft inzwischen ein großes Loch und in der Dänen-Metropole eine Glaubwürdigkeitslücke. Denn eigentlich hatte die Stadt das Haus mit dem Jugendzentrum an ein kleines Unternehmen veräußert und einen Weiterverkauf strikt untersagt. Doch die Verträge waren so dilettantisch, dass Faderhuset einfach die Aktien übernahm und damit das Unternehmen schluckte, die begehrte Immobilie inklusive."
    Ich bin mir sicher, dass einem solch eine Verhaftung natürlich auch in Deutschland passieren kann, bzw. dass es ständig passiert. Ich denke an die widerrechtlich durchsuchten Wohnungen in München, Berufsverbote in BaWü, und ich will gar nicht wissen, in weit das Demonstrationsrecht im Juni in Rostock überhaupt noch wahrgenommen werden kann. Heiligendamm ist auf jeden Fall schon einmal Demokratiefreie Zone, der Zaun ist gebaut.

    "man hat ihnen ein neues jugendzentrum angeboten und auch zur verfügung gestellt, aber die jugend wollte nicht verhandeln. " Dazu habe ich ja schon Bezug genommen: Es sollte für 1,5 Millionen Euro verkauft , nicht bereit gestellt werden. die Jugendlichen hätten es angenommen, als Ersatz, aber sie weigerten sich, das Geld zu bezahlen.

    23.03.2007, 22:02 von abstorz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    als erstes möchte ich dir sagen, dass das echt krass ist, wie du da behandelt wurdest. aber dem letzten teil deiner schilderungen kann ich leider nicht zustimmen. da ich dänin bin, weiß ich was da schon so die zeit vor den demonstrationen abgelaufen ist. verteh mich nicht falsch. demonstrationen sind eine gute sache, aber in diesem fall nicht ganz. die regierung hat wirklich lange versucht mit den jugendlich dort zu kommunizieren und eine lösung zu finden. man hat ihnen ein neues jugendzentrum angeboten und auch zur verfügung gestellt, aber die jugend wollte nicht verhandeln. sie ist stur geblieben. da das haus nur rechtmäßig erworben wurde und auch sehr baufällig war, mussten sie die initiative ergreifen und härtere mittel anwenden, als bloße worte.
    zu letzt möchte ich noch sagen, dass ich glaube, dass es eine solche behandlung genauso gut in deutschland passieren könnte.

    23.03.2007, 20:43 von Beenee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das klingt wirklich ziemlich heavy, was Dir da passiert ist. Auch in Deutschland gibt es solche Willkür. Ein Bekannter von mir wurde nachts, als er auf dem Nachhauseweg von der Kneipe war, von BGS Beamten aufgefordert, seinen Ausweis vorzuzeigen. Da er den nicht dabei hatte, wurde er aufs Übelste beschimpft und beleidigt. In den Knast haben sie ihn zwar nicht gesteckt, aber trotzdem war das extrem.

    23.03.2007, 19:12 von highly_evolved
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android