Déjà-vu
Es ist schon dunkel als sie mich anruft und sagt: "Wir müssen reden. Wann sollen wir uns treffen?"
Ich versuche mich kraftlos im Bett aufzurichten und den Fernseher leise zu stellen. Irgendwie kommt mir das Ganze bekannt vor.
"Ich habe keine Zeit. Können wir das nicht am Telefon besprechen?" bitte ich sie lustlos.
Sie läßt nicht locker.
"Aber ich würde das lieber mit dir unter vier Augen klären."
Tatsächlich, es ist ein Déjà-vu und ich weiss genau worauf sie hinauswill.
Vor mir flimmern beruhigend vertraute Fernsehbilder. Dr. House bohrt schon wieder im Kopf von irgendeinem Patienten rum - natürlich ohne konkrete Diagnose, wie immer. Warum tut er das ständig, denke ich mir. Der müsste doch auch langsam wissen, dass das nichts bringt. Am Ende gibt er dem Patienten zwei Tabletten und schwubs, schon ist er kerngesund. Am Ende ist es immer ganz einfach. Das Gehirn aufbohren ist doch reine Schikane!
"Bist du noch dran?" fragt sie in ihrem speziellen Tonfall, der mir verrät, dass ich bei der Geschichte nicht so einfach davonkommen werde.
"Ich weiß schon was du mir sagen willst" kontere ich genervt "und es ist mir egal, ob du es mir am Telefon bestätigst oder ob du mir dabei die Hand auf die Schulter legen kannst."
Es folgt Stille. Sie weint. Das macht sie immer, denke ich, die Schuld auf anderen abladen ist ihre Spezialität. Die Werbepause flimmert vor sich hin.
"Mach dir nichts draus, ist schon ok so" breche ich die Stille "Ich hab auch gemerkt, dass es mit uns nicht mehr klappt. Du brauchst jetzt nicht traurig zu sein. Lass uns einfach Freunde bleiben, oder? Heißt es doch immer. Lass uns Freunde bleiben und so. Andere Mütter haben auch schöne Töchter und der ganze Quatsch."
Das macht sie angriffslustig. Ironie hat sie noch nie verstanden, vor allem wenn es um Gefühle geht.
"Du bist so kalt" schluchzt sie "Ich könnte vor deinen Augen kaputtgehen und du würdest es nicht merken. Du würdest dir dann nicht einmal eine neue Freundin suchen. Du würdest einfach so weiter machen wie bisher. Du hättest dann bloß mehr Gründe für deine blöden Witze."
"Wo liegt eigentlich dein Problem? Du sagst mir so durch die Blume, dass du schlußmachen willst und ich denke mir, ok das wird ihr bestimmt auch nicht leicht fallen das Ganze. Heißt es ja immer, dass es für den, der schluss macht, mindestens genauso schlimm ist. Heißt es doch. Steht bestimmt in deiner Cosmopolitan. Schau mal nach! Na vielleicht war es aber auch in der Februarausgabe. Da kann es schon sein, dass du es vergessen hast."
Sie hat aufgelegt. Ein Piepsen ist in der Leitung.
Dr. House spielt auf seinem Luftsynthesizer und ich stelle den Fernseher wieder lauter. Ich frage mich, was sie jetzt wohl macht? Ob sie weint? Ruft sie eine Freundin an oder will sie lieber allein sein? Wird sie bei ihrem Mitbewohner klopfen? Sie wollte ihn eigentlich nicht mehr mit ihren Beziehungssorgen belästigen, nachdem er ihr gebeichtet hatte, dass er für sie mehr als ihr Mitbewohner und Kummerkasten sein will. Sie wird es wohl trotzdem tun. Sie wird sich von ihm in den Arm nehmen lassen und er wird sich Hoffnungen machen. Sie wird sich ein bisschen besser fühlen, weil sie weiß, dass es jemanden gibt, der ihr alles verzeiht und bei dem sie nur mit dem Finger schnippen müsste, wenn sie allein wäre. Das wird ihr ausreichen das Gefühl.
Später klingelt es an meiner Haustüre. Sie steht davor. Sie hat viel zu wenig an für die kalte Nachtluft, denke ich. Sie will sexy aussehen, oder zerbrechlich. Also hat sie es sich anders überlegt. Sie steht in meiner Küche und will mir unbedingt etwas kochen. Sie überlegt, was sie aus Dosenfisch und Spaghetti zaubern könnte. Sie bräuchte jetzt nur noch eine rosa Schürze und Lockenwickler im Haar, denke ich.
"Wo ist jetzt eigentlich dein Spaghetti-Sieb? Ich hab dir das erst zu den Töpfen gelegt."
Sie sieht, dass es da immer noch liegt.
"Ach da ist es ja. Hab dir ne ganz schöne Ordnung in deinen Schränken verschafft, oder? Na wenn ich denke, wie es da vorher ausgesehen hat!"
Ihre Augenlider sehen geschwollen aus. Ich stell mir vor wie sie ihre laufende Nase gegen die Schultern von ihrem Mitbewohner drückt. Aber dem ist ihr Rotz egal. Der würde jetzt auch gerne ihre Spaghetti mit Dosenfisch essen. „Spaghetti con pesci“ sagt sie dazu und ich glaube ihr Italienisch ist auch nicht ganz in Ordnung.
Was soll ich noch dazu sagen. Sie und ich, wir sind wieder zusammen.






Kommentare
Für mich bleibt nur die Frage, warum du diesen (hervorragenden) Artikel geschrieben hast. Denn Gefühlskälte ist so selten ein Antrieb.
19.08.2008, 22:02 von MarquiseAber vielen vielen Dank für den Blick in einen Männerkopf. Empfehlung.