Cold_Coffee 22.04.2011, 11:57 Uhr 5 8

Dein Lächeln

Nein, ich habe mich in fünf Sekunden nicht verliebt. Ich denke an dich, wenn ich morgens in die Bahn steige und es mal wieder einer dieser Tage ist.

Es ist kalt. Ich habe schlecht geschlafen. Ich konnte nicht einschlafen. Als ich eingeschlafen war, klingelte gefühlte fünf Minuten später der Wecker, den ich gekonnt ausgemacht habe. Im Schlaf versteht sich. Ich bin der perfekte Snoozer.
Ein Tag ohne Snoozen ist ein verlorener Tag. Aber wozu das führt, weiß ich schon längst. Ich verschlafe fast jeden Tag. Heute reichte die Zeit gerade einmal für Duschen, Kaffee und los.
An solchen Tage hasse ich die Welt schon bevor ich das Haus verlasse. Ich geh müde und noch total benommen von der Nacht die Straße entlang.

Die 500 m zu S-Bahn kommen mir vor wie ein Halbmarathon. Ich muss den kurzen Weg nehmen, um nicht erst gegen Mittag im Büro zu sein. Der kurze Weg bedeutet S-Bahn durch den Gesundbrunnen und dann mit der U-Bahn weiter. Ich mag diese Strecke nicht. Ich mag die Berliner U-Bahn nicht. Ich mag diese vollgestopften S-Bahnen zur Rush Hour nicht.
Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem es scheinbar vielen so ging wie mir. Der Bahnsteig ist voll und schon hier merkt man, was für ein Tag heute ist.
Lächeln? Was ist das denn? Machen das diese komischen Leute, die gute Laune haben? Am Mittwoch - 9 Uhr am morgen? Gute Laune? Jeder bewegt sich in seinem Trott und nimmt sein Umfeld nicht wahr. Zumindest nur zu einem gewissen Grad, der es uns ermöglicht, uns weiterhin abzuschirmen und zu wirken, als wenn alles an uns vorbeizieht.

Die Bahn rollt ein, wir steigen ein. Ich krame meine Kopfhörer hervor. Ich brauche Musik. Azure von Paul Kalkbrenner scheint da genau richtig. Ruhig, chillig und nicht zu anstrengend. Ich beobachte die Menschen um mich rum, so wie jeden Tag. Musik hören, Zeitung lesen, Kaffee trinken. Ein paar wenige unterhalten sich. Nicht viel, nur ein paar Worte. Hauptthema wie die gesamten letzten Monate: die viel zu kurzen Züge, Verspätungen und die stets und ständig vollen S-Bahnen. Ich stehe auf. Ich mache einer älteren Dame Platz.
Danke? Nein, dieses Wort scheint sie nicht zu kennen. Ich mache gerne Platz für Menschen, die sich setzen müssen, aber ist es zu viel verlangt dieses Wort in den Mund zu nehmen? Scheinbar ja! Ihr seht es als selbstverständlich an. Das macht mich wütend und fördert nicht gerade meine Laune an diesem Mittwochmorgen.
Noch dazu hat es gerade angefangen zu regnen.
Noch zwei Stationen und dann muss ich umsteigen. Die Bahn wird immer voller, das Gedränge größer. Die Gesichter der Menschen werden dunkler und faltiger. Mittlerweile redet keiner mehr. Die Bahn ist voll und trotzdem hat man das Gefühl, dass sie leer ist. Ich schaue durch die Massen und suche nach irgendwas. Aber nach was? Ich blicke wieder aus dem Fenster. Noch eine Station.

Neuer Song. Ich bewege mich langsam Richtung Tür. 2 Meter die an manchen Tagen zur Weltreise werden können. Auf einmal drehst du dich rum. Mich trifft ein Schlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Als ich dir in die Augen schaue macht es krawumm. Mein Herz bleibt stehen und rutscht in den Magen. Die Bahn hält. Ich muss aussteigen. Du lächelst. Ich lächle dich an. 5 Sekunden haben wir uns die Augen gesehen. 5 Sekunden, die diesen Mittwoch verändert haben. Ich hätte sollen nicht aussteigen. Ich hätte dir meine Nummer zurufen sollen. Wie kannst du mich einfach anschauen und es krawumm machen lassen? Ich habe dich kaum gesehen, kann mich aber dennoch an so viele Details erinnern. Deine langen, lockigen blonden Haare. Deine kleine Nase. Die ersten Sommersprossen auf deiner Nase. Dein Lächeln. Was wäre passiert, wenn ich nicht ausgestiegen wäre?

Ich wollte dich wiedersehen.
Ich bin die nächsten Tage zur gleichen Zeit, den gleichen Weg ins Büro gefahren. Ich mag diesen Weg nicht, aber ich hoffe dich noch einmal zu sehen und diesmal nicht auszusteigen. Ich musste die Tage nach diesem Mittwoch an dich denken. Ich tu es auch jetzt noch manchmal. Nein ich habe mich in 5 Sekunden nicht verliebt. Ich denke an dich, wenn ich morgens in die Bahn steige und es mal wieder einer dieser Tage ist. Und weißt du wieso? Weil du mir mit deinem Lächeln den Tag verschönert hast. Wenn ich jetzt morgens in die Bahn steige und an dein Lächeln in diesem Moment denke, dann muss ich lächeln und alle schlechte Laune ist weg. Verflogen, hinter den Wolken. Und ich merke eins. Mein Lächeln ist ansteckend. Du hast mir gezeigt, was ein Lächeln alles bewirken kann.

Vielleicht habe ich ja Glück und du liest diese Zeilen. Ich würde dich gern wiedersehen. Nein kein Date, keine Verabredung.

Es würde mir genügen, wenn du an mir vorbei läufst und mich anlächelst.

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5 Antworten

Kommentare

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    versteh ich voll ! am schlimmsten ist es im winter, ostkreuz, sieben uhr morgens. ich sterbe jeden morgen !

    sehr schöner text. mag ich !

    04.05.2011, 02:40 von saruschel
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    Ich drücke dir die Daumen ;-)

    01.05.2011, 19:02 von ami86
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    Ich kann deine morgendliche Situation nachvollziehen :) Die Hoffnung die bestimmte Person morgens wieder zusehen.. Und vielleicht mal "guten morgen" zu sagen :) Gib die Hoffnung nicht auf... Irgendwann wirst du sie morgens wieder sehen.

    30.04.2011, 15:35 von yc
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    Also, mir gefällt der gut....

    30.04.2011, 07:29 von trari
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    Puh,

    Gott sei Dank hatte ich noch MCP-Tropfen zu Hause.

    22.04.2011, 19:42 von Matsumoto
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      @Matsumoto Hoffentlich treten keine Nebenwirkungen auf.

      22.04.2011, 19:52 von sovielzeitmusssein
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