Dein Bild
Du bist ein Rechtfertiger. Ständig hast du das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen, manchmal wird es aber auch explizit von dir verlangt.
Wenn man etwas darstellen will, muss man sich rechtfertigen. Man entwirft ein Bild von sich, präsentiert dieses Bild seinen Mitmenschen und muss sich erklären, erklären, warum man so geworden ist, wie man ist, warum man so bleiben wird und oft genug muss man Zusammenhänge zwischen seinem Verhalten und dem entworfenen Bild herstellen, weil andere es auf den ersten Blick nicht verstehen. Oder weil es eigentlich gar nicht zu deinem Bild passt, du dies aber nicht zerstören willst und somit: rechtfertigst du dich, verstrickst dich in Aussagen und bist am Ende noch von dem überzeugt, was du erschaffen hast, eine Farce, vielleicht sogar eine Lüge, eine für andere und für dich selbst und die anderen schenken die besten oder schlechtesten Fall Glauben. Du bist Nihilist, du bist Punk, du bist Altruist, tolerant, Menschenkenner, Psychologe gar, oder du glaubst es zu sein, aber du verstößt manchmal gegen dich selbst, gegen dein Image, gegen dein Symbol, gegen deine Darstellung und dann fragst du dich „Bin ich das wirklich?“. Du steckst in einer Krise. Du darfst aber nicht schwach werden, denn dann wirst du nicht mehr ernst genommen. Denkst du. Du willst dir keine Ausnahmen zugestehen, das kratzt an deiner Credibility. Du willst in den Spiegel schauen und dich sehen, so wie du dir dich vorstellst, deinen Entwurf von dir selbst. Da darf kein Kratzer auf dem Spiegel sein, nichts, das dich verzerrt. Und wehe jemand behauptet, du wärst nicht echt.
Man nehme: Du bist Vegetarier, das war mal „in“ und Tiere magst du auch ganz gern, alle haben teils bewundernd, teils abschätzig über dich oder zu dir geredet, beides hast du genossen und abends, wenn du dachtest, dass niemand es mitbekommt, dass die Verschwiegenheit der Nacht dich schützt, hast du eine Scheibe Salami von deinem Mitbewohner stibitzt und sie genüsslich verzehrt. Aber im Verdrängen bist du gut. Es war doch nur eine, aber es war eine pro Abend und dann kaufst du im Supermarkt eine neue Packung, damit es nicht auffällt, nimmst ein paar Scheiben heraus und isst sie auch, damit die Packung so aussieht wie die, die du leer gegessen hast. Und am nächsten Tag lernst du Isabell kennen und sie bemerkt, dass du dir die türkische Teigtasche ohne Fleisch bestellst und sie fragt warum, und du sagst vollkommen von dir überzeugt: „Ich bin Vegetarier.“
Es ist schwer, das Bild zu erschaffen, es ist noch schwerer zu lernen, was es beinhaltet, noch viel, viel schwerer es in all seinen Facetten zu leben. „Sei einfach du selbst“, ja gut, aber was oder wer bin ich? Was gehört zu mir, was hab ich mir auferlegt? Anlage-Umwelt, bin ich mir selbst auch ein Teil dieser Umwelt? Beeinflusst man sich selbst? Ich persönlich bin mir da beinahe sicher. Ich benehme mich so, wie ich mich benehmen möchte, weil ich so wahrgenommen werden will, weil ich schräg angeguckt werden will oder weil ich jemandem in die Augen sehen und wissen will, dass ich gut bin, in dem was ich bin. Gut nicht in dem Sinne, dass es jedem gefallen muss, der deinen Weg kreuzt, aber er muss dir deine Persönlichkeit abnehmen, die Möglichkeit haben, dich in eine Schublade zu stecken, nämlich die, die du dir eingerichtet hast, bis sie dir gefiel. Sich irgendwann einmal eingestehen zu müssen, dass das Bild nicht perfekt ist, dass du gegen seine Vorgaben verstößt, ist schwer und es lässt sich mit dem Heraufwürgen der Katze eines Fellballs vergleichen. Aber dann entdeckst du, dass du kein fertiges Gemälde gemalt hast, dass du Verbesserungen vornehmen kannst, oder auch Dinge retuschieren darfst, weil es DEIN Gemälde ist. Dass deine Persönlichkeit teilweise schief, aber das nicht schlimm ist, keiner wird dir das krumm nehmen, denn wir sind alle so. Eine schiefe Skulptur, die nicht kontinuierlich gerade gerückt werden muss.






Kommentare
Super, dein Teaser ist 1a und ich hab mich auf den Text gefreut. Nur bitte bitte schreib etwas anderes anstelle von "Credibility". Ähm - im Zweifelsfall Glaubwürdigkeit? Das hat mir den ganzen Text versaut. Und die Vergleiche sind mir zu überzogen. Was hat eine Katze, die einen Fellball auswürgt mit deinem verfälschten Selbstbild zu tun. Da entsteht bei mir irgendwie kein Bild. Ich bin auch dafür, den letzten Satz zu streichen.
05.08.2010, 15:45 von FirewallMir gefällts inhaltlich sonst aber sehr gut.
Ich finde, Imagepflege ist was für Leute, die Angst vor Veränderungen haben!
01.08.2010, 22:14 von phantomannetteHeute bin ich jmd. anders als gestern und wenn es von der Person gestern SEHR abweicht, dann ist das vielleicht bitter, aber die Wahrheit. Wenn eine Vorliebe, ein Geschmack aus etwas altem hervorgeht, dann muss ich es nicht erklären. Und wenn es etwas anderem alten widerspricht, z.b. einem Prinzip, dann muss man eben sein Prinzip überdenken! Wenn man wirklich IST, dann brauch man doch nicht erklären, warum. Eine Banane mit Gendefekt, die im Dunkeln leuchtet, ist immer noch eine Banane....
Hm, ich weiß nicht so recht... Man spricht zwar immer von "Image" und Imagepflege, aber an anderen verurteilen wir auch oft, dass sie sich ein festgefahrenes Bild von etwas gemacht haben, was noch nichtmal ein Vorurteil sein muss, aber oft dazu führt. Ich sage mir auch selbst immer, dass ich mir kein Bild von nichts machen will, besonders von Personen nicht, weil alles sich ständig radikal verändert. Sich ein Bild zu machen ist, finde ich, nämlich etwas, das man aus Faulheit tut, weil man nicht immer von neuem darüber nachdenken will. Natürlich vertraue ich auch Personen und Dingen&Tatsachenusw., aber es ist mehr so ein Vertrauen in "Risiko".
01.08.2010, 22:09 von phantomannetteWas ich eigentlich sagen will :D, ist, dass es doch falsch ist, zu behaupten man wäre tolerant & offen, wenn man sich selbst doch schon irgendwie "in eine Schublade stecken" will. Man ist doch nie diesselbe Person, heute bin ich ganz anders als gestern, weil ich viele neue Erfahrungen gemacht habe, sei es auch nur die Erfahrung, ein weiteres mal irgendwo geatmet zu haben. Ich habe sicherlich noch nie genau so geatmet und unter diesen Umständen wie jetzt gerade. Muss ich mich dann für die Person rechtfertigen, die ich vor einem Jahr war? Sicher, es ist schade, wenn man heute sagt, man wäre Atheist, morgen, man wäre Agnostiker und übermorgen, dass man gläubig ist. Doch ist das allemal wahrer, als wenn man immer versucht, seine neuen Vorlieben usw. mit den alten Vorlieben und den alten Prinzipien (seinem "image"?) in Einklang zu bringen. Wenn ich irgendwie bin, tu ich doch automatisch Dinge, die mit meinem Sein in Einklang sind. Sobald ich großartig darüber nachdenken muss, wie ich das jetzt wieder "hinbiege", ist es eine Lüge! Wenn man von sich sagt, man sei tolerant, dann sollte man auch tolerant gegenüber sich selbst sein und sich auch eingestehen, wenn man mal ganz anders ist als sonst. Wenn man dann mal irgendetwas nicht tolerieren will, was eigentlich zu tolerieren "gut wäre", dann macht einen das ja nicht untolerant, sondern lediglich untolerant in dieser Sache! Eine Banane mit Gendefekt, die deshalb im Dunkeln leuchtet, ist immer noch eine Banane!
Meiner Meinung nach ist "Image" was für Leute, die Angst vor Veränderungen haben.
gefaellt mir!! ganz einfach, ohne diskussion: gefaellt mir!
01.08.2010, 21:34 von abbsgefällt mir und ist so nachvollziehbar in der eigenen umwelt!
01.08.2010, 18:26 von tin08klfinds auch etwas verschachtelt....
01.08.2010, 16:34 von allesistweissaber das ist meine einzige kritik.
mitlerweile versuche ich solche dinge wie in deinem beispiel, heimlich salami essen, einfach öffentlicher zu gestalten....
ist doch dann viel einfacher.
Einfach nur geil.
31.07.2010, 10:46 von leerebrotdoseGuter Text. Es regt zum Nachdenken an und das gefällt mir sehr.
30.07.2010, 17:43 von Sumpflibelle