Dazu sind wir nicht gemacht!
Die "Generation Chaos" versinkt im Müll. Der Konsumterror kostet uns den letzten Nerv. Hören wir auf, gegen unsere genetische Bestimmung anzukämpfen.
Radio hörend sitzen wir beim zweiten Frühstück. Über den Äther schallt ein Interview mit einem der Frontmänner der Band „Seeed“, der gerade von seinem früheren WG-Leben erzählt. Stress habe es da immer gegeben, wegen des leidigen Saubermach- und Aufräum-Themas. Des weiteren berichtet er von der wohl unordentlichsten Zeit seines Lebens, als er alleine gewohnt habe: „Da musste man teilweise für zwei Wochen die Küche sperren, die konnte man nicht mehr betreten!“ erklärt er reumütig. Wir blicken uns an: ja, wer kennt das nicht.
Gestern wirbelten wir noch durch die Wohnung und versuchten, Licht in das Dunkel, bzw. Ordnung in das Chaos zu bringen. Wir wissen: würden wir das regelmäßig, nebenbei, so mit dem Alltag nebenher laufend erledigen, würden wir die leeren Tetra-Packs gleich wegschmeißen, benutztes Geschirr sofort in die Spülmaschine räumen (und diese nach dem Waschgang zeitnah ausräumen, so dass sich keine „Oh-sie-ist-voll“-Verzweiflungs-Stapel bilden können), würden wir es schaffen, aus dem Regal geholte Bücher nach deren Benutzung wieder zurückzustellen, Kleckerflecken wegzuwischen, Briefe nach dem Lesen abzuheften oder wegzuwerfen, gehörte CDs zurück in die Hülle und samt dieser zurück ins Regal zu stellen – ich muss einmal kurz Luft holen und merke: ich glaube, ich habe deutlich gemacht, worum es geht.
Wir (fast) alle sehnen uns nach Ordnung, nur halten – im wörtlichen Sinn, sie nicht wieder gehen lassen – können wir sie nicht. Nach mehreren Wochen nichts-Tun kommt dann regelmäßig das böse Erwachen: das Aufräumen und Saubermachen dauert plötzlich doppelt so lange, als es müsste, wenn man all die oben aufgezählten Dinge doch nur geschafft hätte oder wenigstens schon eine Woche früher angefangen hätte, das Chaos in Angriff zu nehmen. „Wir“ – damit meine ich längst nicht nur meine WG. Ich brauche mich bloß in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umzusehen um zu erkennen: Man kann beinahe von einer ganzen „Generation Chaos“ sprechen.
Habe ich bislang dieses Problem immer wieder erfolgreich verdrängt und mich mit der bloßen Erkenntnis zufrieden gegeben, dass das Chaos eben zu uns gehört und nie ganz auszuschalten sein wird, hatte ich dagegen heute den Geistesblitz: Zum ersten Mal wurde mir der Ursprung dieses Übels bewusst: der Konsum. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: Je mehr wir besitzen, desto mehr Chaos. Je mehr Verträge wir laufen haben, desto mehr Papierkram. Je mehr Geschirr, desto mehr Abwasch. Je mehr abgepacktes Essen, desto mehr Müll. Je mehr CDs, desto mehr leere Hüllen und hüllenlose CDs (und CDs in falschen Hüllen). Je größer die Wohnung, desto größer die Gesamtoberfläche, die sich Verschmutzungen darbietet. Merkt ihr was?
Denken wir uns zurück in die Zeit, als der Mensch noch in Höhlen lebte, eine Zeit vor dem Konsumrausch von heute: Zu essen gab es, was gerade erjagt oder geerntet wurde – unverpackt. Die Reste konnten getrost in den nächsten Graben geworfen werden, da sie mit Sicherheit biologisch abbaubar waren. Wenn man Musik wollte, musste man eben selbst singen oder es brachte einen darauf, ein frühzeitliches Instrument zu erfinden, was weiß ich. Man hatte also maximal ein Instrument. Überhaupt: der Besitz bestand aus den Kleidern am Körper, der Waffe zum Jagen, und sonst? Man lebte von der Hand in den Mund und wenn man Dreck machte, dann war es entweder egal, da man sich in der freien Natur befand, oder das Chaos war insgesamt sowieso so gering, dass die Hemmschwelle, es zu beseitigen, wesentlich niedriger lag. Ohne den Überfluss muss es uns wirklich verdammt gut gegangen sein, oder? Merken wir etwas? Wir sind offensichtlich biologisch und genetisch nicht gemacht für diesen Konsumterror! Geahnt haben wir es schon lange, jetzt müssen wir nur noch die richtigen Konsequenzen daraus ziehen – back to the roots heißt die Devise.
Es muss ja keine Höhle sein, aber eine einfache Hütte tut es doch auch. Weg mit den Massen von CDs, Büchern und dem restlichen Schrat, mündliche Überlieferung und Selbersingen- und musizieren sind viel kommunikativer. Schnell alle Verträge kündigen und auslaufen lassen. Dann wird ein kleiner Garten angelegt: Selbstversorgung statt Tetrapacks. Damit auch das Thema Müll sich erledigt. Was braucht der Mensch Kleiderschränke voll von Klamotten? Damit ihm warm ist, muss er sich nicht täglich etwas neues anziehen, jeweils eine Kombination für Sommer und Winter tut es doch auch! Besteck, Geschirr und Gläser reichen in der Anzahl der zur Hüttengemeinschaft gehörigen Menschen und die Aktenordner werden feierlich verbrannt. Autark sein, ohne Geld leben, fern vom Terror, der uns befällt, wenn wir erkennen, dass wir nie das Chaos, sondern das Chaos immer uns beherrschen wird. Dann können wir uns wieder selbst spüren – und müssen uns nicht mehr mit dieser in Polyester verpackten, nach Parfum und Deo riechenden und immer dem neuesten Trend hinterherhechelnden Plastik-Version, dieser lachhaften Karikatur unserer wahren Persönlichkeit zufrieden geben.
Wenn sich diese Erkenntnis einmal herumspricht und erst einzelne Menschen, dann aber immer mehr Kommunen dem Konsum-Rausch entsagen, wird eine Kulturrevolution der friedlichen Art möglich sein: wir dürfen uns nicht gegen unsere Natur verhalten, unsere Gene erlauben es uns nicht, so zu leben, wie wir es tun. Volkskrankheiten wie Depressionen und Diabetes sind nur einige der schwerwiegenden Symptome der Schäden, die wir erleiden, wenn wir uns diesem ungesunden Zustand aussetzen. Der Mensch ist krank, das zeigt sich nicht nur am Chaos, dessen er nicht Herr wird, aber auch. Du, und ich, und wir alle müssen uns bei den Händen fassen und erkennen:
Dafür sind wir einfach nicht gemacht.




Kommentare
klasse text, der mal wieder zu den sachen gehört die ich genauso sagen will. gefällt mir echt gut, die ideen sind ein anfang
15.06.2010, 19:02 von nana-oIch empfinde das moderne Leben ebenfalls als destruktiv. Es gibt einen gewissen Fahrplan in unserer Zivilisation der ganz gut funktioniert solange man nicht aus dem Rahmen fällt, aber der ist nicht für jeden gemacht. Leider wird man nicht gefragt ob man mitmachen möchte und von Ernährung bis Alltagsgestaltung entsprechend fehlkonditioniert, so dass ein späterer Ausstieg gleichbedeutend mit seelischem und körperlichem Abbau wäre. Also hinterherhecheln... ein Leben lang ... ARGE ist keine Alternative. Ein Leben mit ALGII fesselt einen noch mehr an Bürokratie, elektronische Unterhaltung, Industrie und Pharmakonzerne.
11.05.2010, 18:49 von David_IsaakDas problem zu lösen ist ganz leicht! Wenn die idee die ich habe nicht schon in der tat umgesetzt wurden is und nur darauf wartet los gelassen zu werden. Eine riesiger EMP Pulsblaster sollte reichen um uns alle in die Steinzeit zu versetzen! Aber warum sollte man Millarden Euros dafür ausgeben, wenn man die Steinzeit nur ein paar Flugstunden im Congo oder sonst wo hat! Zu dem is das viel besser, weil man dann noch die möglichkeit hat wieder zurück zufliegen! Es sei den man wird net voher von denn riesen Mücken gestochen..die bis jetzt eine unbekannte Krankheit in sich tragen. Wir beschweren uns, weil unsre Bude zu gemüllt is und wir zu faul sind, sie wieder aufzuräumen? Müllt mal eure Steinzeithöhle voll und wundert euch nicht wenn ihr am nächsten morgen aufwacht und ihr zur hälfte angenagt seit weil der geruch von Müll..ein echt Putzigen Säbelzahntiger angelockt hat! Tja früher hatte man keine Alarmanlage^^ Seit einfach mit dem zufrieden was ihr habt^^
24.04.2008, 15:54 von KlausAufSchöner Text. Hatte Spaß beim Lesen ... wurde aber leider auch daran erinnert, dass es bei mir auch mal wieder so weit wäre. :-/
31.03.2008, 20:52 von justJuneAllerdings hört sich das "zurück in die Steinzeit"-Zeug eher nach Hippie-Kommune an. Als schönen Buchtipp hätte ich dazu: "Drop City" von T.C. Boyle ... seeehr lustiges, geniales Buch!
Netter Text! Ich denke wir sollten verantwortungsvoller konsumieren um nicht die menschen in den armen ländern "totzukonsumieren" ich verweise mal auf den text Forum/netzwerk für kritische konsumenten. was haltet ihr von der idee??
07.07.2007, 19:38 von sven_nIch gebe dir in dem Punkt Recht, dass der Konsom nicht die Überhand über alles andere nehmen sollte.
17.04.2007, 21:56 von KeksmausIch gehe davon aus, dass viele Produkte ursprünglich erfunden wurden, um das Leben zu erleichtern und Zeit für das "Wesentliche" zu erhalten.
Wie man auch immer dieses "Wesentliche" definieren will- meiner Meinung nach tritt es immer weiter in den Hintergrund.
Stichwort: Schönheits-OP