The_Blessed. 13.01.2015, 22:15 Uhr 0 0

Das waren doch die anderen...

Über Tische, Wecker, Dating und ihr Zusammenhang mit der Schuld.

Verdammt! Dieser blöde Tisch hat es doch tatsächlich wieder einmal hinbekommen,  eines seiner Beine auf den Millimeter genau vor meinen kleinen Zeh zu stellen um mir so eine unausweichliche Falle zu stellen! Du bist ein ganz gemeiner, hinterlistiger Tisch!
Wer hatte diesen Gedanken bei seinem letzten schmerzhaften Zusammenprall mit einem (wahrscheinlich eigens hineingetragenen und platzierten) Möbelstück nicht? Den angeschwollenen Zeh und den gerissenen Nagel hab ich mir nicht selbst zuzuschreiben,  ist die konkrete Nachricht, die man sich selber damit gibt. Weil man aber irgendeinen Schuldigen in seinem exklusiven Zustand der Gefühle benötigt (der Fuß tut ja höllisch weh!), auf den man seine gesamte Wut über den Schmerz projizieren und abladen kann,  kommt es nicht gerade selten zu einer Beschädigung des gottverdammten Tisches, der dazu meistens noch mit einem Wortschatz verunglimpft wird, der weit unter der Würde unserer komfortbereichernden Möbelstücke liegt.
Betrachtet man dieses animalische, identische und sehr häufig auftretende Verhaltensmuster von uns, so kommt man meistens um ein kleines Schmunzeln über sich selbst nicht herum.
Zu lustig ist der Rückblick auf den eigenen Wutausbruch und dem daraus gefolgten wilden Eindreschen auf die Tischplatte, was oftmals noch mehr Schmerzen als vorher verursachte und dadurch einen gesteigerten Hass auf den Tisch schürte.
Die Möbel werden unseren inneren Cholerikern wohl Stand halten. Schlimmstenfalls kaufen wir Sie eben nach. Aber ist irgendjemandem schon einmal aufgefallen, dass wir uns gegenüber unseren Mitmenschen sehr ähnlich verhalten?
Lassen wir die Gewalt mal aus dem Spiel, so bleibt - rein theoretisch gesprochen - das Geschehen eines Malus an uns, die Identifizierung seines Verursachers und die Projektion der daraus resultierenden Gefühle auf ihn. Klingt vorerst plausibel,  jedoch geschieht die Identifizierung in Falle eines Malus in fast allen Fällen unter Ausschluss unser Selbst.
"Warum habe ich die Hausaufgaben nicht gemacht?" - Weil ein Kommilitone meinte, es hätte keine gegeben.
"Warum bin ich nicht pünktlich zum Meeting gekommen?" - Weil der Wecker zu leise geklingelt hat, wenn überhaupt.
"Warum will mein/e Angebetete/r kein zweites Date mit mir haben?" - Weil er/sie einfach nicht zu mir passt.
"Warum habe ich die Abgabefrist meines Projektes nicht eingehalten?" - Weil die Anderen mich permanent von der Arbeit abgehalten haben.
Stunden- und besonders Seitenlang könnte ich diese Liste fortführen, doch das Muster wird bereits jetzt klar.  Wir neigen fast alle dazu, unseren Mitmenschen, Gerätschaften und Technologien die Schuld für Ereignisse zu geben, die wir eigentlich selbst verbockt haben.

Viele behaupten von sich und der Gesellschaft heute, in einer ständigen Selbstreflexion zu weilen, so ihr jeweiliges Verhalten zu verbessern, ihre Lebensqualität zu erhöhen. Das mag in vielen Bereichen stimmen. Wir ernähren uns bewusster, treiben mehr Sport, machen gerne auch mal ein paar Arbeitsstunden mehr als vorher und nehmen uns hier und dort öfter Zeit für die Familie. Das sind zumindest die häufigsten Vorsätze der Menschen in Deutschland. Doch wenn wir schlechte Dinge, die scheinbar extern an uns herangetragen werden, betrachten, so kommen wir doch sehr oft nicht aus unserer gewaltigen Schutzblase hinaus.
Das können wir besser!
Vielleicht fragen wir nächste Woche direkt den Lehrer, was als Hausaufgabe zu erledigen ist, stellen uns ein paar mehr Wecker, bei denen wir uns sicher sind, dass sie uns auch wecken.
Beim nächsten Date reden wir nicht drei Stunden lang über unsere täglichen Heldentaten und lassen die andere Person auch mal zum Zuge kommen. Und vielleicht fangen wir für das nächste Projekt früher an zu arbeiten und planen es besser durch.
Doch am Anfang all dieses Schaffens steht die Einsicht, dass wir an vielen schlechten Ereignissen zumindest eine Mitschuld,  wenn nicht die komplette Verantwortung tragen. Den Anstoß für die Umwälzung unserer Lebensweise in anderen Bereichen haben schließlich auch diejenigen gegeben, die ihre Fehler kritisch erörtert und daraus fehlerbehebende Schlüsse gezogen haben. Das Muster, was dabei herauskam und sich jeder so kunterbunt zusammenstellen kann wie er möchte, ist also größtenteils ein Produkt der Einsicht. Ein konkretes Beispiel: Wenn niemand den Massenkonsum von tierischen Produkten hinterfragt hätte, wäre die vegane Welle in unseren Breitengraden höchstwahrscheinlich niemals entstanden.
Wagen wir also genau diesen Schritt. Verlassen wir den ungemein dickflüssigen Quark der eigenen Komfortzone.
Vielleicht klappt's mit der Einstellung ja auch beim nächsten Date und der Tisch bleibt ganz.


Tags: Schuld, Schuldfrage, wir
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