Icke_un_du_ooch 07.03.2010, 23:16 Uhr 37 36

Das Urteil.

Eine Rechtfertigung gibt es nicht. Man kann nur versuchen, es zu verstehen.

Jeder Straftäter erhält nach dem deutschen Strafgesetzbuch sein eigenes Urteil. Und damit einen Stempel. Dieser ist nicht sichtbar, dennoch ist er da. Und er tut weh. Denke ich. Aber es tut auch weh, das Opfer einer Straftat zu sein. Vergewaltigung, Totschlag, Raub. Kapitalverbrechen. Ich habe mich in diese Welt gewagt, obwohl mich Friedrich Nietzsche mehrfach mit erhobenem Finger ermahnt hat. Es ist ein schweres Geschäft, es geht immer um mindestens ein Menschenleben. Dieses liegt in meiner Hand, und ich muss aufpassen, dass ich es nicht fallen lasse. Die Frage, die ich mir oft stelle ist, soll ich es fallen lassen? Obwohl ich eigentlich helfen sollte?

Ich rede jeden Tag mit Mördern, Vergewaltigern, Kinderfickern. Und ich nicke, wenn sie mir von ihren alltäglichen Gefängnisproblemen erzählen. Ich regle, dass letztere nicht in der Gruppe duschen gehen müssen, damit die Seife nicht runterfällt. Aber Du willst das. Schließlich hat er ja ein Kind gefickt. Ich helfe Vergewaltigern, mit ihrer Sexualität umgehen zu lernen. Du willst, dass ihnen der Schwanz abgehackt wird. Mache ich deswegen einen schlechten Job? Weil ich Monstern, wie du sie nennst, helfe? Ich denke nicht. Ich betreibe Opferschutz in Form von Resozialisierungsmaßnahmen. Das versteht nur keiner, und ich ernte misstrauische Blicke, wenn ich deine Hand zu fest drücke. Knastkoller.

Ich habe mich bewusst entschieden, mit Monstern zu arbeiten. Aber du vergisst eins, selbst ein Monster ist ein Mensch. Keiner ist von Grund auf Böse. Aber ich möchte auch niemanden verteidigen müssen. Auch nicht mich selbst. Ich kann diesen Job nur machen, weil ich niemals mit den Opfern in Kontakt trete. Ich sehe keine weinenden Kinder, keine trauernden Familien, keine Frauen, die sich wie Dreck fühlen. Ich weiß, dass es sie gibt, und ebenfalls, dass ihnen geholfen wird. Ich sehe nur die Leben, die hinter Gittern enden.
Und muss mich wieder rechtfertigen.

Ich mache meinen Job gerne. Ich gehe mit gutem Gefühl durch die Schleuse, ich schenke gerne ein Lächeln, und mein Repertoire an fragwürdigen Witzen zwischen den Zellentüren ist unerschöpflich. Weil, bei aller Kritik, bei allem Mitgefühl für die Opfer, man darf nie vergessen, dass hinter jeder Tat eine Geschichte steckt.
Ich weiß nicht, wie mein Leben heute aussehen würde, wenn mein Vater mich regelmäßig in den Arsch gefickt hätte, während meine Mutter besoffen pornographisches Material von mir im Internet vertickt hätte. Wenn ich fast verhungert wäre, und deswegen angefangen hätte zu klauen.

Es ist keine Entschuldigung, sondern ein Denkanstoß. Wir hatten einfach Glück.
Glück, dass unsere Familie, unsere Geschichte, unsere Gene uns gut gesonnen waren.
Morgen werde ich wieder in der Welt hinter den Gittern verschwinden, und das erste, was ich höre, nachdem ich mein Büro erreiche wird sein: "Guten Morgen, geht es Ihnen gut? Heute Morgen hat ein Vögelchen an meinem Fenster gesungen, ich glaube, es wird ein schöner Tag."
Und ich werde lachen und sagen: "Ebenfalls einen guten Morgen. Was gibt es heute zu essen, ich bin am verhungern."
Die Antwort: "Heute gibt es Apfelpfannenkuchen, die mögen sie doch so sehr, ich habe extra mehr für Sie bestellt." sprach der Mann, der das Leben seiner Frau gewaltsam beendet hat und lächelt.

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Kommentare

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    Für mich ist dieser Text nicht mehr als ein arg kurz geratener Einblick in ein Beruffeld. Was diesen Job tatsächlich zur Berufung machen könnte, kommt genauso kurz wie die ins Leere führenden Reflexionen über Menschen und ihre Abgründe.

    17.08.2010, 10:58 von DarenBRens
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    verrückt, ich hab den Text schon vor ein paar monaten gelesen, jedoch vergessen wo, und nun wiedergefunden.
    guter denkanstoß!

    29.07.2010, 10:15 von aftermayitsjune
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ich mein...wenn einer mit einem text 2x aufe1...dann die icke...aber...aber?!?!?

    28.07.2010, 21:42 von AnnaEcke
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      @AnnaEcke Der seltsame Grieche bringt jetzt alle Kritiker, der Livereportage, auf die Startseite...

      28.07.2010, 21:53 von Matsumoto
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      @Matsumoto krkrkrkr...ach soooo!

      28.07.2010, 21:56 von AnnaEcke
    • 0

      @AnnaEcke Miste. War nett gemeint, es ist ein toller Text. Aber offensichtlich habe ich meine Privilegien unterschätzt. Ich fasse jetzt einfach nichts mehr an und gehe schlafen. Hier ist es immerhin eine Stunde später.

      Verdammt, verdammt.

      28.07.2010, 22:35 von michalis_pantelouris
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    wieso isn der text jetzt auf der 1? der war doch schomma?!

    28.07.2010, 21:41 von AnnaEcke
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    Weil, bei aller Kritik, bei allem Mitgefühl für die Opfer, man darf nie vergessen, dass hinter jeder Tat eine Geschichte steckt.

    genau so ist es. guter text!

    10.05.2010, 13:36 von nic.is.listen
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    Brisantes Thema, viele Möglichkeiten deine Ansichten zu interpretieren...
    Erstmal vorneweg: jeder hat andere Ansichten und es wäre schlimm, wenn dem nicht so wäre!

    Wir alle sind ein Produkt aus Erziehung, Erbanlage, Umwelt und Vernunft, wobei letzteres stark vom Rest beeinflusst wird. Wie gesagt, hier geht es um MEINE Meinung, nicht dass gleich wieder diverse Schlachtermesser gezückt werden...
    Ich finde deinen Job respektabel, denn es ist nicht leicht diesen Menschen mit einer Einstellung zu begegnen wie du es tust.Ich finde es sehr interessant wie du die dennoch vorhandene Menschlichkeit beschreibst und hervorhebst, denn wir wissen nicht, was in der Geschichte dieses Menschen passiert ist, um solche Taten auszulösen. Trotz allem sind wir immer noch Menschen- jeder einzelne von uns!

    Super Text mit vielen Denkanstößen und einfach aus dem Leben heraus- DANKE!!

    01.04.2010, 10:08 von sandra.sonnenschein
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    WOW!
    Kein einfacher Job, aber mit Sicherheit ein wichtiger!
    Ich finde deine EInstellung und die Arbeit, die du da machst hat wirklich Respekt verdient.
    Ich find die Diskussion hier und auch den Text echt klasse!
    Für mich persönlich gewinnbringend und lässt mich auch über meine eigene Einstellung gegenüber Straffälliggewordenen nochmal nachdenken!

    lg rumtopf

    ps: ich werd wohl demnächst nochmal nen bissl in deinen Artikeln stöbern! ABer für heut ist Feierabend! ;o)

    01.04.2010, 00:30 von rumtopf
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    Toller Text der zum Nachdenken anregt. Und vor allem eine tolle Einstellung deinerseits. Respekt dafür!

    Finde ich besser als all die, die glauben dass sie von "oben herab" jegliche Handlungen unterschiedlichster Persönlichkeiten beurteilen und vor allem verurteilen können. Nur weil sie es sich verdammt einfach machen und ihre Erfahrungen, Intelligenz oder Wertmaßstäbe auf andere Projizieren.

    31.03.2010, 00:01 von der.Schlawiner
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    "Wir hatten einfach Glück. Glück, dass unsere Familie, unsere Geschichte, unsere Gene uns gut gesonnen waren."

    Wie bitte? Was hat das denn mit Glück zu tun? Ich könnte echt kotzen bei diesem Satz...das klingt, nein IST naiv!

    13.03.2010, 14:00 von grosser_floh
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      @grosser_floh Warum regt das so auf ?
      Wer in einer Welt aufwächst, in der er alles Wichtige hat, der hat sich seine Lebensumstände ja nicht erarbeitet, er kann zunächst, am Beginn seines Lebens, mal nichts dafür. Ebenso halte ich es für einen glücklichen Umstand, wenn man liebevolle Eltern hat, wenn man finanziell und auch emotional im Wesentlichen versorgt hat, wenn man eine unbeschwerte Kindheit hat.
      Da gehört in meinen Augen schon Glück dazu.
      Wenn es dann um Entscheidungen im Leben geht, ok, das hat dann weniger (aber immer noch zu einem gewissen Anteil) etwas mit Glück und Unglück zu tun.
      Warum gibt es so viel Widerstand gegen diese Ansicht ?

      15.03.2010, 09:40 von Cyro
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