ShakespearesSchwester 11.10.2018, 16:38 Uhr 3 4

Das unmoralische Angebot

Es ist meine erste Woche als Aushilfe, Meky mein Boss.

Als Frau im Lager zu arbeiten, ist wie an einer Berufsschule vorbeizulaufen, die eine Kooperation mit der JVA eingegangen ist. Sobald eine Frau ins Sichtfeld gerät, lässt der Trieb den Mann an Gitterstäben reisen. Irgendwie erwartbar und trotzdem juckts mich nicht, ob meine Kollegen am Wochenende gut gefickt haben, bei welcher Nutte Alex Rabatt bekommt, oder wie es sich anhört, wenn Patrick „der Lutscher geht rum“ summt. 

Das alles ist erbärmlich und zugleich bemitleidenswert. Vor allem aber ist es mir zu mühsam Mythen á la ein kurzer Rock = Einladung zur Vergewaltigung zu zerstören. Nicht für immer, aber zumindest auf Dauer, sag ich mir, und halte am Ende dann nicht länger als vier Wochen durch.

Meky ist der Lagerboss, ohne ihn läuft nix. Deshalb und auch weil es doll weh tut, wenn er deutsch spricht, kann ihn kaum jemand leiden. Ein dunkelbraunes Speckfältchen ragt über seinen Hosenbund, man sieht es, wenn er seinen Rücken durchstreckst und die Arme nach oben reist. Seine Hände haben Schwielen, seine Wirbelsäule wirkt beansprucht. Er riecht nach einer Mischung aus Minze und Schweiß. Wenn er seinen Mund öffnet blitzen makellos weiße Zähne daraus hervor. Ich schätze Meky auf Mitte fünfzig, er könnte aber auch etwas jünger sein.

Während Meky und ich gemeinsam an einer Verpackungsstation arbeiten, bittet er mich um ein persönliches Gespräch. Ich frage ihn, ob wir das nicht hier an Ort und Stelle klären können, er schüttelt den Kopf. 

Auf dem Weg zu meinem Auto erkenne ich seines schon von weitem. Als ich daran vorbeigehen möchte, lässt er das Fenster auf der Beifahrerseite runter. Ich senke meinen Kopf um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Ob wir nicht noch ein bisschen zusammen wohin fahren könnten, hier sei es zu nah am Arbeitsplatz. Am Ende fahren wir, jeder für sich ein paar hundert Meter weiter, um dort zu reden. Ich fühle mich unwohl, schaffe es aber auch nicht zu widersprechen.

Ich steige aus, er steigst aus. Dabei hält er eine Zigarette in der Hand, bläst rauch in die Luft und legt los. 

Für einen Ausländer im Allgemeinen, aber ihn im Speziellen ist es ja so schwierig eine Frau zu finden in Deutschland. Er hat es ja schon oft versucht auf verschiedenen Dating Apps. Er weiß ja, dass ich einen Freund habe und trotzdem will er wissen, ob ich nicht Interesse daran habe mit ihm mal was zu machen, er zahlt mir auch Geld dafür. Überhaupt spielt Geld für ihn keine Rolle. Schleißlich zahlt er ja auch noch die Wohnung seiner Ex-Frau in Ägypten. Dementsprechend ist es auch kein Problem für ihn die Wohnung für meinen Freund und mich zu zahlen und falls ich selbst kein Interesse daran habe, vielleicht doch eine Freundin von mir?

Ich befinde mich irgendwo zwischen Ekel, Mitleid und Verachtung. Anstelle ihm an Ort und Stelle eine Ansage zu machen, fördere ich nur ein Grinsen zu Tage, das ihm meine Abneigung signalisieren soll. Meine Schlagfertigkeit hat mich im Stich gelassen. Meine Selbstachtung dahin. Das fühlt sich ziemlich beschissen an. Das weiß er. Er weiß das, weil er den Abstand zum Arbeitsplatz vergrößern wollte und weil er am Ende des Gesprächs um Verschwiegenheit gebettelt hat. 

Ich vertraue mich einer Kollegin an und auch ein Kollege erfährt von der Geschichte. Kurz vor seiner Kündigung erleichtert er sich.

Am Ende werde ich in das kleine Kabuff im Lager gebeten, wo ein Vorgesetzter das Gespräch mit der Frage: „Wie fühlen Sie sich denn hier?“ einleitet. Weiter geht es mit Fragen, aus der Rubrik „Warum haben Sie sich nicht direkt an die Personalabteilung gewandt?“ Vorwurfsvoller Blick und Tonlage inklusive, schafft es der Vorgesetzte, dass ich mich  erst einmal gebührend dafür entschuldige. Ich schildere was vorgefallen ist, ohne ins Detail zu gehen.

Unmittelbar darauf ist Meky verschwunden, es ging ihm angeblich schon morgens nicht so gut. Ich arbeite weiter, versuche weiterzuarbeiten, alles wird unerträglich. Ich spüre Blicke auf mir. Kurz darauf kommt Frau H. aus der Personalabteilung auf mich zu und bittet mich mal mit ihr rauszukommen. Ich schildere ihr ausführlich was vorgefallen ist. Sie zeigt sich verständnisvoll, sichert mir ihre Hilfe zu.

Ich arbeite weiter, versuche weiterzuarbeiten, alles wird unerträglich. Ich spüre Blicke auf mir. Wieder kommt Frau H. auf mich zu und bittet mich mitzukommen. Auf dem Weg in den Konferenzraum wedelt sie wild mit ihren Armen trippelt voraus und dreht zugleich ihren Kopf in meine Richtung. „Wenn Sie nur wüssten, was Meky uns gerade erzählt hat dann müssten Sie auch lachen, das ist alles nur ein rieeesen Missverständnis“. Um zu verdeutlichen, wie amüsant die ganze Sache ist, legt sie ihren Kopf in den Nacken zieht ihre Schultern hoch. Ich bin irritiert. Auf dem Weg zum Konferenzraum wiederholt sie mehrmals „Das ist alles nur ein rieeesen Missverständnis". „Das liegt wohl an der Sprachbarriere, daran, dass Sie den Meky einfach nicht so richtig verstanden haben“. 

Drinnen angekommen fährt Frau H. fort: „Der Meky, der wollte einfach nur fragen, ob Sie eine Bekannte haben, die Interesse daran hat ihn kennen zulernen, weil alle Frauen, die er bisher kennengelernt hat haben nur sein Geld gewollt “. Ich starre ungläubig umher, versuche nach Worten zu ringen und setze an, zu erklären, dass ich den Meky da anders verstanden habe. Aber meine Sichtweise scheint nicht zu interessieren. Ich werde mehrmals unterbrochen. „Der Meky weiß schon, dass sie viel zu jung sind, der hat ja selbst Kinder in ihrem Alter, der …… sein Sohn ist ja selbst so alt wie Sie, er hatte gedacht vielleicht ihre Mutter, oder wer auch immer in ihrem Bekanntenkreis, könnte eventuell Interesse haben“. „Einen Freund zu haben ist für den Meky ja Tabu, da würde der es erst gar nicht versuchen“. 

Bislang sitzt Meky nur da und glotzt vor sich hin. Jetzt wird er aktiv. Zur Demonstration zieht er sein Handy hervor und zeigt auf seine geöffnete LOVOO App. Dabei scrollt er mit dem rechten Zeigefinger seine Chatverläufe hoch und runter. „Du sehen ich suchen ehrlich Frau“. Die einzige die das komisch findet bin offensichtlich ich. 

Der Chef sagt nichts. Lediglich auf meinen Einwurf, dass es mich nicht juckt ob Meky LOVOO nutzt oder nicht kommt ein Nicken aus seiner Richtung, sonst schafft er es noch nicht mal mir in die Augen zu schauen. Die ganze Sache ist ihm unangenehm, er scheint peinlich berührt. Da geht es ihm wie mir.

„Der Meky, der mag sie eben, das hat er mir auch schon gesagt“, aber, in Richtung Meky „man kann eben nichts erzwingen“. Mein Kopf schwillt an. Mein Fluchtreflex ist groß. Das Gespräch ist in den letzten Zügen. Frau H. will sicher gehen: „Ihre Kollegin müssen wir ja jetzt nicht dazu holen, damit das nochmal richtiggestellt werden kann?" 

Alles nur ein Missverständnis stammele ich vor mich hin und glaube es fast selbst. Ich arbeite weiter, versuche weiterzuarbeiten, alles ist unerträglich. Frau H. kommt ein letztes Mal an diesem Tag auf mich zu und flüstert: „Wenn nochmal was sein sollte, wenden Sie sich an mich“. Ich nicke stumm mit dem Kopf und kündige am nächsten Morgen.

Ich bin gerne Frau, aber manchmal ist das auch einfach nur unfassbar lästig. Dann möchte man diesen Körper abstreifen, jede Körperlichkeit loswerden.

Das Lager ist wie ein ausgedehnter Moment. Einer, in dem du dich als Frau unwohl fühlst weil du auf eine Gruppe von Männern zu läufst, die gafft. Doch im Lager, oder zumindest diesem einen bestimmten Lager, hat man keine Chance Schritte zu beschleunigen, sich wegzuducken, vorbeizuhuschen. Man ist da und man ist Frau und das macht einen Unterschied. Das weiß auch Frau H. nur zu gut und etablierte das Wörtchen Missverständnis.

 

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich arbeite als Sozialpädagogin im Männerknast und kann deine Erfahrung gut nachfühlen. 

    Allerdings: unsere Kooperation mit der Berufsschule klappt übrigens super ;)

    22.10.2018, 20:20 von miss_anthropy
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  • 1

    Ich frage mich, über wen ich empörter sein soll- Meky, oder diese feige, unprofessionelle Personalerin. Unsäglich das alles...

    13.10.2018, 12:40 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    " ... seine Wirbelsäule wirkt beansprucht. ..."


    Made my day :D

    13.10.2018, 10:46 von minka911
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