Oliver_Stolle 24.06.2004, 20:14 Uhr 0 1

»Das Überangebot macht den Menschen das Leben schwer«

Ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Barry Schwartz über die Qual der Wahl.

Herr Schwartz, ist es gut, viele Wahlmöglichkeiten zu haben?
Die Fähigkeit zu wählen, ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Bisher galt tatsächlich die Annahme, dass es uns besser geht, je weiter wir unsere Lebensumstände liberalisieren. Mehr Möglichkeiten taten niemandem weh. Aber sie gaben einigen die Chance, ihr Leben positiv zu verändern. Wie hätte man gegen diese Entwicklung sein können?

Sie beschreiben aber die Fülle der Möglichkeiten, die sich heute bieten, als Fluch. Warum?
Es fängt bei alltäglichen Situationen wie der Entscheidung für ein Produkt in einem Supermarkt an: Niemand hätte damit gerechnet, dass uns eines Tages 200 Sorten Frühstücksflocken zur Auswahl stehen würden. In der heutigen Warenwelt ist es immer dein Fehler, wenn etwas nicht perfekt passt. Du hast ja die Wahl gehabt! Das geht in der Apotheke weiter, in der Videothek und natürlich auch bei so grundsätzlichen Fragen wie der Entscheidung für einen Beruf oder einen Lebenspartner. Die Auswahl ist so groß, dass du immer das Gefühl hast, etwas falsch gemacht zu haben. Diese Wahlmöglichkeiten stellen inzwischen für sehr viele Menschen ein enormes Problem dar, anstatt ihnen mehr Freiheit zu verschaffen.

Wie kommen Sie darauf?
Sehen Sie sich meine Studenten an: Die machen einen sehr gequälten Eindruck, wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig werden. Wir haben es hier am Swarthmore College mit den privilegiertesten und talentiertesten Menschen zu tun – und wenn sie ihren Abschluss bekommen, verhalten sie sich, als würde man sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilen. Nur weil sie jetzt eine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft treffen müssen.

Wieso haben so viele Menschen Schwierigkeiten, sich zu entscheiden?
Noch einmal die Supermarktsituation: Wenn Sie zu dem Typus gehören, den ich »Maximizer« nenne, müssen Sie theoretisch alle Möglichkeiten durchspielen, bevor Sie sich für eine Sorte Seifenpulver, für eine Salatsoße oder Zahnpasta entscheiden können. Als »Maximizer« wollen Sie herausfinden, welche Wahl die beste ist – heute eine fast unlösbare Herausforderung. Selbst wenn Sie am Ende eine gute Wahl getroffen haben: Der Zweifel, dass es noch eine bessere hätte geben können, schmälert die Befriedigung. Dabei treffen »Maximizer« objektiv die besseren Entscheidungen als der Typ, den ich »Satisficer« nenne. Dem genügen die Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, um zu entscheiden, was er will, auch wenn sein Wissensstand alles andere als optimal ist. Er wählt das Erstbeste, was seinen Kriterien genügt – und ist zufrieden damit.

Und wie wird man glücklicher?
Das Überangebot macht dem Typus »Maximizer« das Leben heute schwerer. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass die zahlreichen Möglichkeiten immer mehr Menschen zu »Maximizern« machen. Das multipliziert die Unzufriedenheit.

Sie gehen davon aus, dass wir Entscheidungen immer bewusst und rational treffen. Stimmt das denn?
Als »picking« beschreibe ich einen intuitiven Entscheidungsprozess, auf den wir durch die Fülle der zu treffenden Entscheidungen angewiesen sind. Allerdings sind damit Zweifel verbunden: Weil man sich vorher keine Gedanken gemacht hat, was man will, ist man danach nur noch unsicherer, ob man richtig gewählt hat. Vieles, was man üblicherweise als »aus dem Bauch entscheiden« bezeichnet, steckt bei mir in dem Lehrsatz »Chose, when to chose«. Es ist sehr wichtig, manche Dinge einfach passieren zu lassen – besonders, wenn sie keine große Rolle spielen.

Vielleicht hören wir gerade bei großen Fragen zu wenig auf unseren Bauch. Oder warum tun wir uns Ihrer Meinung nach so schwer, in der Liebe die richtige Entscheidung zu treffen?
Das Hauptproblem liegt auch hier in den zahlreichen Alternativen. Sobald man sich vornimmt, mit einem Menschen ernst zu machen, erinnert man sich an jemanden, der genau in dem Bereich perfekt war, in dem man mit diesem Menschen Schwierigkeiten hat. Der Trick ist: weniger darüber nachdenken, was man dadurch verpasst, dass man sich für einen Menschen entschieden hat. Konzentriere dich auf das Gute an deiner Entscheidung – nicht auf das Schlechte.

Sie empfehlen: »Sorge dafür, dass du deine Entscheidungen nicht rückgängig machen kannst.« Gäbe es mehr glückliche Beziehungen, wenn die Menschen auf Ihren Rat hören würden?
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die durchschnittliche Ehe auch nur ein Stück besser geworden ist, seitdem man sie leichter wieder scheiden lassen kann.

Andererseits stellen Sie fest, dass viele Menschen selbst die glücklichste Ehe irgendwann nicht mehr zu schätzen wissen – weil sie sich an ihr Glück gewöhnt haben.
Wir können uns tatsächlich nicht nur an schnelle Autos oder attraktive Frauen gewöhnen, sondern auch an ein bestimmtes Glücksniveau. Diese Gewöhnung würde allerdings bedeuten, dass es dem Menschen unmöglich ist, dauerhaft zufrieden zu sein. Wenn meine Überlegungen in diese Richtung stimmen, haben wir wirklich ein Problem.

Anleitungen zu einem glücklichen Leben boten früher die Kirchen. Heute wählen die Menschen selbst, wie sie leben wollen – und welche Grenzen sie sich setzen. Manche werden dabei religiös – aus einer freien Entscheidung. Ist das nicht paradox?
Genau in den Begrenzungen der Wahlmöglichkeiten, die eine Religion vorgibt, liegt für viele Menschen der Reiz. Sie haben zwar eine große Entscheidung zu treffen, wenn Sie sich zu einer Religion bekennen. Sobald Sie die gefällt haben, ergibt sich der Rest Ihres Lebens aber mehr oder weniger von selbst.

Kann ich denn einen einmal erlebten Zustand der Freiheit vergessen und trotz neuer Grenzen zufrieden sein?
Das kommt darauf an. Wenn Sie diese Freiheit eher als tyrannisierend, denn als befreiend erlebt haben, geben Sie nicht unbedingt etwas auf. Das gilt übrigens nicht nur für die Wahl einer Religion. Dieser Gedanke gilt auch für Bindungen zu anderen Menschen – und das soziale Netz ist nach unserem Kenntnisstand das entscheidende Kriterium, ob es jemandem gut geht. Nun ist es aber in keiner Weise befreiend, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Es schränkt ein. Wenn Sie Ihre Rolle in einer Gemeinschaft ernst nehmen, gehen Sie Verpflichtungen gegenüber anderen ein oder übernehmen Verantwortung. Ich glaube, dass genau diese Tatsache die soziale Nähe zu so etwas Wichtigem macht. Wenn die Menschen Teil einer Gemeinschaft werden, fühlen sie, dass ihre Möglichkeiten eingeschränkt werden – und sie atmen einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

Könnte es sein, das wir einfach vergessen haben, dass wir irgendwann sterben werden?
Wissen Sie, das Interessante ist, dass Glück wahrscheinlicher wird, je älter Sie sind. Wir haben herausgefunden, dass ältere Menschen wahrscheinlicher dem Typus »Satisficer« angehören als jüngere Menschen. Es gehört ein gutes Stück Weisheit dazu, ein Leben als »Satisficer« zu führen. Natürlich könnten wir ständig dankbar sein, dass wir noch atmen. Aber so funktioniert der Mensch eben nicht. Die guten Dinge werden so selbstverständlich, dass wir sie nicht mehr bemerken. Das Einzige, was wir registrieren, sind Veränderungen. Sich am Ende eines Tages klar zu machen, was gut gelaufen ist, halte ich für eine Möglichkeit, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Auch wenn Sie das jetzt albern finden: Ich rate sogar Erwachsenen dazu, eine Art Lebenswert-Liste zu führen.

Letztendlich beschreiben Sie die Schwierigkeiten, mit der Realität kapitalistischer Gesellschaften zurechtzukommen. Warum sollen sich eigentlich nur die Einzelnen ändern?
Jedes Mal, wenn die Gesetze des Marktes auf einen Bereich übergreifen, wo sie nicht hingehören, wird zerstört, was gut ist. Eine Kritik an dieser Entwicklung habe ich geschrieben. Die wollte aber keiner lesen. Deshalb rufe ich in der »Anleitung zur Unzufriedenheit« nicht dazu auf, irgendwelche Barrikaden zu stürmen oder die Macht multinationaler Konzerne einzuschränken. Wir leben in einer Welt, die vom Materiellen beherrscht wird. Doch je reicher wir werden, desto unglücklicher werden wir. Während ich früher gesagt hätte: »Lasst uns die Verhältnisse ändern!«, gebe ich heute Hinweise, wie wir unser Leben erleichtern können, während wir auf bessere Verhältnisse warten.

»Anleitung zur Unzufriedenheit« von Barry Schwartz erscheint im Oktober im Econ Verlag und kostet 22 Euro.

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