Das tragische Leben des Mr. John Burns
Eine Tragimödie
Der arme John Burns hat es nie leicht gehabt in seinem Leben. Als einziger Spross einer dieser typisch viktorianische Ehen, in denen die Lust etwas böses, die Frauen im Allgemeinen überspannt und hysterisch und die Männer neben ihrem Beruf, dem täglichen Besuch im Club und dem allsonntäglichen zelebrieren trauten Familienlebens als pater familias vor allem gern nach dem einen oder andren Whisky in Etablissements verschwinden, die sich durch rote Laternen, grelle Schminke und unbändige, tollwütige junge arme Frauen auszeichnen, ruhte auf ihm die Hoffnung eines geregelten Alters in Würde und als Mann und Frau.
Man stelle sich also nur die Bestürzung vor da im Krankenhaus nahe des Trinity College, an dem sich just an jenem Tage der junge James Joyce, dieser letzte große Sänger der grünen Insel, auf der unsere Tragödie ihren Lauf nimmt, einschrieb, als der Arzt dem jungen, für ihre Verhältnisse überglücklichen Paar (sie hatten sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, Hand in Hand schweigend dazusitzen) eröffnen musste, dass der Junge, der Stammhalter, John, blind sei.
Manche behaupten bis zum heutigen Tag, dass sich weder Herr noch Frau Burns je davon erholen sollten, eine Spekulation, bei der ich nicht gedenke Stellung zu beziehen, aber das Zusammenleben wurde nicht gerade einfacher, wie man sich leicht denken kann, ja Herr Burns, seines Zeichens Dozent am Trinity College, wurde sogar ein ernst zunehmender und bald berüchtigter Trinker, während Frau Burns sich zwischen hysterischen Anfällen, gegen die ihr ein wohlmeinender Arzt eine jener Gerätschaften verschrieb, die sich bis heute einiger Beliebtheit erfreuen, wenn auch aus weniger scheinheiligen Gründen, ganz der Erziehung des jungen John widmete. In Ermangelung eines Internats für Blinde wurde ein Hauslehrer bestallt, der dem jungen John eine hervorragende Bildung und Frau Burns – wie man immer wieder munkelt – einige leidenschaftliche Stunden verpasste, mit denen sie sich wohl von dem immer häufigeren Ausbleiben ihres Mannes ablenken und den Sensationen des Hysterieapparates auf den Grund gehen wollte.
John, dieser liebe, blasse, ein wenig schüchterne Junge bemerkte natürlich nichts davon. Die Mutter hatte ja immer ihre Anfälle gehabt. Und seitdem sich der Apparat im Haus befand, waren auch die seltsamen, unterdrückten spitzen Schreie so etwas wie ein Hintergrundrauschen im großen, stillen Haus.
Wie genau es zu dem frühen Ableben von Herrn Burns kam und wieso John eine solche Leidenschaft für die Belange der Blinden entwickelte ist niemandem bekannt. Gesichert scheint nur, dass die ältliche Miss Burns, nachdem sie den Hauslehrer an eine andere Familie, die besser zahlte, verloren hatte, nie wieder recht glücklich wurde und den jungen Mann wohl mit ihren Launen, denen er ganz allein entgegentreten musste, in die Exaltation trieb.
Zuerst verlegte sich unser guter John auf die Mechanik und brachte es schließlich soweit, Uhren auseinanderbauen und zusammensetzen zu können, was, wie man sich vorstellen kann, für einen Blinden eine durchaus beachtenswerte Leistung ist. Später widmete er sich für einige Jahre, bis zu seinem achtundzwanzigsten Geburtstag, um genau zu sein, der Übersetzung klassischer Werke in Bilderschrift. Er brachte es zu einiger Bekanntheit und einem bescheidenen eigenen Wohlstand. Als die Mutter dann jedoch starb und er sich ein Mädchen ins Haus nahm, die ihre Stellung auszunutzen wusste (das Silber nahm ab und sie wusste sich durch Gefälligkeiten, von denen der arme John bisher nicht einmal zu träumen gewagt hatte, auch eine gewisse Sicherheit ihrer Position zu verschaffen, die doch über die Stellung eines angestellten Mädchens sehr weit hinausging, kurz: sie schaltete und waltete, als gehöre das Haus, das vermögen und John, der arme, ganz ihr).
Eines Nachts nun, nachdem ihn die Haushälterin den ganzen Tag um Geld angegangen war, einem Begehren, bei dem er endlich einmal unerbittlich geblieben war, so dass dies Biest sich nun, des Nachts, durch eine besondere Art der Grausamkeit zu helfen suchte, konnte der arme John nicht schlafen. Vor dem Fenster war ein leichter Herbststurm losgebrochen, die Äste der Kastanie ächzten uns stöhnten, das Haus war voller Geräusche und die große Standuhr am anderen Ende des Zimmers schien so laut zu ticken wie nie zuvor, da hatte er, so im herumwälzen, eine Eingebung. Seit einigen Jahren war es ihm und seinen Leidensgenossen, der ganzen verschworenen Gemeinschaft der Blinden (ob nun unter einäugigen oder nicht!) immer unmöglicher geworden, ohne fremde Hilfe den Weg in die Stadt zu machen und sich daselbst, in der Stadt, zu behaupten. Die Zunahme des Verkehrs, diese neuartigen Maschinen, Automobile!, überhaupt das beschleunigte Leben, wie man es als Blinder nur umso deutlicher wahrnahm, machten einen Gang allein, egal zu welcher Tageszeit, zu einem wirklichen Hasardstück mit ungewissem Ausgang. Schon oft hatte John sich den Kopf zerbrochen, wie man diesem Misstand entgegentreten, ja ihn aus der Welt schaffen könnte. Die Standuhr gab nun den Ausschlag. Wenn die neuerdings an jeder Ecke stehenden und den verkehr regelnden Ampeln, von dem man ihm erzählt hatte, alle mit einem Mechanismus ausgestattet wären, die bei „gehen“ lostickten, ja dann...
Keine Frage, dass ihn nun nichts mehr im Bett hielt, dass er dem Mädchen kein Geld mehr zusteckte, dass er von nun an all sein Vermögen – geistiges wie finanzielles – zur Erfindung solch eines Apparates einsetzte, ja, einsetzen musste! Es waren lange Jahre und dann, als sein Geld fast aufgebraucht, das Haus schon lang verkauft, die Haushälterin schon ganz vergessen, ja überhaupt kaum noch jemand den guten John je zu Gesicht bekam und die Erinnerung an seinen Kampf für die Bildung der Blinden langsam in Vergessenheit geriet, dann hatte er die Erfindung gemacht. Die Blindenampel! Die ultimative Gerätschaft für ein selbstbestimmteres Leben aller Blinden! Sein Traum – nennen wir die Dinge ruhig beim Namen – war wahr geworden. Verständlich also, dass er gleich aus seinem Kämmerlein, dass er sich gemietet hatte, herauseilte, auf die Straße, mitten hinein in das wuselige leben der Dubliner Straßen und gehetzt nach dem Weg fragte wo er gerade ging oder stand. Zum Patentamt? Da lang? Vielen Dank mein Herr!
Leider, leider ließ er sich – so kurz vor dem Ziel! – eine Unaufmerksamkeit zu Schulden kommen: Nur über die Straße mein Herr – Danke – schon war er auf der Straße, ein spitzer Schrei, quietschende reifen, ein Bus, ein Blinder der auf die Straße gelaufen war, ein schreckliches knirschen. Das war das Ende des armen Mr. Burns. Aber seine Taten leben weiter in jeder Blindenampel, von der es wohl nirgends so viele gibt, wie in seiner Heimat Irland, die, wie man immer wieder vernimmt, ganz und gar von der John Burns Geheimgesellschaft für Blindenampeln kontrolliert wird.






Kommentare
ach wie geil!!
03.03.2008, 00:58 von stuckyund was hat sich denn das böse hausmädchen jetz für ne erlesene grausamkeit ausgedacht????
üch bün so neugürüg
aber nich sexentzug oder? wenn der so effektiv wär dann, oha...die möglichkeiten *träum*
Jetze wirste abba langsam fies mit deinen hübschen Textreisen - hörste bitte mal auf damit!?
01.03.2008, 18:21 von KiyanNö, bütte nüch!
;-)