init-admin 20.04.2007, 12:14 Uhr 0 1

Das Schämen der anderen

Für manche Menschen muss man sich manchmal mitschämen. Andere haben zu viel falsche Schamgefühle. Vier Experten über das Phänomen »Fremdschämen«.

.Jeff Cascaro
Professor an der Hochschule für Musik in Weimar

»Kürzlich gab jemand, der bei uns zum Vorsingen war, eine Slapstickeinlage als Zirkusdirektor. Mit tiefer Stimme setzte er an: ›Meine Damen und Herren, ich darf Sie herzlich begrüßen …‹ Das war witzig gemeint, aber eigentlich ging es doch um seine Stimme. Das sind die schwierigsten Momente für mich. Ich kann nur versuchen, einfach an was anderes zu denken, durch die Maskerade hindurchzuschauen und das Musikalische herauszufiltern. Ob an der Hochschule für Musik, bei einer der bekannten Castingshows oder privat: Menschen singen bei mir in unterschiedlichsten Konstellationen vor. Das wichtigste Bewertungskriterium ist dabei immer der technisch funktionale Aspekt des Gesangs. Welche Klangfarben der Stimme beherrscht der Sänger? Wie gelingen ihm Phrasierung und Timing, wie ist die Ausstrahlung? Leider steht für manche Sänger eher das Exponierte im Vordergrund, weniger der künstlerische Inhalt. Meine Aufgabe ist es, trotzdem Potenzial zu erkennen. Als Schüler sollen sich die Sänger ja weiter entwickeln. Wenn aber weder natürliches Auftreten, eine positive Erscheinung noch eine musikalisch- stimmliche Aura vorhanden ist, wird es schwierig. Manche versuchen, das durch einen verrückten Tanz, ein Kostüm oder irgendeine Schrulligkeit auszugleichen. Man kennt das aus dem Fernsehen. Gerät das zu grenzwertig, fällt es bis weilen schwer, Tränen zu unterdrücken. Trotzdem verliere ich nie den Respekt vor der Person. Professioneller Umgang heißt in diesem Zusammenhang: zu erkennen, dass diese Menschen lediglich eine falsche Vorstellung davon haben, worum es beim Vorsingen geht. Sänger oder Interpret zu sein, bedeutet eben nicht, sich zu profilieren.«
Nicht rot werden – der Schamschutzfaktor: »Sachlich bleiben, auf die Fakten konzentrieren. Ein Computer würde auch nicht über ein Pinguinkostüm lachen.«

Christoph Römer
Inhaber von »textfisch«, einer Agentur für private und geschäftliche Kommunikation

»Ein Kunde beauftragte mich, einen Liebesbrief an eine Bankangestellte zu schreiben, bei der er oft am Schalter stand. Er wollte in die Offensive gehen – die Art, wie sie ihn angucke, lasse mehr erhoffen. Vermutlich war sie einfach nur freundlich. Da denke ich nicht: ›Oh wie peinlich‹, wenn ich den Brief aufsetze – ich finde es eher schade, dass sich manche Menschen in emotionalen Dingen solchen Illusionen hingeben. Letztens sollte ich für einen Kunden einen Liebesbrief an eine Frau in seiner Firma schreiben. Die Adressatin war Praktikantin, er ihr Chef und ein gutes Stück älter. Ich schreibe also den Brief, woraufhin sie sehr wohlformuliert antwortet, dass sie ihren Job nicht verlieren möchte, aber kein Interesse hat. Völlig eindeutig. Und sein Kommentar dazu: Jetzt sei es doch Zeit, den zweiten Brief aufzusetzen. Klar, hätte ich von Anfang an vorpreschen und warnen können, dass ich die beiden für eine unglückliche Konstellation halte. Aber ich fände es vermessen, von außen zu beurteilen, ob ein Verliebtsein aussichtslos ist. Ich sehe meinen Job eher als ein Art Vermittler: Meinen Kunden fällt es schwer, ihre Gefühle mitzuteilen – da springe ich ein, um ihre Gedanken in schöne Sätze zu gießen. Ihre Bestellung geben unsere Kunden zum großen Teil online auf. Man kann Stichworte angeben, damit ich eine Vorstellung von der Situation bekomme. Manchmal geraten die Angaben etwas knapp, und es finden sich Versatzstücke wie ›Gib mir noch mal eine Chance‹. Kein Grund für mich, an der Ernsthaftigkeit des Anliegens zu zweifeln – es stimmt mich nur ein bisschen nachdenklich. Es wirkt eben so, als sei Romantik für manche Menschen nur ein Klischee. Genauso gibt es aber auch den Informatiker, der einfach nicht die passenden Worte findet, seiner Freundin nach zehn Jahren zu sagen, wie lieb er sie immer noch hat. Da finde ich es einfach nett, wenn ich den Brief formulieren darf.«
Nicht rot werden – der Schamschutzfaktor: »Gelassenheit. Es gibt keine moralische Verpflichtung, den Zeigefinger zu erheben – stell dir vor, jeder würde über deine Macken meckern.«

Nadja Stämmer
Medizinisch-technische Assistentin im Zentrum für Reproduktionsmedizin in Essen

»Es gibt zwei Typen von Samenspendern. Die regelmäßigen Spender bewegen sich bei uns in der Samenbank so locker, als wären sie zur Blutabnahme da. Die neuen – oft Studenten, die sich was dazuverdienen wollen – sind häufig unsicher. Sie sind blass, stehen verschüchtert vor mir und sprechen leise. Als ich hier angefangen habe, war mir die Situation auch peinlich. Bis ich gemerkt habe, dass es nur an mir liegt, den Spendern zu vermitteln, dass hier nichts Abnormes passiert. Inzwischen erkläre ich ihnen ohne Umschreibungen, was zu tun ist. Bewerberbogen ausfüllen, hier der Becher, rein in die Kabine, Türe abschließen und Samen gewinnen. Je routinierter ich das mache, desto weniger nervös sind die Spender. Besonders Schüchterne kichern verschämt, wenn ich sie zur Kabine führe. Ein bisschen kann ich ihre Scham nachfühlen, mitkichern tue ich jedoch bestimmt nicht – dann wäre die Situation für beide vollends peinlich. Ungefähr zehn Minuten brauchen regelmäßige Spender. Die Neulinge kommen manchmal erst nach einer halben Stunde mit rotem Kopf aus der Kabine. Wahrscheinlich denken die, ich sitze die ganze Zeit vor der Tür und schaue auf die Uhr. Gelegentlich klappt es bei einem Mann gar nicht. ›Puh, ist das schwer, sich in der Kabine zu konzentrieren‹, sagen sie dann. Betonung auf: Es funktioniert nur hier nicht, zu Hause immer. Männer glauben schnell, dass sie Versager sind. Deshalb versichere ich ihnen, dass das unter dem Druck ganz normal ist – obwohl es ehrlich gesagt ziemlich selten vorkommt. Aber ich hab Mitleid mit den armen Kerlen. Inzwischen habe ich mir ein paar Sprüche ausgedacht, die keinem wehtun: Passiert jedem mal, und zur Not kann Mann das Döschen ja auch mit nach Hause nehmen.«
Nicht rot werden – der Schamschutzfaktor: »Die Nervosität des anderen übergehen, auf keinen Fall mitlachen – er wird es merken.«

Choere Fischer
Schauspieler und Castingredakteur

»Für Gerichtsshows bewerben sich alle möglichen Menschen. Vom Punk über Teenies bis zu Hausfrauen. Manche wollen einfach mal ins Fernsehen, andere denken, ich werde Schauspieler, das ist mein Einstieg. Das Casting besteht aus einer Verhandlung, die die Bewerber nachspielen sollen. Wir schauen, ob sie in der Lage sind, extreme Emotionen zu spielen. Tiefste Trauer, Wut, Hass. Manchen gelingt das erstaunlich gut. Wenn die brave Hausfrau den Frust mit ihren echten Kindern bei uns im Zeugenstand rausschreit, ist das einfach echt. Andere landen in Extremsituationen. Das gutbürgerliche Muttchen, das von einem Assi – frei nach seiner Rolle – angebrüllt wird: ›Du Fotze, ich ramm dir meinen Schwanz so weit rein, dass du nicht mehr atmen kannst‹ – da leidet man schon mit. Am schlimmsten ist es je doch, wenn ein Teilnehmer im Zeugenstand einen totalen Aussetzer hat. Ich – in der Rolle des Richters – versuche dann, noch ein bisschen anzuschieben: ›Ja, was könnte es denn sein, das Sie dazu bewegt hat, Ihre Kinder zu schlagen?‹ Und es kommt – nix. Nur ein leerer Blick, als wäre da jemand in den Stand-by-Modus runtergefahren. Das ist schon peinlich. Ich glaube, man muss die Menschen vor sich selber schützen. Die Neugier, beim Fernsehen mitzumachen, bringt sie dazu, einen Seelenstriptease zu machen, der ihnen hinterher leidtut. Nur gelegentlich schaue ich mir die Shows später selber an. Es ist mir unangenehm. Oft habe ich die Leute nämlich besser in Erinnerung, als sie auf dem Bildschirm rüberkommen.«
Nicht rot werden – der Schamschutzfaktor: »Manchmal hilft nur: nicht hinschauen.«

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