Das Paradies in Händen
Nicht, um die Wahrheit zu finden bist du hier, sagte der Mann auf der Klippe. Such weiter.
Ich fragte ihn, ob er Lust hätte, mit ins Paradies zu kommen. Er inhalierte die Spitze seiner Zigarette vulkanrot, hielt sie in aufgeriebenen Finger, runzelhäutig, wie gemacht fürs Erzählen. Er hielt den Atem an, sah in die Ferne wie ein Seemann, stumm, Augen wie Sternenfunkeln, der Horizont wölbte sich davon, fiel diesem Blick zu Füßen. Dann entließ er feine bläuliche Rauchschwaden, die sich verloren, einen unsichtbaren Bund mit den Schleierwolken schließend. Ein Augenzwinkern als Erwachen.
War das seine Antwort? Es war eine Antwort. Eine von vielen. Es konnte heißen, dass das Paradies nicht existierte, Glück, Seelenfrieden, Ruhe nur erkauft und stapelbar, Wissen, Erfolg, Sicherheit nur geliehen, Liebe, Leidenschaft, Freundschaft austauschbar und lieblos, leidenschaftslos, freudlos waren. Wie jede Schneeflocke nur Flocke ist, dennoch einzigartig, nicht kopierbar, beständig nur als Gedanke. Es konnte alles und nichts heißen, vor allem hieß es eins: Welche Antwort willst du hören? Ist dir lieb? Kannst du mit leben?
"Wer in ein Paradies schreitet", so fauchte er heiser, ungezähmt, "der hat es bereits verschenkt."
Er stand auf, griff zu einer Hacke und bearbeitete einen Boden, auf dem niemals etwas anderes wachsen würde als Dornen, Gestrüpp, vielleicht eine Staude mit einer Frucht, die voll herzzerreißender Ungerechtigkeit vor Hunger zum Himmel schrie, ihre subjektive Ungerechtigkeit anklagend. Er harkte und zerrte an Felsbrocken und Krumen, die so trocken waren wie ein hundert Jahre alter Schwamm, der vergessen hatte, wie ein Regenschauer erfrischte.
Zögerlich und stoßweise ließ er verlauten:
"Man verliert seine Eigenschaften, wenn man sie nicht übt. Nur einmal einstudieren genügt nicht. Deswegen harke ich. Auch und gerade um des Paradieses willen. Der darbenden Früchte, des um Gnade blickenden Blickes wegen."
Ein Zigarettenzug, der einen Sonnenuntergang erblassen ließ. Eine Stimme, schwer wie seine verstaubten Schuhe, die mit der Erde eins werden wollten, aber ohne Anklage, ruhig, gelassen, gleichzeitig an einen Vogel erinnernd, der in einer Dornenhecke sitzt, neugierig, beobachtend, wachsam den Kopf leicht zur Seite neigend, bereit, jederzeit fort fliegen zu können, mit staubigem, verfilztem Federkleid. Das Auge scharf auf den Betrachter gerichtet. Fertig zum Sprung. Zum Flug. Zum für immer unsichtbar werden. Verraten und verjagt.
"Noch nicht", kam es sanft zwischen seinen Lippen hervor, "jetzt noch nicht..."
Wenn es das Glück gab, dann war es die Reinheit dieses Lächelns.
Ich setzte mich auf einen Felshaufen, der eine Mauer oder ein Scharfrichtertisch gewesen sein könnte, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Kinn zwischen die Handballen, lauschte in den Wind, der ein Segel suchte. Aus der Ferne der unsichtbare ruf einer Möwe. Der Mann legte die Hacke zur Seite, schnippte die Zigarette die Klippe hinab über Bord, und verschwand in der offenen Tür eines niedrigen Baus, dessen Wände aus unbehauenen Steinen geformt waren: alle wie in mühsamer Puzzlearbeit passgenau zu ihren Nachbarn zusammengesetzt, große wie kleine, das Flachdach beschwert mit versprengten Felsbrocken, ein grobes Vordach, an dem ein Totem befestigt. Man wollte unwillkürlich Erbauer und Bewohner sein, so einladend stand es da in seiner Einfachheit.
Zeit verstrich, die keine war. Wind blies, der schon angekommen schien. Eine verschleierte späte Nachmittagssonne setzte die Umgebung in matten Schimmer.
Er kam mit zwei metallenen Bechern zurück, aus denen es dampfte, als schlüge das Wetter um, an denen man sich die Finger verbrannte, wenn man sie zu lange hielt. So seien die letzten Frauen gewesen, die er kennen gelernt hatte, klärte er mich auf, genau so. Wie sich umschlagendes Wetter, das einen vernarbte. Nicht anders.
Warum er es nicht wieder versuche.
Ein langer schweigsamer Blick. Zartes Lächeln umspielte seine Lippen. Weil er verlorener Paradiese müde war, huschte es um seinen von Stoppeln und Narben eingerahmten Mund, den lang schon kein Kuss mehr zu reifer Blüte färbte, dem man ansah, dass er beredter war, wenn er schwieg. Weil sich Frauen nicht in seine Welt verirren wollten. Nicht für länger. Weil wild brennendes Feuer Augen leuchtender machte als gebändigtes.
"Und wenn der Kaffee bereit ist, Lippe, Zunge, Gaumen zu umschmeicheln, was tust du mit dem Augenblick des Schluckens?" fragte er in das kaum vernehmbare Brausen zu seinen Füßen.
"Ich genieße ihn", versuchte ich seiner Erkenntnis zu entfliehen.
Sein Mund stumme Wahrheit. Ich ein verschämt und unbeirrt trotziges und sehr mühsames Lächeln. Wir beide eine verständige Umarmung. Eins.
Er setzte den leeren Becher ab, schritt zur Kante der Klippe und überließ dem ablandigen Luftzug die körperwarmen Reste der vorletzten Tasse.
"Es bleibt nicht viel von dem übrig, was man einst genoss", krächzte jetzt sein schattiger Rücken, der im Widerspruch zu seiner Art einen bösartiger Kontrast zur Schleierwolkenwand bildete. "Man kann so manches rein in sich halten, anderes verlangt nach Auflösung, vieles ruht gärend in dir, ungeklärt, wie ein Spuk immer wiederkehrend. Wie eine Weisheit, deren Reinheit am Alltag zerschellt. Leben sollte Reinigung sein, nicht Menagerieanbetung."
Seine raue Stimme monoton, wie um die Unmöglichkeit dessen wissend, was ich ihm vor kurzem anbot.
"Du kannst den Fuß in die Mühle setzen, um zu versuchen sie anzuhalten, vielleicht wirst du durch diese Tat berühmt. Sie werden deinen Namen singen: 'Einbein, unser Held!' Vielleicht mag es dir gelingen, das Rad zu sprengen. Unter tosendem Applaus werden sie dich tragen. Auf Händen. Deinen Namen werden sie johlen. Tagelang. Wochenlang. Du wirst in Geschichtsbüchern verrotten als ein großartiger Gedanke. Du wirst nur nichts haben davon. Weil du glaubst, ein Rad zerstört zu haben, das nur in deiner Vorstellung existierte, oder in der anderer. Hast es zu einem Ding gemacht, um es vernichten zu können, deiner Kleinheit bewusst oder nicht. Darauf kommt es nicht an."
Alles in mir wollte ihm wiedersprechen. Dieser defätistischen Haltung, die wie reines Licht glänzte, entgegen spucken. Er war der Widerspruch selbst. Harkte Steine, die nichts wachsen ließen und liebte ein Leben, das ihm nichts als Trostlosigkeit schenken wollte. Sagte Sätze, deren Wahrheit keinen Sinn ergaben, weil sie die Gegenwart, den Augenblick gleichzeitig herabsetzten und himmelhoch hoben, als wäre das nicht weiter bemerkenswert.
Ich wollte ihn hassen für all das, aber es gelang mir nicht. Er war mein böser Traum, mein Gewissen, meine Seele. Er war all das, was ich zu verdrängen suchte, als ich mich aufgemacht hatte zu dieser einsamen Klippe, um für immer hinabzublicken. An einer Stelle, die nur Wind und Sonne kannten, so einsam, wie mir alles schien, was geblieben war. Hier wohnte er. Genau hier. Wie sonderbar.
Als ich ihm zwei Handbreit vor Sonnenuntergang den Rücken zukehrte, um endlich wieder einen Kaffee aus einer Tasse zu trinken, an der man sich nicht die Finger verbrannte, um auf einem Boden zu gehen, auf dem etwas wachsen konnte, gleich ob man ihn bestellte oder nicht, um nicht die Wahrheit anzubeten, sondern den Moment, der vor ihr flieht, genau in diesem Moment, als ich wackeligen Schrittes einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzte, um nicht abzurutschen, da hörte ich sein derbes Lachen hinter mir auf der kleinen Anhöhe mit dem Haus, und das Echo in der diesigen Luft klang wie:
"Das Paradies ist nur geschaffen, um dir irgendwann durch die Finger zu rieseln. Halte es, so lange du an es glauben kannst... Halte es fest. Umarme es. Du Narrrrr!"
Das Echo klang gespenstisch. Ich schritt den schmalen ausgetretenen Pfad entlang der Klippe weg von diesem Steinhaus, das, während ich mich entfernte, hinter mir mit der Küste verschmolz, den Mann verschluckte, zu einem unscheinbaren Punkt, einem Schleier, zu etwas nie da Gewesenen doch tief in mir Erfühlten. Ich setzte Fuß um Fuß Gedanken wie Weg voran, hinauf, hinab, den Windungen folgend, um jede Biegung froh, mit länger werdendem Schatten. Links die Steilklippe als brausender Atem, zur Rechten eine sich endlos ausbreitende Ebene, vor mir der Pfad, nur ein Pfad, gesäumt von Grasbüscheln, mich sanft zur Nacktheit meiner Sohlen wiegend, ihren federnden Schritt als Widerhall tief in meinem Bauch.
Die ozeangroße Endlosigkeit der Freiheit seufzte mich linker Hand wie eine verführerische Sirene betörend an, die unermessliche Flucht aus sich luftspiegelnder Erdverbundenheit leuchtete rechts einladend wie ein begehrlicher, viel versprechender Blick, mehr als nur Neugier weckend. Und über all dem der Himmel als Dach, das alles zusammenhielt, in abendlichen Farben leuchtend. Hinter mir ein Spuk, vor mir der Pfad, der weiter führte. Nur weiter. Weg von Träumen, Sehnsüchten, Paradiesen, Steinhäusern, die einen alten Mann beherbergten, der mir als Luftspiegelung lachend zuwinkte, als hätte ich ihn befreit aus seiner fesselnden Weisheit.
"Den Weg gilt es zu beschreiten", hallte seine Stimme in mir nach. "Hörst du? Notfalls auf allen Vieren. So dass er zu Staub zerfällt und einem durch Finger wie Zehen rieselt. Das Paradies, hörst du? Das ist mehr als nur ein Weg."






Kommentare
Manchen Inspirierten geht die Phantasie durch, Gott sei Dank :)
31.03.2010, 22:29 von freddiewirklich großartige Worte.
25.03.2010, 19:31 von MorgenrotDanke dafür.