Das Opfer
Ein kleiner Text über Opfer und Täter.
Ich bin auf dem Weg zur U-Bahn. Ich bin leicht angetrunken, aber nicht ausser Kontrolle. Wir haben uns mit ein paar Freunden getroffen und man hat sich amüsiert und gut unterhalten. Ich steige in die U-Bahn und setze mich. Der Wagon ist so gut wie leer und ich schließe meine Augen. "Nächster Halt Frauenhoferstraße" quiekt die Stimme des U-Bahnführers aus dem Lautsprecher. Ich öffne kurz meine Augen und sehe wie zwei Halbwüchsige in meinen Waggon einsteigen. Sie sind offensichtlich angetrunken und setzen sich sofort.
Sie sind laut und reden darüber wie Sie einen Typen am Bahnhof noch ein Handy abgezogen haben. Neugierig schaue ich kurz auf nur um mir ein "Was guckst du so blöd" einzufangen. Ich senke wieder meinen Blick und versuche mich kleiner zu machen als ich bin. Sie reden über neugierige "Spasten" in der U-Bahn und das die Leute sich einfach nicht um ihre eigene Sachen kümmern können.
Ich schließe wieder meine Augen. Plötzlich höre ich Schritte und spüre die Spucke des Älteren der Beiden in meinem Gesicht. "Suchst du Ärger, oder was?" Ich wische mir langsam die Spucke aus dem Gesicht Ich schaue nicht auf. "Schau mich an wenn ich mit dir rede!" und gibt mir einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. Ich schaue auf in zwei braune Augen, schwarzes Haar. Haßerfüllt betrachten Sie mich. "Gehts dir noch gut oder was?" Meine Haltestelle. Ich stehe auf und sage mit bestimmten Ton, dass ich hier raus muss. Ich dränge mich an dem Älteren vorbei in Richtung Tür. Als ich zurückschaue, sehe ich wie die beiden miteinander tuscheln. Ich ahne Ungutes.
Der Zug fährt in den Bahnhof ein und ich bin zumindest erleichtert, dass die beiden noch nicht über mich hergefallen sind. Ich ziehe Dir Tür auf und verlasse die U-Bahn. Schnellen Schrittes gehe ich in Richtung meines Ausganges. Ich drehe mich um, aber keine Spur von den Beiden. Ich bleibe kurz stehen, um sicherzugehen, dass der Zug mitsamt seiner unliebsamen Begleiter weiterfährt. "Zurückbleiben, bitte!" In diesem Moment sehe ich wie in Zeitlupe den Älteren der Beiden aus dem Zug stürmen.
Ich drehe mich um und gehe nun noch schneller dem Ausgang entgegen. Natürlich lebe ich genau in der Ecke, wo sowieso nie eine Sau langläuft. Ich höre schnellere Schritte als die Eigenen hinter mir. Die Kühle Nachtluft schlägt mir entgegen und etwas Kaltes schließt sich um meine Finger. "Alter, bleib ma stehen!" Ich drehe mich um und er kommt auf mich zu. Er hat ein Messer in die Hand. Nichts tragisches - ein kleines Messer für Halbwüchsige und doch stellen sich meine Haare im Nacken auf. Jede Faser meines Körpers ist gespannt. "Her mit deiner Kohle oder es gibt Remidemi!" Ich schaue ihn mit tiefen traurigen Augen an.
Seine Augen weiten sich, als er die Pistole mit dem Schalldämpfer in meiner Hand erblickt. "Tut mir Leid" dann drücke ich ab. Ich wähle zwei Einschusspunkte, die ihn für 30 Sekunden am Leben erhalten werden. Sein gerade noch federnder Körper sackt in sich zusammen und er blickt mir mit ungläubigem Staunen entgegen. Ich trete zwei Schritte nach vorne, um seinen Sturz aufzufangen. "Warum?" Ich hauche ihm sanft entgegen:"Ich bin kein Opfer."
Am nächsten Morgen berichten das Fernsehen von einem erschossenen Jungen der an einer U-Bahnhaltestelle gefunden wurde. Die verzweifelten Eltern beweinen ihr Schicksal und beteuern was Ihr Sohn für ein guter Junge war. Die Polizei hat keine Hinweise auf den oder die Täter. Ich blättere weiter und trinke einen Schluck heißen Tee.






Kommentare
guter text, bildlich geschrieben. der schluss ist jedoch der feuchte traum einer unterdrückten persönlichkeit. erniedrigung und raub mit nem tötungsakt vergelten.. ist dann auch noch moralisch und gefühlsmäßig vollkommen abgesegnet ?
20.10.2009, 17:15 von flipstarich glaube der film "falling down" mit micheal douglas könnte dir gefallen ;)
@flipstar Hi, "Falling Down" kenne ich - natürlich. Völlig übertrieben? Ich wurde auf das Buch "Verbrechen" von Herr von Schirach hingewiesen. Dort muss es eine ganz ähnliche Geschichte geben - allerdings nicht einer Fiktion entsprochen. Aber letztlich wollte ich mit dem Text mehr den Gedanken und nicht die wirkliche Tat ansprechen. Wie viele sind schon mal irgendwo dumm angemacht worden und haben sich dann gedacht: "Wie gerne würde ich dir jetzt den Hals umdrehen." Ab und an fährt dann wieder einer an die Wand. Danke für den netten Kommentar.
21.10.2009, 09:25 von Endstation_SuchtGruseliger Text.
17.10.2009, 07:13 von palanka